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KLASSE DAMEN – Klasse-Ausstellung im Schloss Biesdorf


Seit dem 17. Juni schmückt sich die kommunale Galerie Schloss Biesdorf mit der Ausstellung „KLASSE DAMEN!“. Sie läuft bis zum 13. Oktober und hat alle Aussichten, die inhaltlich komplexeste und besucherreichste Exposition in der neuesten Geschichte des Schlosses zu werden. 

Ab März 1919 durften Frauen an der Königlichen Kunstakademie in Berlin studieren. Bis dahin waren sie auf Privatlehrer und „Damenklassen“ angewiesen, professionelle Wertschätzung blieb ihnen meist verwehrt, so die Ausstellungsmacherinnen. In der Ausstellung werden den Werken von Berliner Bildhauerinnen und Malerinnen der ersten Generation Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen gegenüber gestellt. Sie erarbeiteten orts-und ausstellungsbezogene Werke: Rauminstallationen, Film und Video, Cut outs, Collagen, Malerei und Performance – eröffnen so einen visuellen Dialog mit den Künstlerinnen von damals und schüfen einen Denkraum, der die Fragen, die damals wie heute drängend seien, neu verhandele.

Außergewöhnliche Vernissage

Beeindruckend zur Vernissage, so Augenzeugen, sei die einführende Performance der Mitkuratorin Ellen Kobe „Wärest Du…“ gewesen, die sich als Enkelin der Künstlerin Lotte Laserstein verstand und den gesellschaftlichen Raum, in dem Kunst damals und heute entstand, produktiv vermaß. Der Andrang zur Vernissage war so groß, dass viele interessierte Besucherinnen und Besucher den Auftritt Kobes im Heino-Schmieden-Saal, der wie immer seit der Wiedereröffnung vor fast drei Jahren nicht klimatisiert war, an den Türen verfolgen mussten. Das Bezirksamt mit seinen technischen Ressourcen steht endgültig in der Pflicht, diesen unmöglichen Zustand zu beenden. Der Heino-Schmieden-Saal ist kein Tropensaal. Dass er überfüllt war, ist gut, und spricht von Anbeginn für die Ausstellung. Die Performance von Frau Kobe ist hier abrufbar.


Vollbesetzter Heino-Schmieden-Saal bei der Vernissage mit Ellen Kobe

Ungewohnte Salonatmosphäre

Beim Betreten der Schloss-Galerie ist man dieses Mal auf das Angenehmste berührt: nicht hin gestapelte Installationen, keine herabhängenden Gegenstände, keine bunten Plastikförmchen bestimmen das Auge – nein, Kunstwerke, die von Hand und Kopf gebildet wurden, begrüßen die Besucher. Gemälde, Grafiken und Figuren  versetzen den Gast in die Atmosphäre eines spätbürgerlichen Salons. Sie repräsentieren verschiedene Strömungen der klassischen Moderne. Hierfür sorgen Leihgaben aus dem Bröhan-Museum, dem Georg Kolbe Museum, dem Kunstarchiv Beeskow, der Galerie Die Möwe Berlin, der Berlinischen Galerie und anderen Institutionen. Gemälde, Figuren und Zeichnungen von Gertrud Spitta, Julie Wolfthorn, Marg Moll, Hannah Höch oder Doramaria Purschian grüßen von den Wänden und Podesten und versetzen die Besucher in Vorfreude. Die beiden Kuratorinnen sind Ines Doleschal und Ellen Kobe; Unterstützung gewährte Karin Scheel.

Julie Wolfthorn, Portrait Käthe Parsenow. 1910

Für uns interessant: ein Ölgemälde von Gertrud Spitta zeigt die Fischerbrücke in Alt-Berlin im Winter. Die Brücke gibt es so heute nicht mehr; sie war ein Teil des Mühlendamms, dem damals wichtigsten Hafengelände Alt-Berlins. Interessant deshalb, weil diese Brücke in unmittelbarer Nachbarschaft des Fischerkiezes liegt, wo Otto Nagel bis 1944 die Häuser, Straßen und Plätze für die Nachwelt insbesondere in Pastellen festhielt. Sie gehören heute zum künstlerischen Gedächtnis des historischen Berlin.

Gertrud Spitta, Fischerbrücke Berlin. Um 1910

Auch die kleinen Figuren von Marg Moll erzwingen Beachtung, sie wirken trotz ihrer kompakten Form feingliedrig. Molls leicht abstrakte Skulpturen haben zumeist den menschlichen Körper zum Thema. Dabei entwickelte sie eine kubistisch anmutende Formsprache, die eine feine Rhythmik im Spiel des als plastischen Gestaltungsmittel eingesetzten Lichtes entfaltet. Man möchte die Figuren berühren. Marg Moll wurde während des Nationalsozialismus verfolgt, ihre Skulpturen galten als „entartet“. Viele ihrer Werke gingen verloren. Vielleicht erinnert sich diese oder jener noch an einen spektakulären Kunstfund beim Bau der U5 am Roten Rathaus im Jahr 2010: ein als verschollen gegoltenes  Werk von Marg Moll war dabei.

Marg Moll, Stehende mit Krug

Doramaria Purschian

Die begleitenden Künstlerinnen-Karten, die es bei ZKR-Ausstellungen nie gab und die höchst informativ sind, regen zu weiteren Recherchen an. So heißt es auf der Karte zu Doramaria Purschian: „..regelmäßige Ausstellungsbeteiligungen bis in die 1960er Jahre und eine Reihe von Auszeichnungen folgten. Purschian starb 1972 unverheiratet und kinderlos. Danach geriet sie in Vergessenheit. Ihr Werk ist heute kaum wissenschaftlich erforscht.“ Diese Eischätzung hat mich neugierig gemacht. Man kann über Frau Purschian mühelos erfahren, dass sie einem wohlhabenden Haushalt entstammt. Ihr Vater Ernst Purschian war erfolgreich tätig im Heizungsanlagenbau und hat mit der Firma Emil Kelling wichtige technische Anlagen errichtet, so die Heizungs- und Lüftungsanlage des Theaters des Westens. Das ermöglichte ihr eine gediegene künstlerische Ausbildung, die sie als Zeichenlehrerin abschloss. Anschließend konnte sie bei Lovis Corinth ihre Porträtfähigkeiten verfeinern. Ihr Werk in den Jahren der Weimarer Republik ist gut dokumentiert.

Doramaria Purschian, Bäume im Herbst. 1920

Ab den 1930er Jahren verliert sich ihr Werk und Ausstellungen werden rarer. 1939 übernimmt sie die Familienfirma von ihrem Bruder Frank und betätigt sich als Unternehmerin. Ihr Name gelangt noch ein Mal in die Schlagzeilen, als sie Opfer eines brutalen Raubüberfalls in ihrer Villa in Berlin-Dahlem durch die damals berüchtigte Berliner Gladow-Bande wird. Die Zeitungen berichten im Frühjahr 1950 über ihren Auftritt als Zeugin. Der Überfall hat sie schwer gezeichnet; als Künstlerin hat sie nicht mehr gearbeitet. Dennoch nimmt sie in den 1950er und 1960er Jahren an Austellungen vor allem in West-Berlin teil und erhält sogar Preise. Weiteres Wissen über Doramaria Purschian ist in den Unterlagen des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. vorhanden, der vor zwei Jahren seinen 150. Geburtstag mit einer großen Ausstellung beging. Ebenso verfügt die Akademie der Künste über Archivalien. Doramaria Purschian lebte viele Jahre mit ihrer Lebensgefährtin in ihrem Haus in Dahlem und verstarb 1972 kinderlos, aber vermögend.

Feministischer Anspruch

Was die KLASSE DAMEN vereint ist die feministische Verve, mit der die Ausstellung öffentlichkeitswirksam begleitet wird, nicht übersehbar. Die Ausstellung soll „als Beitrag zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs und als Anstoß für eine öffentlichkeitswirksame Reflexion“ dienen; ferner „erörtern wir alle Implikationen, die sich für die Frauen damals ergaben und bis heute ergeben – von familiären Brüchen, Kinderlosigkeit und Armut über Diffamierung, Vorurteilen und Ächtung bis zu den ‚modernen‘ Problematiken wie einer strukturellen Diskriminierung im Kunstbetrieb mit seinem immer noch grassierenden gender pay und gender show gap“, so die Ausstellungsmacherinnen.

Es fällt nicht leicht, das ist meine persönliche Meinung, in den neueren Arbeiten ein besonderes magisches Moment zu entdecken, einen Impuls, stehen zu bleiben und zu schauen. Möglicherweise sind die Arbeiten zu sehr damit beschäftigt, Ausstellungspraxis, Förderstrukturen und das Wertesystem des heutigen Kunstbetriebs zu hinterfragen.

Mindestens eine Überraschung gibt es dennoch. Provokant und meist abstoßend wirkt auf viele Besucherinnen die Videoinstallation von Else Gabriel „Kind als Pinsel“.

Else Gabriel, Kind als Pinsel. 2007

Else Gabriel

Eine Frau schwenkt ein Mädchen mit langen offenen Haaren wie ein Scheuertuch über den Zimmerboden, dessen Haarsträhnen die erwünschten Farbspuren auf dem Boden hinterlassen. Was im ersten Augenblick wie eine „durchgeknallte“ Idee wirkt, erweist sich bei hinreichendem Nachdenken als scharfsinnige Allegorie auf die Lebensumstände einer alleinerziehenden Künstlerin. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Strategieentwicklung ISFE verdienen in Deutschland bildende Künstler durchschnittlich etwa 11.600 Euro, Künstlerinnen nur knapp 8.400 Euro im Jahr. Die Hälfte der Befragten bleibt dabei jedoch unter 5000 Euro. Davon kann niemand leben, zumal nicht in einer Stadt wie Berlin. „Für 80 Prozent ist ihre künstlerische Arbeit ein Verlustgeschäft“, heißt es in der Studie. In der Szene können nur 13 Prozent der Männer und nur 8 Prozent der Frauen ihr Jahreseinkommen aus der Kunst bestreiten. Die Allegorie von Gabriel kann so interpretiert werden, dass Kinder, die in prekären Künstlerhaushalten leben, selbst zum Pinsel, zum Produktionsmittel werden. Sie sind untrennbarer Bestandteil der Kunstproduktion – ungewollt  ausgenutzt und verschwendet…

Else Gabriel hat heute eine Professur der Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee inne. Sie stellte im Museum Barberini zur Schau „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ aus. Gabriel äußert immer wieder interessante Ansichten über Kunstproduktion, Auftragskunst und Kunstmarkt, so dass wir Ihnen diese mit einem Link zugänglich machen wollen.  

Soweit unser kurzer Beitrag zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs und einer öffentlichkeitswirksamen Reflexion. Worauf wir, im Bewusstsein streng formuliert zu haben, unbedingt hinweisen möchten: es gibt natürlich unheimlich viel zu entdecken. Jede Karte ist ein Wegweiser in eine eigenständige Kunstlandschaft. Gehen Sie diese Wege!

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Am Schluss möchten wir noch auf vier Ausstellungen verweisen, die KLASSE DAMEN inhaltlich ergänzen, die Vergleiche und Analysen in die Tiefe ermöglichen.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Gruppe-XI-Bröhan-1024x1024.jpg

Das Bröhan-Museum zeigt die erste avantgardistische Künstlergruppe im deutschsprachigen Raum. Die Ausstellung „Skandal! Mythos! Moderne! Die Vereinigung der XI in Berlin“ präsentiert anhand von mehr als 100 Exponaten erstmals die Geschichte dieser richtungweisenden Berliner Künstlerorganisation. Darin dominieren fortschrittliche Stilrichtungen wie Impressionismus und Symbolismus, die im kaiserzeitlichen Berlin sonst kaum einen Ort haben. Künstler wie Max Liebermann, Walter Leistikow und Ludwig von Hofmann erleben ihren künstlerischen Durchbruch.

Die alten Berliner Meister Max Liebermann und Lesser Ury kann man noch intensiver in der Wannsee-Villa besichtigen. Der Fokus liegt dabei auf den Berliner Großstadtbildern der beiden Maler. Die Gegenüberstellung ist auch deshalb so lohnenswert, weil beide eine jeweils spezifische Sicht auf ihr Berlin haben. Malt Liebermann mit Vorliebe das Grün, immer wieder den Tiergarten und die Berliner Parks, ist Ury mehr an der modernen Großstadt interessiert, setzt Nachtszenen mit Autoverkehr, Straßenbeleuchtung und typische Gebäude Berlins ins Bild.

Schließlich: Die Berlinische Galerie steht mit zwei weiteren Schauen ganz auf ihrem Platz als Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Lotte Laserstein, „Von Angesicht zu Angesicht“, wird als sanft-gefühlvolle Chronistin der 1920er und 30er Jahre gezeigt. Großzügige Spenden von Mitgliedern des Fördervereins haben es ermöglicht, die Ausstellung durch besondere Werke und Dokumente von Lotte Laserstein aus der Exil-Zeit in Schweden zu ergänzen. Begleitet wird Laserstein von „Gesichter der zwanziger Jahre“ – Porträts und Selbstbildnisse von Künstler*innen, die zur gleichen Zeit wie Laserstein in Berlin lebten und arbeiteten. Die Maler*innen porträtierten ihre Kinder, Künstlerkolleg*innen, ihre Geliebten oder sich selbst in Situationen privater Vertrautheit.

Lotte Laserstein, Liegendes Mädchen auf Blau. Um 1911

(Axel Matthies)

PETRI – forschen und erinnern im Herzen Berlins

Seit dem Sommer 2025 gibt es das PETRI Berlin an der Gertraudenstraße 8; es ist der zentrale Ort für die Berliner Stadtarchäologie. PETRI Berlin ist eine Kooperation zwischen dem Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Landesdenkmalamt. Auf rund 1.200 Quadratmetern sind dort Ausstellungsflächen, Labore und Werkstätten untergebracht. Der Verein „Denk mal an Berlin“ lud zu einer Führung durch das Haus ein, die wir gerne annahmen. Ein Motiv war auch, dass das PETRI genau jene Schichten der Berliner Geschichte analysiert und darstellt, die Otto Nagel die „alte Stadt“ nannte.

Die Führung oblag der Leiterin der Einrichtung Frau Dr. Anne Klebitz. Sie eröffnete im Grabungsgeschoss. Das Grabungsgeschoss konserviert die Stelle, wo zwischen 2007 und 2009 gegraben wurde: auf dem ehemaligen Parkplatz des Ministeriums für Bauwesen an der Brüder-, Ecke Scharrenstraße. Archäologen fanden dort Siedlungsspuren aus der Gründungszeit von Berlin – exakt von Cölln, das früher eine eigenständige Stadt neben Berlin war. Außerdem entdeckten sie Fundamentreste einer mittelalterlichen Lateinschule aus dem 14. Jahrhundert und die Grundmauern der über die Jahrhunderte immer wieder neu errichteten Petrikirche. Die Lateinschule war der Ideengeber für die Errichtung des PETRI als Erinnerungs- und Forschungsort.

Diese Ausgrabungen können nun im Grabungsgeschoss aus der Nähe bestaunt werden. „Bei uns trägt dieses Geschoss den Titel ‚Archäologisches Fenster‘, weil man eben direkt auf einer archäologischen Grabung ist“, erklärt Anne Sklebitz. „Das ist ja ein originaler Ort, der ausgegraben wurde, und deswegen hat der Ort auch eine ganz besondere Aura.“ Auch die Gebeine der ältesten Bewohner der heutigen Bundeshauptstadt, die auf dem Kirchhof der ehemaligen Petrikirche unterirdisch gefunden wurden, es waren 3872, finden teilweise im Untergeschoss in einem Ossarium ihre letzte Ruhe. Ein Ossarium ist ein überdachter Raum, der zur Aufbewahrung von Gebeinen bestimmt ist. Knochen heißen im Lateinischen ossa.

Die Petrikirche war immer die erste, größte und höchste Kirche (bis auf Ausnahmen) in der historischen Doppelstadt Cölln-Berlin, ab 1709 nur noch Berlin. Das blieb so bis ins Jahr 1964, als die kriegszerstörte Kirche nicht saniert sondern abgebrochen wude. Im PETRI bildet sie einen Schwerpunkt der Darstellung.

Die Kirche St. Petri war die Stadtpfarrkirche von Cölln, westlich der Spree gelegen, und mit Berlin durch den Mühlendamm verbunden. Nicht weniger als fünf Kirchen standen nacheinander am gleichen Ort. Der letzte Bau, 1853 errichtet, wurde 1945 schwer beschädigt, die Ruine später entfernt.

Obwohl Cölln und Berlin im 13. Jahrhundert nicht über mehr als je 2000 Einwohner verfügten, begannen beide Städte mit der Errichtung von Kirchen um 1230. Das waren in Cölln die ehemalige Petrikirche und in Berlin die heutige Nikolaikirche. Das Jahr 1230 ist für beide das vermutete Jahr der Stadtrechtsverleihung. Im Grabungsgeschoss ist eine virtuelle Rekonstruktion der Geschichte der Petrikirche installiert.

Die Petrikirche befand sich bereits im 14. Jahrhundert in schlechtem Zustand. Wegen religiös-politischer Spannungen und einem anschließenden kirchlichen Interdikt (Verbot gottesdienstlicher Handlungen) waren dort annähernd zwei Jahrzehnte keine Messen mehr gehalten und keine Sakramente mehr gespendet worden, sodass der Bauzustand erheblich litt. Daher wurde um 1379 mit dem Umbau des Gotteshauses im gotischen Stil begonnen. Die schlichten Fassaden gliederten nun schmale Lanzettfenster. Ein reich geschmücktes zweiteiliges Südportal mit Kielbogen lässt die früheste Ansicht der Kirche erkennen. Von der Ausstattung der Petrikirche ist bekannt, dass sie 24 Altäre enthielt. 1505 stiftete der Bäckermeister Fritze die Marienkapelle, die an der Südseite angebaut wurde. 1606 erhielt die Kirche eine hölzerne Kanzel mit reichem Schnitzwerk.

Die gotische Petrikirche um 1690
Foto: Wikimedia

Die um 1379 begonnene Kirche hat 351 Jahre lang am Petriplatz gestanden, bis sie am 29. Mai 1730 dreimal vom Blitz getroffen wurde und abbrannte. Cölln und Berlin hatten sich im Jahr 1709 zusammen geschlossen, auch die Kirchenorganisation wurde entsprechend angepasst. Ab 1717 erfolgte ein umfangreicher Umbau der Kirche, nunmehr im barocken Baustil. Dabei hatte es größere Probleme mit der Standfestigkeit des Kirchturms auf dem sandigen Untergrund gegeben. Schließlich wurde der Turm aus Sicherheitsgründen zurückgebaut.

Der damalige König Friedrich Wilhelm I. bedang sich jedoch einen Turm aus. Deshalb begann 1726 der Turmneubau, der 108 Meter in die Höhe ragen sollte, auf dem alten Unterbau. Kurz vor der Vollendung setzte am 29. Mai des Jahres 1730 ein Blitzeinschlag den hölzernen Turm und das Baugerüst in Brand, wobei auch die Kirche großen Schaden nahm. Auf königlichen Befehl erfolgte unmittelbar nach diesem Schock der Neubau. Einen großen Teil der Baukosten beglich Friedrich Wilhelm I. aus seiner eigenen Schatulle. Am 27. Juli 1731 fand die Grundsteinlegung statt. Am 28. Juni 1733 wurde die Kirche eingeweiht. Der Turm war zu dieser Zeit noch nicht fertig und der König drang auf die Beschleunigung der Arbeiten. Am Abend des 21. August 1734 stürzte der neue Turm ein und zerstörte das Kirchenschiff und zwei Häuser in der Scharrenstraße.

Die barocke Petrikirche mit Stummelturm nach der Reparatur. Blick vom Schloss durch die Breite Straße. Foto: Wikimedia

Nach diesem erneuten Schock wurde die neue, barocke Kirche repariert, aber es wurde kein Kirchturm mehr errichtet. Schließlich brach in der Nacht vom 19. zum 20. September 1809 im Inneren der Kirche ein Feuer aus. Es gelang nicht mehr, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Am nächsten Morgen waren die Kirche und die umliegenden Marktbuden ein Raub der Flammen geworden. Das Feuer war in der Kirchenvorhalle ausgebrochen, wo Besitzer der Marktbuden einige Sachen gelagert hatten. Vermutlich hatte ein nicht ganz gelöschtes Kohlebecken den Brand verursacht.

Vor Überlegungen zum Wiederaufbau der Petrikirche bestanden Probleme mit dem Abtragen der hohen, barocken Kirchenruine. Letztlich erklärte sich ein Mauermeister Berger bereit, den Abriss zu wagen. Er trug die Kirchenruine innerhalb von zwei Jahren ab. Statt einer Kirche sollte nun ein Stadtplatz geschaffen werden. Diese Pläne scheiterten jedoch aus verschiedenen Gründen an den Bürgern. Dann wurde über einen Neubau der Kirche an einer anderen Stelle nachgedacht, weil schon damals ein Mangel an öffentlichen Plätzen in der Stadt bestand. Außerdem befürchteten die Besitzer der umliegenden Häuser einen Wertverlust ihrer Häuser, wenn eine Kirche sie verschatten würde. Die Pläne zur Erbauung der Kirche anderswo scheiterten jedoch daran, dass die Kirchgemeinde kein Geld für einen Grundstückskauf hatte.

So wurde im Jahr 1846 am alten Platz mit dem Neubau der St. Petri-Kirche begonnen. Am 3. August 1847 erfolgte die Grundsteinlegung. In den Grundstein wurden die im früheren Grundstein gefundene Kupfertafel, 12 Münzen, eine Votivtafel vom 27. Juni 1731, ein Berliner Adress-Kalender des Jahres 1847, ein Verwaltungsbericht der Stadt Berlin für die Jahre 1829-1840, ein Verzeichnis der an der Armenpflege beteiligten Personen, ein Buch zur Geschichte der Petrikirche von Dr. Valentin Schmidt, sowie Stücke der zu dieser Zeit kursierenden Gold- und Silbermünzen und die auf Porzellan gebrannten Pläne und Abbildungen der neuen Kirche und noch weitere Unterlagen eingemauert. (Der Grundstein war bei der Auffindung im Jahr 2007 jedoch leer.) Durch das Revolutionsjahr 1848 stand weniger Geld für den Kirchenbau zur Verfügung, aber aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit konnten mehr Arbeiter eingestellt werden. Am 18. Oktober 1849 wurde das Richtfest für die Kirche gefeiert. Am 17. Mai 1852 war der 111 Meter hohe Turm fertig. Er war damals das höchste Bauwerk in Berlin. Am 16. Oktober 1853 wurde die neue Kirche eingeweiht.

Die neogotische Petrikirche 1863 auf einem Gemälde von Eduard Gärtner. Blick durch die Brüderstraße.

Am Ende des 2. Weltkrieges erlitt das Haus schwere Schäden und wurde dann bis 1964 abgetragen. Auf der nunmehrigen Fischerinsel wurde ein Hochhauskomplex mit moderner Infrastruktur errichtet. Wir schilderten die Geschichte des Gotteshauses ausführlich, weil sie im öffentlichen Bewußtsein kaum bekannt ist.

Das PETRI bewahrt aber auch Stücke, die erst im vorigen Jahrhundert entstanden sind. Die Geschichte dieses Berliner Skulpturenfundes beginnt 2010. Die U5 sollte verlängert und der neue U-Bahnhof Rotes Rathaus gebaut werden. Bei Grabungen wurden 16 Skulpturen gefunden. Doch was hat man hier entdeckt? Eine Kunsthistorikerin identifizierte die Skulptur „Schwangere“ von Emy Roeder. So kommt man dem Geheimnis auf die Spur. Das Objekt ist 1937 von den Nazis in der Propagandaschau „Entartete Kunst“ gezeigt worden. Die Skulpturen sind damals in einem Depot aufbewahrt worden, das bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Gemälde und Grafiken verbrannten, übriggeblieben sind nur die Skulpturen. Sie haben damit Patina, sind vom Feuer gezeichnet und teils zerbrochen. Als „entartet“ diffamierte das NS-Regime Kunstwerke, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Weltbild passte. Die Berliner Ausstellung zeigt etwa Werke von Edwin Scharff, Marg Moll, Otto Freundlich, Will Lammert und Richard Haizmann. Zu diesen Skulpturenfunden gibt das PETRI eine eigene Dokumentation heraus. Übrigens: in der großen Ausstellung „KLASSE DAMEN“ im Schloss Biesdorf im Sommer 2019 waren auch Arbeiten von Marg Moll zu sehen.

Skulpturenfunde im PETRI

Schließlich bekommen die Besucher Kontakt zu den realen Werkstätten und Magazinen vom Landesdenkmalamt und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte. Wochentags kann den Mitarbeiter*innen durch Glasfenster über die Schulter geschaut werden. In den davor liegenden Ausstellungsbereichen erklären interaktive Stationen die Tätigkeiten, die im Zuge einer Ausgrabung wichtig sind und für die viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Im Anschluss führte der Rundgang in den Bereich Restaurierung mit Blick in die Werkstätten. Ausstellungsstationen zeigen, welche Arbeitsprozesse zum Erhalt bestimmter Materialien notwendig sind.

Das PETRI verfügt in seinem Obergeschoss über einen großen Balkon, von dem aus man einen großartigen Blick auf die „alte Stadt“ hat. Doch sie ist kaum zu erkennen. Das Fischerinsel-Ensemble ist bereits weitgehend nachverdichtet, der immer beklagte ehemalige Parkplatz des Ministeriums für Bauwesen nun durch kompakte Betonklötze überbaut. Die neuen Kubaturen sollen an die alten Bauten erinnern: so das Hotel „Capri“ an das ehemalige Cöllnische Rathaus und das im Bau befindliche „House of One“ (ein multireligiöser Kirchenbau) an die ehemalige Petrikirche. Aber der Ensemblecharakter der Insel ist nicht mehr zu erkennen. Sogar die kleine Traditionsinsel unmittelbar an der Gertraudenbrücke ist gnadenlos abgedrängt. Unlängst schrieb Claudius Seidl in der „Süddeutschen Zeitung“:

„Das große kulturelle Projekt Berlins war es aber, die Spuren zu verwischen und den Blick auf die Geschichte komplett zu versperren – und zwar mit klobigen rechteckigen Kästen, alle gleich hoch, 22 Meter, die Traufhöhe Berlins; alle gleich falsch, Beton mit einer Sandsteinfassade davor; alle gleich unambitioniert.“ (SZ 3.3.2026)

Auf dem Weg zum PETRI war ich froh, noch die Berliner Stadtbibliothek wiedererkannt zu haben. Und die Gertraudenstraße, ob man es anerkennt oder nicht, wird die große, in der Geschichte gewachsene Ost-West-Verbindung bleiben. Die Zeit der Fußwanderer und Kutschenfahrer ist vorbei!

Blick vom PETRI nach Osten
Blick auf das Ensemble Fischerinsel
Rushhour in der Gertraudenstraße

Zum Schluss aber ein Bild von ihm: Otto Nagel hat die Petristraße öfter gezeichnet oder gemalt. Aber die Petrikirche war nie dabei. Sie war ihm wohl zu hoch, zu mächtig für seine Vaterstadt Berlin.

Otto Nagel: Petristraße Ecke Rittergasse im Winter 1941. Der Blick geht hier von der Friedrichsgracht Richtung Petriplatz. Foto: Henschelverlag

(Axel Matthies)

Podiumsgespräch „35 Jahre deutsche Einheit – 35 Jahre wachsender MehrWert des Denkmalensembles Schloss und Park Biesdorf“

Den Tag des offenen Denkmals gibt es seit 1993 und immer hat auch unser Denkmalensemble Schloss Biesdorf zum Besuch eingeladen. In diesem Jahr hatte das Landesdenkmalamt das Motto „Denkmalpflege. MehrWert für Berlin“ gewählt und folgende Erläuterungen angefügt:

„Ein Denkmal zeigt: Hier steht ein Wert. Hier ist Wissen gespeichert. Hier lernen wir aus der Vergangenheit. Für die Zukunft. In Berlin erzählen über 12.000 Denkmale über sich und über die Gesellschaft, die sie baut, pflegt und schützt. Und über die Menschen, die diese Kulturgüter erhalten, umnutzen und mit ihren Werten fortführen. Dieser kulturelle Schatz hat MehrWert als die reine Bausubstanz – er schafft Begegnungsorte, Zugehörigkeit und Teilhabe für alle.“

Auch unser Schlossensemble als Ort der Begegnung, der Kunst und Kultur hat einen solchen MehrWert. Deshalb lud unser Verein in Kooperation mit dem Schloss Biesdorf am 13. September 2025 zu einem Podiumsgespräch mit dem Thema „35 Jahre deutsche Einheit – 35 Jahre wachsender MehrWert des Denkmalensembles Schloss und Park Biesdorf“ ein.

Der Moderator Prof. Dr. Gernot Zellmer, Vorstandsvorsitzender unseres Vereins, konnte als Gesprächspartner begrüßen:
Karin Scheel, Künstlerische Leiterin der Kommunalen Galerie Schloss Biesdorf,
Jan Frontzek, Leiter des Fachbereiches Kultur im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf,
Frank Holzmann, Geschäftsführer des Vereins BALL e. V., der von 1994 bis 2013 im Schloss ein Stadtteilzentrum betrieben hat,
Dr. Heinrich Niemann, Bezirksstadtrat a. D. und von 2008 bis 2024
Vorstandsvorsitzender unseres Vereins.

Moderator Prof. Gernot Zellmer und die Gäste im Podium

Im Jahre 1990 befand sich unser Schloss, das im April 1945 durch einen Brand zerstört und dessen Sockel- und Erdgeschoss später eher provisorisch für eine Nutzung hergerichtet wurden, in einem sanierungsbedürftigen Zustand. Es hat dann nach der Wiedervereinigung vielfältige bauliche Veränderungen erfahren und eine wechselvolle Nutzungsgeschichte erlebt. Beides hatte Einfluss auf den MehrWert des Schlossensembles.

Die Podiumsgäste berichteten von ihrer ersten Begegnung mit dem Schloss und benannten Ereignisse und Zustände, die den in 35 Jahren gewachsenen MehrWert des Denkmalensembles belegen. Dabei wurde deutlich, dass diese Bewertung immer mit Blick auf die konkrete Nutzungsphase erfolgen muss:

Zunächst, von 1994 bis 2013, betrieb der Verein BALL e. V. im Schloss ein Stadtteilzentrum (STZ) , das mit einem sehr breiten Angebot an Veranstaltungen und Tätigkeiten viele Besucherinnen und Besucher anzog. Dann, nach dem vollständigen denkmalgerechten Wiederaufbau des Schlosses, wird es seit 2016 als Galerie genutzt und ist ein besonderer Ort der Kunst und Kultur geworden.
Peter Bielig, der ab 1996 das STZ Biesdorf leitete, erzählte, wie sein Team neues Leben in das alte Schloss brachte. Rückblickend stellte er fest, ass dadurch der Erhalt und die denkmalgerechte Sanierung des Hauses letztlich erst möglich wurden.

Bauherr der Sanierung der Außenhülle in den Jahren 2002 bis 2007 war unser Verein, der sich 2001 unter dem Namen „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ mit dem Ziel des Wiederaufbaus des Schlosses gründete. Die Podiumsgäste erinnerten sich, dass auch in diesen Zeiten intensiver Bautätigkeit das Ensemble nach dem Motto „Bauen und Nutzen“ seinen MehrWert behielt.

Das Schloss mit der sanierten Außenhaut.
Foto: BA Marzahn-Hellersdorf

Christina Dreger, die seit 2005 den Fachbereich Kultur des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf leitete, berichtete von den vielfältigen Diskussionen, die es gab, als die Pläne für den vollständigen Wiederaufbau des Schlosses konkrete Gestalt annahmen und Konzepte zu seiner künftigen Nutzung entwickelt wurden. Die Entscheidung, gemäß den Förderrichtlinien der Europäischen Union das Schloss als Galerie zu gestalten, hatte zur Konsequenz, dass der mit dem Veranstaltungsangebot des STZ verbundene MehrWert unseres Denkmals fast völlig verloren ging. (Da mit dem Baubeginn im Jahre 2013 das STZ in die „Gelbe Villa“ in der Straße Alt-Biesdorf umzog, mussten die Bürgerinnen und Bürger auf die gewohnten Freizeitangebote allerdings nicht verzichten.)

Im Podiumsgespräch wurde deutlich, dass die Galerie Schloss Biesdorf unter Leitung von Karin Scheel zu einem hohes Ansehen genießenden Ort der Kunst und Kultur in Berlin und weit darüber hinaus geworden ist. Das Schloss hat nun einen anders gearteten MehrWert, dessen Erhalt und Weiterentwicklung ein ganz wesentliches Anliegen unseres Vereins „Freunde Schloss Biesdorf“ ist.

Vernissage zu der großen Ausstellung „Klasse Damen“ im Jahre 2019

Und das insbesondere auch vor dem Hintergrund anstehender finanzieller Kürzungen auf dem Gebiet der Kultur durch den Berliner Senat. In diesem Zusammenhang erklärte Jan Frontzek, dass das Bezirksamt die Aktivitäten unseres Vereins im Jahre 2026, wenn der 10. Jahrestag der Eröffnung des wiederaufgebauten Schlosses Biesdorf gefeiert wird, mit entsprechenden Zuwendungen unterstützen wird.

Einer langjährigen Tradition folgend hat unser Verein zum Tag des offenen Denkmals auch kostenlose Führungen durch Schloss und Park Biesdorf angeboten. Dr. Klaus Freier und Axel Matthies von unserem Vorstand konnten über 80 Interessierte begrüßen und ihnen anschaulich den MehrWert unseres Denkmalensembles vor Augen führen.

(Vorstand „Freunde Schloss Biesdorf“ e.V.)

Führungen durch Park und Schloss Biesdorf im Sommerhalbjahr 2025

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde von Schloss Biesdorf,

seit vielen Jahren bietet unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ Führungen durch das Schloss und seinen Park an.

Feste Termine sind die Führungen am jeweils zweiten Sonntag im Monat (im Anschluss an das vom Stadtteilzentrum Biesdorf im Schloss organsierte Sonntagskonzert). Die Führungen beginnen um 12:30 Uhr am Schlosseingang und kosten 4 Euro (Bezahlung vor Ort).
In diesem Jahr finden diese Führungen zu folgenden Terminen statt:

13. April, 11. Mai, 13. Juli, 10. August, 12. Oktober.

Sie können sich zu diesen Führungen per Mail bei uns anmelden (info@freunde-schloss-biesdorf.de) oder einfach spontan vorbei kommen.

Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf gibt es am 14. Juni um 10:00 Uhr eine besondere Führung durch den Schlosspark mit Besuch des Eiskellers.

Das 14 ha große Gartendenkmal – im Stil eines englischen Landschaftsgartens von Albert Brodersen in den 1890er Jahren gestaltet – ist eine der schönsten Grünanlagen Berlins. In der Weimarer Zeit wurde er öffentlich zugänglich, der südliche Teil war von 1945 bis 1958 ein sowjetischer Soldatenfriedhof. Seit den 1950er Jahren wurde der Park beliebter Ort für Kulturveranstaltungen und Ferienspiele der Kinder. Seine ursprünglichen Strukturen konnten wiederhergestellt und erneuert werden.

Schloss Biesdorf wurde 1868 im Stil einer italienischen Landhausvilla von dem Architekten Heino Schmieden errichtet. Die Villa war bis 1927 in Privatbesitz, insbesondere die Siemens-Zeit zwischen 1887 und 1919 war prägend. Nach der weitgehenden Zerstörung am Ende des 2. Weltkrieges wurde das Schloss durch die sowjetische Administration geschützt und in den folgenden Jahren wieder hergerichtet. In der DDR war Schloss Biesdorf kommunaler Kulturort mit vielfältiger Nutzung. Seit 1994 war das Haus Soziales Stadtteilzentrum für Biesdorf. Durch starkes bürgerschaftliches Engagement und mit Unterstützung des Bezirkes sowie engagierter Mitarbeiter in Senatsbehörden konnte Schloss Biesdorf umfassend saniert und in seiner ursprünglichen Gestalt mit Obergeschoss wieder hergestellt und im Herbst 2016 feierlich eröffnet werden. Dafür wurden umfangreiche Mittel der Europäischen Union, der Lottostiftung und davor der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Anspruch genommen.

Für diese Führung ist eine Anmeldung unter info@freunde-schloss-biesdorf.de bzw. bei der Volkshochschule notwendig, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.

Zum Tag des offenen Denkmals gibt es am 13. und 14. September jeweils eine kostenlose Führung.

Wenn Sie für sich und Ihre Gäste eine individuelle Führung wollen: melden Sie sich unter der genannten E-Mail-Adresse und wir werden gemeinsam viel Interessantes über Schloss und Park, über seine Bewohner und Architekten, über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des denkmalgeschützten Ensembles erfahren.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen.
Freunde Schloss Biesdorf

Die Wiedererkennung historischer Lokationen im Altberlin-Werk Otto Nagels

In Berlins historischer Mitte ist in den letzten Jahren viel gegraben und vermessen worden. Es gibt Debatten über die Gestaltung des ehemaligen Molkenmarktes, neu gebaute Häuser verbuchen für sich, über dem ehemaligen Cöllnischen Fischmarkt oder dem Petriplatz zu residieren. Fast alle lebenden Menschen kennen die historische Mitte nur von Fotos; ihnen fehlt in der Regel die Vorstellungskraft für diese versunkene Welt. Als Ende der 1960er Jahre die Bausubstanz des Fischerkietzes abgetragen wurde, war Berlin als mittelalterliche Doppelstadt praktisch unhistorisch geworden. Heutige Debatten sind geprägt vom Willen, die alte Stadt ein wenig sichtbarer werden zu lassen.

Am 2. April ging im Museum Eberswalde eine Ausstellung mit Berlin-Bildern von Otto Nagel zu Ende, die auch an die alte Mitte erinnert. Sie trug den Titel „Otto Nagel – Menschensucher und Sozialist“ und zielte vor allem auf geschärfte biografische Details, die sich aus einer gesicherten Quellenlage im Archiv der Akademie der Künste ergaben. Ich nehme drei Werke des Künstlers zum Anlass, um die historischen Lokationen zu erkunden.

Ausgewählt habe ich:

  • Hauseingänge in der Friedrichsgracht II, 1965
  • Blick auf das Gasthaus „Nussbaum“, um 1954
  • Am Köllnischen Fischmarkt, 1965

Hauseingänge in der Friedrichsgracht II, 1965

Als im Jahre 2019, anläßlich des 125. Geburtstages seines Namensgebers, das Otto-Nagel-Gymnasium die Pastellzeichnung „Hauseingänge in der Friedrichsgracht II“ erwarb, bewegte mich die Frage, ob die originale Lokation noch rekonstruierbar sei und ob das Internet eine entsprechende Recherche hergäbe.

Das gerade erworbene Pastell


In der Erinnerung war mir der historische Fischerkiez präsent. Mein Vater hatte mich um 1960 ein oder zwei Mal dort nach der Maidemonstration hingeführt. Das Viertel erschien mir schäbig und ungemütlich. Die Häuser waren verfallen und nicht selten blickten trübe Gestalten aus den Fenstern. Ich wollte nur schnell weg. Mein Vater stammte vom Gesundbrunnen, er war dem Weddinger Otto Nagel nahe und kannte alle Bildmotive, die der Maler dort gefertigt hatte. Bald wurde der Fischerkiez endgültig abgerissen und Hochhäuser an seine Stelle gesetzt. Die Zeitungen feierten die Veränderungen. Mir war durch eine Kommilitonin der Komfort der Hochhäuser bekannt. Ich konnte mich für die Bilder Otto Nagels und die Welt dahinter nicht begeistern.

Nun, Jahrzehnte später, erinnerte ich mich wehmütig. Um so größer wurde der Wunsch, Dinge zu entschlüsseln, sie zurück zu holen, die leichter zu haben gewesen wären.

Otto Nagels Pastellbild „Hauseingänge in der Friedrichsgracht II“ zeigt zwei Hauseingänge, beide mit Doppeltüren und Oberlicht ausgestattet. Zu beiden führen zwei steinerne Stufen. Die linke Tür ist rotbraun gestrichen, die rechte grün. Zu erkennen sind außerdem zwei Zugänge in das Souterrain und ein Kellerfenster.

Gibt es Bilder von Nagel, die diese Motive in breiterer Perspektive zeigen? Natürlich. Zuerst wäre da das Titelbild auf dem Band „Berliner Bilder“: das Panorama der Fischerinsel.

Das Panorama-Bild der vorderen Friedrichsgracht (Abb.: Henschelverlag)

Vorne ist ein Kanal zu sehen und hinter den verschachtelten kleinen Häusern ragen die Türme der Nikolaikirche und das Rote Rathaus hervor. Finden sich hier die beobachteten zwei Hauseingänge? Wenn man das Panorama genau betrachtet, stehen in der Bildmitte sogar vier Häuser mit Doppeltüren und Oberlicht. Die Häuser stehen relativ nahe zum Mühlendamm, also am Anfang der historischen Friedrichsgracht. Die Inselbrücke ist nicht zu sehen, aber sie muss nah sein. Otto Nagel hatte für die Skizzierung des Panoramas das Gewerkschaftshaus in der Wallstraße genutzt. Das Haus lag genau gegenüber und war der ideale Aussichtspunkt. Das Gewerkschaftshaus war Anfang der 1920er Jahre von dem Architektenbüro Max Taut und Franz Hoffmann entworfen und 1932 von Walter Würzbach erweitert worden.

Nagels Motto als Künstler war stets: zeigen, was ist! Man kann also davon ausgehen, dass alles, was Nagel zeichnet oder malt, auch existiert. Bald fand ich im Netz noch ein weiteres Bild dieses Teils der Friedrichsgracht. Es ist ein Gemälde von Anna Gumlich-Kempf aus dem Jahre 1910. Bei ihr gibt es noch keine grüne Tür.

Anna Gumlich-Kempf, Friedrichsgracht. Um 1910

Wie nun weiter mit der Feststellung der Doppeltüren? Das Beste wäre, nach historischen Fotos zu suchen, die die Friedrichsgracht zeigen. Davon gibt es im Netz viele Angebote. So bietet etwa die Homepage „Historischer Hafen Berlin“ reichlich Anschauungsmaterial. Bald fand ich Fotos mit den Häusern und lernte, dass diese Häuser, es sind vier, aus der Zeit des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg stammen: sie wurden in der Periode nach Ende des 30jährigen Krieges 1648 und bis zum Tod des Kurfürsten 1688 errichtet.

Die Häuser aus der Zeit des Großen Kurfürsten
Friedrich Wilhelm von Brandenburg

Nun kann man auch die gesamte Häuserzeile zwischen Inselbrücke und Fischerstraße identifizieren: Es sind die Adressen Friedrichsgracht 1 bis 11. Das war offensichtlich Otto Nagels Lieblingsplatz, denn hier ist das Foto mit ihm als Künstler im Fischerkiez entstanden. Er sitzt hier vor den Kurfürstenhäusern, wie diese umgangssprachlich genannt wurden.

Otto Nagel vor den Häusern mit Doppeltür

Die weitere Recherche wird nun einfacher. Am Ende erkennt der Suchende, dass das Pastell „Hauseingänge in der Friedrichsgracht“ die Hauseingänge der historischen Adresse Friedrichsgracht 8 und 9 abbildet.

Die Häuser Friedrichsgracht 9 (li.) und Friedrichsgracht 8 in der Fotografie
Die gleichen Häuser auf dem Pastell Otto Nagels aus dem Jahre 1965

Abschließend ein Vergleich der Zeile Friedrichsgracht 1 bis 11 im frühen 20. Jahrhundert und heute.

Die vordere Friedrichsgracht bis zur Fischerstraße um 1910
Der gleiche Abschnitt heute. Die Fläche wird genutzt vom STZ Kreativhaus

Blick auf das Gasthaus „Nussbaum“, um 1954

Die Gaststätte „Nussbaum“ ist heute bekannt als Nachbau im Nikolaiviertel. Das Nikolaiviertel bildet im Wesentlichen Alt-Berlin ab. In Wirklichkeit lag der „Nussbaum“ in Alt-Cölln in der Fischerstraße, also auf der südwestlichen Spreeseite, etwa 800 Meter entfernt. Die Fischerstraße gibt es heute nicht mehr. Sie lag aber gleich um die Ecke, wie der Berliner sagt, von den gerade besprochenen Kurfürstenhäusern. Sie ging von der Friedrichsgracht ab.

Friedrichsgracht, Ecke Fischerstraße. Rechts die Kurfürstenhäuser, vorn das Eckhaus, das die Bezeichnung Fischerstraße 20 trägt.

Direkt neben dem Eckhaus schließt sich die Adresse Fischerstraße 21 an.

Fischerstraße 21

Der „Nussbaum“ war die Lieblingskneipe von Heinrich Zille und er wird einige Male mit Otto Nagel den Staub der Straßen hier herunter gespült haben. Zille arbeitete 15 Jahre am Dönhoffplatz als Lithograph und lief nach der Arbeit oft durch den Fischerkietz. In den 1920er Jahren, in denen Zille und Nagel befreundet waren, war Pinselheinrich allerdings schon recht krank, der Arzt hatte ihm zum Alkoholverzicht geraten. Dennoch wurde der „Nussbaum“ auch für Otto Nagel, wie für viele Berlin-Maler, ein besonderes Motiv. Das hier gezeigte Pastell stammt nach Einschätzung des Archivs der Akademie der Künste aus dem Jahre 1954. Das Gasthaus wurde bereits 1943 bei schweren Bombenangriffen zerstört, wie auch ein Teil der vorderen Friedrichsgracht. Da auch das Werk Otto Nagels zu drei Viertel dem Bombenfeuer zum Opfer fiel, hat er wohl das Haus aus der Erinnerung erneut gezeichnet.

Otto Nagel, Blick auf das Gasthaus „Nussbaum“. Um 1954 (Abb. AdK)

Abschließend die Erinnerung eines Berliners aus dem Jahre 1925: „Wir biegen in die Fischerstraße und sind wie in einer Stadt für sich. Das war hier einmal die älteste Straße des Fischerdorfes Cölln, und sie hat sich bis zum heutigen Tage von ihrer Eigenart manches bewahrt. Da steht gleich ein kostbares Häuschen, das »Gasthaus zum Nußbaum«, spitzgieblig über die Maßen, von seinem Nußbaum halb verdeckt; der Kellerhals im Innern zeigt die Jahreszahl 1571.“ (Zitiert nach: Adolf Heilborn, Die Reise nach Berlin. Berlin 1925)

Der „Nussbaum“ ist heute fester Bestandteil jedes Touristenbesuches im Nikolaiviertel.

Am Köllnischen Fischmarkt, 1965

Dieses Pastell erscheint vielen Betrachtern als vollbrachte Geschichte: der Köllnische Fischmarkt ist nicht mehr und kaum jemand weiß, wo er sich befand. Die frontal abgebildeten vier schmalen Häuser werden irgendwo gestanden haben, die auf der rechten Bildseite erkennbaren Bauarbeiten lassen darauf schließen, dass sie keine längere Lebensperspektive hatten. Und doch ist das Gegenteil der Fall.

Die stadtgeschichtliche Aufarbeitung gerade dieses Pastells ist hochinteressant. Es zeigt die Perspektive zwischen Breite Straße und Gertraudenbrücke entlang der Gertraudenstraße und endet bei den Häusern, die, ich nehme es vorweg, an der Kleinen Gertraudenstraße stehen. Die Strecke ist durch den Krieg völlig leer geräumt, sie war vorher prall überbaut.

Otto Nagel, Am Köllnischen Fischmarkt. 1965 (Abb. AdK)

Um diese historische Perspektive nachvollziehen zu können, ist ein Blick auf den historischen Stadtplan unersetzlich.

Ausschnitt aus dem Berlin-Plan des Straube-Verlages von 1910

Der Köllnische Fischmarkt schloss sich unmittelbar dem Mühlendamm an. Weiter westlich, auf der anderen Seite der Breite Straße, erhob sich das Cöllnische Rathaus. An ihm vorbei führte dann die Gertraudenstraße Richtung Gertraudenbrücke.

Der Cöllnische Fischmarkt mit dem Cöllnischen Rathaus. Im Hintergrund die barocke Petrikirche. Gouache von Johann Georg Rosenberg, 1784.
Der gleiche Ort im Jahre 1880, nun mit der neugotischen Petrikirche

Man sieht dem Foto an, dass das Rathaus seinen Charme verloren hatte. Seine eigentliche Funktion hatte es niemals angenommen, es wurde lange Zeit als Gymnasium und zuletzt als Museum genutzt. Im Jahr 1899/1900 wurde das Cöllnische Rathaus abgerissen.

Wenn man aber die Gertraudenstraße von der anderen Seite, vom Spittelmarkt aus, betrachtete, entstand sofort ein anderer Eindruck.

Blick vom Spittelmarkt in die Gertraudenstraße (li.)
Richtung Petrikirche und Fischmarkt

Der Architekturhistoriker Prof. Dr. Harald Bodenschatz hat den Wert der Gertraudenstraße im späten 19. Jahrhundert so eingeschätzt: „Der Spittelmarkt diente als Sammelpunkt des Verkehrs vor dessen Eintritt in die Altstadt und vermittelte zugleich den Schwenk des Hauptstraßenzuges nach Nordost. Nach Passieren der Gertraudenbrücke erreichte man bald den Petriplatz, das Herz des mittelalterlichen Cölln, mit der die Bürgerhäuser überragenden Petrikirche. Kurz darauf folgte der Köllnische Fischmarkt mit dem alten, 1899 abgebrochenen Rathaus von Cölln. Der Fischmarkt schließlich mündete in das Nadelöhr des Mühlendamms, der zum Molkenmarkt auf der Berliner Seite der Spree führte. Wie bei keinem zweiten Straßenzug der Altstadt entfaltete diese Folge von unregelmäßigen Stadträumen das für eine lebendige Stadt typische Ineinandergreifen von Passage und Halte-Plätzen. Hier war ‚Haus für Haus ein Laden zu finden‘, hier erhob sich eines der größten Einkaufszentren Berlins, das 1839 gegründete Kaufhaus Hertzog.“ (s. Homepage Harald Bodenschatz: Berlin – Auf der Suche nach dem verlorenen Zentrum)

Berlin hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant entwickelt. Die Industrialisierung hatte die Stadt mit Urgewalt ergriffen und einen riesigen Bedarf an Arbeitskräften erzeugt. Das hatte Auswirkungen auf den Stadtverkehr. Der Mühlendamm war zum Nadelöhr geworden. In einer Verkehrszählung von 1891 zählte man in 16 Stunden mehr als 60.000 Wagen aller Art und über 40.000 Passanten. Deshalb begann ein umfangreiches Abrissprogramm, in dessen Ergebnis die Brücke erweitert wurde. Aber bereits 1930 veröffentlichte die Bauverwaltung des Magistrats eine Denkschrift, die für einen neuerlichen Umbau des Mühlendamms eine Gesamtbreite von 37 Metern vorsah. Diese Planung wurde dann 1968 realisiert. So war Otto Nagels alte Stadt weit vor dem 2. Weltkrieg als Hindernis für die moderne Stadt taxiert worden.

Nach Ende des 2. Weltkrieges war die Gegend nicht wiederzuerkennen. Zwar war eine gewisse Bausubstanz erhalten geblieben, aber das städtische Leben war aus der Altstadt gewichen. Die systematischen Bombardierungen und die letzten Kämpfe um Berlin hatten die Stadt hilflos hinterlassen. Die Gegend um den Petriplatz sah um 1954 einfach leer aus.

Die Petrikirche vom Spittelmarkt aus gesehen

Schließlich wurden große Teile der alten Stadt abgetragen, um auf ihren Fundamenten ein modern konzipiertes Wohngebiet mit der notwendigen sozialen Infrastruktur zu errichten. Heute wird auf das verantwortungslose und unhistorische Agieren der DDR-Regierung verwiesen. Sie hätte den historischen Kern Berlins zerstört und die Gertraudenstraße zu einer seelenlosen Betonstraße funktioniert. Nach dem Krieg ging es überall in Deutschland darum, schnell neue Wohnungen zu schaffen und ein Alltagsleben wieder herzustellen. Wer die Stadtautobahnen in Westberlin kennt, darf sich die Frage stellen, ob Mühlendamm und Gertraudenstraße unter anderer Besatzung nicht Kern einer verbindenden Autobahn zwischen City Ost und West geworden wären. Für den heutigen Autoverkehr reicht die Kapazität des Mühlendamms gerade aus, in der Rush Hour ist die Strecke überlastet. Nicht zu vergessen: die Substanz von Alt-Berlin und Alt-Cölln war bereits vor dem Krieg seit Jahrzehnten derart verschlissen, dass eine Instandsetzung einer grundsätzlichen Sanierung gleichgekommen wäre. Dafür waren weder Zeit noch Ressourcen vorhanden.

Die Gertraudenstraße nach Neubeplanung und Umbau

Es wäre allerdings möglich gewesen, mehr erhaltenswerte und sogar denkmalgeschützte Einzelgebäude zu restaurieren und in die neuen Stadtlandschaften einzubetten.

Zurück zu unserem Ursprung – dem Pastell „Am Köllnischen Fischmarkt“ von Otto Nagel. Vor wenigen Wochen stieß ich bei meinen Recherchen auf ein Foto in der Märkischen Oderzeitung.

Archäologische Führung am Petriplatz in Berlin-Mitte. Archäologin Claudia Melisch zeigt die freigelegten Fundamente der Petri-Kirche (Foto: moz.de)

Ich war wie vom Blitz getroffen: das ist genau derselbe Blick, den Nagel 1965 auf diese Häuser hatte. Diesmal allerdings im Jahre 2019. Die Archäologin Claudia Melisch hatte mit ihrem Team den ehemaligen Petriplatz erforscht. Sie war dabei, als 3000 Gräber des Petri-Kirchhofs entdeckt wurden. Anhand der über 800 Jahre alten Skelette forschte sie gemeinsam mit Charité-Wissenschaftlern nach den Ureinwohnern der Doppelstadt. „Anhand der Knochen kann man etwas über die Lebensbedingungen und die Herkunft der Menschen erfahren“, erklärte Melisch damals. Weil die 40 ältesten männlichen Toten nicht miteinander verwandt waren, gehe man davon aus, dass die Gegend nicht mit Familien besiedelt wurde. Die Menschen, die sich vor mehr als 800 Jahren auf dem Handelsweg zwischen Magdeburg und Frankfurt (Oder) an der Spree niederließen, stammten ähnlich wie heute aus verschiedenen Gegenden. (s. moz.de vom 15.5.2019)

So sind über den Umweg der archäologischen Erforschung des Petriplatzes und der Neubebauung der Strecke zwischen Breite Straße und Jungfernbrücke die Lokationen des Pastells „Am Köllnischen Fischmarkt“ auf neue Weise deutlich geworden. Die Spuren Alt-Berlins sind weitgehend, aber nicht völlig verwischt. Der Senat von Berlin will daher in geeigneter Weise zur Wiedererkennung beitragen. Zum Petriplatz schreibt er in einem Plaungsdokument: „Städtebauliches Ziel ist es, die besondere Bedeutung dieses Ortes unter Einbeziehung archäologischer Spuren wieder erlebbar zu machen. Der Petriplatz soll in historischer Kontur, aber zeitgemäßer Gestaltung neu entstehen.“ (s. Petriplatz/Breite Straße bei www.stadtentwicklung.berlin.de) Am Ort der früheren Petrikirche ist ein interkonfessionelles Bet- und Lehrhaus – nunmehr House of One – geplant. Der Platz wird umgeben sein mit einer urbanen Mischung aus Wohnungen, Läden, Gaststätten und Büros sowie einem archäologischen Besucherzentrum.

Das House of One entsteht nach Plänen des Berliner Architekturbüros Kuehn Malevizzi. Beim Bau soll große Rücksicht auf die archäologischen Überreste der einstigen Petrikirchen genommen werden. Im Untergeschoss wird eine acht Meter hohe Halle die Überreste der historischen Gebäude angemessen präsentieren.

Ob dieser produktive Ansatz realistisch ist, nämlich die alte Stadt in der neuen wieder zu erkennen, wird beim Besuch der Lokationen als Problem offenbar. Das Cöllnische Rathaus soll seine Kubator im Hotel Capri spiegeln. Dies ist an der Kreuzung Gertraudenstraße/Breite Straße einfach nicht erkennbar. Der ehemalige Cöllnische Fischmarkt ist eine banale Anhäufung von Straßenverkehr. Die umstehenden Gebäude sind mit den üblichen Betonfassaden verhüllt und schüchtern ein oder stoßen ab.

Hotel Capri als nachgebildete Kubator des Cöllnischen Rathauses? Die gesamte überbaute Fläche bietet keinen menschlichen Zugang.

Kommen wir zum Schluss auf den Punkt und entschlüsseln die vier Häuser an der Kleinen Gertraudenstraße.

Die Häuser an der Kleinen Gertraudenstraße unlängst…

Links das Geschäftshaus Gertraudenstraße 10-12, auch bekannt als Juwel-Palais. Es wurde 1897-98 von Georg Roensch und Max Jacob als Pfeilerbau mit Sandsteinfassade in gotisierenden Formen errichtet. Die Sichtbeziehung zur Petrikirche hat vermutlich bei der Wahl des gotischen Stils eine Rolle gespielt. Das Haus hatte nur leichte Kriegsschäden und wurde nach dem Krieg als Bürohaus genutzt. Dieses eindrucksvolle Gebäude ist das letzte erhaltene von vielen hochkarätigen Geschäftshäusern entlang der Gertraudenstraße, die den Krieg nicht überstanden haben. Aus jüngerer Zeit ist es bekannt durch das Geschäft Hochzeitsausstatter.

Mittig das Wohnhaus Kleine Gertraudenstraße 3/4. Es wurde um 1862 errichtet, Bauherr war Carl Eduard Achilles, ein umtriebiger Unternehmer. Das Haus dient heute als Hotel.

Schließlich auf der rechten Seite das Wohnhaus Scharrenstraße 17 aus dem Jahre 1780. Das Landesdenkmal beschreibt diesen Komplex:


Das erhaltene Ensemble historischer Bauten an der Gertraudenstraße 10-12 umfasst einen Baublock südwestlich des ehemaligen Standorts der Petrikirche und das Pfarrhaus von St. Petri an der Friedrichsgracht, darüber hinaus die alte Gertraudenbrücke, die noch den ursprünglichen Verlauf der Gertraudenstraße markiert. Der Wohn- und Geschäftshauskomplex zwischen Scharren-, Gertrauden- und Kleiner Gertraudenstraße sowie Friedrichsgracht besteht aus drei Gebäuden, die im 18. und 19. Jahrhundert erbaut und 1975 als „Traditionsinsel“ saniert worden sind. Im Inneren sind die Wohnhäuser komplett umgebaut, an den Fassaden wurden sie zum Teil frei rekonstruiert. Trotzdem vermitteln sie auf dem Gebiet des historischen Zentrum Köllns noch ein Bild von der ehemaligen kleinteiligen Bebauungsstruktur.

Nun wird die Häuserzeile aus historischen Berliner Zeiten gnadenlos abgedrängt zu Gunsten einer konfektionierten Architektur, die die Hauptstadt massenhaft überschwemmt.

So wird nach den Plänen des Stadtentwicklungssenats der einstige Petriplatz einmal aussehen: links das Archäologische Zentrum mit Anbau, rechts das House of One, dazwischen ein Aufenthaltsraum mit Baum.

Die alte Stadt Otto Nagels erscheint nun als unendliche, zubetonierte Trostlosigkeit. Eine Wiedererkennung des historischen Petriplatzes will sich nicht einstellen. Er ist nun eingeklemmt zwischen House of One und Scharrenstraße und umfasst 823 qm. Otto Nagel sind diese Peinlichkeiten erspart geblieben. Seine Phantasie wäre überfordert worden.

Der am meisten reale und menschliche Ort am Petriplatz ist: das „Café am Petriplatz“. Es öffnet trotz ungemütlicher Umstände und lässt sich in den sozialen Medien von seinen Gästen loben.

Café am Petriplatz

(Axel Matthies)




Große Retrospektive für Ronald Paris in Biesdorf

Seit dem 14. Juni ist im Schloss Biesdorf die Ausstellung „Bilder vom Sein – Arbeiten aus sechs Jahrzehnten“ von Ronald Paris zu sehen. Sie dauert bis zum 14. August und umfasst Gemälde und Zeichnungen, Grafiken und Collagen. Die Ausstellung ist eine Antwort auf die plötzliche Absage der geplanten Exposition mit Porträts von Otto Nagel, die seit 21. Mai hier im Schloss das zentrale Ereignis innerhalb des Otto-Nagel-Jahres bilden sollte. „Die Ausstellung soll sobald wie möglich, vielleicht schon im nächsten Jahr realisiert werden“, so die jüngste Aussage der Kulturstadträtin Witt (LINKE). Um so höher ist das Engagement des Galerie-Teams um Karin Scheel zu schätzen, Leerzeit zu vermeiden und die für Herbst geplante Paris-Ausstellung vor zu ziehen. Die Kuratorin Gerlinde Förster hat aus dem Schaffen des Malers etwa 50 Werke ausgewählt, die sich in dessem eigenen Besitz befinden.

Kämpferisch wie immer: Ronald Paris coronagerecht bei der Ausstellungseröffnung

Ronald Paris (*1933) gehört zu den herausragenden Malern und Grafikern seiner Generation. Die retrospektiv angelegte Ausstellung zeigt in einem kontrastreichen räumlichen Gegenüber Malerei und Zeichnungen, die beispielhaft für das Lebenswerk des Künstlers stehen.

Paris sucht das Erlebnis der Landschaft, die menschliche Gestalt, und er braucht die damit verbundene Geschichte. Das Verlangen, den Menschen in seiner sozialen Wesenheit zu begreifen, hinter die Gründe und Abgründe seines Tuns zu kommen, ist die eigentliche Triebkraft seiner Bildwelt.

Er greift auf antike Gestalten und Mythen zurück, ist von den Dramen Shakespeares bis zur Dichtung Volker Brauns inspiriert und nimmt dieses Material auf für seine künstlerischen Deutungen.

Eine wichtige Facette seines Werks sind die Porträts, sie sind der verdichtete Ausdruck seiner realistischen Kunst. Einer der Porträtierten ist Otto Nagel. Noch heute ist die für Paris prägende Zeit an der Akademie der Künste als sein Meisterschüler bei ihm wach. Andere Zeichnungen wie die von Ernst Busch, Hanns Eisler, Heiner Müller, Harry Kupfer und Inge Keller verweisen auf Paris‘ große Nähe zum Theater.

Paris‘ Bedürfnis ist es bis heute, sich künstlerisch einzumischen. Durch viele seiner künstlerischen Deutungen fordert er polemisch-trotzig einen Dialog heraus.

So weit die Vorankündigung zur Ausstellung. Aber wie wirkt sie auf den Betrachter in der persönlichen Reflexion?

Blut und Tränen

Für mich erst einmal als Schau mit Blut und Tränen. Menschen sind in Bedrängnis, werden vertrieben, gequält oder getötet. Viele antike Figuren werden aufgerufen, von denen nur der Griechisch- oder Lateinschüler Kenntnis hat; uns ahnt nur, was sich da tat. Dennoch prägt man sich Namen ein und blättert nach. Unlängst hat Gunnar Decker über eine Wieland-Förster-Ausstellung notiert:

„Über Marsyas hatte Fühmann eine verstörende Erzählung geschrieben – dies hier (Försters Plastik) ist gleichsam ihr visuelles Pendant. Ein Gleichnis auf den Künstler vor der Macht samt ihrer grausamen List. Der Wettstreit von Marsyas mit Apollon endet damit, dass sich Apollon zum Sieger erklärt und Marsyas auf grausame Weise tötet – ihn häutet, verstümmelt, in Fetzen schneiden lässt und diese Fetzen in alle Winde verstreut. Aber mit diesem vollständigen Sieg hat sich Apollon auch selbst eine vollständige Niederlage bereitet, denn Marsyas’ Partikel sind nun überall, der schöpferische Funke ist nicht mehr aus der Welt zu bringen.“

Diese Bilder sind in extrem expressionistischer Form in erdigen Farben – grün-braun – mit häufig akzentuiertem Rot ausgeführt. Sie sind wuchtig und leidenschaftlich, drücken das aus, was der Maler als häufigste Argumente bei seiner Weltbetrachtung benutzt: Willkür und Gewalt.

Die Schändung des Marsyas (nach einer Novelle von Franz Fühmann), 1994

Und Paris hält die Erinnerung wach: Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador , – wer erinnert sich noch an ihn? – wird im März 1980 während einer von ihm zelebrierten Messe mitten in einer katholischen Kathedrale erschossen. Romero war ein hoch angesehener Vertreter der Befreiungstheologie; sein Tod löste heftige soziale Kämpfe in El Salvador aus. Paris denkt an ihn und damit an viele andere, die wir vergessen haben. Das Gemälde hält nicht den Schrecken und die Angst fest sondern das stille Momentum des Todes.

Oscar Romero, 1981

Neben den antiken Figuren beruft sich Paris auf Heiner Müller, Franz Fühmann und Volker Braun, Namen, die in der modernen deutschen Literatur herausragende Bedeutung haben und die, wie Franz Fühmann, sich mit dem Thema „Dichtung und Doktrin“ auseinander setzten – einem Thema, dem Paris mit seinem Werk ähnlich eng verbunden ist. Die Ausstellung heißt ganz bewußt: „Bilder vom Sein“. Und Paris fügt hinzu: „Alle Verhältnisse sind nur Verhältnisse. Sie sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden.“ Wer so spricht, hat sich mit der materialistischen Geschichtsauffassung befasst. Er weiß, wovon er malt.

Heiner Müller, Bleistift 1988


Widerspruchsvolle Lehrjahre

Wie ist der Maler Ronald Paris eigentlich geworden? Ich habe keine gerichtete Erinnerung, könnte nur sagen, dass Paris immer dabei war. Aber er nahm in der DDR eine langwierige Lehrzeit in Kauf. Nach dem Studium der Wandmalerei an der Kunsthochschule in Weißensee zwischen 1953 und 1958, wofür er das heute legendäre ABF-Abitur nachholen musste und wo er unter anderen bei Robbel, Mohr, Mucchi und Heller lernte, wollte er schnell praktische Ergebnisse vorweisen. Mit einem Stipendium des Magistrats von Berlin ging der junge Paris in die LPG Berlin-Wartenberg, um nach den Maßstäben des Bitterfelder Weges im Sommer 1960 die Genossenschaftsbauern zu begleiten. Die vorgelegten Arbeiten, die nach bestem Wissen den neuen Charkter der Landarbeit als frei von Privateigentum und Junkertum zeigten, wurden als „Verzerrung der Wirklichkeit“ charakterisiert und sowohl in „Junge Kunst“ als auch der FDJ-Studentenzeitschrift „forum“ fundamental kritisiert. Die Kritik richtete sich vor allem auf die nicht gezeigte neue Landmaschinentechnik, die „Kombines“. Hermann Raum vergleicht in seinem Standardwerk „Bildende Kunst in der DDR“ SED-Kulturpolitik und die Dogmen der monolithischen Kirchen mit dem Bild, dass „stets die überzeugtesten und fähigsten Anhänger“ am borniertesten attackiert worden wären.

Damit hatte Ronald Paris erst mal seinen Stempel bekommen. Um so höher ist die 1963 folgende Meisterschülerschaft bei Otto Nagel in der Akademie der Künste zu werten, die ihn und seinen Weg stärkte. Nagel schützte und fördete seine Schüler. Parallel war Paris in den Theatern Ost-Berlins zu Haus, insbesondere in der Volksbühne bei Besson und im Berliner Ensemble. Paris schuf dort Szenen und Ausstattungen. Diese Zeit bestritt er mit seiner damaligen Frau Helga Paris, die sich erste Sporen als Theaterfotografin verdiente. Dort begann auch die Bekanntschaft mit Wolf Biermann, der sich um die Gründung des Berliner Arbeitertheaters b.a.t. verdient gemacht hatte. 1969 reüssiert Ronald Paris erstmals in großem Stile mit dem Wandgemälde „Lob des Kommunismus“ im Saal des damaligen Hauses der Statistik. Es wurde mit der Stillegung des Hauses abgenommen und hängt heute im DDR-Museum. Diese hochinteressante Geschichte können Sie hier nachlesen.

Lob des Kommunismus, 1969


1975 folgt dann ein Schnitt: Ronald Paris verläßt Berlin und geht gemeinsam mit Isolde Hanke, seiner neuen Lebensgefährtin, nach Rostock-Evershagen, um die dortigen Neubauviertel künstlerisch zu gestalten. 1976 erhält er den Nationalpreis. Er schafft noch große Wandbilder für das Neue Gewandhaus in Leipzig und das damalige Kulturhaus Schwedt, die heutigen Uckermärkischen Bühnen. 1985 kehrt er nach Berlin zurück und führt den Berliner Bezirksverband der Bildenden Künstler bis 1991. Was aus heutiger Perspektive überrascht: Ronald Paris wurde nicht zum Mitglied der Akademie der Künste der DDR ernannt.

Ruhe und Schönheit

Die politische Wende in der DDR und der Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland mögen den Maler sehr geschmerzt haben. Wie so viele andere Künstler aber stimuliert die Entlassung aus der staatlichen Vormundschaft Paris zu neuen Themen und neuer Schaffenskraft. Ronald Paris reist viel, entdeckt seine Liebe zu den südlichen Ländern Europas, zu den Ländern, in denen seine mythischen Themen einst aufgerufen wurden. Frankreich kommt hinzu und Nordeuropa, insbesondere dessen Küsten. Er malt Landschaften und Stilleben, entdeckt Ruhe und Schönheit. Er kramt für die Ausstellung auch alte Hüte aus, die aber bereits Ikonen seines Künstlertums sind.

Stilleben vor nächtlicher Straße (Das graurotgrüne Vorstadtlied), 1957

Man steht atemlos vor dem Bild „Hotel Lux“ aus dem Jahre 1964 – und sieht nichts… Das Hotel ist ein Phantom. Vielleicht die beste Lösung, die ein sozialistischer Maler damals finden konnte.

Die Landschaften, die er gemalt hat, verströmen Ruhe und Anschaulichkeit, sie sind frei von Anstrengungen und Kämpfen. Auch das gehört zu seiner Kunst.

Vor dem Zeesbootrennen, 2006


Zu den Legendenbildungen im Umfeld der Besprechungen dieser Ausstellung gehört die Behauptung einer Freundschaft zwischen Paris und Biermann. Sicherlich gibt es frühe Begegnungen in den 1960er Jahren innerhalb der Berliner Theaterszene. Fakt ist, dass Paris Illustrationen zu Biermanns Gedichtband „Drahtharfe“, dem am meisten verkauften Lyrikband, fertigte. Aber spätestens 1968 schieden sich die Geister, als beide die Ereignisse in der CSSR höchst unterschiedlich interpretierten. Dennoch schuf Ronald Paris das Porträt für den Ehrenbürger von Berlin des Jahres 2007. Biermann saß zwei Tage Modell. Am Tag der Verleihung ätzte dieser wie gewohnt – auch gegen den Maler.

Ehrenbürger Wolf Biermann im Abgeordnetenhaus von Berlin

Ganz am Ende ein kleiner Film aus dem Jahre 2012: Ronald Paris im Gespräch mit Karlen Vesper zum gemeinsamen Buch: „Wahr und wahrhaftig“.

Die Ausstellung ist höchst empfehlenswert, auch die sie begleitende Publikation.

Öffnungszeiten:

täglich von 10 – 18 Uhr
Freitag 12 – 21 Uhr
Dienstag geschlossen

Das Tragen einer Mund-Nase-Maske ist erforderlich.

www.schlossbiesdorf.de

(Axel Matthies)

Vortrag „Heinrich Zille und sein Milljöh“ – mit Exkurs Zille in Lichtenberg

Die Kunsthistorikerin Nicole Bröhan, Tochter des im Jahre 2000 verstorbenen Unternehmers und Kunststifters Karl H. Bröhan, hielt am 19. Februar einen Vortrag über „Heinrich Zille und sein Milljöh“ im Schloss Biesdorf. Wir konnten Frau Bröhan kurzfristig für diesen Termin anläßlich der 50. Wiederkehr der Ernennung Heinrich Zilles und Otto Nagels zu Ehrenbürgern durch den Magistrat von Berlin am 4. Februar 1970 gewinnen. Frau Bröhan ihrerseits war dieser Einladung gerne gefolgt, hat sie doch zu Zille eine Biografie bei Jaron vorgelegt. Zille wiederum ist nicht nur der Zeichner Alt-Berlins und prominenter Bewohner des um die Jahrhundertwende expandierten Charlottenburg sondern auch profunder Kenner und langjähriger Weggefährte des Berliner Ostens. Wir zeichnen den Vortrag Frau Bröhans nach und ergänzen gelegentlich.

Zilles Familie reiste 1867 aus Radeburg bei Dresden in den Osten Berlins, ins heutige Friedrichshain. Auslöser dafür war eine erhebliche Steuerschuld des Vaters gegenüber Sachsen. Zille, der damals neun Jahre alt war, hat sich später so erinnert: „Am Anhalter Bahnhof kletterten wir aus dem Zug. Da hätten wir nun in der Gegend wohnen bleiben sollen. Denn die Leute siedelten sich damals in den Stadtteilen an, wo sie mit der Bahn ankamen. Die Pommern blieben am Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof), am Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) wohnten die Ostpreußen und Pollacken und am Görlitzer Bahnhof die Schlesier. Wir aber zogen in die Gegend am Schlesischen Bahnhof…“ Die Familie kam zunächst in einer kleinen Kellerwohnung in der Andreasstraße unter. Die Gegend, damals noch am südöstlichen Stadtrand, war bereits im Umbruch.

Karte mit der Bevölkerungsdichte aus dem Jahre 1875
am damaligen Frankfurter Bahnhof

An die Stelle der von Zille später „alte schwarze Häuser“ genannten Gebäude traten zunehmend die typischen Berliner Mietskasernen. Berlin, zumal nach dem Fluss französischer Kriegskontributionen, expandierte unvorstellbar und brauchte dazu jede Menge Arbeiter. Das „Stralauer Revier“ oder die „Stralauer Vorstadt“, in der die Zilles wohnten, ist dafür ein typisches Beispiel: die Bevölkerung wuchs hier von 80.000 im Jahre 1867 auf mehr als 300.000 im Jahre 1910. Es gab reichlich Spannungen unter den Zugewanderten. Heinrich besucht die Gemeindeschule in der Krautstraße, wo er mühelos lernt. Sein natürliches Hinterland, in das er Ausflüge unternimmt und zeichnet, sind Stralow, Lichtenberg, Friedrichsfelde und sogar Biesdorf. Von Biesdorf existiert eine Zeichnung der Feldmark.

Der junge Sachse hatte keine Berührungsängste mit Mitbewohnern. Er berlinert schnell. Armut, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung lernt er kennen wie seine zweite Haut. Der sogenannte fünfte Stand und die allgegenwärtigen Nutten, übrigens eine Sprachschöpfung jener Zeit (vom technischen Begriff „Nut“), sind ihm vertraut. Dieses Elend wird in seinen Zeichnugen zum Markenzeichen. Von einer Mitbewohnerin zeichnet er die Küche.

Küchentisch von Frau Clara

Überall macht er sich nützlich, um die Mutter zu unterstützen. Er hilft der Metzgersfrau, die nicht lesen und schreiben kann, bekommt dafür Wurst und heißt „Wurst-Zille“. Die benachbarte Weberwiese war Unterlage für alle möglichen Gestalten und hieß damals Lausewiese. Besuche im Zoo mussten die Kinder zu Fuss angehen. Wie im Sommersemester 1837 Karl Marx von Stralow aus zur Friedrichs-Wilhelm-Universität zogen sie auf der heutigen Holzmarktstraße spreeabwärts in die Altstadt und von dort durch den Tiergarten zum Zoo. Heute erscheint einem die S-Bahnfahrt dorthin schon lang.

Zille zeichnete Marx um 1900

Als sich der Schulabschluss abzeichnete, wies der Vater, der inzwischen als Mechaniker bei Siemens & Halske angestellt war, seinen Sohn an, Fleischer zu werden. Fleisch und Wurst würden bei der explosiv wachsenden Bevölkerung immer benötigt, argumentierte er. (Der Städtische Central-Vieh- und Schlachthof an der Ringbahn wurde am 1.3.1881 eröffnet.) Heinrich seinerseits war durch seinen Zeichenlehrer Spanner auf die Idee gekommen, Lithograph zu werden. Spanners Argumente: du sitzt inne warme Stube, wirst mit Sie anjeredet und kriegst keene dreckigen Kleider. Und so hat sich Heinrich durchgesetzt. 1872 nahm er die Lehre auf.

Die Lithographie gehörte im 19. Jahrhundert zu den am meisten angewendeten Drucktechniken für farbige Drucksachen. Sie war das Zwischenglied zwischen Malerei/klassischer Grafik und der Fotografie/Offsettechnik und bekam insbesondere in den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts überragende Bedeutung für Zeitungen, Zeitschriften, illustrierte Romane, die sich so viel besser verkaufen ließen sowie für Plakate, Emailleschilder usw. Nach dem Weltkrieg eroberten dann zunehmend die Fotografie und der Offsetdruck den Markt für Druckerzeugnisse. Zu Zilles Zeiten wurden aber begabte Lithographen, die die zu druckenden Texte und Bilder auf einem Lithographiestein manuell und seitenverkehrt anzufertigen hatten, wie Goldstaub gesucht. Während seiner Ausbildungszeit nahm Zille zusätzlichen Unterricht bei Carl Domschke und Theodor Hosemann.

Theodor Hosemann, Schlemmerfrühstück. 1856 Hosemann war als Lehrer Zilles schon ein alter Herr, der politisch durch die Schule des Biedermeier gegangen war

Nach einer Erbschaft von Zilles Mutter konnte die Familie sich im Jahre 1872 in der Gemarkung Lichtenberg ein Stück Land kaufen und dort ein Häuschen bauen (heutige Adresse Fischerstraße 8).

Das Grundstück wird durch dieses Wandbild ausgezeichnet

Zille lebte weiter bei der Familie und arbeitete seit 1877 bei der Photographischen Gesellschaft Berlin am Dönhoffplatz, unmittelbar neben dem Spittelmarkt. Er hatte nun ein anständiges Einkommen und konnte 1883 heiraten. Heinrich Zille siedelte mit seiner wachsenden Familie in der neu gegründeten Victoriastadt in verschiedenen Wohnungen. Der Historiker Günter Möschner hat am Anfang der 2000er Jahre in Adressbüchern die Aufenthaltsorte der Familie ermittelt. Dies ist eine eigene Geschichte.

1892 zog Heinrich Zille mit seiner Familie nach Charlottenburg, in den Fürstenbrunner Weg, seit 1895 Sophie-Charlotte-Straße 88. Grund war der Wegzug seines langjährigen Arbeitgebers vom Dönhoffplatz nach Westend. Zwischen 1880 und 1910 entstand in Charlottenburg im Zuge der Industrialisierung ein bevölkerungsreiches Arbeiterviertel. Die Einwohnerzahl der bis dahin beschaulichen Vorstadt – erst seit 1920 gehört Charlottenburg zu Berlin – wuchs innerhalb von 30 Jahren auf 300 000 an. An der Sophie-Charlotte-Straße sowie im ganzen Kiez drum herum wurden Mietskasernen für die immer zahlreicher werdende Arbeiterschaft gebaut. Nach 25 Jahren verließ Zille damit den Berliner Osten, der ihm so vertraut geworden war. Später schätzte er ein: „Die Menschen im Osten und Norden verstanden mich sofort…“

Reisigsammlerinnen in Westend. Reisig wurde für die Befeuerung der Kochmaschine benötigt. Das Foto wird Zille zugeschrieben

Heinrich Zille erobert nun zunehmend die Großstadt und entwickelt sich zum Künstler, zum „Pinselheinrich“. Schon in der Zeit seiner Anstellung am Dönhoffplatz ging er oft in den „Nussbaum“ in der Fischerstraße. Diese nahe gelegene Kaschemme wurde sein Stammlokal. Dort musste er gegen die Skepsis der Diebe, Gauner und Halbweltdamen ankämpfen, was ihm mit seinen „Spendierhosen“ gelang. Nun konnte er in aller Ruhe seine Zeichenstudien angehen.

Der historische „Nussbaum“ in einer Zille-Zeichnung von 1922

Um 1900 lernte Zille die jungen Bildhauer August Gaul und August Kraus kennen, die ihn an die Berliner Künstlerkreise heranführten. Es folgten gemeinsame Stunden des Aktzeichnens, Kegelabende und Atelierfeste, die er gelegentlich mit seiner Handkamera festhielt. Das neue Umfeld aus angesehenen Künstlern motivierte ihn, sein außergewöhnliches Talent zu nutzen und auszubauen. Er kommt schließlich auch in Kontakt zu Max Liebermann, der als Präsident der Berliner Secession dafür sorgt, daß Zille ab 1902 deren Mitglied wird. Liebermann bleibt auch in schwierigen Zeiten an der Seite des elf Jahre jüngeren Zille. Im Jahre 1925, anläßlich des Erscheinens des Bandes „Berliner Geschichten und Bilder“, schreibt er auf Bitten des Dresdner Verlegers Carl Reissner ins Vorwort: „Wir spüren die Tränen hinter Ihrem Lachen. […] Und diesem Humor, der so selten ist wie ein weißer Rabe, verdanken Sie Ihre Popularität und Ihre Größe als Künstler.“

1927 revanchiert sich Zille bei Liebermann
anläßlich dessen 80. Geburtstages

Zilles Förderer bleiben neben Liebermann und Walter Leistikow vor allem Käthe Kollwitz. Mit Liebermanns Protektion wird „Pinsel-Heinrich“ schließlich 1924 als Professor Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Als Zille 1907 bei der Photographischen Gesellschaft aus seiner Festanstellung, wo er inzwischen technischer Leiter war, entlassen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Gründe sollen sein fortgeschrittenes Alter und sein hohes Einkommen gewesen sein. Aber auch seine immer kritischer werdenden Zeichnungen werden als Anlass genannt. Denn, so Zille: „Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss.“ Tochter Margarete sieht ihn zum ersten Mal weinen. Zille empört sich. Er muss nun als freier Künstler die Familie ernähren. Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus, befinden sich allerdings erst in der Berufsfindungsphase. Der Vater weiß, dass er Abstriche machen muss für die Auftraggeber. Seine neue publizistische Heimat heisst nun „Lustige Blätter“. Wie zerrissen er ist und künstlerisch agieren muss, zeigen zwei Zeichnungen aus der Kriegszeit.

Zille zeichnete bis 1917 jede Woche ein Blatt für den „Ulk“, die Beilage zum „Berliner Tageblatt“, in denen er fiktive (und zuweilen erstaunlich naiv gesehene) Kriegserlebnisse zweier deutscher Soldaten an den Fronten erfand.
Dagegen: Das eiserne Kreuz von 1916

Als Mensch ist Zille ohne Sinn für Äußerlichkeiten. Immer trägt er den gleichen Anzug. Zu Hause läuft er im Hemd herum, kommt ohne jede Künstlerattitüde aus. Er bleibt Stammgast im Wirtshaus „Nussbaum“ in der Fischerstraße. Er hilft Freunden und Kollegen bei Arzt- und Apothekerkosten. Der Spitzname „Vater Zille“, der ihm immer öfter nachgerufen wird, gefällt ihm. Der einflussreiche Kunstkritiker Adolf Behne ernennt ihn zum „schöpferisch gewordenen Proletarier“.

Otto Nagel lernt Zille 1922 kennen. Der junge Nagel hat vor Zille, der sein Vater sein könnte, einen Riesenrespekt. Sie siezen sich bis zuletzt. Bei seiner Ausstellung 1925 in Sowjetrussland (Leningrad, Moskau, Saratow) stellt Nagel auch Bilder von Zille aus. 1928 arbeiten sie zusammen für den „Eulenspiegel“. Bei ihren gemeinsamen Streifzügen durch den Fischerkiez legt Zille den Keim für Nagels Alt-Berlin-Begeisterung. Nagel nennt es die „Liebe zur alten Stadt“. Beide sind bis an ihr Ende in einem bestimmten Sinne konservativ: Nagel kann sich nicht mit dem Abriss des Fischerkiezes arrangieren, Zille fehlt der Grund zur Karikatur der Weimarer Zeit.

Als 1919 Zilles Frau stirbt, muss er sich um seine Familie kümmern. Er gilt als Hypochonder; darf in der letzten Lebenszeit keinen Alkohol mehr trinken, keinen Zucker benutzen. Dafür Fachinger Wasser. „Bitte keinen Besuch – bin krank“ steht an seiner Wohnungstür. Der Briefträger rät von dem Aufkleber ab: „denn brechen se bei Ihnen in“. Der 70. Geburtstag 1928 wird noch einmal gefeiert. Das Märkische Museum macht die große Retrospektive „Zilles Werdegang“ und kauft 100 Werke an – den Grundstein für einen Zille-Fundus in Berlin (der am Ende des 2. Weltkrieges fast restlos verbrennt). Käthe Kollwitz sagt zu Zilles 70. Geburtstag: „Er ist restlos Künstler. Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke.“

Zille ist nun berühmt: überall hängt Kneipenschmuck, es gibt Zigarren mit Zille, Zille-Filme, Zille-Bälle… Alles Raubkopien! Nach heutigem Urheberrecht wäre Zille Millionär geworden, aber er hinterläßt nach seinem Tode im Sommer 1929, in Folge zweier Schlaganfälle, ein sehr schmales Vermögen. Sein letztes Vermächtnis flimmert am 30. Dezember am Kurfürstendamm über die Leinwand: Mutter Krausens Fahrt ins Glück – gewidmet dem großen Künstler Heinrich Zille. Dafür sorgten Käthe Kollwitz, Nagel und Baluschek.

Frau Bröhan am Ende ihrer begeistert aufgenommenen Lesung im Gespräch mit Besucherinnen

(Axel Matthies)

Werner von Siemens zum 200. Geburtstag

 

Werner von Siemens, dessen Geburtstag sich am 13. Dezember 2016 zum 200. Mal jährt, war ein großer deutscher Unternehmer in der Epoche der Reichsgründung, die in der deutschen Geschichte von großer Bedeutung ist – sie steht für maßgebende Leistungen in Technik und Wissenschaft und den Aufstieg Deutschlands zu einer europäischen Großmacht. Werner von Siemens hatte mit seiner Firma bedeutenden Anteil an der globalen Vernetzung durch Fernmeldekabel sowie die wirtschaftliche Nutzung der Elektroenergie, durch die Produktions- und Lebensweisen der Menschheit einen intensiven Schub erfuhren. Der Mantel der Geschichte wehte diesen Mann aber auch nach Biesdorf im Landkreis Niederbarnim.

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Büste im Schlosspark

 

Alles hart erarbeitet

Siemens fiel nichts in den Schoß. Sein Vater war Gutspächter in Lenthe westlich von Hannover. Zehn glückliche Kindheitsjahre verbrachte er hier im Kreise seiner wachsenden Geschwisterschar – es sollten schließlich 14 werden.

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Geburtshaus in Lenthe (Foto: Siemens)

 

Danach zog die Familie in die Umgebung von Lübeck. Wirtschaftlich blieb das Leben bescheiden. Obwohl seine schulischen Leistungen besonders in Mathematik auffielen, blieb Siemens nur ein Weg, um eine wissenschaftlich-technische Ausbildung zu erlangen: das Militär. 1835 nahm er als Offiziersanwärter sein Studium an der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule auf und erhielt dort eine umfassende naturwissenschaftliche Ausbildung. Nach dem Tod seiner Eltern, die 1839 und 1840 kurz nacheinander verstarben, musste Siemens die Vaterrolle für seine jüngeren Geschwister übernehmen.

Erste kleine Firma mit geborgtem Startkapital

Siemens war auf der Suche nach einer geeigneten Geschäftsidee, um den Militärdienst beenden zu können.  Silvester 1846, Werner war gerade 30 Jahre  alt geworden, plagten ihn Depressionen. Er konnte die Verantwortung für die Geschwister nicht einlösen. Da beschloss er, sich ein festes wirtschaftliches Fundament durch die Telegraphie zu schaffen. Der Siemens’sche Zeigertelegraf war den bisherigen Apparaten dieser Art überlegen, weil er nicht mehr ähnlich einem Uhrwerk arbeitete, sondern einen selbsttätig gesteuerten Synchronlauf zwischen Sender und Empfänger hatte – eine völlig neuartige Lösung der elektrischen  Nachrichtenübertragung. Mit dem Bau des Telegrafen beauftragte der 30-jährige Erfinder den Feinmechaniker Johann ­Georg Halske, den er aus der „Physikalischen Gesellschaft“, einer Vereinigung ambitionierter junger Wissenschaftler, kannte. Halske fertigte im Auftrag vieler renommierter Naturwissenschaftler der damaligen Zeit Versuchsanordnungen sowie Prototypen feinmechanischer, physikalischer, optischer und chemischer Erfindungen. Da die einzelnen Telegrafen in Handarbeit produziert wurden, erübrigte sich die Anschaffung größerer Maschinen. Das Startkapital in Höhe von 6.842 Talern stammte von Werners Vetter und Vater des späteren Mitbegründers der Deutschen Bank, dem Justizrat Johann Georg Siemens.

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Erster Briefkopf um 1853 (Foto: Siemens)

 

Ein Jahr später kam die Initialzündung für die Firma. 1848 erhielt das junge Unternehmen einen politisch wichtigen Auftrag: eine Telegraphenleitung von Berlin nach Frankfurt am Main herzustellen, denn dort tagte die deutsche Nationalversammlung. Ziel dieser war die Schaffung einer Verfassung für Deutschland, für das gesamte Reich. Deutschland sollte Eins sein, regiert vom Willen des Volkes, unter der Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Geplant war, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am Ende zum deutschen Kaiser gewählt wird. Binnen einer Stunde hatte der preußische König in Berlin alle aktuellen Ergebnisse des Parlamentes auf seinem Schreibtisch. Damit wurde die Firma Siemens & Halske auf einen Schlag bekannt und weitere Aufträge zum Bau von Telegraphenverbindungen in Preußen und anderen deutschen Staaten folgten.

Die Firma errichtete bald Telegrafenleitungen in ganz Europa. Bruder Carl baute das Geschäft in Russland aus, während unter Wilhelms Aufsicht eine Kabelfabrik in England gegründet wurde. „Siemens und seine Brüder haben immer hochriskante Geschäfte gemacht“, urteilt der Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr. „Aber sie waren eben durch und durch Unternehmer.“ 1867 erhielt Siemens & Halske die Konzession zum Bau der indo-europäischen Telegrafenlinie, die von London bis Kalkutta reichen sollte. In drei Jahren Bauzeit wurde die Trasse errichtet, die bis in die 1930er Jahre verwendet wurde. Ein weiteres Beispiel für Siemens‘ Unternehmergeist war die Verlegung der transatlantischen Seekabel. Ein technisch höchst anspruchsvolles Unterfangen, das Siemens löste, indem er ein spezielles Kabellegerschiff bauen ließ. Die „Faraday“, die 2700 km Kabel mit einem Gewicht von 4500 t an Bord nehmen konnte, war eine Erfolgsgeschichte. Mit dem Schiff wurde das erste Kabel von Irland bis Neuschottland in vier Monaten verlegt. Siemens fertigte die Kabel in eigenen Werken. Das Schiff war jahrzehntelang im Einsatz.

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Kabelleger „Faraday“ (Foto: Siemens)

 

Elektrizität revolutioniert Produktions- und Lebensweise der Menschen

In den 1860er Jahren machte Siemens schließlich die Entdeckung, die in ihrer Konsequenz zur Elektrifizierung der Welt führen sollte: das dynamoelektrische Prinzip. Siemens wusste, dass dieses Prinzip Folgen haben würde. „Die Effekte müssen bei richtiger Konstruktion kolossal sein“, schrieb er Ende 1866 an seinen Bruder Wilhelm. Und das waren sie in der Tat. Zwar wurde das dynamoelektrische Prinzip zeitgleich auch von anderen Wissenschaftlern formuliert, doch war es Siemens, der es am konsequentesten vermarkten konnte. Siemens war in der Folgezeit an der Elektrifizierung der Lokomotive, der Straßenbahn und der Straßenbeleuchtung, erste Beleuchtung in der Berliner Kaisergalerie, beteiligt und sein Unternehmen baute auch die ersten elektrischen Aufzüge.

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Erste europäische U-Bahn 1896 in Budapest, erbaut von Siemens (Foto: Siemens)

 

Liberaler Abgeordneter und humaner Unternehmer

Neben seinen technischen und unternehmerischen Tätigkeiten war Siemens auch politisch  aktiv. 1863 bis 1866 saß er für die liberale Deutsche Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus. Sein Unternehmen setzte Maßstäbe bei der Humanisierung der Arbeitswelt und führte bereits 1873 einen Neun-Stunden-Arbeitstag ein. Zugleich sorgte er für eine betriebliche Kranken- und Rentenversicherung. Er war maßgeblich beteiligt an der Vereinheitlichung des Patentwesens in Deutschland und legte die Basis für die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin. 1888 wurde er, und seine Familie, für seine vielfältigen Verdienste in den Erbadelsstand gehoben. Vor seinem Tod am 6. Dezember 1892 in Berlin hatte Siemens die Nachfolge in seinem Unternehmen geregelt. Sein Bruder Carl und die Söhne Arnold und Wilhelm führten es unter dem Namen Siemens weiter. Das Unternehmen – am 12. Oktober 1847 mit drei Mitarbeitern ins Leben getreten – hatte nun bereits 6 500 Arbeiter und Angestellte, die einen Jahresgewinn von 20 Millionen Reichsmark erwirtschafteten.

Zuckerrüben statt Elektrizität

Doch wie verschlug es diesen Global Player nun nach Biesdorf im Landkreis Niederbarnim? Die Welt ist ein Dorf, sagt man oft. Siemens hatte als Schüler in Lübeck Geodäsie-Unterricht genommen. Sein Lehrer hieß Ferdinand von Bültzingslöwen. Dessen Sohn Günther war mit niederländischen Kolonialtruppen nach Indonesien gegangen, hatte dort Geld verdient und musste aus Krankheitsgründen zurück nach Deutschland. Er kam nach Berlin und hörte hier vom Gut Biesdorf, das einem ihm bekannt gewesenen Freiherrn Hans-Hermann von Rüxleben gehörte. Die Güter der beiden Freiherren lagen nur einige dutzend Kilometer entfernt im nördlichen Thüringer Land. Diesem kaufte Bültzingslöwen das Gut Biesdorf ab in der Hoffnung, hier Zuckerrüben im Überfluss anbauen und verkaufen zu können. Damals bestand ein riesiger Zuckerbedarf, weil die industrielle Herstellung von Lebensmitteln begonnen hatte. Der Versuch schlug fehl; da wandte sich Bültzingslöwen in seiner Not an den ehemaligen Schüler seines Vaters – Werner Siemens. Siemens war an dem Deal nicht interessiert, aber die übergroße Dankbarkeit für seinen Lehrer gab den Ausschlag, dem Bittsteller 200.000 Reichsmark zu verleihen. Siemens ließ sich gleichzeitig ins Grundbuch eintragen für den Fall, dass Bültzingslöwen nicht reüssiert. So kam es – und neuer Besitzer von Schloss Biesdorf war im Jahre 1887 Werner Siemens. Siemens suchte zu dieser Zeit einen Alterssitz, doch Biesdorf kam für ihn und seine Frau überhaupt nicht in Frage. Er wählte Bad Harzburg.

Der Geist des Ortes

So übernahm wenig später Sohn Wilhelm Gut und Schloss. Er fühlte sich mit seiner Familie wohl, baute das Haus und den Park aus und rüstete, wie der Siemens-Biograf Johannes Bähr formulierte, das Schloss in den 1890er Jahren zu einem „High-tech-Heim“ auf. 40 Jahre, von 1887 bis 1927, war das Schloss im Besitz der Familie. Man muss die Siemens-Zeit als konstitutives Element der Schlossgeschichte betrachten. Es war die erfolgreichste Zeit für das Schloss und die Gemeinde Biesdorf in der Ära des Privatbesitzes. Die Siemens-Zeit ist aus der Schlossgeschichte nicht abzukoppeln, sie muss auf geeignete Weise in den Geist des Ortes, den genius loci, aufgenommen und bewahrt werden.

Am 8. Dezember veranstaltete unser Verein eine Vorlesung im Schloss zum Thema „Wie Werner von Siemens nach Biesdorf kam und welche Folgen das für die Gemeinde Biesdorf und die Stadt Berlin zeitigte“. Vortragender war Dr. Oleg Peters. Damit würdigten wir den 200. Geburtstag dieses bedeutenden deutschen Technikers und Unternehmers, des berühmtesten Schlossbesitzers.

Buchempfehlung

Zum 200. Geburtstag veröffentlichte der Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Johannes Bähr eine neue Werner-von-Siemens-Biografie. Er war im September 2015 in Schloss Biesdorf mit einem bemerkenswerten Vortrag über die Siemens-Familie aufgetreten.

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Das Schloss wird schön – der letzte Schliff vor dem ersten Auftritt

 

Wahrscheinlich war es die letzte Gelegenheit, das Schloss zu besichtigen, bevor es zum Tag des Offenen Denkmals am 13.September in Teilen der Öffentlichkeit zugänglich wird. 30 interessierte Vertreter_innen aus Kommunalpolitik und Bürgergesellschaft lauschten am 24. April gebannt den erklärenden Worten von Alexander Pechmann, dem Geschäftsführer der ausführenden Ingenieurgesellschaft PMS Gebäudeplanung und Projektsteuerung.

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Die interessierten Besucher, vorn rechts Alexander Pechmann

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Passage durch die neue Eingangstür

 

„Teile des Schlosses waren ohne Fundamente, Decken und Fußböden wurden getragen von Bohlen aus Metall und Holz, die dieser Belastung eigentlich nicht standhalten konnten, aber im Laufe der Jahre hatte sich alles irgendwie selbst stabilisiert wie bei einem Jenga-Spiel. Unsere Herausforderung war es, nicht am falschen Balken zu ziehen.“

Den Fundstücken, die während der gesamten Bauzeit ans Tageslicht kamen und wie eine Zeitreise die unterschiedliche Nutzung dokumentieren, könnte man eine eigene Veranstaltung widmen. Von Scherben des Kaffeeservices über Ringe der Gardinenstange bis hin zum Stahlhelm und der Zeitung „Völkischer Beobachter“, allein diese Dinge zeugen von der spannenden Geschichte des Schlosses.

Das Dach ist geschlossen, die Elektrik fertig, die Putz- und Stuckarbeiten in vollem Gang. Der Fußboden ist fast komplett verlegt, die Heizungsverkleidungen, die Türen und Zargen sowie die Fensterrahmen liegen bereit. Die Räumlichkeiten nehmen Gestalt an, so dass die Vision über die zukünftige vielseitige Nutzung der Realität weicht.

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Großer Galeriesaal mit Belüftungsschlitzen

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Wieder hergestellte Galerie (Südseite)

 

Was für ein beeindruckendes Haus: die Orientierung an den ursprünglichen Grundrissen der Innenräume sowie der Marmorfußbodenbelag im Foyer des Erdgeschosses, der erhaltene Kronleuchter im zukünftigen Café verschmelzen mit hochmodernen Elementen wie der Beleuchtung in den Galerieräumen, dem beidseitig begehbaren Fahrstuhl, der Technik zur Vermeidung von Einbrüchen, der Klimatisierung der Galerieräume.

Im Zentrum befindet sich das Oktagon, das sich bis ins Dach erstreckt und durch die sogenannte Laterne (einem Aufsatz, der Tageslicht herein lässt) die Lichtkuppel bildet. Diese Laterne ist fertig und wartet in Sachsen auf ihren Transport, weil für ihre Überbreite von 4,5 cm über das Standardmaß von Schwertransporten Genehmigungen aus drei Bundesländern erforderlich sind; manchmal kommen eben unvorhersehbare Herausforderungen für die Bauleitung hinzu.

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Oktagon                                   Turm

 

Über der Galerieetage befinden sich nun zusätzlich Lager- sowie Räume für das Personal, welches ebenso im Untergeschoss verschiedene Büros nutzen kann. Hier befindet sich auch die Küche für den Betrieb des Cafés.

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Nicht zuletzt soll auch ein Kreativraum für Kinder erwähnt werden, der wieder hergestellt worden ist, wie es ihn bereits schon mal gab.

Was ist nicht alles zu berücksichtigen zwischen Denkmalschutz und Bestandserhaltung auf der einen und dem Anspruch, den vorgeschriebenen Bedingungen bezüglich Umweltschutz, Energieverbrauch, mobilitätseingeschränkten Besuchern auf der anderen Seite gerecht zu werden.

Egal, ob das Schloss den Besuchern bezüglich seiner früheren Nutzung bekannt oder es der erste hautnahe Kontakt war, positiv beeindruckt waren alle und können die Teilöffnung fürs Publikum zum Tag des offenen Denkmals am 13.09.2015 kaum erwarten. Bauüberwacher Alexander Pechmann weiß aber auch, dass er in den verbleibenden drei Monaten noch mächtig klotzen muss: „Die letzten 5% am Bau darf man nie unterschätzen.“

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Und nie verrechnet

Heiner am 24.4.2015 Schloss Biesdorf

Sichtlich zufrieden: unser Vorstandsvorsitzender Dr. Niemann

 

(Katrin Freitag)

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