Ankündigung des neuen Vortrages mit der Volkshochschule

 

Der nächste Vortrag im Schloss-Jubiläumsjahr in der Reihe der Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V. mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf findet am Mittwoch, 12. September 2018, 18:00 Uhr im Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, 12683 Berlin statt. Das Thema lautet:

„Wie Schloss und Park Biesdorf 1979 zum Denkmal wurden

Ein Beitrag zum Europäischen Kulturerbe-Jahr ECHY 2018 “

 

Die Unterschutzstellung von Schloss und Schlosspark Biesdorf im Jahre 1979 war eine entscheidende Zäsur in der 150-jährigen Geschichte dieses Denkmalensembles.

Wie es dazu kam und in welchen Etappen schrittweise der heutige beeindruckende Zustand dieser schönen historischen Villenanlage am östlichen Rand von Berlin hergestellt werden konnte, ist das Thema des Vortrages von Dr. Heinrich Niemann, Vorstandsvorsitzender  des Vereins „Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf“.

Dabei wird das wechselvolle Schicksal des Parks mit seinen so unterschiedlichen Nutzungen und auch Gefährdungen seit der Gestaltung durch Albert Brodersen im Auftrag von Wilhelm von Siemens in den 1890er Jahren bis zur Gegenwart im Vordergrund stehen.

 

Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, 12683 Berlin

 

12. September 2018, 18.00 Uhr

 

Einlass ab 17:30 Uhr

 

Eintritt: 4,00 Euro

 

Um Anmeldung bei der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf wird gebeten (Tel. 902932590), Eintrittskarten können auch direkt vor Veranstaltungsbeginn im Schloss Biesdorf erworben werden.

 

Kontakt:

Dr. H. Niemann 030 5613290, DrHNiemann@gmail.com


Bronze-Büste von Günter Peters
im Schloss Biesdorf enthüllt

 

Mit einer würdigen Feierstunde am 11. August 2018 haben das Bezirksamt, der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf und der Verein “Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.” des ehemaligen Stadtbaudirektors und stellvertretenden Oberbürgermeisters Dr. Günter Peters gedacht.

Anlässlich seines Geburtstages vor 90 Jahren sprach Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle berührende Dankesworte, erinnerten die beiden Vereine an sein Wirken bei der Entstehung des Bezirks und der Rettung des Schlosses. Im Anschluss enthüllte Bezirksstadträtin Juliane Witt eine Bronzebüste des Geehrten, die ihren dauerhaften Platz im Erdgeschoss des Schlosses Biesdorf finden wird. Zur Feierstunde kamen neben Bürgerinnen und Bürgern Vertreter des Bezirks, der Bezirksverordnetenversammlung, der Familie sowie Senatorin Katrin Lompscher.

Günter Peters gilt als „Erbauer Marzahns“ und hatte als Stadtbaudirektor von Ost-Berlin in den 1960er und 1970er Jahren an der komplexen Gestaltung der damaligen Hauptstadt der DDR mitgewirkt und an den Planungen für die neue Großsiedlung Marzahn federführend gearbeitet. Günter Peters war der Motor für die Sicherung und den historischen Wiederaufbau  des seit Jahrzehnten erheblich in Mitleidenschaft gefallenen Schlosses Biesdorf. Er setzte sich außerdem für die Rekonstruktion der Alten Dorfschule in Marzahn ein, die heute das Bezirksmuseum beherbergt.

Blick in den Heino-Schmieden-Saal

 

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle hatte, so erinnerte sie sich in ihrer berührenden Rede, Günter Peters bei der Vorstellung des neuen „neunten Stadtbezirkes“ kennen gelernt. Denn der neue Bezirk Marzahn hatte nicht nur die Dimension einer völlig neuen komplexen Stadt mit öffentlichem Personennahverkehr, einem großzügigen Straßen- und Gehwegnetz sowie einer kompletten sozialen Infrastruktur, er hatte auch eine politische Intention – nämlich einen neuen Bezirk zu schaffen, der so nicht im Viermächteabkommen von Berlin vorgesehen war. Marzahn war eine Zeit lang auch ein politisch umstrittenes Projekt. Frau Pohle erinnerte daran, dass für Günter Peters nicht das Gebäude an sich ein Wert war, sondern dass ein Gebäude für die Menschen da sein sollte, die darin leben und arbeiten. Sie sei sehr froh, dass das Haus jetzt wieder in der Hand des Bezirkes liege – was auch Günter Peters lieb gewesen wäre. Ihr abschließender Gedanke war ein sehr wichtiger: wird Schloss Biesdorf jetzt wieder die Identität für die Biesdorfer und Marzahner (die Hellersdorfer hatte sie nicht genannt) bekommen, die sich über Jahrzehnte – insbesondere als Kulturhaus und soziales Stadtteilzentrum – herausgebildet hatte? Ihre Antwort: „Wir müssen es gemeinsam leben…“

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle

 

Für den Heimatverein Marzahn-Hellersdorf sprach Frau Dr. Christa Hübner. Ihr Vortrag, der auf dem Manuskript von Wolfgang Brauer basierte, erinnerte an den Jubilar als „Einer vom Bau – Nachdenken über Günter Peters“.

Dr. Christa Hübner (Foto: BA Marzahn-Hellersdorf)

 

Es folgten diverse Anekdoten aus der „Gummistiefelzeit“, Erinnerungen auch an den „mythenumwobenen“ Peters, vor allem natürlich an das hinterlassene Werk. Und da hatte der Heimatverein einiges zusammengetragen. Günter Peters hatte in seiner Zeit als Verantwortungsträger dafür gesorgt, dass beispielsweise das Gebiet um den Arkonaplatz nicht dem Abriss geopfert, sondern als sanierungsbedürftiges Altbaugebiet erstmals im Berliner Osten komplex renoviert wurde. Sanierte Wohnungen am Arkonaplatz waren bei Berlinern beliebter als neue in Marzahn. Übrigens: im Jahr 1918 stattete der damalige Gartendirektor von Berlin, Albert Brodersen, der Schöpfer des Biesdorfer Schlossparks, den Arkonaplatz mit einem Spielplatz aus.

Der frisch sanierte Arkonaplatz im Mai 1984, die Maßnahme startete 1973 (Foto: Bundesarchiv)

 

Peters hatte nicht nur Marzahn mitkonzipiert sondern auch den Wohnkomplex Hohenschönhausen und Prestigeprojekte in der Innenstadt wie den Alex, den Leninplatz, die Neugestaltung Unter den Linden, die Rathauspassagen und die Liebknechtstraße. Frau Hübner erinnerte daran, dass Ende der 1960er Jahre im Berliner Osten 90.000 Wohnungen gefehlt hätten, heute sind es für die wachsende Bundeshauptstadt 194.000. Diese werden nun wieder, insbesondere an der Peripherie, industriell-seriell hergestellt. Günter Peters hätte nachsichtig gelächelt. Er hatte sich für den Erhalt des Biesdorfer Doppelhochhauses an der Südspitze vergeblich eingesetzt. Heute errichtet an der gleichen Stelle die degewo vier achtgeschossige Wohnhäuser.

Im Beitrag des Vorsitzenden unseres Vereins Dr. Heinrich Niemann dominierte die detaillierte Rekonstruktion der Geschichte der Rettung des Schlosses, insbesondere die Frage, ab wann Günter Peters die Rettung als seine eigenste Aufgabe betrachtete. Auf die Tagesordnung gelangte die Rettung von Schloss Biesdorf im Jahr 2000 mit der Vorbereitung und Durchführung des 625jährigen Jubiläums von Biesdorf. Seit diesem Zeitpunkt – „Biesdorf braucht sein Schloss“ – hatte der Jubilar dann zielführend mit der Bestimmung der Rechtsform (Stiftung) und künftigen Nutzungen den Weg bestimmt für die Vereinsgründung, dessen Vorsitzender er folgerichtig wurde. Alle weiteren Schritte bestimmte Günter Peters maßgeblich mit. Dr. Niemann erinnerte daran, wie wichtig die Parksanierung 1993/94 für das Gesamtprojekt war. Von Josef Batzhuber und Klaus-Henning von Krosigk sowie der Zauberformel vom „Glienicke des Ostens“ wurde eine ganz wichtige Wegmarkierung gesteckt.

In der Zusammenschau nannte Dr. Niemann sieben Eigenschaften, die Persönlichkeit, Stil und Auftreten von Günter Peters charakterisierten:

Erstens brauchte, suchte und fand er Mitstreiter. Er band und gewann sie mit seiner Autorität und seinen schwer zu widerstehenden Argumenten.

Günter Peters überzeugte zweitens immer mit gründlicher Bestandsaufnahme und Analyse. Er war immer bestens vorbereitet und wartete in Debatten mit konstruktiven Vorschlägen auf. Er hatte, wie ein Wegbegleiter formulierte, stets alles in der Aktentasche.

Er wußte drittens, wie man auf Entscheidungsträger zugeht. Mit Fachwissen, Charme und Witz wußte er zu überzeugen.

Günter Peters schätzte viertens immer konkret die nächsten Arbeitsschritte ab.

Er nutzte fünftens Jahrestage, Feste, Anlässe verschiedenster Art, um die Bürger zu informieren, zu gewinnen und mitzunehmen.

Günter Peters ließ sich sechstens nie vertreten. Er war immer persönlich präsent.

Schließlich war Günter Peters siebtens von einem imposanten Gestaltungs- und Entscheidungswillen geprägt.

 

Dr. Heinrich Niemann bei seinem Vortrag, im Vordergrund die Familie

 

Die Feierstunde wurde von Lukas Natschinski mit jazzigen Variationen begleitet.

 

Nach den Wortbeiträgen begab sich die Gesellschaft in das Erdgeschoss, um die neu geschaffene Bronzebüste von Günter Peters zu enthüllen. Der Bildhauer Michael Klein hatte das Modell bereits vor einiger Zeit fertig gestellt; jetzt war die Zeit gekommen, es zu gießen. Heimatverein und Bezirksamt beteiligten sich aktiv an diesem Prozess. Letztendlich gelang auch die Finanzierung.

      

Bildhauer Michael Klein (li.). Frau Peters und Kulturstadträtin Juliane Witt enthüllen die Büste.

 

Abschließend bedankte Dr. Oleg Peters sich im Namen der Familie für die bewegende Veranstaltung zu Ehren seines Vaters.


Nominierung Blauer Bär 2018 für
Dr. Heinrich Niemann

Mit dem Europapreis „Blauer Bär“ ehrt das Land Berlin gemeinsam mit der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland Berlinerinnen und Berliner, die sich in Freiwilligenarbeit und unentgeltlich für die europäische Idee und die Stärkung der europäischen Werte engagieren. Die Auszeichnung wird vergeben durch die Europäische Kommission in Deutschland und den Senator für Kultur und Europa Klaus Lederer.

Mit der Nominierung und Ehrung durch die „Blauen Bären“ wird Berliner Europaengagement sichtbar, die Menschen hinter den Ideen und Projekten, ihr unentgeltliches und freiwilliges europäisches Engagement anerkannt. Mit der Auszeichnung ist zudem ein Preisgeld von 2.000 € verbunden.

Nominiert wurde auch Dr. Heinrich Niemann, der Vorsitzende unseres Vereins, „für beispielhaftes freiwilliges Europaengagement zur Sichtbarmachung und Bewahrung des kulturellen Erbes“ – in diesem Falle für das Ensemble Schloss und Schlosspark Biesdorf. Wenngleich es nicht zu einer Auszeichnung kam, sind wir als Verein stolz auf die Nominierung und werden uns weiter stark engagieren.

        

(Foto: Jens Schicke)

 


Das MoMA in Beeskow

 

Einigen märkischen Medien war kürzlich eine kleine Sensation zu entnehmen: das weltberühmte Museum of Modern Art in New York schickte elf Kurator-Innen nach Beeskow im Landkreis Oder-Spree. Sie machten sich dort mit den Artefakten des Kunstarchivs Beeskow vertraut und besuchten außerdem das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. In den Osten Deutschlands gekommen sind die Mitarbeiter des weltberühmten Museums, um sich für ein Forschungsprojekt einen Überblick über Sammlungen ostdeutscher Kunst zu verschaffen.

Florentine Nadolni, die Kunstarchiv und Dokumentationszentrum leitet, und Dr. Angelika Weißbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Beeskower Bestandes, nahmen die Kuratoren des MoMA im Eilzugtempo mit auf eine Reise durch das Kunstarchiv. Florentine Nadolni erläuterte die     ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der Sammlung. Besonders interessiert zeigten sich die Gäste an den Druckgrafiken, die den größten Anteil am Bestand des Kunstarchivs ausmachen. Dr. Angelika Weißbach stellte u.a. thematische Mappen mit grafischen Arbeiten von Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Max Uhlig und Klaus Hähner-Springmühl vor.

Frau Nadolni erläutert die aktuelle Plakatausstellung (Foto: Behnke, LOS)

 

Frau Dr. Weißbach präsentiert Grafikmappen (Foto: Behnke, LOS)

 

Das MoMA adelt damit Bestände des Kunstarchivs Beeskow und bestätigt die Redensart, wonach der Prophet im eigenen Lande nichts tauge. Frau Nadolni konnte den Gästen hingegen erklären: „Jetzt, fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR, kehrt diese Kunst in die ständigen Ausstellungen der Museen zurück“. Hoffentlich spricht sich diese positive Entwicklung bis Berlin vor.

Als der Vorstand unseres Vereins im Mai dem Kunstarchiv einen Besuch abstattete, sprach Frau Nadolni von ihrem Traum, eines Tages in New York zu kuratieren. Wir wissen nun, dass dies kein Seifenbläschen war.

Museum of Modern Art in New York – der Eintritt ist frei (Foto: Wikipedia)


150 Jahre Schloss und Park Biesdorf – ein großes Ereignis eingebettet in das Biesdorfer Blütenfest

 

Der 150. Schloss-Geburtstag innerhalb des Biesdorfer Blütenfestes erschien dem fremden wie dem kennenden Beobachter als zweite Neueröffnung – es dominierten Freude, Vorfreude und Zukunftsgewissheit.  Viele Erinnerungen bewegten die Gäste. Im Zentrum stand natürlich der Architekt Heino Schmieden, dessen Name fortan der große Saal des Hauses trägt. Doch niemand sprach den Namen mit den drei großen Buchstaben aus, dessen Geist 17 Monate das Schloss beherrscht hatte.

 

Hervorragend besuchte Vernissagen

Bereits am 10. Mai war die neue Ausstellung „Ankommen“ der nunmehrigen Galerieleiterin Karin Scheel eröffnet worden. Alle 21 Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung haben oder hatten eine Zeitlang ihren Arbeitsort in Marzahn-Hellersdorf. Einige Werke thematisierten die Spuren dieses Ortes, des Ateliers – andere befragten die künstlerische Arbeit an sich.

ankommen

 

Parallel dazu läuft eine Exposition aus dem Kunstarchiv Beeskow, die von dessen Leiterin Florentine Nadolni präsentiert wurde. Es handelt sich um eine 20blättrige Grafikmappe von Dieter Tucholke, der das erneuerte Preußen-Bild der DDR seit Anfang der 1980er Jahre kritisch kommentiert hatte.

Eines der „Negativbilder“ von Dieter Tucholke

 

Es waren gelungene Vernissagen der beiden neuen Schauen. 5900 Besucherinnen und Besucher sahen sie an diesem Wochenende.

 

Faktenreiche Festrede und geschätzte Erinnerungen

Wie schon einmal grüßte Senator Andreas Geisel zum 150jährigen Schlossjubiläum einen Tag später, am 11. Mai, für das Land Berlin. Geisel nannte das Schloss und den Park Heimat seiner Jugend. Viele Erinnerungen aus den Ferienspielen seien ihm bis heute bestens präsent.

Am Beginn ihrer faktenreichen Festrede vor mehr als einhundert geladenen Gästen machte Bürgermeisterin Dagmar Pohle dann Werbung für eine Neuerscheinung, die der Bezirk im III. Quartal dieses Jahres herausgeben wird: „Gut – Schloss – Park. Berlin-Biesdorf. Vom Rittergut zum Kultur- und Wohnstandort“.

 

Sie kündigte neue Erkenntnisse an, die Dr. Oleg Peters durch umfangreiche Archivrecherchen gewonnen habe und die er in drei Beiträgen nachzeichnen werde. So sei der spätere Berliner Tiergartendirektor Eduard Neide als Schöpfer des ersten, vier Hektar großen, Schlossparks identifiziert worden. Heino Schmieden und Neide kannten sich bereits von gemeinsamen Projekten in (Berlin-)Westend. Schmieden wird dem Bauherrn zu Neide geraten haben. Wer nun der Bauherr war – von Rüxleben oder die Familie Griebenow  – darüber gibt es leider keine gesicherten Fakten. Wenn auch nahezu alles für Griebenow spricht – es gibt überhaupt keinen Anlass gibt, in diese Richtung zu spekulieren.

Frau Pohle erinnerte daran, dass im Schlossturm die Jahreszahl 1869 entziffert worden war. Was hat diese zu bedeuten? Später nahm Landeskonservator Jörg Haspel den Ball auf und stellte augenzwinkernd die Frage, ob wir im Jahr 2019 den 150. Geburtstag des Schlossturmes erneut feiern könnten…

Die Bürgermeisterin sprach von der Episode Günther von Bültzingslöwen und natürlich ausführlich von der Siemens-Familie; sodann von der 90 Jahre langen städtischen Verwaltung durch die Bezirke Lichtenberg, Marzahn sowie Marzahn-Hellersdorf. Dagmar Pohle skizzierte die vielfältigen Bemühungen in der DDR-Zeit und würdigte abschließend die bleibenden Leistungen des Sozialen Stadtteilzentrums Biesdorf bis zum Wiederaufbau ab 2013 durch das Kollektiv unter Leitung von Prof. Mara Pinardi. Natürlich nannte sie den Namen Dr. Günter Peters und den unseres Vereins.

Dr. Oleg Peters und der Schauspieler Peter Bause erzählten in ihrer folgenden Performance das Leben Heino Schmiedens. Es war viel Arbeit, das Überwinden von Rückschlägen und stete Motivierung – das konnte man dem von Peter Bause vorgetragenen Lebenslauf des Architekten zweifelsfrei entnehmen.

Audiomitschnitt, Ausschnitt

 

Dr. Oleg Peters und Peter Bause

 

Es folgten beglückte Erinnerungen. Professor Jörg Haspel, der Landeskonservator, zitierte das Wort vom „Glienicke des Ostens“ – dieser Vergleich mit Schloss Biesdorf sei von Anfang an ein erfolgreicher Kniff gewesen, um Verantwortliche im Berliner Senat positiv auf das Projekt einzustimmen. Klaus Henning von Krosigk bemerkte später: Ohne die frühzeitige  Sanierung des Schlossparks in den 1990er Jahren wäre die Schlosswiederherstellung schwieriger geworden. Haspel entließ Senator Geisel mit den Worten: „Kümmern Sie sich bitte ab sofort um das Lichtenberger Hubertusbad!“ Der Vizepräsident der Architektenkammer Berlin Daniel Sprenger erinnerte an das große bürgerschaftliche Engagement des Architekten Heino Schmieden, der Mitglied in einer Reihe wichtiger städtischer und staatlicher Gremien war. Bei seiner Bescheidenheit wäre es Schmieden sicher recht gewesen, so Sprenger, dass nun „nur“ ein Saal seinen Namen trägt. Der langjährige Direktor des Martin-Gropius-Baus Prof. Gereon Sievernich übersandte ein Grußwort, das Dr. Niemann vortrug.

Abschließend ergriff der Vorstandsvorsitzende unseres Vereins Dr. Heinrich Niemann das Wort. Als Richtschnur der künftigen Arbeit stehe der seit Beginn dieses Jahres definierte Dreiklang von Schloss Biesdorf als Ort der Kunst, der Geschichte und der Begegnung. Einen attraktiven Ort der Kunst zu schaffen bleibe trotz der großartigen Vernissagen von gestern eine große Herausforderung. Dazu sollten Wegbegleiter und Partner ernsthaft einbezogen werden. Denn es gelte, DDR-Kunst mit zeitgenössischer Kunst zu koppeln und dem großen Berliner Maler und Ehrenbürger Otto Nagel in geeigneter Weise eine Heimstatt zu geben. Auch weitere lokalgeschichtliche Forschungen mit Historikern sollen angeregt werden.

Dr. Heinrich Niemann konnte neben dem allzeit präsenten Urenkel von Heino Schmieden, Prof. Dr. Ernst Kraas und Frau, erstmals die Urenkelin des ersten Schlossbesitzers Hans Hermann von Rüxleben, Frau Anja von Rüxleben-Drechsler aus München, und  eine weitere Nachkommin einer Seitenlinie – Frau Thum von Heyl mit ihren Partnern – begrüßen; den Kontakt hatte Heimatforscher Karl-Heinz Gärtner vermittelt.

Anja von Rüxleben-Drechsler

 

Abschließend übergab Dr. Niemann der Bezirksbürgermeisterin mit dem Glückwunschschreiben ein Paket mit allen vom Verein bisher herausgegebenen Publikationen zum Schloss Biesdorf und eine Mappe mit weiteren Zeugnissen für den Wiederaufbau des Schlosses einschließlich des Kalenders.

 

Heino-Schmieden-Saal

Alsdann folgte schließlich die feierliche Enthüllung des Schildes „Heino-Schmieden-Saal“.

 

Sehr offene Fragen

Inzwischen sind vier Wochen verstrichen. Seit einem sehr offenen, problemorientierten Gespräch mit der Kulturstadträtin Juliane Witt Anfang Januar sind nun fast sechs Monate ins Land gegangen. Unser Verein hatte unmittelbar nach dem Abspringen des ZKR dem Bezirksamt als neuem Betreiber operative Hilfe angeboten, auch eine Kooperationsvereinbarung schriftlich vor Monaten hinterlegt, die bisher ununterzeichnet blieb. Nun wollen wir in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu unserer Mitgliederversammlung offene Fragen thematisieren, die keinen Aufschub dulden.

Wir halten eine öffentliche Auseinandersetzung über die kargen 17 Monate der Erstbetreiberin ZKR für notwendig: immerhin hat der Galeriebeirat Schloss Biesdorf trotz der permanenten öffentlichen Kritik vor allem innerhalb des Bezirks nichts von sich hören lassen. Kulturstadträtin Juliane Witt hatte im Juli 2013 über diesen erklärt: „Der Kreis von Kunstwissenschaftlern und Experten im Galeriebeirat wird sich der Umsetzung der Kooperationsvereinbarung mit dem Archiv Beeskow, der Umsetzung der kulturwissenschaftlichen Ziele und der Einbindung in die kulturtouristischen Gesamtkonzepte der Hauptstadt widmen. Zu den vertretenen Institutionen gehören die Senatskanzlei, die Berlin Tourismus Marketing GmbH, die Berlinische Galerie, das Kunstarchiv Beeskow und die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur…“ Der Beirat verwies auf einige wenige Kritiken in der Fachpresse, die das Profil der Expositionen gutgeheißen hatten. Im Gremium war nach  eigener Aussage Frau Scheel verantwortlich tätig. Es geht uns nicht um eine Kritik der Kritik willen: wir widersprechen einem „Weiter so“. Nicht nur wir sind der Meinung, dass es begrüßenswert ist, wenn es ein mit den notwendigen Partnern abgestimmtes Verfahren zur Erarbeitung eines Gesamtkonzeptes für den Betrieb des Schlosses geben würde. Das erleichtert dann zu gegebener Zeit auch den Abschluss von Kooperationsvereinbarungen. Nun ist bereits eine nächste Ausstellung ab Ende Juni mit dem Titel „examining the edge – peripheries in the mind and the city“ angekündigt. Der Titel ist nur mit dem Wörterbuch verständlich, die Problematik eher ausgefallen. Aber: Schloss Biesdorf ist die kommunale Galerie des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf, der kulturelle Leuchtturm, wie die Kulturstadträtin stets betont.

Vor einem knappen Jahr gedachten im Schloss Biesdorf mehr als 100 Menschen des 50. Todestages Otto Nagels. Wir hatten diese Veranstaltung die Rückkehr Otto Nagels in den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt Berlin genannt. Kulturstadträtin Witt hatte als Leihgabe Nagels „Wochenmarkt am Wedding“ enthüllt. Weitere Schritte der „Rückkehr“ sollten folgen. Passiert ist bisher nichts. Vertreter unseres Vorstandes trafen sich Ende Mai mit dem Direktor des Archivs der Berliner Akademie der Künste, Herrn Dr. Werner Heegewaldt, und der Leiterin der Kunstsammlung, Frau Dr. Rosa von der Schulenburg. In einem hochinformativen Gespräch zeigten sie uns Linien zur Einrichtung eines nachhaltigen Erinnerungsortes für den großen realistischen Berliner Maler auf. Wir sind bereit, unser Wissen in ein solches Projekt einzubringen.

Nun noch eine merkwürdige Frage: Im Herbst 2016 baten wir das ZKR um einen Raum im wiedererbauten Schloss Biesdorf, um insbesondere die Akten unseres Vereins, die die Anstrengungen zum Wiederaufbau seit 2001 dokumentieren, aufzubewahren. Die Bitte wurde abgelehnt. Wir wiederholten unsere Frage nun an das Bezirksamt – bisher ohne Antwort. Unsere beiden Aktenschränke benötigen zwei Quadratmeter Fläche. Die Bruttogrundrissfläche des Schlosses beträgt 3.313 qm.

 

(Axel Matthies)


„Russland ist anders. Deutschland auch.“

 

Am 23. April 2018 fand im Schloss Biesdorf die vierte Veranstaltung der von unserem Verein „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ organisierten Reihe „BIESDORFER BEGEGNUNG“ statt. Sie stand diesmal unter dem Thema „Deutschland – Russland – Europa: brauchen wir einander?“. Der Vorsitzende unseres Vereins, Dr. Heinrich Niemann, konnte zu dem Podiumsgespräch Herrn Matthias Platzeck, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V., Frau Marlitt Köhnke, Vorsitzende des Marzahn-Hellersdorfer Städtepartnerschaftsvereins sowie Herrn Ralf Protz, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V. begrüßen.

Großes Publikumsinteresse

Das Interesse an dieser Veranstaltung war sehr groß. Über 250 Interessierte hatten sich angemeldet. 120 fanden in dem – dank der Initiative der Hausherrin, Frau Scheel – spontan erweiterten Vortragssaal schließlich Platz.

IMG_1818

 

In seiner Begrüßung verwies Dr. Niemann darauf, dass in der 150-jährigen Geschichte unseres Schlosses auch die deutsch-russischen Beziehungen eine Rolle spielten. Das galt zum einen für die Geschäftsbeziehungen der Industriellen-Familie Siemens, in deren Besitz sich das Schloss über 30 Jahre befand, nach Russland. Zum anderen wurden das in den letzten Kriegstagen von den Nazis zerstörte Schloss von der Sowjetischen Militäradministration als Trauerhalle und Teile des Parks als Friedhof genutzt. Das hat auch dazu geführt, dass der Baumbestand des von Albert Brodersen angelegten wunderschönen Landschaftsparks in den Wirren der Nachkriegszeit erhalten geblieben ist.

Zu Beginn seines Einführungsvortrages wies Herr Platzeck darauf hin, dass Deutsche und Russen eine sehr lange Geschichte verbindet, dass es aber nicht immer leicht ist, Russland zu verstehen. In diesem Zusammenhang zitierte er einen Kenner der deutsch-russischen Beziehungen: „Russland ist anders. Deutschland auch.“

IMG_1809

Matthias Platzeck

 

Das Deutsch-Russische Forum

Dann informierte Herr Platzeck über die Ziele und Aufgaben des Deutsch-Russischen Forums. Die ehrenamtlich tätigen Mitglieder des Vereins (unterstützt durch eine kleine Gruppe hauptamtlich Beschäftigter) organisieren Dialoge und Begegnungen zwischen Gesellschaften und Menschen in Deutschland und Russland. An verschiedenen Stellen seiner Ausführungen berichtete Herr Platzeck über aktuelle und abgeschlossene Projekte des Vereins.

Herr Platzeck sprach über die Motive für sein engagiertes Wirken im Deutsch-Russischen Forum. Zum einen ist er in Potsdam in einer Gegend groß geworden, in der viele Angehörige der Sowjetarmee (zum Teil mit ihren Familien) lebten. Zum anderen hat seine Russischlehrerin nicht nur die Sprache, sondern vieles über das Leben in der Sowjetunion sowie über die Kultur und Geschichte des russischen Volkes vermittelt. Aber ganz entscheidend ist für Herrn Platzeck, dass ihm – auch angesichts der größer werdenden Zahl an Enkeln – bewusst ist, dass etwas getan werden muss, damit diese Generation so wie wir ihr Leben in einem Europa ohne Kriege verbringen kann.

Ende der Epoche des Liberalismus

Nach den Worten von Herrn Platzeck ist die aktuelle Situation in der Welt, in Europa sehr schwierig, unüberschaubar, komplex. Sie ist explosiver als im Kalten Krieg. Wir erlebten das Ende einer Epoche, das Ende des Liberalismus. Die deutsch-russischen-europäischen Beziehungen sind ein Scherbenhaufen, weit weg von einer Partnerschaft, so dass die Bewahrung der friedlichen Koexistenz zum entscheidenden Ziel wird.

Herr Platzeck machte deutlich, dass aus seiner Sicht das gegenseitige Verstehen die Mindestbedingung für Entscheidungen bezüglich der nächsten richtigen Schritte ist. In diesem Zusammenhang ging er auf die Entwicklung in Russland seit 1990 ein. Aus einem Russland ohne „eigene Interessen“ ist wieder ein Staat geworden, der seine Interessen formuliert, die in die Politik einzubeziehen sind.

Herr Platzeck verwies darauf, dass Wladimir Putin als Präsident der Russischen Föderation 2001 im Deutschen Bundestag als Kernbedingung für ein friedliches Miteinander eine Sicherheitskonzeption auf Augenhöhe mit Russland forderte und ihm die Abgeordneten stehend applaudierten. Unter diesem Blickwinkel war die NATO-Osterweiterung ein Fehler.

An vielen Beispielen belegte Herr Platzeck, dass gegenwärtig die Politik Russlands nach anderen Maßstäben bewertet wird als die Politik der USA und der europäischen Länder. Russland konnte aus dem eigenen Sicherheitsbestreben nicht zulassen, dass NATO-Kriegsschiffe im Hafen von Sewastopol vor Anker gehen, genau so wenig wie für die USA 1962 die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba in Frage kam.

Die Schaffung einer Sicherheitsarchitektur müsse das Ziel sein, um aus der gegenwärtigen explosiven Situation heraus zu kommen. Herr Platzeck erinnerte in diesem Zusammenhang an die Ostpolitik der Brandt-Regierung, die in einer ähnlich gefährlichen Situation Wandel durch Annäherung erreicht hatte. Dieses Herangehen wurde von Politkern umgesetzt, die den Krieg „noch in den Knochen hatten“ und keinen neuen wollten.

Keine Vorbedingungen an Rußland

Von Russland einen Wandel als Bedingung für Annäherung zu fordern ist nach Ansicht von Herrn Platzeck der falsche Weg. Sanktionen zerstören einerseits Vertrauen und führen andererseits – wie am Beispiel der Krim erkennbar – nicht zum gewünschten Ergebnis. Bei der Bewertung der Politik Putins müsse bedacht werden, dass er liberaler als 80% der Russen sei und dass ihm angesichts nationalistischer und militaristischer Tendenzen in Russland geholfen werden muss, bei der Bewältigung der sozialen Herausforderungen in seinem Land voranzukommen. Es geht einerseits um die Ausgestaltung des gemeinsamen europäisch-russischen Wirtschaftsraums. Wenn Europa und Russland ihr Wirtschaftspotential nicht verknüpfen werden die USA und China die weltwirtschaftlichen Gewinner sein. Andererseits muss der zivilgesellschaftliche Austausch gefördert werden, damit sich Deutsche und Russen nicht entfremden. Herr Platzeck beklagte, dass an den Schulen kaum noch Russischunterricht angeboten wird und berichtete, dass deutsche Bürgermeister bei der Vereinbarung von Partnerschaften mit russischen Städten zunehmend verunsichert sind, weil sie der Reputation ihrer Kommune schaden könnten.

Lebendige und sachliche Diskussion

Nach dem Einführungsvortrag von Herrn Platzeck, der von den Zuhörern mit viel Beifall und Zustimmung bedacht wurde, berichteten Frau Köhnke und Herr Protz über ihre Erfahrungen bei der Gestaltung des zivilgesellschaftlichen Austausches. Die Ausgestaltung eines vertrauensvollen Miteinanders scheitert zum Beispiel daran, dass die Gesprächspartner häufig wechseln. Herr Protz berichtete, dass sein Verein als NGO zunehmend Probleme bei der Zusammenarbeit mit russischen Partnern hat, weil der gesetzliche Rahmen in Russland eingeengt wurde.

In der anschließenden Diskussion wurde auch die Frage nach den Interessen Russlands in der Ukraine und im Baltikum gestellt. Herr Platzeck erklärte, dass Russland durchaus an der Aufrechterhaltung der Konfliktsituation in der Ostukraine interessiert ist, weil damit eine mögliche Aufnahme der Ukraine in die NATO verzögert wird. Diese Situation führe jedoch – von Russland nicht gewollt – auch zu einer Stärkung des Nationalbewusstseins der Ukrainer. Militärische Aktionen Russlands im Baltikum schließt Herr Platzeck aus, aber er wies darauf hin, dass von Seiten Russlands mehr getan werden muss, um in diesen Staaten Vertrauen in eine friedliche Nachbarschaft aufzubauen.

IMG_1838

Der Saal war voll besetzt

 

Einen wichtigen Raum in der Diskussion nahm die Frage ein, was jeder Einzelne für die Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen tun kann. Wer mit der Politik der Bundesregierung in diesem Zusammenhang unzufrieden ist, sollte zum Beispiel mit Mails an Minister und Abgeordnete des Bundestages auf Veränderungen drängen.

Am Ende war man sich – gestützt auf eigene positive Erfahrungen – einig, dass gegenseitige Kontakte einen wichtigen Beitrag leisten können, um den Frieden in Europa wieder sicherer zu machen.

IMG_1866

Dr. Niemann, Herr Platzeck, Frau Scheel und Herr Protz (v.l.)

(Fotos: Kristina Niemann)

(Prof. Dr. Gernot Zellmer)


Ein Besuch im Kunstarchiv Beeskow

 

Beeskow ist immer eine Reise wert – zumal in dieser Jahreszeit, da im Oder-Spreeland die Wiesen blühen, die klaren Bäche und Seen sich im Sonnenlicht spiegeln und Störche fleißig nach Futter für ihre Jungen suchen.

Naturpark-Dahme-Heideseen

 

Veränderungen im strukturellen Bereich des Kunstarchivs

Es deuten sich aber auch Veränderungen im Kunstarchiv des märkischen Städtchens an, die man nicht übersehen kann. Deshalb begab sich ein Teil des Vorstandes unseres Vereins Ende April 2018 auf die Reise.

Wir hatten im August des vergangenen Jahres mitgeteilt, dass im strukturellen Bereich des Kunstarchivs Umgestaltungen bevorstehen. Zudem hat das Kunstarchiv mit Florentine Nadolni seit Anfang 2017 eine neue Leiterin. Wir wollten Frau Nadolni kennen lernen und sie uns. Uns verbindet das gemeinsame Interesse nach einer sicheren und produktiven Zukunft des Kunstarchivs Beeskow. Dieses gemeinsame Interesse wurde durch das Gespräch bejaht und untermauert. Als Mittdreißigerin hat Frau Nadolni zum Kunstarchiv, im Gegensatz zu uns, eine eher museale Beziehung. Während wir uns allzu deutlich an die Debatten und Kunstausstellungen in der DDR erinnern, sah sie die Artefakte zuerst im Depot. Ihr ist das Schicksal der Dinge, in diesem Falle der Bilder, Grafiken und Plastiken nicht egal, sie brennt und will so viele Schaufenster wie möglich, wie sie sagt, für die Kunst schaffen. Ihr ist Biesdorf recht, aber eine „exhibition in New York“ nicht illusionär. In dieser Dimension denkt die Leiterin. Sie ist meinungsstark und machte auf uns einen souveränen Eindruck. Als Berlinerin ist sie an ihren Arbeitsort gezogen, was ihr Engagement noch glaubhafter macht.

20180427_125219

Frau Nadolni (Mitte) im Kreise des Vorstandes

 

Es deutet sich nun an, dass die Länder Berlin und Mecklenburg-Vorpommern aus dem seit 2001 existierenden Verwaltungsabkommen zum Kunstarchiv aussteigen wollen. Um die Folgen auszuloten, hat das Kunstarchiv eine Konzeption erarbeitet, die in diesen Tagen beraten wird. An diesem Prozess ist der renommierte Kulturmanager Dr. Thomas Köstlin beteiligt. Der Anteil der Kunstwerke aus Mecklenburg-Vorpommern ist überschaubar. Berlins Beitrag ist erheblich höher, die Brandenburg gehörenden Artefakte bilden die Mehrheit. Brandenburg bekennt sich mit seinem Landkreis Oder-Spree zum Beeskower Archiv. Offen ist die Frage, wie Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ihre Kunstwerke dem Kunstarchiv überlassen können.

 

Pragmatische Lösungen

Eine Lösung für die Aufbewahrung aller Artefakte wurde unterdessen gefunden. Anstelle des überstauten alten Gebäudes wird das ehemalige Kreisarchiv ganz nahe der Burg die Kunstwerke aufnehmen. Das Gebäude ist erheblich geräumiger, wesentlich jünger und verfügt über eine ausreichende Klimatik.

20180427_125124     20180427_124138

Das Archiv soll bis Ende des Jahres 2018 neu eingerichtet und bezogen werden.

 

Um die 23.000 Exponate zeitgemäß lagern zu können werden Ziehgitteranlagen angeschafft. Die Mittel dazu kommen vom Bund und werden vom Land Brandenburg und dem Kreis kofinanziert. Bis 2019 wird der Beeskower Bestand einer abschließenden Generalinventur durch Dr. Angelika Weißbach unterzogen. In die bisherigen Inventuren, so hatte Frau Nadolni informiert, hätten sich immer wieder Ungenauigkeiten eingeschlichen.

Depot

Ziehgitteranlagen – hier in der Berlinischen Galerie

 

Die List der Vernunft?

So werden die materiellen Lebensbedingungen für die Auftragskunst aus der DDR auf der Kreisebene geregelt. Im Jahre 2008 hatten der Landkreis Oder-Spree und die Stadt Beeskow noch von einem imposanten Neubau geträumt. Den ersten Platz beim Architektenwettbewerb hatte Max Dudler mit diesem Entwurf gewonnen.

kunstarchiv-beeskow-wettbewerb-2008-innenhof-max-dudler-2

(Foto: Dudler)

Der Neubau hätte um die 10 Millionen Euro gekostet. Das Land Brandenburg war sich mit dieser Investition allerdings nicht sicher und gab ein Gutachten in Auftrag. Im Ergebnis stellte das Gutachten fest: „Unter künstlerischen Gesichtspunkten betrachtet beinhaltet der Beeskower Bestand mit sehr wenigen Ausnahmen aus heutiger Sicht keine für die Kunstgeschichte Deutschlands relevanten Werke… Es ist jedoch vollkommen kontraproduktiv, Teile dieses Bestandes gleichsam pars pro toto als die Kunst aus der DDR zu präsentieren… Die Bedeutung des Bestandes erklärt sich einzig aus seiner Bindung an die politische und gesellschaftliche Praxis der DDR, nicht aus einer irgendwie gearteten Repräsentativität für die Kunst des einstigen Landes.“ (S. 60) So war das Bemühen um einen Neubau seitens des Kreises für das Kunstarchiv durch die Landesregierung abrupt beendet worden. Natürlich gibt es andere wissenschaftlich fundierte Meinungen, die dieser Gutachterauffassung konträr entgegenstehen. So schreibt die Kulturwissenschaftlerin Dr. Marlene Heidel in ihrem Buch „Bilder außer Plan“, eine Monografie über das Kunstarchiv Beeskow: „Auch am Ende dieser Arbeit sei nochmals darauf hingewiesen, dass hier keinesfalls dem gesamten Bestand des Kunstarchivs Beeskow eine ästhetische Qualität bescheinigt werden soll. Stattdessen geht es um Begegnungen mit den einzelnen Werken und die Erweiterung des Zugangs um die Perspektive der ästhetischen Funktion.“ (S. 240)

Dieser Streit wird nicht heute oder morgen entschieden – ihn entscheidet die Geschichte. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die List der Vernunft, wie Hegel sie gedeutet hatte,  sich auch des Landkreises Oder-Spree bedient, um das kollektive Gedächtnis der bildenden Kunst aus der DDR zu erhalten und in die Welt zu tragen. „Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze!“

 

Am 10. Mai um 15.30 Uhr eröffnet Frau Nadolni im Schloss Biesdorf die Ausstellung „Negativbilder – Preußische Geschichte“ von Dieter Tucholke. Das Mappenwerk befindet sich im Besitz des Kunstarchivs.

 

(Axel Matthies)


Erfolgreiche Grabungen auf dem historischen Gutsareal Biesdorf

 

Die Verzögerung des Wohnungsbauvorhabens der STADT UND LAND auf dem historischen Areal des ehemaligen Rittergutes Biesdorf ist durch die Ergebnisse der Grabungen mehr als wettgemacht worden. Wie „Die Hellersdorfer“ in ihrer Ausgabe März 2018, Sonderveröffentlichung der STADT UND LAND, berichtet, war in der zweiten Jahreshälfte 2017 ein Grabungsteam unter Leitung des Archäologen Reinhold Scholz im Einsatz, um den Baugrund auf historische Spuren zu untersuchen. Dabei wurden Relikte entdeckt, die bis zu 3000 Jahre alt sind. So wurden ein Brunnen und Werkzeuge frei gelegt.

Auch aus der Siemens-Zeit gibt es historische Zeugnisse. So wurde ein hölzerner Maischebottich aus der alten Brennerei geborgen.

Lesen Sie hier den spannenden Text, den wir mit Genehmigung der „Hellersdorfer“ publizieren.

 

Ausgrabungen Gut 2017


Schloss Biesdorf im 150. Jahr seines Bestehens. Bilanz und Perspektiven aus bürgerschaftlicher Sicht

 Vortrag von Dr. Heinrich Niemann in der gemeinsamen Reihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf am 11.1.2018

 

Am Beginn des Jahres 2018, in dem das Schloss Biesdorf 150 Jahre alt wird, möchte ich mit meinem Vortrag versuchen, die geschichtliche Bedeutung dieses Denkmalensembles am östlichen Stadtrand  von Berlin herauszuarbeiten oder anders gesagt, der Frage nachgehen, welche guten Gründe gibt es wirklich, diesen Ort auch als interessanten Ort der Geschichte zu besuchen? Was daraus ist wichtig und interessant und verdient wirklich die Beachtung, die wir gerne uns wünschten.

Nach seinem vollendeten Wiederaufbau vor eineinhalb Jahren soll das Schloss Biesdorf ein auch touristisch attraktiver neuer Ort der Kunst mit der Einrichtung einer Galerie werden – so will es nicht nur der Förderbescheid  der Geldgeber für den so erfreulichen Wiederaufbau. Das ist auch eine richtige und angemessene Aufgabe.

Ein Ort der Geschichte ist es zweifellos.

Und ein Ort der Begegnung möglichst vieler Menschen soll es (wieder) werden. Das meint unser Verein jedenfalls auch mit seiner diesjährigen Karte zum Neuen Jahr.

Karte2018c (640x308)

 

Eigentums- und Nutzungsverhältnisse

Zwei geschichtliche Besonderheiten gibt es schon auf den ersten Blick:

Es sind die vielschichtigen Eigentums- und Nutzungsverhältnisse in diesen 150 Jahren.

Mehr als 50 Jahre privater (Wohn)Nutzung im Besitz von drei Familien (von Rüxleben, von Bültzingslöwen, Werner und Wilhelm von Siemens) folgen nach einer Zwischenzeit seit 1927 bislang über 90 Jahre öffentliches Eigentum und öffentliche Nutzung im Besitz der Stadt Berlin, des jeweiligen Stadtbezirks (Lichtenberg, dann Marzahn, seit 2001 Marzahn-Hellersdorf).

Das Rittergut Biesdorf  war offenbar Anfang des 19. Jhd. kein besonders ertragreicher Ort. Sechs Mal wechselten allein in den dreißig Jahren von 1823 bis 1853 die Besitzer, ehe dann die Familie von Rüxleben das Rittergut für 31 Jahre übernahm.

Gutshof Biesdorf Ende 19. Jh.

 

Die weiteren Daten sind bekannt:

1862 wird das Rittergut vom Vater Bruno Freiherr von Rüxleben  vererbt an Sohn Hans Herrmann, der im Mai 1868 zur Hochzeit mit Anna Pauline Griebenow die neuerbaute Turmvilla „Schloss“ Biesdorf erhält, die noch 16 Jahre in deren Besitz blieb.

Dem Verkauf 1884 an Baron Günther von Bültzingslöwen folgte schon 1887 der Erwerb durch Werner von Siemens.

1889 übergibt dieser an seinen zweitgeborenen Sohn Wilhelm von Siemens. So waren das Schloss und das Rittergut bis zum Verkauf 1927 formal 40 Jahre im Siemensbesitz. Wenn man den Tod Wilhelm von Siemens als faktisches Ende einer Nutzung durch die Familie betrachtet, waren es immerhin noch etwa 32 Jahre.

Wilhelm Elly Terrasse 1900er

 

Nachdem zum Ende des 1. Weltkrieges schon Einquartierungen erfolgten, das Schloss vom Preußischen Staat gepachtet wurde, erfolgte nach längeren Verhandlungen 1927 der Kauf durch die Stadt Berlin.

Die seitdem vergangenen 90 Jahre öffentlicher Nutzung teilen sich auf in wenige Jahre der Weimarer Republik, die 12 Jahre der NS-Zeit mit dem Ergebnis der Brandzerstörung des Schlosses im April 1945. Nach einer Zwischenzeit als Friedhof der Sowjetarmee folgten etwa 35 Jahre in der DDR und seit der Vereinigung 1990 die 23 Jahre bis zum Beginn des Wiederaufbaus im Jahre 2013.

Das als herrschaftliches Wohngebäude errichtete Schloss Biesdorf wurde also die weitaus längste Zeit für Verwaltungs- und öffentliche Zwecke genutzt.

 

Die historische Bedeutung des Ensembles von Schloss und Park Biesdorf – Eine Annäherung in 12 Punkten und einem Schlussgedanken

 

  1. Das Bauwerk und Denkmalensemble ist eines der in Berlin nicht sehr zahlreichen noch bestehenden herrschaftlichen Häuser und Anlagen.

„Es gibt in Berlin etwa zwei Dutzend Schlösser, Herrenhäuser und Palais.

Das ist nicht viel für eine Stadt, die seit dem Jahr 1701 Hauptstadt von Preußen war…Nur wenige herrschaftliche Häuser überlebten den 2. Weltkrieg….

…Schloss Biesdorf, lange Jahre Wohnsitz der Familie von Siemens, wurde aufwendig restauriert.“ heißt es in einem 2016 erschienenen Buch „Berlins Grüne Orte“

( Berlins Grüne Orte, Verlag Runze&Casper Werbeagentur GmbH, Berlin 2016. S.68 f)

Die in diesem Buch genannten Bauwerke sind: Im Zentrum Berlins das Stadtschloss, Monbijou, Schloss Charlottenburg und Park, Schloss Bellevue, Altes Palais, Ephraimpalais, Kronprinzenpalais, Prinzessinnenpalais Kommandantenhaus, Palais am Festungsgraben, Schloss Schönhausen.

Am Stadtrand: Jagdschloss Grunewald, Schloss auf der Pfaueninsel, Schloss Glienecke, Schloss Köpenick, Schloss Biesdorf

 

  1. Das von Heino Schmieden 1868 errichtete Gebäude nach italienischem Vorbild ist ein schönes und in Berlin seltenes Beispiel einer herrschaftlichen Turmvilla im spätklassizistischen Stil.

 Durch den Wiederaufbau kommt seine harmonische und klar komponierte äußere Gestalt wieder voll zur Geltung. Der aus der Bauzeit erhaltene besonders feste rosafarbene Romanzementputz ist von besonderem Denkmalwert. Es ist am herausgehobenen Standort am südlichen Rande der Barnimhochfläche weit sichtbar gelegen und dominiert das historische Biesdorf mit seiner Dorfkirche.

Im östlichen Raum Berlins sind vergleichbare Gebäude selten.

Das jetzige Gebäude entspricht dem Stand um 1900 nach den baulichen Änderungen durch Wilhelm von Siemens (Architekt Th. Astfalck).

Balkon an der Südfront 1907

 

Das Ensemble steht seit 1979 unter Denkmalschutz.

 

  1. Der Architekt des Schlosses Biesdorf Johann Heino Schmieden (1835-1913) gehört zu den bedeutendsten und produktivsten Berliner Architekten von internationalem Rang in der 2. Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wurde mit dem Wiederaufbau des Schlosses Biesdorf für Berlin wiederentdeckt.

 In der Sozietät mit dem älteren Martin Gropius (1813 -1880) von 1866 bis 1880 wurden bedeutende Bauten realisiert. Nach Gropius frühem Tod setzte Schmieden mit anderen Partnern dieses Werk fort. Das Kunstgewerbemuseum – der heutige Martin-Gropius-Bau-, das alte Gewandhaus in Leipzig, das Krankenhaus Friedrichshain sind nur wenige markante Bauwerke. Mit Krankenhausbauten wurde Schmieden international bekannt.

Schloss Biesdorf ist das älteste Bauwerk von Schmieden im heutigen Berlin.

Schmieden war leitend tätig in Architektenvereinigungen, Mitglied der Preußischen Bauakademie und Akademie der Künste, Mitbegründer der URANIA, an der Seite Virchows maßgeblich  an der Tuberkulosebekämpfung beteiligt.

Durch den Verein „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ und BALL e.V. sowie die wissenschaftliche Arbeit und das Buch von Dr. Oleg Peters „Heino Schmieden, Leben und Werk des Architekten und Baumeisters 1836- 1913“ wurde diese Persönlichkeit gleichsam wiederentdeckt.

Mit den Nachkommen von Heino Schmieden (seine Urenkel) besteht eine – so selten mögliche – lebendige Verbindung zu Biesdorf und unseren Verein. Das Porträt Schmiedens ist ein Geschenk der Familie und ist als Leihgabe im Schloss zu sehen.

P1040696

 

Im Mai 2018 wird der große Saal zur Würdigung des Architekten als Heino-Schmieden-Saal benannt. Diese Ehrung bedeutet für die bauhistorische Berliner Fachwelt auch einen gewissen Akt historischer Gerechtigkeit in Bezug auf den Martin-Gropius-Bau, der nicht nur von Schmieden mit entworfen, sondern von ihm nach Gropius Tod zu Ende geführt wurde.

 

  1. Der von Albert Brodersen in den 90er Jahren des 19. Jhd. gestaltete, auf 14 ha erweiterte Schlosspark folgt dem Lennéschen Modell eines klassischen Landschaftsparks in seltener stilistischer Reinheit.

 Die seit Ende der 1920er Jahre begonnenen und seit den 1950er Jahren hinzugekommenen Elemente und Einbauten im Sinne eines öffentlichen Volksparks wurden seit 1984 mit der Rückbesinnung auf die Brodersensche Planung teilweise rückgebaut bzw. fügen sich wie die Parkbühne sinnvoll und zweckmäßig ein.

 

  1. Albert Brodersen (1857 – 1930 ) war von 1910 bis 1925 der dritte Gartenbaudirektor Berlins und hat in einer Zeit des Übergangs zur reformorientierter Gartenarchitektur die Entwicklung des öffentlichen, für die Bürger zugänglichen Grüns maßgeblich gefördert.

 Die Neugestaltung des Botanischen Gartens, Viktoriapark, Kleistpark, Märchenbrunnen, Volkspark Rehberge, Park an der Liebermannvilla sind Beispiele. Mit der Benennung der Lindenallee im Schlosspark Biesdorf auf Initiative des Vereins in Albert-Brodersen-Allee im Jahre 2007 erhielt er eine angemessene Ehrung.

Parasol

 „Die Zeit … ist reif, sich mit seinem Lebenswerk auseinanderzusetzen, es vertieft zu ergründen, was an Erbe noch da ist, …wie in Biesdorf – durch gezielte Inwertsetzung zu erhalten und neuerlich zu beleben.“

Dr. Klaus Henning von Krosigk,  2007

 

  1. Die privaten Besitzer und Bewohner des Schlosses Biesdorf sind repräsentative Beispiele für die Beziehungen und Verflechtungen und des Wirkens adliger Familien und des Bürgertums in Preußen und Berlin des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

 Hans Hermann von Rüxleben  (1841 – 1895) war nicht nur Rittergutsbesitzer. Er wurde 1872 in den Kreistag Niederbarnim gewählt und war Amtsvorsteher des Amtsbezirks Biesdorf von 1874 bis 1884. Bemerkenswert ist die Rolle des Vaters der Anna Pauline Griebenow, die mit Rüxleben verheiratet wurde.

Christian Wilhelm Griebenow (1784 -1865), aus dessen Vermögen seine Witwe die Finanzierung des Schlosses gespeist hat, hatte sich in den Befreiungskriegen 1812/13 (Ehrenbürger Kolbergs) und bei der urbanen Entwicklung Berlins als Grundstückshändler einen Namen gemacht. Noch heute ist eine Straße im Bezirk Berlin-Mitte nach ihm benannt.

Günther von Bültzingslöwen (1839 – 1889) war nicht nur als Kaufmann (Kaffee, Zuckerrohr) auf Java tätig. Er war dort Konsul des Norddeutschen Bundes bzw. des Deutschen Reiches.

Im  Krieg 1870/71 fällt sein jüngster Bruder. Bültzingslöwen schließt sich dem französischen Roten Kreuz an. An seine humanitäre Rolle im Dienste des holländischen Roten Kreuzes während des 2. Atjehkrieges – ein Kolonialkrieg – zur Jahreswende 1873/74 wird noch heute erinnert.

Die Künstlerin Paula Modersohn-Becker ist eine Nichte.

Ohne von Bültzinglöwen, dem der befreundete Werner Siemens ein Darlehen gewährt hatte, wäre der Erwerb des Schlosses durch Werner von Siemens nicht zu Stande gekommen.

 

  1. Siemens und Biesdorf

Neben den hier als bekannt vorauszusetzenden allgemeinen Daten über die Familie Siemens war ihr Wirken auch für die Gemeinde Biesdorf fruchtbar.

 Wilhelm von Siemens und seine Frau Elly gestalteten seit 1889 nicht nur Schloss und Park neu und brachten es auf ein zeitgemäßes technisches Niveau und bewirtschafteten das Rittergut.

Sie bewohnten viele Jahre das Anwesen und machten es zu einem Treff gesellschaftlichen Lebens (Gesellschaftsabende, Jagden).

Kostümfest 1907

 

Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Biesdorf verlief zum gegenseitigen Vorteil. Siemens förderte öffentliche und Gemeinwohlprojekte für Biesdorf.

Die drehbare Luftschiffhalle in Biesenhorst (Karlshorst/ Biesdorf, 1909) war eine technische Innovation ersten Ranges. Auch haben technische Experimente im Park und vom Schloss(turm) aus stattgefunden, wozu noch weitere Forschungen laufen.

 

  1. In der Zeit der Weimarer Republik wird das Schicksal des Schlossensembles nach dem Tod von Wilhelm von Siemens (1919) und dem nachlassenden Interesse der Siemensfamilie stark vom Interesse der Stadt Berlin am Erwerb von Bauland für die Stadterweiterung und des Parks für die Versorgung mit öffentlichem Grün bestimmt.

Diese Jahre haben dem Schloss baulich kaum gut getan. Das leider nicht bekannte Siemenssche Interieur und Inventar ist mit großer Wahrscheinlichkeit schon in diesen Jahren  verloren gegangen.

Die Umstände des Verkaufs bzw. Erwerbs des Biesdorfer Gutes sind ein auch heute noch interessantes Beispiel für den Umgang der Stadt und privaten Eigentümern bei Grundstücksgeschäften. Der Kauf von 1927 zog auch einen langwierigen Untersuchungsausschuss nach sich.

Nach Ende des 1. Weltkriegs erfolgen im Schloss Einquartierungen mit Wohnungen und der Reichswehr. Später Nutzung als Polizeidienststelle, Ortsamtsstelle, nicht realisierter Plan eines Mütter-und Säuglingsheimes.

Der Schlosspark (nach damaliger Täglicher Rundschau „verwildert“) wird ab 1928 öffentlicher Volkspark und entsprechend ausgestaltet. Er ist die erste städtische Grünanlage im Gebiet des heutigen Bezirks Marzahn-Hellersdorf.

 

  1. Die zwölf Jahre intensiver Nutzung und des Missbrauchs des Schlossensembles in der NS-Zeit und die sinnlose Brandzerstörung einen Tag vor dem Erreichen dieses Teils von Berlin durch die Rote Armee waren eine Zeit der Unkultur. Nicht wenige Menschen sind ihr gefolgt. Die Opfer und die Ursachen dürfen nicht vergessen werden.

 Im Schloss, weiterhin Polizeistelle, wurden durch die Nazis der Ortsgruppensitz, die Meldestelle für HJ und Jungmädelbund und ein Amt für Volkswohlfahrt etabliert. Der Einbau eines Luftschutzkellers und andere bauliche Änderungen folgten.

Die NSDAP machte das bekannte Ensemble zu einem intensiven und propagandistisch wirksamen Ort für Veranstaltungen und Feste.

Im Krieg diente das Schloss als Sammelstelle für den Volkssturm, immer häufiger als Ort für Nothilfe und Notunterkünfte, Winterhilfswerk, Lazarett.

Von den Luftangriffen auf Biesdorf 1943 und 1944 verschont geblieben, wurden am 26. März 1945 bei Tieffliegerangriffen der Roten Armee auch Bereiche des Schlossparks und Gutes bombardiert.

  1. April 1945 Brandzerstörung, vermutlich Brandstiftung,
  2. April 1945 Die Rote Armee erreicht Biesdorf.

 

  1. Die Einrichtung eines Friedhofs der Roten Armee 1945/46 und des dafür provisorisch hergerichteten Schlosses (Trauersaal) sowie eine Ummauerung der Hälfte des Schlossparks haben auch dazu geführt, dass der alte Baumbestand des Parks erhalten blieb und das Schlossgebäude vor weiterer Zerstörung bewahrt wurde.

Von 1945/46 bis zur Umbettung zum Parkfriedhof Marzahn – Sowjetisches Ehrenmal – im Jahre 1958 bestanden in drei Bereichen des Schlossparks 462 Gräber sowjetischer Soldaten und Zivilangehöriger.

2018 sind 60 Jahre seit der Umbettung zum Parkfriedhof Marzahn vergangen

Eine Erinnerungstafel an geeignetem Ort wäre angemessen.

 

  1. Der gemeinsame Nenner der seit 1954 in der DDR, also dreieinhalb Jahrzehnte, ununterbrochenen und teils sehr intensiven Nutzung von Schloss und Park Biesdorf für die Bürgerinnen und Bürger durch den jeweiligen Stadtbezirk ist Kultur und Bildung im weiten Sinne. Für die DDR exemplarische Strukturen wie Jugendklub oder Kreiskulturhaus sowie die Ferienspiele und Arbeitsgemeinschaften für tausende Kinder waren aufgebaut.

In diesem langen Zeitraum entwickelte sich eine enge Beziehung vieler Bürger mit ihren Familien zum Schloss und Park, oft über die Lebensalter und Generationen hinweg.

Diese Besonderheit unterscheidet Biesdorf von anderen vergleichbaren Anlagen und muss bei jeder künftigen Nutzung beachtet und produktiv gemacht werden.

Im Falle des Schlosses und Parks in Biesdorf handelte es sich im  Unterschied zu den vielen anderen 1945 im Privatbesitz befindlichen Herrenhäusern schon um städtisches Eigentum (Stadtbezirk Lichtenberg), woraus sich eine klare Zuständigkeit für die weitere Nutzung  des Parks und  des Schlossgebäudes ergab.

Diese Stichworte erinnern an die Breite dieser Nutzung:

Bildhaueratelier (1954-58, E. Kobbert und Becker), erster Dorfklub,

Jugendklub, Freilichtbühne, Ferienspiele, Rassehundeausstellungen, Tischtennisplatz, Jugendschwimmbecken, Indianerspielplatz, Sandspielplatz, Verkehrsgarten, Bibliothek, Gaststätte, Jugendtanz, Disko, Arbeitsgemeinschaften, Kreiskulturhaus, Fernsehzimmer …

Ferienspiele

Plansche Schlosspark

 

Trotz sehr knapper baulicher Ressourcen wurde das Gebäude der Zeit gemäß bescheiden und sachgerecht instand gesetzt und auch baulich funktionsfähig gehalten. Es gab 1956 (NAW – Nationales Aufbauwerk) und später Pläne des Wiederaufbaus. Die Gefahr der Übernutzung wurde erkannt und das Ensemble 1979 unter Denkmalschutz gestellt.

Mit Blick auf die seit 1990 benötigten 25 Jahre, ehe das Schloss tatsächlich wieder aufgebaut werden konnte, ist ein Respekt vor diesen Leistungen durchaus eher angebracht als ein „Naserümpfen“.

 

  1. Nach der Vereinigung 1990 kam es zeitweilig zu einer Gefährdung des Bestandes als öffentliche Einrichtung. Die Entscheidung des Bezirks Marzahn von 1994, das Schloss Biesdorf einem Freien Träger, dem BALL e.V., zu übertragen, ermöglichte bis zum Beginn des Wiederaufbaus 2013 wiederum eine fast zwei Jahrzehnte währende breite soziokulturelle  Nutzung für die Bürger. Dadurch wurde das Gebäude auch vor dem weiteren baulichen Verfall bewahrt.

Versuche, das Schloss zu veräußern und ähnliche kommerzielle Ideen konnten verhindert werden. Der Betrieb als Stadtteilzentrum erwies sich auch als eine Voraussetzung, die Restaurierung und den späteren Wiederaufbau Schritt für Schritt umzusetzen.

Ball e.V. gehörte zu den Initiatoren der Bürgerinitiative von 1998 „Biesdorf braucht sein Schloss“ und der nachfolgenden Vereinsgründung 2001.

BALL e.V. – Leistungen des Stadtteilzentrums 1994 -2013:

  • 281 klassische Konzerte,
  • 116 historische Vorträge,
  • 155 literarische Lesungen,
  • in 167 Veranstaltungen präsentierten Bürger ihr interessantes Hobby,
  • 175 Puppentheater für unsere Kleinsten,
  • 153 Ausstellungen

 

F:1 I:S QT:2 MT:+133

Dazu ungezählte private Feiern.

Insgesamt nutzten mehr als 620.000 Bürger die Möglichkeiten des Hauses in Zirkeln und Kursen, ließen sich beraten oder brachten sich und ihre Ideen in die Stadtteilarbeit ein.

 

Resumee:

Der Wiederaufbau des Schlosses Biesdorf ist eine Erfolgsgeschichte von Bürgerengagement, Beharrlichkeit, politischem Willen und professioneller Ausführung.

Ohne den 2001 gegründeten Verein mit Dr. Günter Peters (1928 -2013), der die Rettung und den Wiederaufbau des Schlosses auf die politische Agenda des Bezirks Marzahn-Hellersdorf gesetzt hatte, ist das wiederaufgebaute Schloss nicht denkbar.

Günter-Peters

 

Als Bauherr hat der Verein mit der Sanierung des Erdgeschosses von 2002 bis 2007 die Machbarkeit gezeigt und mit den ersten Förderanträgen ab 2006 den weiteren Weg geebnet.

Eine bürgerschaftliche Initiative „Biesdorf braucht sein Schloss“, getragen vom Heimatverein, dem MHWK, BALL e.V. und engagierten Bürgern und ein Brief der Lehrerin Monika Berndt an den Bundespräsidenten Johannes Rau waren  Wegbereiter der  Vereinsgründung

Das alte neue Schloss Biesdorf jetzt als attraktiven Ort der Kunst zu entwickeln, der auf dieser reichen Geschichte fußt und für viel Bürger wichtig war und ist, ist mindestens eine ebenso große Herausforderung, wie es das Ringen um die bauliche Rettung war.

Meine politische Erfahrung bei der baulichen Rettung des Schlosses Biesdorf:

Ohne eine förderbare Aufgabe und klare Zielstellung keine Fördermittel, ohne Fördermittel keine Sanierung und kein Wiederaufbau, ohne Wiederaufbau Gefahr des nicht mehr heilbaren baulichen Verfalls.

Anders gesagt: Wenn diese umfangreichen Baumaßnahmen nicht hätten durchgeführt werden können, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Bauwerk über kurz oder lang infolge seiner bis dahin auch verborgenen großen Schäden nicht mehr zu erhalten gewesen.

Bürgerschaftliches Engagement muss sich organisieren und mit Sachkunde agieren.

Mitwirkung und Einbeziehung der Bürger ersetzen nicht die Verantwortung des Eigentümers und der fachlich und rechtlich zuständigen Akteure des Bezirks und der Stadt (des Landes) Berlin, aber sie fordern sie heraus und unterstützen sie.

Dr. Günter Peters als Inspirator und Motor des Wiederaufbaus des Schlosses Biesdorf und Gründungsvorsitzender des Vereins „Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.“ würde am 11. August 2018 90 Jahre alt.

Wir sollten ihn angemessen würdigen.

 

Leicht bearbeitete Textfassung des mit Abbildungen ergänzten Vortrags vom 11. Januar 2018 im Schloss Biesdorf im Rahmen der gemeinsamen Vortragsreihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf

Dr. Heinrich Niemann im Gespräch mit dem Tagesspiegel

Vor wenigen Tagen hat der Vorstandsvorsitzende unseres Vereins, Dr. Heinrich Niemann, ein Gespräch mit online-Redakteur Ingo Salmen vom Tagesspiegel zur aktuellen Situation von Schloss Biesdorf geführt. Den Wortlaut können Sie hier lesen.


Presseerklärung unseres Vereins zum Neustart ins Jubiläumsjahr 2018

 

Mutig in das Jubiläumsjahr 2018

Schlossverein unterstützt Neustart für Schloss Biesdorf

 

Nach der beendeten Betreiberschaft durch die Grün Berlin GmbH wird der Verein Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf mit seinen Kräften dazu beitragen, um Schloss Biesdorf im 150. Jahr seines Bestehens schnell in erfolgreiches Fahrwasser zu bringen. Dazu wurde in einem konstruktiven Gespräch mit Kulturstadträtin Juliane Witt (LINKE) bereits wesentliche Übereinstimmung erzielt. Klares Ziel ist es, das Schloss als kulturellen Leuchtturm für unseren Bezirk, als attraktiven Ort der Kunst, Geschichte und Begegnung im Osten der Bundeshauptstadt zu positionieren.

Die sorgfältige Neujustierung des Konzepts für die Kunstgalerie im Schloss und das begleitende Programm an Projekten und Veranstaltungen bis hin zur Raumaufteilung ist dafür entscheidende Aufgabe. Der Förderzweck, die Erfahrungen seit der Eröffnung 2016 und auch die Erwartungen und Kritiken aus der Bürgerschaft müssen dabei berücksichtigt werden. Die Zusage der Stadträtin, unseren Verein und andere Akteure in diese Arbeit einzubeziehen, nehmen wir sehr ernst.

Die Erarbeitung eines Kooperationsvertrages zwischen dem Verein und dem Bezirksamt wurde vereinbart. Allein seit der Eröffnung 2016 hat der Verein mit über 65 Vorträgen, Führungen, anderen Veranstaltungen sowie seinen Publikationen für das Schloss Biesdorf einen beachtlichen ehrenamtlichen Beitrag geleistet.

Die BIESDORFER BEGEGNUNGEN und die Vorträge mit der Volkshochschule werden weitergeführt, ebenfalls die Führungen des Vereins zum Schloss. Den Saal des Schlosses als „Heino-Schmieden-Saal“ zu benennen, begrüßen wir sehr, hat doch der Verein eine solche Namensgebung für diesen wichtigen Berliner Architekten schon vor Jahren vorgeschlagen. Der Maler Otto Nagel soll einen würdigen Platz finden. Ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm aller Akteure soll künftig das Publikum informieren.

„Wir wollen weiter dabei helfen“, so der Vorstandsvorsitzende Dr. Heinrich Niemann, „auch die noch skeptischen und kritischen Bürger zu gewinnen, sich ‚ihr Schloss‘  auch als neuen Ort der Kunst wieder anzueignen, seine vielschichtige Geschichte aufzunehmen und den vielen neuen Besuchern diesen so interessanten Ort im Osten Berlins zu vermitteln.  Bis zum 150. Geburtstag des Schlosses im Mai 2018, während des 19. Biesdorfer Blütenfestes, sollen die Weichen auf eine gedeihliche Zukunft gestellt werden. Dabei ist  unserem Verein auch weiterhin sein Achtpunkteprogramm zum Schlossjubiläum eine gute Grundlage“.

 

Ziele und Vorschläge 150 Jahre Schloss-8 Punkte

Berlin-Biesdorf, 6. Februar 2018


Hinter der Maske: Wahrnehmungen von der neuesten Schau im Museum Barberini

 

Seit dem 29. Oktober ist die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Potsdamer Museum Barberini zu sehen. Jeweils 1000 Besucher an den ersten beiden Tagen beweisen das überragende Interesse vieler Menschen an der Kunst aus der DDR. Die Museumsleitung hat dabei berücksichtigt, dass die Zeit der Vermessung dieser Kunst aus politischen und soziologischen Blickwinkeln vorbei sei. Nunmehr „fragt Hinter der Maske. Künstler in der DDR, wie die Künstler im kritischen Blick nach innen ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zur vorgeschriebenen Aufgabe reflektierten und wo und wie sie trotz staatlicher Vorgaben Spielräume für die künstlerische Kreativität fanden.“

Titel Prestel

Das Buch zur Ausstellung

Museumsgründer Hasso Plattner hat diesen Vorstoß, der auf seinem eigenen Bilderstock gründet, gegenüber der Süddeutschen Zeitung wie folgt kommentiert: „Erstens haben mich die Bilder von Malern wie Mattheuer und Tübke, aber auch vielen anderen Künstlern der ehemaligen DDR sehr interessiert. Ich verstehe nicht, warum sie in den Museen auch heute nach vielen Jahren immer noch kaum vertreten sind. Deshalb wollte ich ihnen ein Forum geben. Zweitens habe ich mit meinem neuen Museum Barberini bewusst einen Schwerpunkt auf der Kunst aus der DDR gesetzt, weil ich finde, dass die Menschen dort während der DDR-Zeit benachteiligt waren und nach der Wende nochmals ungerecht behandelt wurden.“ (SZ vom 28.10.2017)

museum_barberini_frontansicht_low.1440x540

Museum Barberini

Neben dem Plattner-Stock besteht die Exposition aus insgesamt rund 120 Werken von über 80 Künstlerinnen und Künstlern von fast 50 Leihgebern, darunter das Kunstarchiv Beeskow (!) und das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst. Die meisten Werke aus staatlichen Einrichtungen durften nach langen Jahren erstmalig die verschlossenen Depots verlassen.

 

Öffentliche Wahrnehmung

 In der Öffentlichkeit ist die Ausstellung, zunächst im regionalen Raum, interessiert zur Kenntnis genommen worden. Auch die Rede des Bundespräsidenten zur Eröffnung hat es verdient, dezidiert angegeben zu werden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Eröffnungsrede: „Wenn Sie mir zwei Bemerkungen zum Schluss gestatten. Der Zufall will es, dass ich vor gerade einmal zwei Wochen in Rom war und auch wieder einmal die Sixtinische Kapelle und Michelangelos Jüngstes Gericht ansehen konnte.

Wenn es je politisch oder ideologisch motivierte Auftragskunst gegeben hat, dann dort, im Palazzo Apostolico. Aber es zeigt sich an diesem unbezweifelbaren Höhepunkt europäischer Kunst eben auch, wie sich selbst in solchem Kontext der individuelle Künstler in seinem Glauben und seinem Zweifel, in seinem Selbstbildnis und seiner Auffassung von der Welt ausdrücken und künstlerisch darstellen kann. Das gilt zu allen Zeiten.

Und eine letzte Beobachtung. Im Mittelpunkt der Ausstellung hier stehen – kein Wunder, wenn es um das Selbstverständnis des Künstlers geht – Selbstporträts. Ein künstlerisches Sujet mit einer sehr langen und sehr vielfältigen Tradition in der europäischen Kunstgeschichte. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt hier aus der DDR-Kunst zusammengetragen wurde. Und es nötigt große Bewunderung ab, mit welcher hohen künstlerischen Meisterschaft und mit welcher tiefen Reflexion hier der einzelne Künstler – wie man mit Recht sagen kann – an sich gearbeitet hat.“

Sabine Schicketanz und Sarah Kugler in Potsdamer Neuesten Nachrichten: „Dafür gibt es ein (freiwilliges) Stelldichein mit den anwesenden ausgestellten Künstlern und Steinmeier, im Museumscafé sollen sie ins Gespräch kommen können miteinander. Ronald Paris ist dort, auch Maler Hartwig Ebersbach. Für Paris ist klar, so hat er es Steinmeier aufgeschrieben: Es drohe wieder eine Abwertung der DDR-Kunst, besonders der Auftragskunst, der Bilder aus dem Palast der Republik. Diese seien keine ‚reinen Propagandabilder‘, wie es nun ‚inkompetente Polemiken‘ erneut behaupteten.

Abwertung, Aufwertung, der Grad bleibt schmal. Die Besucher, die am gestrigen Sonntag das Barberini besuchen, scheinen jedenfalls begeistert. Trotz Sturm und Regen, ist das Museum am Nachmittag gut gefüllt, im Erdgeschoss drängen sich die Menschen dicht. Die 22-jährige Christina Langhorst ist mit ihrer Mutter extra aus Braunschweig angereist. In erster Linie wegen des Hauses selbst, gibt sie zu, aber die Ausstellung gefällt ihr gut. Besonders ‚Tagebuch‘ von Thomas Ziegler habe es ihr angetan – eine Sammlung von 28 Selbstporträts des Malers in einem Bild.“

Harald Kretzschmar im nd: „87 Namen stehen für einen Ausschnitt aus einer Fülle zur Geltung gekommener Begabungen. Ölmalerei dominiert. Fotografisches und Konstruktives abstrahiert. Plastisches akzentuiert. Bronzen füllen den Mittelsaal der ersten Etage. Da können einem schon die Augen übergehen. Schlichtes Menschenmaß herrscht. Anrührendes Menschwerden wird spürbar. Die schon zahlreiche Besucherschar des ersten Öffnungstages war baff. Wie konnte man nur so viel variable Ausdruckskraft in jene Menschendarstellung investieren, die anderswo damals längst als unmodern abgehakt war?

Fragen über Fragen. Das Verwunderlichste: Reihenweise hängen da Bilder, die sowohl Selbstbewusstsein wie auch Zweifel ausdrücken. Dienst an der Kunst nach Vorschrift – so hieß es doch immer. Und nun dies? In welcher Bildecke taucht denn nun der gebietende Staat auf? Ach so, der bestand auf der Erkennbarkeit der Welt. Wieso dann aber diese Ausflüge ins Abstrakte, ins Nackte, ins Vertrackte? Kunstbonzen als Malerfürsten sind wohl doch eine Legende. Sparen wir uns ihre Namen. Es gibt genug andere.“

 

Thomas Ziegler: eine Wiederentdeckung

Schauen wir auf das Bild von Thomas Ziegler, das „Tagebuch“. Thomas Ziegler ist Jahrgang 1947, er starb überraschend vor drei Jahren am Silvestertag 2014. Bevor er sein Kunststudium in Leipzig aufnahm, hatte er in Jena sechs Semester Sozialpsychologie studiert. Man merkt seinen Bildern die psychologische Grundierung an.

ziegler, das tagebuch

Das Tagebuch von Thomas Ziegler im Barberini (Foto: B.Settnik)

 

Es wird, so erfahren wir in den Potsdamer Neuesten Nachrichten, vom Publikum besonders intensiv betrachtet. Es ist das einzige Bild aus dem Kunstarchiv Beeskow, das es ins Barberini geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt es monoton: 28 Selbstporträts desselben Menschen. Ziegler aber ist Tübke-Schüler, seine Selbstporträts sind an den Arbeiten alter Meister ausgerichtet: feine Detailbeobachtung und Anwendung von Lasur. Er nennt es Mischtechnik auf Hartfaser oder Leinwand. Seinen Stil bis 1990 führt er selbstbewusst als Leipziger Schule an.

Ziegler, an dessen Namen ich mich zunächst nicht mehr erinnern konnte, hat hingegen ein Bild gemalt, das in der Perestroika-Periode in der DDR für einen Paukenschlag sorgte und damals in  aller Augen war: Vier Sowjetsoldaten von 1987.

Sowjetische Soldaten 1987

(Foto: Kunstarchiv Beeskow)

 

Das Bild war parteiseitig höchst umstritten. Thomas Ziegler hatte die vier Porträts in Eigeninitiative ausgeführt und sie dann an die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft verkauft. Prompt bekam er 1988 von der DSF entgegen der Staatsräson noch deren Kunstpreis. Auf der X., der letzten Kunstausstellung der DDR, gehörte das Bild zu den vieldiskutierten Werken. So differenziert hat eben Auftragskunst funktioniert. Die Soldaten gingen 1989/90 gemeinsam mit  anderen Werken auf eine Reise in die USA: „Twelve Artists from the GDR“ – es war die erste und letzte offizielle Kunstausstellung aus der DDR in den Vereinigten Staaten. Herbert Schirmer holte die Tafel dann nach Beeskow, was Ziegler sehr bedauert hat; er wollte seine Protagonisten in Freiheit sehen.

Thomas Ziegler blieb nach der Wende ein hochaktiver Künstler. Inspiriert von einem Nikaragua-Aufenthalt Ende der 1980er Jahre wandte er sich dem Surrealismus zu, beginnt mit Pleinair-Malerei, lässt sich von vielen Dingen anregen. Er malt und zeichnet Landschaftliches, in dem die Gegenständlichkeit aufgelöst wird, ohne in Abstraktion zu verfallen. Zuletzt wird die unmittelbare Wahrnehmung zu malen zur Obsession… Seine Frau Carmen Ziegler hat ein digitales Archiv aufgebaut, in dem Sie weitere Details seines umfangreichen und noch längst nicht abgeschlossenen Werkes nachverfolgen können.


1200px-Thomas_ziegler_2009_sw

Thomas Ziegler, 2009

Ein einziges Werk im Barberini, das aus Beeskow stammt, hat für mich ein anspruchsvolles Künstlerleben erhellt. Bei der Eröffnung der 3. ZKR-Ausstellung „Blick Verschiebung“ fragte mich am Ende eines kontroversen Gespräches die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, Frau Kremeier, was ich mir denn für das ZKR Schloss Biesdorf an Ausstellungen wünschte. Ich antwortete, dies sei mit den Fördermittelgebern fest vereinbart: eine Galerie „Bilderstreit“ in einer Ost-West-Begegnungsstätte. Jetzt will ich konkretisieren: ich wünsche mir Ausstellungen mit Bildern von Thomas Ziegler und all den anderen bildenden Künstlerinnen und Künstlern, die in Beeskow, Frankfurt/O. und Cottbus lagern und heraus wollen aus ihren Magazinen, um uns ihre Geschichten zu erzählen – die wir sehen und hören wollen…

 

(Axel Matthies)


Türen türmen sich auf, aber auch Fragen

Zur Eröffnung der 3. Ausstellung im ZKR Schloss Biesdorf „Blick Verschiebung“

Am 20. Oktober wurde im Schloss Biesdorf die dritte Kunstausstellung des Zentrums für Kunst und öffentlichen Raum (ZKR) „Blick Verschiebung“ eröffnet; sie ist bis zum 8. April 2018 zu sehen. Das Thema „Blick Verschiebung“, so heißt es in dem Ausstellungsführer, beziehe sich auf „fotografische und filmische Erkundungen des Wandels von Landschaften und urbanen Strukturen, ebenso wie von Ökonomien und gesellschaftlichen Gefügen seit den späten 1980er-Jahren in Ostdeutschland“. 22 KünstlerInnen zeigen in ihren Arbeiten künstlerische Bildreflexionen von Veränderungen. Dabei würden die jüngeren Arbeiten den Status quo abbilden und den erlebten Wandel, während die älteren die sich andeutenden Umschwünge reflektierten.

Einladung ZKR Blick Verschiebung

Der hoffnungsvolle Besucher freut sich auf die neue Exposition. Ein erster Gang durch die Schau summiert jedoch recht schnell das Vorhersehbare nach den beiden vorangegangen Ausstellungen: es dominieren kollabierende Betriebe, triste Landschaften, verfallene Häuser. Es überwiegen Fotos in den Jahreszeiten Herbst und Winter in schwarz-weiß, viele Bilder sind weitgehend frei von Menschen – so als lägen Orte und Landschaften lange und unwiderruflich wüst. Es verdichtet sich beim Betrachter die Erfahrung, dass die DDR und Ostdeutschland als Folie für „das ökonomische Desaster“, eine „trostlose Dystopie“ oder ein „gescheitertes urbanes Konzept der Spätmoderne“ dienen, wie im Ausstellungsführer formuliert wird.

Neue Installation im Oktagon

Auch die Installation im Oktagon fehlt dieses Mal nicht: das RAUMLABORBERLIN zeigt NALEPASTRASSE –RAUMSTRUKTUR02 2017. Das ist eine Auftürmung von „Plattenbautüren“ aus dem Funkhauskomplex in der Berliner Nalepastrasse. Damit stünde die „Architekturskulptur für die andauernde Transformation Berlins“. Die Türen sind weiß gestrichen und heben sich somit wohltuend von den schwarzen LKW-Reifen Michael Sailstorfers im Herbst vergangenen Jahres ab. Ulrike Kremeier, die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, die gemeinsam mit Katja Aßmann vom ZKR Schloss Biesdorf die Ausstellung aus den Beständen ihres Museums kuratiert hat, bezeichnete die Installation als „skulpturalen Wert“.

P1040915

Kuratorin Katja Aßmann zwischen den Türen

 

Berührende Fotos aus der Heimat

Nichtsdestoweniger, ich gebe jetzt persönliche Eindrücke wider, kann man auch sehr berührende Fotos betrachten. Einige KünstlerInnen aus dem Osten, die diese Region als Heimat betrachten, nähern sich ihr nicht von außen, sondern als lange Zeit selbst erfahrene. Joachim Richau präsentiert Fotos von der Insel Kietz bei Küstrin, Alexander Janetzko „Streusand – ich komme aus“, das sind Bilder aus seiner Heimat in der Niederlausitz, Monika Lawrenz dokumentiert das Schicksal der Obstbaumalleen in der Prignitz nach  der Wende und Thomas Wolf hielt Industriegeschichte in Wittenberge fest. Altmeister Arno Fischer ist mit einer Serie über einen ehemaligen Sanatoriumskomplex in Hohenlychen vertreten.

janetzko_streusand02                  janetzko_streusand03

Fotos von Alexander Janetzko

 

Höhepunkt „Manhattan“

Von ganz besonderem Wert hingegen ist für mich die Fotodokumentation von Stephanie Steinkopf „Manhattan – Straße der Jugend 2012“. „Manhattan“, das sind zwei Neubaublocks am Rande von Letschin, einem durchaus bekannten Ort im Oderbruch nördlich von Küstrin.

Dort leben mehr als 20 Jahre nach der Wende diejenigen Letschiner, die den Systemwechsel nicht bewältigt haben, die übrig geblieben sind und ganz offensichtlich nicht mehr wegkommen. Stephanie Steinkopf, die in Letschin aufwuchs, ist zurückgekehrt und gewinnt das Vertrauen der Mieter. Es entstehen Bilder von Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch von Wärme und Kraft. Die Fotoserie erscheint zuerst 2014 im „Stern“ und macht dann Karriere. Die Fotografin erhält Preise und Anerkennung.

Frank Schirrmeister, ein Fotografenkollege von der Agentur Ostkreuz, beschreibt den Wert dieser Arbeit so: „..erinnert ihre Vorgehensweise, also die Tatsache, dass sie die Bewohner »Manhattans« über mehrere Jahre hinweg immer wieder besucht und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, den Betrachter sehr schnell an die ethnologische Methode der Feldforschung. Ohne die physische Präsenz in dem tristen Plattenbau am Rande Letschins über einen langen Zeitraum und ohne die Interaktion mit der sozialen Gruppe der Bewohner, ja mehr noch, ohne eine eigene Rolle in diesem Gefüge, wären ihr wohl kaum solch intensive Porträts gelungen, die von Nähe und unbedingtem Vertrauen der Porträtierten in die Fotografin zeugen. Der Verantwortung, die sich daraus ergibt, ist sich Steinkopf bewusst. Der große Erfolg von »Manhattan« – Ausstellungen, zahlreiche Preise, (Fernseh-) Interviews, Veröffentlichungen – sei häufig eine Gratwanderung, wie sie betont. Stets müsse man neu aushandeln, wie weit man gehen könne und wolle, um die Bewohner des Plattenbaus nicht bloßzustellen und einen Armutsporno daraus zu machen.

Manhattan–Straße der Jugend

Die Manhattan-Blöcke

 

Bis heute fährt sie regelmäßig nach Letschin, um sich des Einverständnisses der Leute zu versichern und ihnen auch mal abzuraten, Boulevardmedien Interviews zu geben oder bestimmte Fernsehsender und ihre Anfragen zu meiden.“

Stephanie Steinkopf ist der Star dieser Ausstellung. Sie hat die Ostkreuzschule besucht und ist Mitglied der großen Agentur Ostkreuz.

Stefanie Steinkopf Foto moz.de (2) (533x800)

Stephanie Steinkopf (Foto: Steinkopf)

 

Leider erfährt man diese große Geschichte in der Ausstellung nicht komplett. Man erfährt auch nicht, dass sich die beiden Manhattan-Blöcke in der Hand eines „Berliner Investors“ befinden, der plant, solvente Berliner Rentner in das Oderbruch zu locken.

Insgesamt empfehle ich Ihnen einen Besuch der Exposition. Machen Sie sich selbst ein Bild und entdecken Sie weitere Geschichten hinter den Fotos.

Generell bleibt eine wichtige Frage im Raum stehen: welche Klientel bedient das ZKR mit seinen Expositionen? Zur Vernissage waren nur sehr wenige Menschen aus dem Bezirk  Marzahn-Hellersdorf zu entdecken… Das Haus gehört unserem Bezirk. Und es besitzt einen eigenen genius loci.

 


Blick Verschiebung

21.10.2017 – 8.4.2018

Mittwoch – Montag: 10.00 – 18.00 Uhr

Dienstag geschlossen

Eintritt 5,00 €, erm. 2,50 €. Gruppenpreise erfragen. Montag generell 2,50 €.


P.S.

Im Juli, anläßlich des feierlichen Gedenkens des 50. Todestages von Otto Nagel, hatte Kulturstadträtin Juliane Witt versprochen, das das Gemälde „Wochenmarkt am Wedding“ einen festen Platz im Schloss Biesdorf finden wird. Sie hat Wort gehalten.

P1040924

(Axel Matthies)


Goldener Oktober im Schlosspark Biesdorf

 

Herbstsonne im Schlosspark

Herbstsonne im Schlosspark

 

Wiese im Herbstlicht

Wiese im Herbstlicht

 

Parasol

Parasol

 

Eiskeller blätterbefallen

Eiskeller blätterbefallen

 

P1040905

Goldgerahmtes Schloss

 

Die Sinnende im Herbstlicht

Die Sinnende im Herbstlicht

 

 

(Fotos: Axel Matthies)

 

 


Kunstarchiv Beeskow macht sich selbständig

 

Trotz des finanziellen Rückzugs der Länder Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bleibt das Archiv zur DDR-Kunst auf Burg Beeskow erhalten. Der Landkreis Oder-Spree und das Land Brandenburg wollen die Sammlung weiterhin unterstützen. „Die Generalinventarisierung der Exponate soll bis April 2019 abgeschlossen sein, danach werden wir weitersehen und auch über Finanzierungen sprechen“, sagte Reiner Walleser, Abteilungsleiter im Potsdamer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur am 3. August 2017. Der Landkreis habe sein Interesse signalisiert, das Kunstarchiv zu übernehmen.

Herbert Schirmer, Vorsitzender des Fördervereins Burg Beeskow e.V. kommentierte: „Mir und dem Kuratorium erscheint wichtig, dass diese Kunst immer im Einklang mit einer Dokumentation gezeigt wird, gerade auch für jüngere Besucher“. Schirmer hatte die Kunstwerke nach dem Ende der DDR in Beeskow zusammengeführt, um sie für die Zukunft zu erhalten. Das Kunstarchiv befindet sich im Speicher an der Burg. Dieser soll in den kommenden Monaten saniert werden. Die Sammlung kommt dann im Gebäude des Kreisarchivs Beeskow unter, das im September nach Fürstenwalde zieht.

Neue Direktorin der Burg Beeskow ist seit dem 2. Januar dieses Jahres Florentine Nadolni. Die 35-Jährige leitet  nicht nur die Burg als Veranstaltungs- und Ausstellungszentrum, sondern auch das Kunstarchiv Beeskow sowie das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt.

Florentine Nadolni

Florentine Nadolni

 

Diese drei Einrichtungen werden gemeinsam als Bildungs-, Kultur- und Ausstellungszentrum in Regie des Landkreises Oder-Spree geführt. Florentine Nadolni hat an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) studiert. In ihrer Master-Arbeit untersuchte sie die „Städtische Identität im ostdeutschen Schrumpfungskontext“ und recherchierte in Eisenhüttenstadt, der ersten Planstadt der DDR, die nach der Wende massiv unter dem Wegzug ihrer Bevölkerung litt. Die gebürtige Berlin-Pankowerin hat ein sachliches und respektvolles Verhältnis zur DDR-Alltagskultur: „Man kann sich auch am Anblick von bestimmten, in typisierter Bauweise errichteten Plattenbauten wie etwa Schwimmhallen oder Schulgebäuden aus der DDR erfreuen“, sagt Nadolni, „und traurig sein, wenn sie abgerissen werden.“


Die Rückkehr Otto Nagels in den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt Berlin

 

Es war ein historischer Abend im Schloss Biesdorf: der 12. Juli 2017 wird als die Rückkehr des großen Malers Otto Nagel, des Berliner Ehrenbürgers, in den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt Berlin gelten. Mehr als 100 Bürgerinnen und Bürger waren zu der festlichen Veranstaltung anlässlich des 50. Todestages des Malers in das Schloss Biesdorf gekommen. Eingeladen hatten dazu das Kulturamt des Bezirkes und der Gastgeber Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum Schloss Biesdorf.

Kulturstadträtin Juliane Witt war bei ihrer Begrüßung sehr angetan von der großen Resonanz. Sie erinnerte an die letzte öffentliche Ausstellung von Werken Otto Nagels im Schloss Biesdorf vor fünf Jahren. Sie hatte damals gemeinsam mit dem Archivleiter der Akademie der Künste Wolfgang Trautwein versprochen, dass Otto Nagel nach Biesdorf zurückkehren werde. Nun hatte sie das Bild „Wochenmarkt am Wedding“ aus dem Jahre 1926, das als Leihgabe in der Mark-Twain-Hauptbibliothek hängt, mitgebracht und erklärt, es werde im Oktober hier einen festen Platz erhalten; weitere Werke sollen folgen.

P1040872

Otto Nagels „Wochenmarkt am Wedding“

 

Schlossdirektorin Katja Aßmann war offensichtlich beeindruckt von dem Andrang. Ihr Team hatte es indes geschafft, jedem der gekommenen Besucher eine Sitzgelegenheit bereit zu stellen. Sie freue sich riesig, diesen wichtigen regionalen Künstler hier präsentieren zu können und kündigte Wolfgang Brauer als Redner des festlichen Abends an. Brauer, langjähriges Mitglied des Abgeordnetenhauses und Vorsitzender des Heimatvereins,  konzentrierte sich dabei auf die Biesdorfer Jahre. Wir dokumentieren seinen Vortrag ausführlich.

P1040859

Wolfgang Brauer sprach vor vollbesetztem Saal

 

Otto Nagel wäre in der Biesdorfer Zeit weniger Künstler denn Kulturpolitiker gewesen. In einer Übersicht listete Wolfgang Brauer Nagels Werkverzeichnis auf: Insgesamt sind 651 Werke als erhalten dokumentiert. Dabei entstanden nur 65 nach 1945, lediglich 34 größere Arbeiten, darunter vier Ölbilder direkt in der Biesdorfer Zeit. Etwa 1500 Arbeiten sind dem Krieg, insbesondere den Bomben, zum Opfer gefallen; zusätzlich 400 Werke wurden von den Nazis konfisziert oder zerstört.

In der Biesdorfer Zeit mehr Kulturpolitiker als Künstler

Der Redner konzentrierte sich dann auf die ideologischen, insbesondere kulturpolitischen und ästhetischen Debatten in der frühen DDR. Diese wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht mitbestimmt. In der Formalismusdebatte hatte zum Auftakt der sowjetische Kulturoffizier Alexander Dymschitz die Kunst von Pablo Picasso, Marc Chagall, Karl Schmidt-Rottluff und Karl Hofer als „Mummenschanz“ und „Wirklichkeitsfälschung“ diskreditiert. Sogar Arno Mohr wurde als Formalist abgestempelt. Diese sogenannte Debatte hatte einzig ein Ziel, das Otto Grotewohl so formulierte: „Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen.“ Auch Otto Nagel, der eigentlich als Repräsentant der proletarisch-revolutionären Kunst galt, unterlag dem Formalismus-Verdikt, indem er auf den „Klassiker des Wedding“ reduziert wurde. Nagel litt in dieser Zeit, in der er sich in einer Debatte mit Walter Ulbricht den Satz anhören musste: „Es hat auch vor Hitler Entartete gegeben“. Von Nagel waren in der Nazizeit 27 Gemälde im öffentlichen Besitz als „entartet“ beschlagnahmt worden.

Otto Nagel konzentrierte sich ab 1950 auf seine Arbeit für die Akademie der Künste. Er initiierte große Einzelausstellungen von Otto Dix, Frans Masereel, Heinrich Zille, Georg Hendrik Breitner und Otto Pankok. Auch diese Maler passten nicht in die Bildvorstellungen der SED-Kunststrategen. Nagel versuchte stets, „Verstimmungen“, die westdeutsche Künstler bei Ausstellungen in der DDR erlitten, in den Folgejahren immer wieder die Spitze zu nehmen und den künstlerischen (und menschlichen) Austausch über die deutsch-deutsche Grenze nicht abreißen zu lassen. So wurde am 10. März 1956 die viel beachtete Akademie-Ausstellung „Der grafische Zyklus. Von Max Klinger bis zur Gegenwart“ eröffnet.

Otto Nagel wurde am 12. April 1956 zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt. Man setzte dabei auf den „Genossen Professor Otto Nagel“. Er selbst agierte eher als Diplomat. Nachdrücklich förderte er die Aufnahme ausländischer Künstler als „korrespondierende Mitglieder“ (anderes ließ das Statut nicht zu). In seiner Präsidentenzeit wurden 47 neue Mitglieder aufgenommen, dazu kamen 26 „korrespondierende“. Unter den Neuaufgenommenen waren 1956 Otto Pankok und Diego Rivera, 1957 Otto Dix (auf Vermittlung Josef Hegenbarths, der selbst offenbar mit Billigung Nagels Mitglied der Westberliner „Konkurrenzakademie“ wurde), 1958 Frans Masereel, 1960 Paul Robeson und Igor Oistrach.

Intensiv bemühte sich Nagel um seine Meisterschüler. Harald Metzkes, Ronald Paris und Rolf Schubert wurden von ihm betreut. Ganz reibungslos lief dies angesichts des äußerst unterschiedlichen Erfahrungshorizontes von Schülern und Lehrer offenbar nicht ab. Nagel attestierte z. B. Ronald Paris „… ohne Zweifel eine Begabung … Er hat eine Vorliebe, junge Mädchen zu zeichnen, wobei die Gefahr besteht, dass er seine Begabung verschenkt. … wenig, aber dafür ausgeführte Arbeiten wären mehr als die unzähligen inhaltslosen Ölstudien, die er in der letzten Zeit geschaffen hat.“ Paris spricht noch heute voller Hochachtung von seinem Lehrer.

Harald Metzkes, Der glühende Ofen. 1967

Harald Metzkes, Der glühende Ofen. 1967 (Bild: Galerie Leo.Coppi)

Ronald Paris, Regenbogen über dem Marx-Engels-Platz. 1962

Ronald Paris, Regenbogen über dem Marx-Engels-Platz. 1962

 

Enge Kontakte zur West-Berliner Akademie und westdeutschen Künstlern

Ein besonderes Thema waren Nagels Bemühungen um einen engen Kontakt zur 1954 gegründeten Westberliner Akademie der Künste, deren Präsident ab 1955 der Architekt Hans Scharoun war. 1956 stand man in Kontakt, um gemeinsam die Restaurierung der Quadriga Gottfried Schadows für das Brandenburger Tor in die Wege zu leiten. Nagel beförderte die einzige gemeinsame Veröffentlichung beider Akademien, die Schrift Cornelia Schröders „Carl Friedrich Zelter und die Akademie“ (1959). Auf Bitten Max Tauts, der Mitglied der Westberliner Akademie war, wandte sich Nagel im März 1960, bekanntermaßen erfolglos, an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und den Kulturminister Alexander Abusch, um den Abriss der erst 1956 für drei Millionen DM wiederhergestellten Bauakademie Schinkels in Berlin-Mitte zu verhindern. Nagel kämpfte auch für den Erhalt des Potsdamer Stadtschlosses.

Der kulturpolitische Kurs Otto Nagels – ähnliche Gründe führten fast zeitgleich zum Rauswurf des „Sinn-und-Form“-Chefredakteurs Peter Huchel – dürfte den Hardlinern Alfred Kurella und Alexander Abusch schon länger ein Dorn im Auge gewesen sein. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die 1961er Akademie-Ausstellung „Junge Künstler“. Wie damals üblich wurde von den Kulturfunktionären die Dekadenz-Keule geschwungen. Nagel musste schriftlich Stellung nehmen. Am 8. Februar 1962 wurde Otto Nagel von Abusch zum „Vieraugengespräch“ vorgeladen. Abusch erstattete Kurella über den Verlauf in einem Brief vom 22. Februar 1962 Rapport. Nach allgemeinem Palaver kam Abusch offenbar zügig „zur Sache“. Er legte Nagel „die ideolog. Gründe dafür dar, dass ein neuer Präsident der Akademie gewählt werden muss.“ Offenbar wurden ihm der Rauswurf und ein damit verbundenes Berufsverbot angedroht: „Ich habe ihm gesagt, dass er in Ehren ausscheiden soll, damit er seine Tätigkeit als Künstler … fortsetzen kann. Im Verlaufe des Gespräches überzeugte sich Genosse Nagel, dass dieser Weg der richtige ist und er sein Amt diszipliniert bis zur Neuwahl weiterführen soll.“ Otto Nagel gehorchte, zum Widerstand sah er sich nicht mehr in der Lage.

Letzte Werke

1963 malte Nagel in Biesdorf aber noch einmal ein großes Selbstbildnis, „Der alte Maler“, das heute den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gehört. Das Selbstbildnis zeigt einen müden, in seiner Schaffenskraft fast erloschenen Mann. Voller Trauer beschreibt es sehr genau die psychische Verfassung des Künstlers.

Otto Nagel, Der alte Maler. 1963

Otto Nagel, Der alte Maler

 

Zwei Jahre später entstand im Biesdorfer Atelier noch ein Porträt der inzwischen erwachsenen Tochter Sibylle. Sibylle Nagel war es, die ihrem Vater bei einem letzten künstlerischen Aufbäumen Hilfestellung leistete. Wally Nagel berichtete darüber im Vorwort des Buches „Berliner Bilder“: „Kurz bevor Otto Nagel uns für immer verlassen hat, bat er unsere Tochter Sibylle, ihn nach Alt-Berlin zu bringen, wo er schon lange nicht mehr gewesen war. Sie packte – so wie ich es früher getan hatte – seine Pastellstifte, ein Malstühlchen und Pappen ein und brachte ihn dorthin. Lange ging er, um etwas zu finden, was noch festgehalten zu werden lohnte. Er ahnte ganz sicher, dass er diesmal für immer Abschied nahm von Alt-Berlin. Dann aber, heiter wie früher und nicht ein bisschen müde, schaffte er in sechs Tagen fünf Pastelle – ‚Abschied vom Fischerkietz‘. Noch nie waren seine Pastelle so stark, so farbig, so lebendig schön! … Er war froh, daß er sie noch gemalt hatte, die alte Stadt am Ende …“

Otto Nagel, Abschied vom Fischerkietz IV. Pastell, 1965

Otto Nagel, Abschied vom Fischerkietz IV. Pastell, 1965

 

Ein wahrer Mensch und großartiger Maler

Otto Nagel, so resümierte Wolfgang Brauer, gehöre mit Hans Baluschek, Heinrich Zille und Käthe Kollwitz – für die beiden Letzteren verfasste er am Biesdorfer Schreibtisch lesenswerte Biografien – in die Reihe der großen Berliner Künstler des 20. Jahrhunderts. Dieser wahre Mensch und großartige Maler darf nicht dem Vergessen anheimfallen. So beendete Wolfgang Brauer seinen großen Vortrag, auf den ein langer und warmer Beifall folgte.

Dokumentarfilm über Walli Nagel

Es folgte der Film über Walli Nagel, den der Regisseur  Mathias J. Blochwitz vorstellte. Er dankte zunächst dem Deutschen Rundfunkarchiv für die Digitalisierung des 35mm-Filmes. Mit dem Calauer: „Was ist sozialistischer Realismus? Der ist wie das Leben – nur schöner!“, führte er in den Dokumentarfilm ein.

P1040868

Filmstart „… als ob es gestern wär'“

 

… als ob es gestern wär‘. Walli Nagel betrachtet ihr Leben“  von Wolfgang Dietzel ist eine Hommage an die langjährige Ehefrau des Malers. Von 1925 bis 1967 war sie an Nagels Seite. Nagel hatte sie in Leningrad kennen gelernt, wo er die 1. Allgemeine Deutsche Kunstausstellung in Moskau, Saratow und Leningrad (St. Petersburg) im Auftrag der Internationalen Arbeiterhilfe begleitete. Aus der Schauspielerin Walentina Nikitina wurde schnell Walli Nagel. Wallis großes Verdienst bestehe darin, so Mathias J. Blochwitz, dass sie über das sowjetische Außenministerium mit dem deutschen Ribbentrop-(Außen-)Ministerium eine Entlassung Otto Nagels aus dem KZ Sachsenhausen erreichen konnte, wohin er 1937 eingeliefert worden war. Walli wollte eigentlich mit ihrem Mann das nazistische Deutschland verlassen, was Nagel strikt ablehnte. So war diese Hilfe für den Maler überlebenswichtig. Sie lebte bis zu ihrem Tode 1983 in Deutschland, aber ihre russische Seele blieb immer. „Er war mein Mann und ich liebte ihn“. Diese zentrale Botschaft vollendete den Film, der wiederum langen und warmherzigen Beifall erhielt.

P1040867

Walli Nagel im Film

 

Wolfgang Brauer erinnerte abschließend daran, dass das Otto-Nagel-Haus auf der Fischerinsel 1994 schließen musste, die kommunale Otto-Nagel-Galerie in der Weddinger Seestraße 49 im Jahre 2007. Der Berliner Alt-Bezirk Wedding hatte 1984 einen Otto-Nagel-Preis gestiftet, der allerdings nur ein Mal vergeben wurde. Nun also, am 50. Todestag, kehrt der große Künstler in die Öffentlichkeit seiner Heimatstadt zurück. Es ist nicht der Wedding, es ist Marzahn-Hellersdorf. Otto Nagel gehört hierher.

4 Akteure

4 wichtige Akteure des Abends: Mathias J. Blochwitz, Juliane Witt, Katja Aßmann, Wolfgang Brauer (v.l.)

 

(Axel Matthies)

 


Otto Nagel – ein Berliner Maler und mehr

von Klaus Hammer

 

Von 1952 bis zu seinem Tod 1967 lebte er im Berliner Stadtteil Biesdorf, in der heutigen Otto-Nagel-Straße. Die Ehrenbürgerschaft, die ihm der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung von Ostberlin posthum verliehen, wurde nach der Vereinigung übernommen. Vor sechs Jahren hat in Zusammenarbeit mit dem Otto Nagel Archiv das Käthe-Kollwitz-Museum Berlin dem mit dessen Namenspatronin befreundeten Malerkollegen eine schöne Werkauswahl seiner Berliner Bilder von den Endzwanziger- bis in die Endvierzigerjahre gewidmet. Die kleine Gemälde-Schau aus dem Bestand der Kunstsammlung der Akademie der Künste wurde 2012 noch im Schloss Biesdorf gezeigt und ist die letzte Personalausstellung des Berliner Künstlers geblieben. Zu seinem 50. Todestag wird es keine geben.

Das alte, heimliche, dem Untergang geweihte Berlin

1934 war dem in den Mietskasernen des Wedding aufgewachsenen Arbeitermaler – er war Autodidakt, ihm wiesen Heinrich Zille und Käthe Kollwitz seine Richtung – von den Nationalsozialisten das Verbot erteilt worden, weiterhin im Atelier zu malen. Daraufhin zog er mit seinem Pastellkasten auf die Straße und erklärte Berlin zu seinem „Freilichtatelier“. Ihn interessierte nicht das repräsentative Berlin, der Kurfürstendamm oder Unter den Linden und das Brandenburger Tor, sondern das alte, heimliche, dem Untergang geweihte Berlin, die stillen Ecken und Winkel, die Hinterhöfe und Grachten, Kneipen, Parkbänke und Buddelkästen. Otto Nagel arbeitete mitunter im Wettlauf mit den Bombenangriffen, denn Tage oder auch nur Stunden später waren nur noch Ruinen übrig. Mitten in der Zeit der Zerstörung diente sein Werk der Erhaltung: Das Bedrohte und Vernichtete durfte nicht gänzlich verloren gehen. Das zerstörte Alt-Berlin sollte in seinen Bildern gerettet, unverlierbar gemacht werden. Mit dem Berlin der Sperlingsgasse, des Mühlendamms, der Friedrichsgracht, der Schornsteinfegergasse, durch den Krieg oder die Abrissbirne dem Erdboden gleich gemacht, hat er einzigartige Dokumente von künstlerischem wie kulturgeschichtlichem Wert geschaffen.

Otto Nagel, Friedrichsgracht. 1942

Otto Nagel, Friedrichsgracht. 1942

 

Trotz protokollarischer Schärfe entdeckte Nagel in seiner „sozialen Topografie“ Berlins verborgene Schönheiten, leise, diskrete Bildelemente. Die Farbe ist weder rauschhaft noch explosiv, sondern unauffällig, auf einen gemischten Grundton abgestimmt – adäquat dem bedrückenden Alltag: ein dumpfes Grau und düsteres Umbra, ein getrübtes Ocker, fahles Englischrot oder verwischtes Grün, ein gedämpftes Pariserblau. Und zugleich mit einem leisen Anflug von Wehmut und Resignation …

Der wohl bedeutendste proletarische Maler im 20. Jahrhundert

Aber Otto Nagel war nicht nur der Maler Berlins – er war viel mehr. Er ist der wohl bedeutendste proletarische Maler im 20. Jahrhundert. Seit den 1920er Jahren stand er für soziales Engagement, und er suchte Gestalt und Psyche des Menschen realistisch vielschichtig zu deuten. Bei ihm trat der Arbeiter nicht als amorphe Masse, sondern als individuell geformte Persönlichkeit hervor, in der sich zugleich ein Massenschicksal spiegelte. Im Arbeiterbildnis gelang es ihm, Elemente neuer geistiger Beziehungen zur sozialen Umwelt erlebbar zu machen. Mit wissenden Augen schaut „Lotte mit Puppe“ (1921) – es ist Nagels Tochter – den Betrachter an. Dieses proletarische Kind hat Spielen nicht gelernt, wie einen Fremdkörper hält es die Puppe in der Hand. „Parkbank am Wedding“ (1927) ist das einzig erhaltene Gemälde aus dem Bilderzyklus „Aus dem Leben eines Großstadtmenschen“: Fast alle Farben sind mit einem stumpfen Grau gebrochen, aus der bedrückenden, bleiernen Umgebung heben sich die bleichen Gesichter der alten Menschen ab, die dasitzen – jeder allein mit seinem Elend, in seiner Verlorenheit und doch durch das gleiche Schicksal miteinander verbunden.

1927 Parkbank vor dem Altersheim - Öl SPK-MG

Otto Nagel, Parkbank vor dem Altenheim

 

Das Sammelbild „Weddingkneipe“ (1927) vereint neun Einzelporträts, acht Gäste einer Budike am Wedding, gruppiert um den Wirt. Es ähnelt einem Altarbild: Die von einem harten Leben geprägten oder zermürbten Menschen sind wie heilige Märtyrer dargestellt. In düsteren erdigen Farben ist dann wieder „Frühschicht“ (1930) gemalt und vermittelt eine Atmosphäre der Bedrückung und Hoffnungslosigkeit. „Jungkommunist“ (1930/31), ein Einzelporträt aus der „Weddinger Familie“, demonstriert kämpferische Entschlossenheit; der Dargestellte ist ein Arbeiter-Typus, psychologisch und soziologisch verortet, und deutet zugleich einen gesellschaftlichen Hintergrund von politischer Aktualität an. 1934 schließlich entstand das würdevolle Bildnis des Waldarbeiters Scharf, in das alle bisher gesammelten Erfahrungen des Nagelschen Porträtschaffens eingeflossen zu sein scheinen. In die feiertägliche Ausnahmesituation des 70. Geburtstages ist das ganze zurückliegende Leben des Waldarbeiters mit einbezogen.

Zille, 1935 Der 70 Geburtstag des Waldarbeiters Scharf - Öl SPK NG

Otto Nagel, Der 70. Geburtstag des Waldarbeiters Scharf

 

Anreger für jüngere Künstler

Nach 1945 gehörte Otto Nagel zu jener alten Realisten-Generation, die, geschult an der Malerei Max Liebermanns, im Osten Deutschlands in der Entdeckung der neuen Wirklichkeit zu Anregern für jüngere Künstler wurden. Er übte schon durch seine Tätigkeit an der Akademie der Künste beträchtlichen Einfluss aus. Seine Meisterschüler waren Horst Bartsch, Dietrich Kaufmann, Harald Metzkes, Ronald Paris, Rolf Schubert, die dann ihre eigenen Wege gehen sollten. Denn Ende der 50er Jahre trat schon eine zweite Generation hervor, die sich kräftig und unübersehbar zu Wort meldete und die zu einer Erneuerung der Kunst beigetragen hat. Mit seinen Porträts, darunter seinen Selbstporträts von 1949 und 1963, den Trümmerfrauen-Blättern von 1947, den Berlin-Arbeiten von 1 954 und den Fischerkiez-Pastellen von 1965 hat aber Nagel selbst Höhepunkte in der realistischen Nachkriegskunst geschaffen. Mit seinen Selbstporträts, in denen er seine Kunst kontinuierlich weiter entwickelte, kann er sich überdies in die Reihe großer Meister des 20. Jahrhunderts wie Max Beckmann, Lovis Corinth, Otto Dix, Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker einordnen. Schon im ersten Selbstbildnis mit Hut (1919), die Proletarierwohnung im Hintergrund, erreicht er mit seiner lapidaren Formensprache eine Tiefe des Ausdrucks. Hier tritt der Arbeiter – mit fragend-forderndem Blick – als Individuum und Künstler erstmals in die Malerei ein.

Otto Nagel, Selbstbildnis

Otto Nagel, Selbstbildnis mit Hut

 

Das Selbstporträt von 1934 ist ein leidenschaftlicher Protest: Der Künstler setzt sich über das von den Nazis verhängte Malverbot hinweg; trotz Haussuchungen und Inhaftierungen erscheint hier das Malen – er hat das Malwerkzeug neben sich – wie ein Akt innerer Befreiung. Sein „Selbstbildnis“ (1949) – mit konzentriertem, kritisch prüfendem Blick sitzt der Maler, die Palette in der einen, den Pinsel in der anderen, erhobenen Hand, vor der unsichtbaren Staffelei – spiegelt eine andere Art von Befreiung wider – die, endlich wieder frei malen zu dürfen. Hingabe, Selbstprüfung, Zweifel, Selbstbestätigung und erneuter Zweifel kommen hier zusammen. „Der alte Maler“ (1963) hat er dann das letzte Selbstporträt genannt, verloren blickt der Maler an seinem noch unfertigen Bild vorbei ins Unbestimmte, weise Gelassenheit und leise Müdigkeit des Alters liegen über seinem Antlitz.

Otto Nagel, Der alte Maler. 1963

Otto Nagel, Der alte Maler

 

Am 12. Juli ist Otto Nagels 50. Todestag. Er verkörpert die ungewöhnliche Symbiose eines engagierten proletarischen Malers und eines Klassikers des Realismus.

 

Publikation mit freundlicher Genehmigung von „Das Blättchen“ – http://das-blaettchen.de/

Zwischenüberschriften und Bilder in der Verantwortung unseres Vereins


Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst gegründet

 

Brandenburg besitzt seit dem 1. Juli 2017 ein Landesmuseum für moderne Kunst. Dazu wurden das bisherige Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und das Museum Junge Kunst in Frankfurt an der Oder mit ihren mehr als 35.000 Werken überwiegend ostdeutscher Kunst, vor allem aus der DDR, zu einer Einrichtung zusammengeschlossen. Die neue Direktorin Ulrike Kremeier erklärte dazu: „Dieser Bestand ist eine einzigartige Ressource, die es uns ermöglicht, stärkere Wahrnehmungen und kunsthistorische Einordnungen für Positionen, Formen und Themen von Kunst aus Ostdeutschland und ihre Traditionslinien seit den 1950er Jahren zu erarbeiten. Indem wir die Sammlung immer wieder in unterschiedliche thematische oder zeitliche Zusammenhänge bringen, haben wir die Möglichkeit ihre Rezeption zu intensivieren.“

Ulrike Kremeier

Ulrike Kremeier

 

Das Museum Junge Kunst in Frankfurt an der Oder wurde 1965, das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus 1977 als Galerie für Gegenwartskunst in der DDR gegründet. Das Cottbuser Museum wurde 1984 Staatliche Kunstsammlungen Cottbus, 1991 in Brandenburgische Kunstsammlungen Cottbus und 2006 mit neuem Standort in Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus umbenannt.

dkw cottbus   dkw cottbus innen

dkw Cottbus

 

Zugleich erhöht die Landesregierung ihre bisherige Finanzierung der beiden Museumsstandorte ab dem kommenden Jahr um rund 450.000 Euro auf künftig 1,3 Millionen Euro jährlich für die neue gemeinsame Einrichtung. Dies ist auch vor dem Hintergrund der geplanten Kreisgebietsreform ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der beiden Oberzentren.

„Mit der Fusion wird die kunstwissenschaftliche und museumspädagogische Arbeit gestärkt“, betonte Ulrike Kremeier. „Dies ist dringend notwendig, weil auch mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch ein komisches Bild von der ostdeutschen Kunst existiert“, sagte sie. Diese werden immer noch zu sehr mit der westdeutschen Brille unter dem Aspekt der staatlich verordneten sozialistischen Kunst betrachtet. Zum Barberini-Museum des Mäzens Hasso Plattner in Potsdam mit seiner DDR-Sammlung bestünden gute Beziehungen, sagte Kremeier. Die Sammlung könne jedoch mit dem neuen Landesmuseum und seinen umfangreichen Beständen „überhaupt nicht mithalten“.

Museum Junge Kunst   Museum Junge Kunst innen

Museum Junge Kunst Frankfurt/O.

 

Über die Zukunft des Kunstarchivs Beeskow mit seinen rund 23.000 Werken von DDR-Auftragskunst soll erst nach Abschluss der bis April 2019 laufenden Bestandsaufnahme entschieden werden. Träger des Kunstarchivs sind die Länder Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.


„Die Sinnende“ – über Ingeborg Hunzinger und ihre Kunst

 

Der April-Vortrag 2017 war dem Leben und Schaffen der großen deutschen Bildhauerin Ingeborg Hunzinger gewidmet. Vortragende war Claudia Maria Franck, eine Enkelin der Künstlerin. So war, das sollte sich schnell erweisen, auch eine persönliche und vor allem mit vielen lebendigen Dokumenten gespeiste Erzählung verbürgt. Es war übrigens der erste originäre Vortrag über diese Künstlerin, obwohl wir schon einiges über Ingeborg Hunzinger berichtet hatten.

Frau Franck stellte eine erstaunlich facettenreiche Biografie vor, die sich in 4 Blöcke ordnen ließe:

Ausbildung und künstlerische Selbstfindung, erste Lebenserfahrungen in den faschistischen Systemen Italiens und Deutschlands

Entscheidung für die DDR, Kunst im Sozialismus

Zwischenbilanz und Neuorientierung

Das Spätwerk

 

 

Ausbildung und künstlerische Selbstfindung, erste Lebenserfahrungen in den faschistischen Systemen Italiens und Deutschlands

Ingeborg Franck, geboren 1915, wuchs in einem großbürgerlichen und künstlerisch orientierten Hause auf. Ihr Großvater war der Maler Philipp Franck – Impressionist, Sezessionist und Liebermann-Freund; ein Maler auf Augenhöhe mit Walter Leistikow, Lovis Corinth und Max Slevogt, dessen Bedeutung für die Berliner Kunstgeschichte auch erst in den letzten Jahren festgestellt wurde.

Der Wannsee, 1914, Öl auf Leinwand, 125 x 125 cm

Philipp Franck, Der Wannsee. 1914

 

Ihr Vater Hans-Heinrich Franck war Chemiker, die Familie lebte in Westend. Kurz vor dem Abitur vom Gymnasium relegiert, begann Ingeborg eine Ausbildung an der Kunstakademie Berlin-Charlottenburg, die sie nach zwei Jahren wegen ihrer politischen Überzeugung, aber auch wegen der jüdischen Herkunft ihrer Mutter, abbrechen musste. Sie wechselte nach Franken, wo sie ihre Lehre als Steinmetz-Gesellin abschloss. Von 1938 an arbeitete sie ein Jahr im „Atelierhaus in der Klosterstraße“, das der damals wohlbekannte Bildhauer Ludwig Kasper führte. Zu den Künstlern, die sie dort kennen lernte, gehörte unter anderen Käthe Kollwitz. Da sie Jüdin war, siedelte sie 1939, bedrängt von den Nazis, nach Italien um. Dort traf sie auf den Hallenser Maler Helmut Ruhmer, mit dem sie einen gemeinsamen Lebensabschnitt begann. Oberitalien, insbesondere Florenz, brachte für Ingeborg Franck eine künstlerische Erweckung: sie sah viele Arbeiten von Michelangelo und nahm sie für sich als künstlerisches Vorbild an.

'David'_by_Michelangelo

Michelangelo, David

 

Mit Ruhmer geht sie anschließend nach Sizilien, um dort zu arbeiten und zu leben. Sie liebte es, schnelle Aquarelle anzufertigen.

Hunzinger, Sizilien II

Sizilien II

 

Aber 1943 kehren sie zurück nach Berlin: Ruhmer muss in Deutschland für die Wehrmacht bereit stehen, andererseits war die Situation in Sizilien nicht übermäßig ertragreich. Ingeborgs Vater ist über die Rückkehr nicht erfreut: er muss seine jüdische Frau vor den Nazis schützen, nun kommt seine jüdische, inzwischen schwangere Tochter, noch hinzu. Ruhmer und Ingeborg ziehen in den Schwarzwald, konkreter gesagt den Hotzenwald, den südlichsten Zipfel des Schwarzwaldes; eigentlich: an das Ende der Welt. Dort werden 1943 und 1944 die gemeinsamen Kinder Anna-Katharina und Gottlieb geboren. Zum Kriegsende wird Helmut Ruhmer noch in die Wehrmacht eingezogen; er fällt nach zwei Wochen an der Ostfront. Es entsteht eine unfassbare Situation für Ingeborg Franck. Sie hat die Liebe ihres Lebens verloren, konnte wegen der faschistischen Rassegesetze nicht heiraten und lebt nun fernab der Familie mit zwei Kleinkindern.

Entscheidung für die DDR, Kunst im Sozialismus

Dennoch bleibt sie zunächst dort. Sie engagiert sich nun politisch und wiederbelebt die KPD in der Bodensee-Region. Die Partei beauftragt sie, in Baden politisch aktiv zu sein. Geld verdient sie mit Töpfern. In der politischen Arbeit lernt sie Adolf Hunzinger kennen, einen ehemaligen Spanien-Kämpfer. 1949 gehen beide nach Ost-Berlin. Ingeborg, inzwischen 35 Jahre alt, widmet sich wieder der künstlerischen Arbeit. Sie wird Assistentin bei Drake und dann Meisterschülerin bei Cremer und Seitz. Ein Beispiel der Werke aus den 1950er Jahren steht in Friedrichshagen im Müggelpark direkt am Müggelsee: Vater mit Kind auf den Schultern.

Hunzinger, Mann mit Kind auf der Schulter

Vater mit Kind auf den Schultern, 1958

 

Diese und die anderen Plastiken im Müggelpark waren und sind bei der Bevölkerung beliebt: es war völlig unideologische Kunst, die sich dem Zusammenleben junger Familien widmete. Und es war eine Problematik, die Ingeborg Hunzinger (verheiratet seit 1955) aus  eigener Erfahrung kannte.

In den 1960er Jahren verdiente sie den Unterhalt für die Familie durch Werkverträge mit Betrieben und Kommunen. Es entstanden Arbeiten für die Leuna-Werke, das Funkwerk Köpenick, das Fotochemische Werk und andere Einrichtungen in Berlin und Bezirken der DDR. Ein Werk für das Fotochemische Werk trägt den versprechenden Namen „Mensch und Strahlung“.

Mensch und Strahlung. Bronze, 1969

Mensch und Strahlung, 1969

 

Der Spätsommer 1968 beginnt für Ingeborg Hunzinger, das hebt Enkelin Claudia Maria Franck hervor, mit einer einschneidenden Veränderung  in ihrem Leben: die jüngste Tochter beteiligt sich an Protesten gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die CSSR. Gerade in die 12. Klasse versetzt, wird sie von der Erweiterten Oberschule relegiert – die Mutter muss sich dafür verantworten.

Drei Jahre lang wird Ingeborg Hunzinger auf Aufträge und Verträge verzichten, sie muss sich ihren Lebensunterhalt privat verdienen. Dazu kommt eine Parteistrafe. Bald darauf verlässt die jüngste Tochter die DDR. 1968 heiratet sie noch ein Mal (von Adolf Hunzinger hatte sie sich bereits getrennt), aber ihr Mann, der um einige Jahre jüngere Bildhauer Robert Riehl, den sie schon aus Meisterschülerzeiten kannte, stirbt bereits 1976.

Zwischenbilanz und Neuorientierung

Die 1970er Jahre sind also ein Umbruch für Ingeborg Hunzinger. Sie überprüft ihre eigene politische Position und ihr künstlerisches Schaffen. Die Künstlerin geht inzwischen auf die 60 zu – es wird Zeit für das Alterswerk.

Zunächst lässt sie sich jedoch für die künstlerische Ausstattung der Ost-Berliner Großsiedlungen gewinnen. Sie gehört, so die Aussage einer zeitgenössischen Zeitung, „zu den zehn Künstlern des Konzeptionskollektivs für das Neubaugebiet Berlin-Marzahn. Im Auftrag des DFD-Bundesvorstandes werden für die dortigen Wohngebiete Gemälde, Wandbilder und Plastiken geschaffen, die sich vorwiegend mit dem Thema Familie und Kind auseinandersetzen“. Neben der konzeptionellen Arbeit steuert Hunzinger 5 eigene Werke bei:

Paar, Erholungspark Marzahn

Jugend – Älteres Paar, Schragenfeldstraße 21

Frauen, Allee der Kosmonauten/Marchwitzastraße

Die Geschlagene, Die sich Aufrichtende, Der sich Befreiende, Freizeitforum  Marzahn

Und: Die Sinnende.

 

Zur „Sinnenden“ hat uns Claudia Maria Franck Material zur Verfügung gestellt, das wir hier exklusiv vorstellen können.

„Die Sinnende“ – bemerkenswerte Fakten

Diese uns allen so vertraute Figur trägt anfangs den Titel „Die Besinnliche“. Sie entsteht im Mai/Juni 1976 bei einem Bildhauer-Symposium in Reinhardtsdorf. Dieses Dorf in der Sächsischen Schweiz verfügt über einen Steinbruch mit Naturstein, der als Reinhardtsdorfer Sandstein bekannt ist. An diesem Symposium mit Beteiligung polnischer und rumänischer Künstler nahm auch Karl-Günter Möpert teil, einer der beiden Schöpfer des „Denkmals für die Erbauer Marzahns“. In einem Material schreibt er: “Symposien dieser Art tragen dazu bei, dass der Naturstein, der ja ein uraltes Gestaltungsmaterial ist, wieder mehr Beachtung bei der Gestaltung künstlerischer Vorhaben gewinnt. Angst und Befangenheit bei der Bewältigung des Materials werden abgebaut, weil der handwerklich erfahrene Kollege dem unerfahrenen Kollegen seine Erfahrungen uneingeschränkt mitteilt.“ Hier sehen Sie Fotos aus Reinhardtsdorf:

Sinnende_Hunzinger

Ingeborg Hunzinger im Kreis von Kollegen

 

Besinnliche im Steinbruch

„Die Besinnliche“ im Steinbruch

 

„Die Besinnliche“ wird im Spätsommer 1976 in Kaulsdorf Nord aufgestellt, an der damaligen Kaufhalle im Teterower Ring; im heutigen Bereich des Spreecenters.

Sinnende am Standort Kaufhalle Kaulsdorf                Sinnende am Standort Kaufhalle Kaulsdor

„Die Besinnliche“ am Standort Teterower Ring

 

Im Sommer 1978 gelangt die Plastik in die Ausstellung „Plastik und Blumen“ in Berlin-Treptow. Dort muss bei Verantwortlichen die Kenntnis gereift sein, dass die Figur in einem landschaftlichen Umfeld besser aufgehoben ist.

Sinnende_Plastik und Blumen Treptow 27_8_1978

„Die Besinnliche“ im Sommer 1978 in Berlin-Treptow (Foto: Sonntag, 27.8.1978)

 

Von Treptow ist die Figur ganz offensichtlich nicht nach Kaulsdorf Nord zurückgekehrt. Sie wird unter dem neuen Namen „Die Sinnende“ 1980 am heutigen Standort im Schlosspark Biesdorf aufgestellt.

Sinnende im Park

„Die Sinnende“ im Schlosspark Biesdorf

 

„Die Sinnende“ deutet ganz nachdrücklich einen Wandel des künstlerischen Ausdrucks bei Ingeborg Hunzinger an. Die Figur bleibt im Stein, sie „entblößt“ sich nicht, bleibt verborgen und will zugleich entdeckt werden. Im Gegensatz etwa zu „Vater mit Kind“, wo die Aussage klar und eindeutig ist, kann man mit der „Sinnenden“ in einen Dialog treten – mit ihr reden, sie berühren und sie aus verschiedenen Positionen betrachten. Damit wird Hunzingers Kunst interessanter und vieldeutiger. Sie hat mit der „Unvollendeten“, die im Kleinen Spreewaldpark in Schöneiche steht, eine verwandte Skulptur geschaffen.

Die_Unvollendete_Schöneiche, Kleiner Spreewaldpark

Die Unvollendete, Jahr unbekannt

 

Das Spätwerk

Mit der „Sinnenden“ und der „Unvollendeten“ sieht sich Ingeborg Hunzinger gut gerüstet für das Alterswerk. Was der wesentliche Bestandteil dieses Werkes sein sollte, hat sie ebenfalls in dem erwähnten Zeitungsartikel formuliert: Sie will den Aufrichtigen, denen, die eine Überzeugung haben und denen, die helfen, ein Denkmal setzen. „Das ist für mich seit der Emigration wie ein Lebensfaden.“ Und sie sagt geradezu, dass sie damit den antifaschistischen, kommunistischen Widerstand meine.

Dabei geht sie zweispurig vor: einerseits will sie konkrete Hilfsaktionen an konkreten Orten nachbilden, andererseits ist sie auf der Suche nach dem großen symbolischen Bild für diesen Kampf.

So entstehen in den 1980er Jahren die ersten Plastiken in Berlin und anderen Orten.

 

Schluss folgt.


Das historische Gut Biesdorf wird Wohnanlage

 

Dieses hochinteressante Thema, zu dem der Geschäftsführer der STADT UND LAND, Herr Ingo Malter, den März-Vortrag im Stadtteilzentrum Biesdorf hielt, hatte 40 Zuhörerinnen und Zuhörer angelockt. Im Vordergrund stand die künftige Bebauung, aber auch die Einbindung der Reste des historischen Gutes Biesdorf in die künftige Anlage.

Eingangs gab Herr Axel Matthies (Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.) einen kurzen Einblick in die Geschichte des Gutes. Er bezog sich dabei auf  einen Artikel, den wir im Sommer 2016 auf dieser Homepage veröffentlicht hatten. Herr Malter ergänzte in seinem Vortrag die Abbildung des Lageplanes des Gutes Biesdorf aus dem Jahre 1930. Sie ermöglicht die Rekonstruktion des jetzigen Geländes. Erhalten sind die Gebäude mit den Ziffern 11, 2 und 3.

Lageplan Gut Biesdorf 1930 (2) (800x707)

 

Berlin wächst

Ingo Malter eröffnete seinen Vortrag mit der aktuellen Wohnsituation in Berlin. In den letzten Jahren sei die Bevölkerung stetig gewachsen, 2016 betrug der Zugewinn 60.000 Menschen. Diese müssten mit Wohnraum versorgt werden. Es gebe ausreichend hochpreisigen Wohnraum; dagegen fehlten bezahlbare Wohnungen. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften hätten die Aufgabe, in den kommenden zehn Jahren 100.000 Wohnungen zu errichten. Die STADT UND LAND baut gegenwärtig massiv in Treptow-Köpenick, aber auch in Marzahn und ab Herbst 2017 in Biesdorf. Auf dem Gutshof sollen 512 Wohnungen entstehen. Gegenüber der bisherigen Planung ist dies, so Malter, ein leichter Zugewinn. Denn an der Weißenhöher Straße könnten sich die Häuser denen der Traufhöhe der Bonava-Bauten anpassen. Dort wird viergeschossig gebaut.

Günstige Einstiegsmieten, überschaubare Steigerungen

Alle Einheiten werden als Mietwohnungen mit einer Größe zwischen 35 bis 85 Quadratmetern errichtet. STADT UND LAND rechnet mit einer gemischten Mieterschaft, in der Senioren, die ihre Häuser in der Umgebung aufgeben, einen großen Anteil ausmachen können. Wichtig für künftige Mieter: mindestens 30% der Wohnungen, möglicherweise sogar bis zu 50%, werden als geförderter Wohnraum vermietet. Die Miete beginnt bei 6,50 € und wird, das versichert der Geschäftsführer, alle zwei Jahre um gesetzlich mögliche 0,20 €/qm erhöht. So steigt der Quadratmeter-Preis in zehn Jahren um maximal 1 €. Weitere Wohnungen starten bei 7,50 €/qm und einige Wohnungen werden zu hochwertigen Konditionen angeboten. Das soll, so Malter, eine gute Mischung der Mieterschaft ergeben, aber auch zur Querfinanzierung beitragen.

Zur Frage der Parkgelegenheiten führte Ingo Malter aus, dass mit einem Schlüssel von 70 Parkgelegenheiten je 100 Wohnungen gerechnet wird. Die Hauptlast wird eine Tiefgarage an der Weißenhöher Straße tragen. Aber auch Stellplätze für Fahrräder werden in großer Zahl angeboten.

Dorfanger und eigenes Blockkraftwerk

Die Anlage soll den Duktus eines Dorfangers annehmen. Die Wohnungen werden nicht unterkellert sein, dafür Abstellräume besitzen und barrierefrei sein. Die Außenwände der Gebäude werden stellenweise an den Ziegelcharakter der drei historischen Gebäude angepasst. Um den Lärmschutz der Anlage zu gewährleisten, wird die Kante zur B1/B5 hin abgeschlossen gestaltet. Eine Versorgung mit kleinem Gewerbe, wie etwa einem Bäcker, wird angestrebt. STADT UND LAND wird die Anlage von einem Generalunternehmer, der Kondor Wessels Berlin GmbH, fertigstellen lassen. Baubeginn ist im Herbst 2017, die Übergabe erfolgt in den Jahren 2019 und 2020.

c Kondor Wessels Wohnen Berlin GmbH_160902_BIES_Perspektive 01 (1024x747)

Angerperspektive mit historischem Kuhstall (Grafik: Kondor Wessels Berlin)

 

Anspruchsvoll aber auch schwierig wird für STADT UND LAND die Einbindung der drei denkmalgeschützten Gebäude. Die Sanierung wird einfach, so Malter, die künftige Nutzung umso verzwickter. Es sei besonders schwierig, Denkmal- und Feuerschutz in einem historischen Gebäude betreibergünstig zu verbinden.

Zum Schluss wartete der Geschäftsführer noch mit einer dicken Überraschung auf: die Wohnanlage wird von einem kleinen Blockkraftwerk versorgt, das Kraft und Wärme koppelt. Damit sollen erhebliche Einsparpotenziale gegenüber den marktüblichen Energie- und Wärmepreisen erschlossen werden.

c Kondor Wessels Wohnen Berlin_Luft

Perspektive aus der Luft. Die historischen Gebäude sind gut zu erkennen. (Grafik: Kondor Wessels Berlin)

 

Die anschließende Debatte verlief sehr aufgeschlossen und positiv. Eine Reihe von Gästen bekundete großes Interesse an einem Wohnungswechsel auf das Gut Biesdorf.

 

(Axel Matthies)

 

 

 

 

 

 


Kommende Termine

Wir möchten Sie in diesem Beitrag auf Termine in der Verantwortung unseres Vereins bis zum Sommer 2017 hinweisen. Die Terminliste wird laufend aktualisiert.

 

Sonnabend, 10. Juni 2017, 13:00

Der Schlosspark Biesdorf als besonderer Ort der IGA 2017

Vortragender: Dr. Heinrich Niemann, Bezirksstadtrat i.R. und Vorsitzender des Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.

Vortragsreihe mit der VHS Marzahn-Hellersdorf

Ort: Schlosspark Biesdorf, Teehäuschen

Beitrag: 4,00 €

 

Donnerstag, 15. Juni 2017, 18:30

Kultur für alle – überall Kultur

Vortragender: Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa

In der neuen Reihe „Biesdorfer Begegnung“ gemeinsam mit dem kommunalpolitischen forum e.v. berlin

Ort: Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, 12683 Berlin

 

 


„Heino-Schmieden-Bau“ bleibt im Gespräch (2)

 

Nachdem wir bereits anläßlich einer Podiumsdiskussion am 30. November 2016 im Martin-Gropius-Bau über die Idee eines zusätzlichen Namens für Schloss Biesdorf berichtet hatten, nimmt nun die „Berliner Woche“ in einem redaktionellen Beitrag diesen Gedanken vertieft auf. Am 30. November hatte Prof. Dr. Wolfgang Schäche, renommierter Berliner Architekturhistoriker, dessen Arbeitsschwerpunkte die Bau- und Stadtbaugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sind, erneut den Vorschlag unterbreitet, Schloss Biesdorf den ergänzenden Namen „Heino-Schmieden-Bau“ zu verleihen. Dies würde den Rang des Baumeisters in der Berliner und der Baugeschichte Deutschlands erheblich würdigen. Lesen Sie hier den Beitrag von Harald Ritter komplett.


„Auftrag Landschaft“ – Gedanken zur ersten Ausstellung und zur Konzeption des ZKR

 

Seit nunmehr vier Monaten wird die Ausstellung „Auftrag Landschaft“ im Schloss Biesdorf gezeigt. Sie präsentiert 26 künstlerische Positionen, die von Landschaftsmalerei über multimediale Installationen bis zu botanischen Experimenten reichen. Dabei treffen, wie es in der Pressemeldung heißt, „international renommierte zeitgenössische Positionen auf Kunstwerke aus der ehemaligen DDR“. Und ZKR-Direktorin Katja Aßmann erläutert: „Es sind von Menschenhand geschaffene Landschaften aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, die unser Bild von Landschaft prägen. Und es sind insbesondere Künstler, die diese Bilder im kollektiven Gedächtnis verankern, indem sie Landschaften in Zeichnungen, Gemälden, Fotografie, Film und Sound festhalten…“ Der Teil „International renommierte zeitgenössische Positionen“ ist von Katja Aßmann kuratiert, die für den künstlerischen Part der IGA 2017 verantwortlich ist. Die international renommierten Positionen präsentieren sich als Objekt- bzw. Installationskunst, sie befinden sich alle in der Vorschau für die am 13. April 2017 startende IGA  – sie werden dann dort zu sehen sein; die Werke aus der DDR präsentieren sich in der Regel als bildende Kunst.

Reizvolle Installationen

Gleich am Eingang begrüßt die Bio-Installation von Janet Laurence (Australien) die Besucher. Die Künstlerin hat Pflanzen aus Marzahn-Hellersdorf in einen „Medicinal Garden“ gebettet, um zu zeigen, dass Pflanzen selbst menschliche Hilfe benötigen. Dabei sind interessante Details zu entdecken.

janet-laurence

Janet Laurence, Waiting – A Medicinal Garden for Ailing Plants II

 

Besonders bei Männern beliebt ist die Installation „Cars to Bicycles“ von Köbberling/Kaltwasser. Über drei Monate hinweg verbauten die Künstler die Bauteile eines Saab Turbo und schufen aus den Autoteilen zwei funktionsfähige Fahrräder.

koebberling_kaltwasser-cars-into-bicycle

Köbberling/Kaltwasser, Cars into Bicycles

 

Angenehm überrascht sind die meisten Besucher von „1868 – Eine Bildgeschichte zu Schloss Biesdorf“ der Künstlerin Laleh Torabi. Gemeinsam mit Christian Hiller und Alexandra Nehmer hat sie sich auf Spurensuche begeben, um die Geschichte anhand von Archivmaterial in Form einer graphic novel aufzubereiten. Doch die bewegte Vergangenheit des Hauses wird nicht als Faktum abgebildet, sondern materialisiert sich als märchenähnliche Vision. Vielfältige Fäden knüpfen die Schlossgeschichte an andere historische Nebenstränge. Selbst Datenasketen alter Art lassen die Ereignisse entspannt an sich vorüber gleiten.

bildgeschichte-torabi

Eine Wand der Bildgeschichte von Laleh Torabi (Foto ZKR)

 

Unter den international renommierten zeitgenössischen Positionen ragt die Installation „Wolken“ von Michael Sailstorfer heraus. Diese Installation hat er erstmals 2010 gezeigt, auch damals verhängte er einen Lichtschacht.

wolken-sailstorfer-2010

 

Die aufgepumpten schwarzen LKW-Reifen, die den originellen Lichtschacht Heino Schmiedens, das Oktagon, verdunkeln, werden sowohl als positive Provokation wahrgenommen, hingegen auch als postmoderne Arroganz gegenüber der präelektrischen Bürgergesellschaft vor 150 Jahren.

michael-sailstorfer-wolken

Michael Sailstorfer, Wolken

 

Das Original, an dem sich Sailstorfer orientiert, die „Silver clouds“ von Andy Warhol, war dagegen bewegt, die Wolken schwebten im Raum, veränderten mit ihren Bewegungen das Gesamtensemble und regten zum Betrachten an.

silver-clouds-andy-warhol1

Andy Warhol, Silver clouds

 

Sailstorfer wird zu den „100 Köpfen von morgen“ gezählt, das ist eine Listenzusammenstellung von jungen Menschen unter 40 Jahren aus dem Jahre 2006, denen aufgrund ihrer Kreativität und Leistungsbereitschaft eine aussichtsreiche Zukunft vorausgesagt worden war.

Erinnerungen und neue Anregungen

Der Teil mit DDR-Kunst bzw. mit neueren ostdeutschen Arbeiten ist sehr gediegen kuratiert und wartet auch mit ausgesprochenen Überraschungen auf. Diesen Teil organisierten Dr. Angelika Weißbach und Jeannette Brabenetz. Auffällig ist, dass beide Kuratorinnen auch informelle Kunst aus der DDR aufstöberten, die sich Freiräume im offiziellen Kunstbetrieb verschafft hatte. Die Postkarten-Aktion von Josef W. Huber, der 1977 zu einer Mail-Art-Aktion mit dem Titel „Nature is live – safe it“, aufgerufen hatte, war so eine Form. Plötzlich liefen durch den Postverkehr der DDR ungebetene Botschaften und Positionen und unterliefen so die kontrollierten Distributionswege der Kunst.

josef-w-huber-mail-action

Beispiele der Huber-Aktion

 

Huber war der Typ des Aktionskünstlers. Er lebte einige Jahre wie der Autor in Baumschulenweg. Dort war er ein bunter Hund, er sah so aus wie sein Vorname es gebietet und wurde von der Volkspolizei öfters schikaniert. Das war für ihn die Auszeichnung seiner Kunst.

Einen ansprechenden Part hat Manfred Butzmann bekommen. Der überaus bekannte und von staatlicher Seite umstrittene Künstler hat insbesondere in den 1980er Jahre politisch orientierte Kunst gemacht – etwa Postkarten oder Plakate mit umweltorientierten Themen. Er zeigt aber auch neun Aquarelle, die die Schönheit der Natur preisen. Diese hat Jeannette Brabenetz aus dessen Privatbesitz geholt und in die Ausstellung gehängt.

manfred-butzmann-9-aquarelle

Manfred Butzmann, Neun Aquarelle

 

Überraschungen und vertiefende Einsichten

Eine weitere Überraschung, auf die wir sehr gerne hinweisen, sind Arbeiten von Charlotte E. Pauly. Die Altmeisterin aus Friedrichshagen ist mit der Mappe „Vier Elemente“ vertreten

charlotte-e-pauly-feuer                          charlotte-e-pauly-wasser

Charlotte E. Pauly, Feuer                         Charlotte E. Pauly, Wasser

 

sowie den Arbeiten „Zigeunerjungen mit Ziegen“ und „Ziegeleidorf am Kaspischen Meer“. Sie entwirft Bilder intakter harmonischer Verhältnisse zwischen Mensch und Natur, zeigt Menschen aber auch selbstverständlich bei der Arbeit.

charlotte-e-pauly-zigeunerjungen-mit-ziegen

Charlotte E. Pauly, Zigeunerjungen mit Ziegen

 

Die 1886 in Schlesien geborene Künstlerin hatte in den Jahren 1925 bis 1933 Spanien und Portugal, Paris, Griechenland und Spanisch-Marokko bereist und dort gezeichnet und gemalt. In den späten 1930er Jahren kehrte sie nach Schlesien zurück und lebte in Agnetendorf, dem letzten Wohnort Gerhart Hauptmanns. Sie schuf Zeichnungen für dessen Werke. Mit dem Sonderzug für den toten Hauptmann verließ sie 1946 das nun polnische Dorf und ließ sich in Friedrichshagen nieder.

charlotte-e-pauly-hof-in-berlin-friedrichshagen-1949

Charlotte E. Pauly, Hof in Friedrichshagen

 

Hier vertiefte sie ihre künstlerischen Fertigkeiten u.a. bei Herbert Tucholski und bereitete ihre Reisearbeiten als Alterswerk grafisch auf. Fünf Jahre nach ihrem Tod, die Künstlerin war 95 Jahre alt geworden, zeigte das Alte Museum 1986/87 eine Personalausstellung anlässlich ihres 100. Geburtstages. Kuratorin war Anita Kühnel, die auch über die Pauly publizierte und sie so einem größeren Publikum näher brachte. Heute gilt Pauly als Ikone der Berliner Grafik neben Arno Mohr und Tucholski.

charlotte-e-pauly

Charlotte E. Pauly

 

Auch Altmeisterin Nuria Quevedo ist mit Arbeiten dabei. Die spanische Künstlerin vom Jahrgang 1938 kam 1952 mit ihrer Familie in die DDR wo sie an der Kunsthochschule Weißensee studierte. Sie beschreibt Fremdsein als ihre Identität. Die Aquatinta-Serie „Landschaft zwischen Berlin und Ostsee“ wurde 1978 vom Magistrat von Berlin angekauft.

nuria-quevedo

Nuria Quevedo, Zwei Bilder dieser Serie

 

Günter Brendel ist mit zwei Arbeiten über die komplexe Bautätigkeit in Marzahn vertreten. Er zeigt sich dabei als profunder Dokumentarist. Diese Arbeiten waren vom FDGB beauftragt, dem einheitlichen Gewerkschaftsbund der DDR. Die einheimischen Besucher verweilen gern vor diesen Bildern.

guenther-brendel-baugeschehen-in-biesdorf-marzahn

Günther Brendel, Baugeschehen in Biesdorf-Marzahn

 

Abschließend möchte ich auf Kurt Buchwald hinweisen. Buchwald ist gelernter Ingenieur, er kam von Wittenberg nach Berlin und orientierte sich künstlerisch hier in informellen Kreisen. Im Rahmen eines FDJ-Pleinairs bot man ihm eine Fotoserie über die damalige Großbaustelle Friedrichstraße an. Er zeigte mit seinen Bildern aber nicht die Arbeit und das Bautempo, wie es erwartet worden war, sondern er hat Stillleben inszeniert und abgelichtet.

kurt-buchwald-im-quartier

Kurt Buchwald, Im Quartier

 

Die Arbeit wurde dennoch abgenommen. Buchwald war jetzt überrascht, dass es diese Fotos noch gibt. Das Problem hinter diesen Fotos ist allerdings, dass es heute kaum noch Erinnerungen an das Großprojekt Friedrichstraße aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gibt. Ich fand im „Spiegel“ einen langen hochinformativen Bericht über die Friedrichstraße, den ich hier als pdf anbiete. Insofern vermisst man heute die „verweigerten“ Fotos von Kurt Buchwald.

Das Konzept des ZKR

Die erste Ausstellung hat sicherlich die Erwartungen erfüllt. Seitens des ZKR wurde eine pragmatische und auf die IGA 2017 einstimmende Auswahl gefunden. Dr. Angelika Weißbach und Jeanette Brabenetz haben eine diverse, teilweise überraschende Lösung gefunden. Es wird eine Breite an Kunst aus der DDR angeboten, die mich offen gestanden verblüfft und angeregt hat, weiter zu analysieren. Insofern haben die Kuratorinnen bewiesen, dass in Beeskow und anderswo kein toter Stoff lagert sondern durchaus lebendiges Material von lebenden Künstlern, die weiter arbeiten und ausstellen. Die Substanz in Beeskow ist beträchtlicher als vielfach angenommen. Wir zitieren gerne einen Kernsatz aus dem Buch „Bilder außer Plan“ von Marlene Heidel: „Die Frage nach der ästhetischen Qualität wird als Frage nach der ästhetischen Funktion des  einzelnen Werkes gestellt.“ Angelika Weißbach hat diesen Ball aufgenommen.

Im November 2016 gab ZKR-Direktorin Katja Aßmann der „Berliner Woche“ ein Interview zur konzeptionellen Perspektive von Schloss Biesdorf.

interview-ausstellung-konzept

Sie trifft dort zwei wesentliche Aussagen: zum einen werde die „Auseinandersetzung mit DDR-Kunst allein“ nicht reichen, um dem Schloss Biesdorf einen  angemessenen Platz in der reichen Berliner Galerienlandschaft erkämpfen zu können. Zum anderen will die Betreiberin das tun, was sie am besten kann: Kunst im öffentlichen Raum, in Parks, in Grünanlagen präsentieren. Das sei auch der Platz, der in der Berliner Galerienlandschaft noch nicht belegt sei.

Zum einen zeigt die aktuelle Ausstellung die Qualität der DDR-Kunst. Die Mehrheit der Besucher verweilt vor den Werken der bildenden Kunst, weniger vor den Exponaten der Objekt- und Installationskunst. Es wäre ein guter Weg, DDR-Kunst mit anderer bildender Kunst zu spiegeln und so zu mehr Diskursen zu gelangen. Ein Artefakt von Charlotte E. Pauly ist eben nicht mit dem Mückenhaus von Michael Sailstorfer komparabel. Wenn sich die Betreiberin zum anderen auf ihre Stärke, Kunst im öffentlichen Raum, konzentriert, dann könnte Schloss Biesdorf gleich zwei Alleinstellungsmerkmale in der Berliner Galerienlandschaft beanspruchen: DDR-Kunst und Kunst im öffentlichen Raum.

Ein letzter Gedanke. Dem neuen Schloss Biesdorf fehlt der genius loci, der Geist des Ortes. Dieser muss nun neu erfunden werden. Hierzu wollen wir die Bürgerinnen und Bürger von  Marzahn-Hellersdorf aufrufen. Es ist an uns, diesen Diskurs zu beginnen und zu gestalten. Wir stellen unsere Homepage dafür gerne zur Verfügung.

Nun wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein schönes neues Jahr 2017 – eng verbunden mit unserem Schloss Biesdorf.

 

(Axel Matthies)

 


Werner von Siemens zum 200. Geburtstag

 

Werner von Siemens, dessen Geburtstag sich am 13. Dezember 2016 zum 200. Mal jährt, war ein großer deutscher Unternehmer in der Epoche der Reichsgründung, die in der deutschen Geschichte von großer Bedeutung ist – sie steht für maßgebende Leistungen in Technik und Wissenschaft und den Aufstieg Deutschlands zu einer europäischen Großmacht. Werner von Siemens hatte mit seiner Firma bedeutenden Anteil an der globalen Vernetzung durch Fernmeldekabel sowie die wirtschaftliche Nutzung der Elektroenergie, durch die Produktions- und Lebensweisen der Menschheit einen intensiven Schub erfuhren. Der Mantel der Geschichte wehte diesen Mann aber auch nach Biesdorf im Landkreis Niederbarnim.

bueste-im-schlosspark2

Büste im Schlosspark

 

Alles hart erarbeitet

Siemens fiel nichts in den Schoß. Sein Vater war Gutspächter in Lenthe westlich von Hannover. Zehn glückliche Kindheitsjahre verbrachte er hier im Kreise seiner wachsenden Geschwisterschar – es sollten schließlich 14 werden.

lenthe

Geburtshaus in Lenthe (Foto: Siemens)

 

Danach zog die Familie in die Umgebung von Lübeck. Wirtschaftlich blieb das Leben bescheiden. Obwohl seine schulischen Leistungen besonders in Mathematik auffielen, blieb Siemens nur ein Weg, um eine wissenschaftlich-technische Ausbildung zu erlangen: das Militär. 1835 nahm er als Offiziersanwärter sein Studium an der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule auf und erhielt dort eine umfassende naturwissenschaftliche Ausbildung. Nach dem Tod seiner Eltern, die 1839 und 1840 kurz nacheinander verstarben, musste Siemens die Vaterrolle für seine jüngeren Geschwister übernehmen.

Erste kleine Firma mit geborgtem Startkapital

Siemens war auf der Suche nach einer geeigneten Geschäftsidee, um den Militärdienst beenden zu können.  Silvester 1846, Werner war gerade 30 Jahre  alt geworden, plagten ihn Depressionen. Er konnte die Verantwortung für die Geschwister nicht einlösen. Da beschloss er, sich ein festes wirtschaftliches Fundament durch die Telegraphie zu schaffen. Der Siemens’sche Zeigertelegraf war den bisherigen Apparaten dieser Art überlegen, weil er nicht mehr ähnlich einem Uhrwerk arbeitete, sondern einen selbsttätig gesteuerten Synchronlauf zwischen Sender und Empfänger hatte – eine völlig neuartige Lösung der elektrischen  Nachrichtenübertragung. Mit dem Bau des Telegrafen beauftragte der 30-jährige Erfinder den Feinmechaniker Johann ­Georg Halske, den er aus der „Physikalischen Gesellschaft“, einer Vereinigung ambitionierter junger Wissenschaftler, kannte. Halske fertigte im Auftrag vieler renommierter Naturwissenschaftler der damaligen Zeit Versuchsanordnungen sowie Prototypen feinmechanischer, physikalischer, optischer und chemischer Erfindungen. Da die einzelnen Telegrafen in Handarbeit produziert wurden, erübrigte sich die Anschaffung größerer Maschinen. Das Startkapital in Höhe von 6.842 Talern stammte von Werners Vetter und Vater des späteren Mitbegründers der Deutschen Bank, dem Justizrat Johann Georg Siemens.

briefkopf_telegraphenbauanstalt_1853

Erster Briefkopf um 1853 (Foto: Siemens)

 

Ein Jahr später kam die Initialzündung für die Firma. 1848 erhielt das junge Unternehmen einen politisch wichtigen Auftrag: eine Telegraphenleitung von Berlin nach Frankfurt am Main herzustellen, denn dort tagte die deutsche Nationalversammlung. Ziel dieser war die Schaffung einer Verfassung für Deutschland, für das gesamte Reich. Deutschland sollte Eins sein, regiert vom Willen des Volkes, unter der Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Geplant war, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am Ende zum deutschen Kaiser gewählt wird. Binnen einer Stunde hatte der preußische König in Berlin alle aktuellen Ergebnisse des Parlamentes auf seinem Schreibtisch. Damit wurde die Firma Siemens & Halske auf einen Schlag bekannt und weitere Aufträge zum Bau von Telegraphenverbindungen in Preußen und anderen deutschen Staaten folgten.

Die Firma errichtete bald Telegrafenleitungen in ganz Europa. Bruder Carl baute das Geschäft in Russland aus, während unter Wilhelms Aufsicht eine Kabelfabrik in England gegründet wurde. „Siemens und seine Brüder haben immer hochriskante Geschäfte gemacht“, urteilt der Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr. „Aber sie waren eben durch und durch Unternehmer.“ 1867 erhielt Siemens & Halske die Konzession zum Bau der indo-europäischen Telegrafenlinie, die von London bis Kalkutta reichen sollte. In drei Jahren Bauzeit wurde die Trasse errichtet, die bis in die 1930er Jahre verwendet wurde. Ein weiteres Beispiel für Siemens‘ Unternehmergeist war die Verlegung der transatlantischen Seekabel. Ein technisch höchst anspruchsvolles Unterfangen, das Siemens löste, indem er ein spezielles Kabellegerschiff bauen ließ. Die „Faraday“, die 2700 km Kabel mit einem Gewicht von 4500 t an Bord nehmen konnte, war eine Erfolgsgeschichte. Mit dem Schiff wurde das erste Kabel von Irland bis Neuschottland in vier Monaten verlegt. Siemens fertigte die Kabel in eigenen Werken. Das Schiff war jahrzehntelang im Einsatz.

kabelleger-faraday

Kabelleger „Faraday“ (Foto: Siemens)

 

Elektrizität revolutioniert Produktions- und Lebensweise der Menschen

In den 1860er Jahren machte Siemens schließlich die Entdeckung, die in ihrer Konsequenz zur Elektrifizierung der Welt führen sollte: das dynamoelektrische Prinzip. Siemens wusste, dass dieses Prinzip Folgen haben würde. „Die Effekte müssen bei richtiger Konstruktion kolossal sein“, schrieb er Ende 1866 an seinen Bruder Wilhelm. Und das waren sie in der Tat. Zwar wurde das dynamoelektrische Prinzip zeitgleich auch von anderen Wissenschaftlern formuliert, doch war es Siemens, der es am konsequentesten vermarkten konnte. Siemens war in der Folgezeit an der Elektrifizierung der Lokomotive, der Straßenbahn und der Straßenbeleuchtung, erste Beleuchtung in der Berliner Kaisergalerie, beteiligt und sein Unternehmen baute auch die ersten elektrischen Aufzüge.

u-bahn-budapest

Erste europäische U-Bahn 1896 in Budapest, erbaut von Siemens (Foto: Siemens)

 

Liberaler Abgeordneter und humaner Unternehmer

Neben seinen technischen und unternehmerischen Tätigkeiten war Siemens auch politisch  aktiv. 1863 bis 1866 saß er für die liberale Deutsche Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus. Sein Unternehmen setzte Maßstäbe bei der Humanisierung der Arbeitswelt und führte bereits 1873 einen Neun-Stunden-Arbeitstag ein. Zugleich sorgte er für eine betriebliche Kranken- und Rentenversicherung. Er war maßgeblich beteiligt an der Vereinheitlichung des Patentwesens in Deutschland und legte die Basis für die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin. 1888 wurde er, und seine Familie, für seine vielfältigen Verdienste in den Erbadelsstand gehoben. Vor seinem Tod am 6. Dezember 1892 in Berlin hatte Siemens die Nachfolge in seinem Unternehmen geregelt. Sein Bruder Carl und die Söhne Arnold und Wilhelm führten es unter dem Namen Siemens weiter. Das Unternehmen – am 12. Oktober 1847 mit drei Mitarbeitern ins Leben getreten – hatte nun bereits 6 500 Arbeiter und Angestellte, die einen Jahresgewinn von 20 Millionen Reichsmark erwirtschafteten.

Zuckerrüben statt Elektrizität

Doch wie verschlug es diesen Global Player nun nach Biesdorf im Landkreis Niederbarnim? Die Welt ist ein Dorf, sagt man oft. Siemens hatte als Schüler in Lübeck Geodäsie-Unterricht genommen. Sein Lehrer hieß Ferdinand von Bültzingslöwen. Dessen Sohn Günther war mit niederländischen Kolonialtruppen nach Indonesien gegangen, hatte dort Geld verdient und musste aus Krankheitsgründen zurück nach Deutschland. Er kam nach Berlin und hörte hier vom Gut Biesdorf, das einem ihm bekannt gewesenen Freiherrn Hans-Hermann von Rüxleben gehörte. Die Güter der beiden Freiherren lagen nur einige dutzend Kilometer entfernt im nördlichen Thüringer Land. Diesem kaufte Bültzingslöwen das Gut Biesdorf ab in der Hoffnung, hier Zuckerrüben im Überfluss anbauen und verkaufen zu können. Damals bestand ein riesiger Zuckerbedarf, weil die industrielle Herstellung von Lebensmitteln begonnen hatte. Der Versuch schlug fehl; da wandte sich Bültzingslöwen in seiner Not an den ehemaligen Schüler seines Vaters – Werner Siemens. Siemens war an dem Deal nicht interessiert, aber die übergroße Dankbarkeit für seinen Lehrer gab den Ausschlag, dem Bittsteller 200.000 Reichsmark zu verleihen. Siemens ließ sich gleichzeitig ins Grundbuch eintragen für den Fall, dass Bültzingslöwen nicht reüssiert. So kam es – und neuer Besitzer von Schloss Biesdorf war im Jahre 1887 Werner Siemens. Siemens suchte zu dieser Zeit einen Alterssitz, doch Biesdorf kam für ihn und seine Frau überhaupt nicht in Frage. Er wählte Bad Harzburg.

Der Geist des Ortes

So übernahm wenig später Sohn Wilhelm Gut und Schloss. Er fühlte sich mit seiner Familie wohl, baute das Haus und den Park aus und rüstete, wie der Siemens-Biograf Johannes Bähr formulierte, das Schloss in den 1890er Jahren zu einem „High-tech-Heim“ auf. 40 Jahre, von 1887 bis 1927, war das Schloss im Besitz der Familie. Man muss die Siemens-Zeit als konstitutives Element der Schlossgeschichte betrachten. Es war die erfolgreichste Zeit für das Schloss und die Gemeinde Biesdorf in der Ära des Privatbesitzes. Die Siemens-Zeit ist aus der Schlossgeschichte nicht abzukoppeln, sie muss auf geeignete Weise in den Geist des Ortes, den genius loci, aufgenommen und bewahrt werden.

Am 8. Dezember veranstaltete unser Verein eine Vorlesung im Schloss zum Thema „Wie Werner von Siemens nach Biesdorf kam und welche Folgen das für die Gemeinde Biesdorf und die Stadt Berlin zeitigte“. Vortragender war Dr. Oleg Peters. Damit würdigten wir den 200. Geburtstag dieses bedeutenden deutschen Technikers und Unternehmers, des berühmtesten Schlossbesitzers.

Buchempfehlung

Zum 200. Geburtstag veröffentlichte der Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Johannes Bähr eine neue Werner-von-Siemens-Biografie. Er war im September 2015 in Schloss Biesdorf mit einem bemerkenswerten Vortrag über die Siemens-Familie aufgetreten.

werner-von-siemens

C. H. Beck

29,95 Euro


„Heino-Schmieden-Bau“ bleibt im Gespräch

 

Die Podiumsdiskussion am 30. November im Martin-Gropius-Bau, in deren Mittelpunkt die Vorstellung des Bandes „Heino Schmieden“ unseres Vereinsmitgliedes Dr. Oleg Peters stand, geriet schnell zu einer Diskussion über die Bedeutung Heino Schmiedens in der Berliner Baugeschichte. Prof. Dr. Wolfgang Schäche, renommierter Berliner Architekturhistoriker, dessen Arbeitsschwerpunkte die Bau- und Stadtbaugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sind, unterbreitete dabei erneut den Vorschlag, Schloss Biesdorf den Namen „Heino-Schmieden-Bau“ zu verleihen. Unser Verein steht dieser Idee positiv gegenüber.

Wir verlinken hier den sehr informativen Beitrag im online-Portal LichtenbergMarzahn+.


Die Schlossdirektorin ist da – erste Konzepte auch

 

Nun war der Augenblick gekommen: die Schlossdirektorin stellt sich vor und teilt ihre Konzepte mit – so geschehen am 23. Juni 2016. Sie heißt Katja Aßmann, ist 45 Jahre alt und von der Ausbildung her Architektin und Kunsthistorikerin. Sie hat in Bochum studiert und stammt aus einer Gegend, wo gutes Bier gebraut wird.

P1040553

Direktorin Katja Aßmann

 

Das Wetter an diesem Vormittag war ausgezeichnet: die Sonne schien bei blauestem Himmel, alle strahlten und erwarteten Großes. Hatte es doch einige Monate gedauert, bis die Betreiberin Grün Berlin GmbH sich der Öffentlichkeit endlich in einem Pressegespräch stellte.

Schloss Biesdorf ist eng mit den Menschen verbunden

Kulturstadträtin Juliane Witt erinnerte in ihrem Eingangsstatement kurz an die Geschichte des Schlosses, nannte vor allem die Familie Siemens. Aber das Schloss sei durch die Jahrzehnte gemeinnütziger Betreibung auch stark an die Menschen im Ortsteil Biesdorf und des gesamten Bezirkes gebunden. Diese Verbundenheit müsse erhalten bleiben. Frau Witt erinnerte an den Beitrag unseres Vereins zur Wiedererrichtung und nannte die Namen der beiden langjährigen Vorsitzenden Dr. Günter Peters und Dr. Heinrich Niemann.  Sie erwarte ein offenes Kunst- und Kulturzentrum, das über den Bezirk hinaus Zeichen setzen soll. Dies sollte mit der IGA 2017 als Katalysator auch gelingen.

Bilderschloss als Schnittstelle zwischen Kunst und Landschaft

Grün-Geschäftsführer Christoph Schmidt erläuterte kurz, warum der Landesbetrieb Schloss Biesdorf übernommen habe: „Wir tragen Verantwortung für öffentliche Räume. Schloss Biesdorf soll Profil erhalten durch die Schnittstelle Kunst und Landschaft.“

Dann kam der eloquente Auftritt der Direktorin Katja Aßmann. Auch sie richtete eingangs Worte des Dankes an unseren Verein. Für sie sei Auftragskunst nichts Ungewöhnliches. Es habe immer Auftragskunst gegeben und sei so bis in unsere Tage. Sie wolle über Kunstwerke keine politischen Diskurse führen, sondern sie als  Kunstwerke behandeln. Die erste Ausstellung, die zum Start am 9. September bereit steht, werde „Auftrag Landschaft“ heißen. Sie wird von der Kunstwissenschaftlerin Dr. Angelika Weißbach kuratiert, die intensive Kenntnis von Kunst aus der DDR hat und gegenwärtig in Beeskow beschäftigt ist. Wie zu hören war, wird die Startausstellung sehr übersichtlich sein und mit aktuellen Arbeiten von jüngeren Künstlern ergänzt werden. Neben dem aktuellen Kunstbetrieb, Frau Aßmann sprach von zwei Ausstellungen jährlich, solle Schloss Biesdorf als „Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum“ ein Ort der Reflexion sein, in dem Gespräche, Lesungen, Konzerte, Konferenzen stattfinden werden. Dabei werde Grün Berlin mit anderen kooperieren. Unser Verein wird sich mit dem neuen Format „Biesdorfer Begegnungen“ und den bewährten VHS-Vorträgen am Programm beteiligen.

hp photosmart 720

Kandidat für die Eröffnungsausstellung? Wolfgang Mattheuer, An der Unstrut (1963)

 

Frau Aßmann hat sich bisher insbesondere bei der Gestaltung von Stadtraumlandschaften einen Namen gemacht. So war sie Bereichsleiterin Kunst und Kultur der Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Später wurde sie von der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 zur Projektleiterin berufen, wo sie schwerpunktmäßig die Projekte im Bereich der Architektur, des Städtebaus und der Bildenden Kunst entwickelte und realisierte. Zuletzt entwickelte sie verantwortlich das künstlerische Programm für die IGA 2017 in Marzahn-Hellersdorf. Nun wurde sie von der Grün Berlin zur Schlossdirektorin ernannt.

Großes Interesse für betriebswirtschaftliche Daten

In der abschließenden Fragerunde standen betriebswirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt. So erklärte Frau Witt, dass der Bezirk dem Schloss jährlich eine Summe von 400.000 € zur Verfügung stelle. Diese Summe reicht aber nicht aus, um Betriebs- und Personalkosten komplett einzuspielen. Geschäftsführer Schmidt peilt deshalb eine jährliche Besucherzahl von 50.000 bis 60.000 an. Auf Nachfrage machte er deutlich, dass jeder Besuch grundsätzlich frei sei. Man kann das Eingangsfoyer, den Shop und das Café betreten. Der Besuch der Galerieräume allerdings wird zwischen vier und fünf Euro kosten. Nach der IGA soll das Schloss auch Bestandteil der Grün-Jahreskarte werden.

Dann stellten sich die Protagonisten bei einem Rundgang den Fotografen. Frau Prof. Mara Pinardi erklärte den interessierten Journalisten die wichtigsten Details der Sanierung und Wiedererrichtung des Obergeschosses. Die neue Direktorin war enorm beeindruckt von Oktagon und Laterne – der perfekten Beleuchtung des Hauses vor der Erfindung des elektrischen Stromes.

P1040557

Frau Witt, Herr Schmidt, Frau Aßmann (v.l.)

P1040566

Frau Prof. Pinardi und Frau Aßmann im Oktagon

 

In Einzelgesprächen klang der Vormittag aus. Das Konzept ist verständlich und muss nun lebendige Formen annehmen. Ein Journalistenkollege schrieb in seiner Zeitung über die von ihm erkannten Gefühle der Direktorin Katja Aßmann: „Eine runderneuerte Villa wird Kulturzentrum – mit mir als Boss. Wie geil ist das denn?“ Wir wollen ergänzen: da liegt harte Arbeit vor ihr – viel Erfolg!

Der rbb brachte in der Abendschau einen, leider nicht ganz fehlerfreien, Beitrag (nicht mehr in der Mediathek). Dafür fanden wir einen Beitrag auf tv Berlin sowie  Folge 1 und Folge 2. Weitere Printberichte finden Sie auf unserer Homepage Verein/Wir in den Medien.

 

 

(Axel Matthies)


Neues Leben auf dem Rittergut – mit historischem Respekt

 

Unlängst hatte das Mitglied des Abgeordnetenhauses Frau Regina Kittler in ihrem Wahlkreis zu einem Spaziergang zum ehemaligen Rittergut zwischen B 1 und Weißenhöher Straße geladen, um interessierte Biesdorfer Bürgerinnen und Bürger über die künftigen Bauarbeiten der STADT UND LAND Wohnbauten GmbH zu informieren. Dafür war der Geschäftsführer Herr Ingo Malter persönlich erschienen. Wenige Tage später gab es noch einen Besuch im ehemaligen Kuhstall. 

Malter erinnerte, dass der historische Gutshof Biesdorf im 19. Jahrhundert in Form eines großen Vierseithofes errichtet wurde. Die 3 denkmalgeschützten Gebäude Kuhstall, Speicher und Pferdestall werden saniert, ein Nutzungskonzept ist in Arbeit. Sie werden jedoch aus den Kosten des Projektes herausgenommen, um dieses nicht zu belasten.

Mitte 2016 geht es mit den Wohnbauarbeiten los: die Hochbaumaßnahmen für rund 500 Mietwohnungen mit einer Wohnfläche von 26.800 qm für eine generationenübergreifende Bewohner­schaft auf dem Gut Alt-Biesdorf beginnen. Rund 30 Prozent der Wohnungen werden gefördert errichtet, woraus sich dann eine anfängliche Nettokaltmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter ergibt. Malter rechnet damit, dass die Hälfte der künftigen Mieter Senioren sein werden, die überwiegend altersbedingt ihre Grundstücke in der Umgebung aufgeben. Um Lärmbelastungen durch die B 1 zu reduzieren, wird die Bebauung zur Straße hin eine kompakte sein; dort werden vorwiegend Funktionsräume der Wohnungen eingeordnet. Die Häuser werden überwiegend dreigeschossig gebaut. Die ersten Wohnungen sollen Mitte 2017 fertig werden. Die Baumaßnahmen werden sich allerdings bis zum Jahr 2019 hin erstrecken. Südlich der Weißenhöher Straße schließt sich das NCC-Baufeld „Biesdorfer Stadtgärten“ an. Mit der Schließung dieser Brachen wird Alt-Biesdorf erheblich aufgewertet. Unlängst hat NCC Modellfotos veröffentlicht.

ncc biesdorfer stadtgärten

(Foto: NCC)

 

Die neuen Wohnungen werden gebraucht, denn nach verschiedenen Studien und nach Schätzungen von Wirtschaftsstadtrat Christian Gräff könnte Marzahn-Hellersdorf in den nächsten 15 Jahren um rund 22.000 Einwohner wachsen. Diese Prognose sorgte dafür, dass der lange darnieder liegende Geschosswohnungsbau am Stadtrand aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Wurden noch bis 2014 gerade einmal zehn Prozent der Genehmigungen für mehrgeschossige Wohngebäude erteilt, so liegt dieser Anteil inzwischen bei rund 50 Prozent. Das individuelle Eigenheim steht nicht mehr so unangefochten im Vordergrund.

Für diesen Paradigmenwechsel gibt es vor allem einen Grund: Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben den Stadtrand als Ort für neue Projekte wiederentdeckt. Ein Beispiel dafür ist das Vorhaben der STADT UND LAND am Gut Biesdorf. Wichtig: wertvolle Blickbeziehungen zu Schloss und Park Biesdorf bleiben erhalten. Die geplanten neuen, qualitativ hochwertigen Mietwohnungen sollen einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des steigenden Wohnungsbedarfs leisten, gleichzeitig die Urbanität und Zentralität der Ortslage stärken. Hier eine Planzeichnung des Quartiers.

Berlin_Alt_Biesdorf_Lageplan_Holzwarth

Die Sichtachsen sind erkennbar        (Abb.: Holzwarth)

 

Aus der Ausschreibung der STADT UND LAND gehen wichtige Details des aktuellen Zustandes des ehemaligen Rittergutes hervor. Wir zitieren hier Kernsätze:

  • Das Gewerbe-Gelände mit seinen 16 Gebäuden gehört zum Denkmalensemble Alt-Biesdorf, wobei es sich bei den Häusern ehemaliger Pferdestall (Haus 4021), ehemaliger Speicher (Haus 4020) und ehemaliger Kuhstall (Haus 4012) um Baudenkmale handelt. Im Vorfeld einer Neubebauung soll das Grundstück für eine Neubebauung und für Instandsetzungsmaßnahmen an den Baudenkmälern verwendbar gemacht werden. Im Teil 1 sollen 7 Häuser und kleinere bauliche Anlagen im südlichen Grundstücksbereich, an der Weißenhöher Straße, abgebrochen und die anfallenden Baustoffe aus der abzubrechenden Bausubstanz entsorgt werden. Die Gebäude wurden ursprünglich als Büro-, Lager- und Werkstatträume genutzt. Sie sind eingeschossig und nicht unterkellert.
  • Schadstoffbelastete Baustoffe: Abbruch asbesthaltiger Baustoffe gem. TRGS 519 und Entsorgung nach AVV 170605*: Menge 520 t Abbruch FCKW-haltiger Dämmung gem. TRGS 524 und Entsorgung nach AVV 170603*: Menge 25 t Abbruch alte Mineralwolle gem. TRGS 521 und Entsorgung nach AVV 170603*: Menge 150 t Abbruch kohleteerhaltiger Stoffe gem. TRGS 551 und Entsorgung nach AVV 170603*: Menge 12 t 3) Abbruch nicht schadstoffbelasteter Bauteile: Abbruch mineralischer Baustoffe aus Wänden, Decken, Böden, Schornsteinen und Entsorgung nach AVV 17 01 01, 17 01 02, 17 01 07: Menge 3.600 t Abbruch von Bitumenbahnen aus Abdichtungen in Böden und Entsorgung nach AVV 17 03 02: Menge 25 t Abbruch von Gipshaltigen Baustoffen aus Wand- und Deckenbekleidungen und Entsorgung nach AVV 17 08 01*/02: Menge 130 t Abbruch von gemischten Bau- und Abbruchabfällen aus Bauelementen und Entsorgung nach AVV 17 09 04: Menge 150 t.

Diese gewaltige Menge von belasteten und nicht belasteten Baustoffen ist inzwischen entsorgt worden.

 

Der nun freie Blick auf das Gelände des ehemaligen Rittergutes ist uns Anlass, einmal konzentriert auf die Entstehung und auf Details dieses wichtigen historischen Quartiers von Biesdorf zu blicken.

 

Das historische Grundstück bindet sich heute in die Adressen: Weißenhöher Straße 73-89, Stawesdamm, Alt-Biesdorf 21 ein. Das Gut wurde angelegt vom ersten Schlossbesitzer Hans-Hermann von Rüxleben. Sein wichtigster Beitrag zum Gut war wohl der Bau einer Brennerei. Denn die im Jahr 1914 vom Dorfschullehrer Johannes Lehmann vorgelegte Chronik „Rittergut und Schloß Biesdorf“ bezeichnet die Beschaffenheit des Gutes bei der Übernahme durch die Familie Siemens im Jahre 1887 als „zumeist alt und im baufälligen Zustande“. Daher musste modernisiert werden und die drei nun bei der STADT UND LAND zu sanierenden Gebäude gehören zu den Neubauten der Siemens‘.

Speicher und Pferdestall – beide liegen unmittelbar an der B 1 östlich der jetzigen Tierklinik – wurden 1888 vom Maurermeister Wilhelm Liesegang errichtet. Liesegang war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine gefragte Adresse. Er hat beispielsweise auch in Alt-Blankenburg denkmalgeschützte Gebäude gemauert. Chronist Johannes Lehmann beschreibt den Pferdestall aus der Sicht des Jahres 1914 folgendermaßen: „Der Stall ist luftig und praktisch angelegt und folglich sind in 25 Jahren keinerlei epidemische Krankheiten vorgekommen. Der darüber befindliche Schüttboden ist gleichfalls praktisch, trocken und luftig angelegt und mit Holz-Zement-Dach abgedeckt, welches bisher noch nie eine Reparatur erfordert hat. Die Baukosten für dieses Gebäude betrugen in Summa 17.000 M einschließlich Lieferung und Anfuhr sämtlicher Materialien, auch des Holzes.“ Der Verweis auf epidemische Krankheiten hat den Hintergrund, dass im Jahr des Baus die Gutspferde allesamt an Rotz erkrankt waren, einer damals geläufigen Pferdekrankheit, die das Lymphsystem gefährlich angreift. Sie wurden daraufhin gekeult. Der daneben liegende Speicher wurde mit denselben Daten wie der Stall errichtet.

Speicher Gut

Speicher und Stall von der Gutseite

Speicher Straße

Speicher und Stall von der Straße

ziegelstempel-a-neumann-rathenow

Der Website Ziegelstempel ist zu entnehmen, dass die Ziegel aus Rathenow angeliefert wurden

 

Bauherr für diese Gebäude war noch Werner von Siemens. Bauherr des Kuhstalles von 1902 indes war bereits Sohn Wilhelm von Siemens. Der Name Siemens stand inzwischen weltweit für diverse Anwendungen mit Schwach- bzw. Starkstrom, wie Telefonie und Telegraphie sowie elektrisch betriebene Lokomotiven, Bussen und U-Bahnen und natürlich Glühbirnen. Wilhelm von Siemens sorgte daher auch in Biesdorf für einen Modernisierungsschub. Konstrukteur des Kuhstalles war Karl Janisch.

Kuhstall Gut Biesdorf

 

Karl Janisch ist Jahrgang 1870, ein ehrgeiziger junger Bauingenieur, der 1897 zu Siemens kam. Im Sommer 1899 wurde Janisch zum Bauleiter für sämtliche Neubauvorhaben ernannt. Endgültig zum Hausarchitekten von Siemens & Halske avancierte er, als ihm 1902 das „Dezernat für sämtliche bau- und betriebstechnischen Fragen des gesamten Siemens Conzerns mit all seinen Zweigstellen und Tochtergesellschaften“ übertragen wurde. Unter seiner Leitung entstand in den kommenden Jahren die Siemensstadt, die 1913 sage und schreibe 24.000 Menschen beschäftigte.

Verwaltungsgebäude Siemensstadt2

Karl Janisch 1921

Karl Janisch 1921         (Abb.: Siemens)

 

Der Architekt des Biesdorfer Gutskuhstalles ist also schon eine Berliner Berühmtheit. Er baute später auch die Luftschiffhalle in Biesdorf. Auch für den Kuhstall hat Chronist Johannes Lehmann eine knappe und korrekte Beschreibung hinterlassen: „Er enthält Platz für 70 Stück Milchkühe, und den nötigen Boden-Futterraum, alles hell, luftig und gut ventiliert. Es ist ein moderner Stallbau mit freitragender Decke aus Stampfbeton, alle Räume sind richtig und praktisch berechnet. Die Baukosten betrugen 40.000 M.“

Kuhstall Gut Biesdorf3

Die freitragende Decke wird durch diese Konstruktion im Dachgeschoss gehalten. Zur Sanierung gehört, dass der trägerlose Stallbereich wieder hergestellt wird.

 

Auch wenn das ehemalige Gut durch die Wohnbebauung eine neue Zweckbestimmtheit erhält: das historische Grundstück mit den drei zu sanierenden Baudenkmälern wird dann seine Zugehörigkeit zum historischen Biesdorf strukturell besser demonstrieren können. Mit seiner Begehbarkeit wird es wieder sinnlich erfahrbar. Biesdorf war in der Siemens-Zeit nah dran am globalen Rhythmus – Wilhelm von Siemens versorgte Gut und Schloss sehr schnell mit selbst produziertem Strom und experimentierte erfolgreich mit der drahtlosen telegraphischen Datenübertragung. Dennoch blieb Biesdorf die  Idylle vor der Stadt, in die die Berliner zum Entspannen kamen.

Bahnhofsgaststätte Heese 1911

Gaststätte Heese         (Sammlung Karl-Heinz-Gärtner)

 

 

(Axel Matthies)

 

 

 

 

 

 

 


Biesdorfer Blütenfest 2016 – viele positive Dialoge

 

Das diesjährige Biesdorfer Blütenfest hat ein überragendes Interesse gefunden. Unter dem Motto „17. Biesdorfer Blütenfest vom 5. bis 8. Mai: Die bunte Vielfalt im Schlosspark – vom Vatertag zum Muttertag“ organisierte der bewährte Veranstalter Präsenta GmbH Stimmung und Unterhaltung pur. Bei schönstem Frühsommerwetter, einem herrlich gepflegten Park in bester Blütenlaune und einem offenen Schloss herrschte bei den insgesamt 50.000 Besucherinnen und Besuchern gute Laune pur. Am Donnerstag, Sonnabend und Sonntag konnten wir bei angekündigten Führungen durch das Schloss das ungetrübte Interesse der Menschen aus unserem und anderen, auch weiter entfernten, Bezirken Berlins hautnah erleben.

P1040451

 

Der historische Heino Schmieden im Festumzug

Der Festumzug begann mit einer Überraschung. Erstmals spazierte die historische Figur des Schlossbaumeisters Heino Schmieden im Festumzug mit. Diese im Festkomitee des Blütenfestes entwickelte Idee hat sich als voller Erfolg erwiesen. Schon im Verlaufe des Festumzuges war die von Herrn Eberhard Schollmeier dargestellte historische Figur in ausgezeichneter Maske und Kostümierung ein beliebtes neues Fotomotiv.

Heino Schmiedn und Ernst Kraas

Heino Schmieden mit seinem Urenkel Prof. Dr. Kraas im Festumzug

 

Der Dialog des Baumeisters Schmieden mit seinem Urenkel Prof Dr. Kraas und dessen Tochter und Enkelin (der Ur-Ur-Ur-Enkelin) auf der Bühne schufen einen würdigen  Programmpunkt, der in origineller Weise auf Geschichte und fast vollendeten Wiederaufbau des Schlosses hinwies und zugleich Dank an Bauleute und Bauherrn war.

Performance Schmieden Kraas

Hier können Sie den Dialog nachlesen: Begegnung Schmieden mit seinem Urenkel

 

Führungen im Schloss

Natürlich hatte das Interesse am Schloss viele Besucher angelockt. Und so nahmen an den drei Schlossführungen mehr als 1200 Menschen teil. Führungen und einleitende Vorträge teilten sich Kulturstadträtin Juliane Witt und unser Vorstandsvorsitzender Dr. Heinrich Niemann. Etwa  340 Interessierte hörten die vier Kurzvorträge über den Wiederaufbau. Das zahlenmäßig größte Besucherinteresse verzeichneten wir mit etwa fünfhundert am Himmelfahrtstag,  so dass Führungen und Einführungsvortrag wiederholt werden mussten.

Einführungsvortrag Witt   Einführungsvortrag Niemann

 

Es erfolgten weitere Besichtigungen mit kleinen Gruppen, so mit der Delegation des Partnerbezirks aus Budapest oder einer Gruppe von Abendschülern (Abitur) aus Bonn.

Viele positive Dialoge

Die Besucher_Innen zeigten sich sehr interessiert und beeindruckt vom neuen Schloss, besonders die bauliche Qualität wurde gelobt. Oft wollten sie kaum glauben, dass schon in diesem Jahr, am 9. September, das Schloss eröffnet wird.

Die Fragen und Erwartungen konzentrierten sich auf folgende Themen:

Sehr häufig: Wird  der Turm für Besucher zugänglich sein? Das gehört doch jetzt einfach dazu.

Wie wird die künftige Nutzung als Galerie, welche Kunstwerke sollen ausgestellt werden?

Wird man im künftigen Café auch einen Kaffee trinken können ohne Eintritt zu bezahlen?

Wird es neben der Galerie auch andere Veranstaltungen im Schloss geben? Wird überhaupt das Schloss dauerhaft, also im Prinzip täglich geöffnet und zugänglich sein?

Wird es auch im neuen Schloss einmal möglich sein, private Familienfeiern  durchzuführen?

Erneut zeigte sich die große Bindung vieler Besucher zum Biesdorfer Schloss. Sie erzählten über frühere Ereignisse und ihre Erlebnisse im Schloss und im Park. Einzelne schauten sich auch die Räume bis in den Keller genau an und verglichen alles mit dem ihnen erinnerlichen früheren Zustand.

Eindrücke vom Vortrag

Der Vortrag am Sonntag, dem 8. Mai um 13.00 Uhr „Schloss Biesdorf als Ort der Kunst. Ein Ausblick“  im Rahmen der Vortragsreihe unseres Vereins mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf, moderiert von Prof. Dr. Zellmer, wurde dankenswerter Weise von Kulturstadträtin Juliane Witt übernommen, da kurzfristig eine Absage von Frau Aßmann – Grün Berlin GmbH – erfolgt war. Zugegen waren hundert erwartungsvolle Besucher_Innen. Dabei griff Frau Witt auf die Power-Point-Präsentation der Grün Berlin zurück, aus der wir Ihnen ein paar Schlüsselsätze zitieren können.

Schloss Biesdorf hat das Potenzial für einen hervorragenden Kultur- und Tourismusstandort durch die Verbindung von Kunst und Architektur mit dem Park.

Das Schloss soll ein Schaufenster sein, Plattform für regionale Kunst und Kunst im öffentlichen Raum.

In Kooperation mit der Stadt und Land GmbH könnten „Artists in Residence“ im Schloss und Park arbeiten.

DDR-Kunst soll in die Gesamtdebatte historischer und zeitgenössischer Perspektiven eingebunden werden.

In Planung befinden sich folgende Themen:

Im ersten Halbjahr September 2016 bis April 2017 – „Auftragskunst – über Künstler und ihre Auftraggeber“

Kunst aus der DDR

Zeitgenössische Kunstproduktion

Grenzbereiche der Kunst zu anderen Disziplinen

„IGA Berlin 2017 und die Kunst“, Symposium

Schloss Biesdorf als Reflexionsort für „Erbe“

Im Juni sollen dann in einem Pressegespräch das künftige Konzept und auch die künftige Schlossleitung vorgestellt werden.

Insofern war es schade, dass Grün Berlin dieser Präsentation, die durchaus Substanz für eine Zuhörerdebatte hatte, fern blieb. An einem wunderschönen Sonntag mit allerbester Besucherlaune hätte der künftige Betreiber als ein Teil der Schlosscommunity dem Geist des Ortes lauschen und ihn wahrer verstehen können.

Das Blütenfest 2016 wird den Besucherinnen und Besuchern in bester Erinnerung bleiben. Es ist das Jahr der feierlichen Eröffnung des wieder hergestellten Schlosses Biesdorf in seiner historischen Gestalt, das nun modern für vielfältige Zwecke ausgestattet und für anregende und spannende Veranstaltungen bereit ist. Wir als Förderverein werden das Schloss weiterhin bürgerschaftlich begleiten.

 

Hier weitere Bilder vom Blütenfest

Festumzug1

Festumzug2

Festumzug3

Festumzug4

Festumzug5

Festumzug6

P1040492

P1040508

Bühne

Flüchtlingskinder

Auch viele Flüchtlingsfamilien aus der Einrichtung Brebacher Weg waren zum Blütenfest gekommen

 

Dr. Nikutta Dr. Niemann

Die Biesdorferin ist oft und gern mit ihrer Familie in Schloss und Park: Frau Dr. Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der BVG; hier mit Herrn Dr. Niemann vor unserem Stand

 

 

 


Herbert Schirmer über das Kunstarchiv Beeskow

 

Der Vortrag von Herbert Schirmer am Montag, dem 14. März, im Biesdorfer Schloss zum Thema „Das Kunstarchiv in Beeskow – Potential, Projekte, Perspektiven“ war ein großes Symbol vor der Eröffnung des Schlosses am 9. September. Herbert Schirmer, der Begründer des Kunstarchivs Beeskow, offenbarte den 70 gekommenen Besucherinnen und Besuchern den Entwicklungsweg des Kunstarchivs seit Mitte 1990. Bevor wir ins Detail gehen wollen wir hervorheben, dass der Vorstandsvorsitzende unseres Verein, Dr. Heinrich Niemann, Herbert Schirmer auch als „Retter von Schloss Biesdorf“ vorstellte und begrüßte. Denn ohne den aufreibenden deutsch-deutschen Bilderstreit, in dessen Zentrum auch die Beeskower Kunstwerke und dabei der aktive Anteil Schirmers im Diskurs standen, hätte Schloss Biesdorf nicht den Förderzweck Galerie mit Kunstwerken aus Beeskow erhalten.

P1040415 (1024x529)

 

Historische Zeit 1990

In seinem kurzweiligen Vortrag ließ Herbert Schirmer noch einmal die historische Zeit aufscheinen. Die am 18. März 1990 gewählte letzte DDR-Regierung hatte den Auftrag, das staatssozialistische Land abzuwickeln. Zu dieser Regierung gehörte Herbert Schirmer als Kulturminister. Schirmer war in der DDR im Kulturbereich tätig gewesen, seit 1985 Mitglied der CDU (ausgetreten 1992) und in der Endzeit der DDR politisch aktiv geworden. So gelangte er in die Regierung von Ministerpräsident Lothar de Maizière und wurde zum Retter der sogenannten Auftragskunst. Während andere Ministerialbereiche sich willig der Abwicklung unterwarfen (zur Erinnerung: Einigungsvertrag – Unterhändler DDR Dr. G. Krause), sah es Schirmer von Anfang an als seine Aufgabe, die Kunstwerke ordentlich zu sammeln, unterzustellen und zu konservieren.

Beeskow 019

Burg Beeskow

 

Er erinnerte an den Kulturfonds der DDR, der über Jahrzehnte Künstler gefördert, privilegiert aber auch in vielen Notsituationen gestützt hatte. Er berichtete, wie nach den vorhandenen Listen die Kunstwerke in den Einrichtungen der Parteien und Massenorganisationen der DDR gesucht und gefunden wurden, aber nicht selten nur noch der helle Fleck auf der Tapete vom Schicksal der Bilder kündete. In dieser chaotischen Zeit, in der die meisten Menschen mit der Rettung ihrer eigenen Existenz beschäftigt waren und andererseits einige wenige das unbeachtete Kulturgut privatisierten (sicher oft in gut gemeinter Obhutsverantwortung), wollte Schirmer Pflichtbewusstsein zeigen.

Nach Sicherstellung eines Großteils der Kunstwerke war sein Plan, die staatlichen Museen zum Zielort dieser Artefakte zu machen. Vor allem aber Dresden und Berlin sperrten sich. So musste eine Länderlösung nach Vorbild der bundesdeutschen Strukturen gefunden werden.

Das „Sondervermögen“ geht nach dem Fundortprinzip in das Eigentum der jeweiligen neuen Bundesländer über. Die Länder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin entscheiden sich für einen Länderverbund. Der Kunstbestand kommt nach Beeskow. Auf der Festung Königstein entsteht eine vom Kunstfonds des Freistaates Sachsen betriebene Forschungs- und Erfassungsstelle, in Halle/Saale eine Dokumentationsstelle zur Erfassung von Kulturvermögen des Landes Sachsen-Anhalt und in den Meininger Museen lagert der Kunstbestand der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, der in das Eigentum des Freistaates Thüringen überging. Ein von der Treuhand finanziertes dreijähriges Programm sieht eine gemeinsame Bearbeitung des Bestandes vor. Leiteinrichtung ist die Burg Beeskow.

(Zitiert nach: www.kunstarchiv-beeskow.de)

 

Vielfältige anregende Ausstellungstätigkeit

Herbert Schirmer wird die Leiteinrichtung Burg Beeskow bis 1999 führen. Von der Leiteinrichtung geht nun eine rege Ausstellungstätigkeit aus. Durch Beeskow wird mehr als ein Dutzend Ausstellungen kuratiert, die auch außerhalb der Burg gezeigt werden. Einige Beispiele sollen zeigen wie vielfältig und differenziert sich diese Auftragskunst präsentieren und interpretieren lässt.

querformat 1995   1995

Erste öffentliche Präsentation des Sammlungs- und Dokumentationszentrums Kunst der DDR. Lothar de Maiziere und der brandenburgische Kulturminister Steffen Reiche sprechen zur Eröffnung. Die Ausstellung zählt 66.000 Besucher.

 

zwischen_schwarz_und_weiss grafik 2000   2000

„… ein stetiges Wechselbad der Gefühle! Erfreuliche Neuentdeckungen, mitunter nur eine Enttäuschung gegenüber alten Bekannten, die man gezielt und erwartungsvoll gesucht hatte und sie nun wie durch eine andere Brille sehen konnte.“
(Otto Kummert, Zur Ausstellung)

 

buechsenwurst 2008_2009   2008/2009

Das Stillleben wurde in der Kunst der DDR nicht durch Aufträge geförderte, es diente in der Mehrheit individuellen Studienzwecken, wobei heute noch das Handwerkliche überzeugt. Die Ausstellung mit 49 Gemälden und 10 Grafiken zeigt, dass die Grenzen vom Stillleben zu anderen Kunstgattungen immer fließend waren. Neu sind Gegenstände aus der Arbeitswelt: Zentralheizung statt Biedermeiermöbel, Glühlampe statt Kerze, Thermoskanne statt Weinkrug, Büchsenwurst statt ganzer Fisch.

 

heldenaufzeit 2009-2010   2009/2010

Im Werkbestand des Kunstarchivs Beeskow befinden sich rund 300 Porträts, darunter Gemälde und Kleinplastiken, auf denen Politiker, Künstler und Geistesgrößen dargestellt wurden, aber auch einfache Menschen aus Betrieben und aus dem Alltag, aus der Nachbarschaft und den Nachbarländern, ebenso wie Kinder und Alte. Die Ausstellung „Helden auf Zeit“ fragt nach dem Stellenwert dieser Porträts in der Kunst der DDR, und sie befragt die Künstler, die das Porträt als wichtige Ausdrucksform in ihrem künstlerischen Schaffen betrachteten.

 

Nach dieser Übersicht legte Herbert Schirmer einen „Werbeblock“ ein und lud zu dieser brandneuen Ausstellung:

Junge Kunst im Auftrag 2016

Wir hatten über dieses Projekt, das Bernd Ludewig innerhalb unserer Vortragsreihe im Januar 2015 vorstellte, berichtet.

Bevor der Referent im abschließenden Teil einige persönliche Wertungen der Beeskower Kunst vornahm, berührte er das Thema des Neubaus für die sachgerechte Unterbringung der Kunstwerke. Während der Architektenwettbewerb längst abgeschlossen ist, konnte bisher keine Finanzierung erschlossen werden. Im Gegenteil: das Brandenburgische Kultusministerium hat mit einem Gutachten zur Zukunft des Archivs eher Unruhe geschürt. Das Gutachten will nicht ausschließen, dass ohne einen Neubau Beeskow in einen Dreiverbund mit den Museen Junge Kunst in Frankfurt/O. und Dieselkraftwerk Cottbus überführt wird. Damit bliebe Beeskow unqualifizierter Ort der Aufbewahrung oder lediglich „Bilderstau“, wie die Kunstwissenschaftlerin Marlene Heidel in ihrem Buch „Bilder außer Plan“ formuliert hatte. Das Kunstarchiv verlöre damit seinen besonderen Auftrag, das gesamte hinterlassene Auftragswerk wissenschaftlich zu erschließen. Es bestehe allerdings die Hoffnung, so Schirmer, dass das jetzige Kreisarchiv, 150 Meter entfernt von der Burg gelegen, in den nächsten Jahren diese Funktion übernehmen könnte. Der Baukörper sei für die Aufgabe hervorragend geeignet.

 

Persönliche Bildbewertungen

Seine bemerkenswerte Betrachtung ausgewählter Kunstwerke stellte Schirmer in den Spannungsbogen Erfüllungsbilder – Problembilder. Eins seiner Lieblingsbilder, das hatte er vor kurzem bereits in einer Fernseh-Kultursendung betont, ist die „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ von Hans Jüchser aus dem Jahre 1952.

hp photosmart 720

Es hing bis zum Schluss im Arbeitszimmer des langjährigen Vorsitzenden der CDU der DDR Gerald Götting. Wer solch ein Bild besitzt, so Schirmer, hat Kunstverstand.

 

Ein bei vielen älteren Ostdeutschen gut erinnertes Bild ist „Jugendweihe“ von Rolf Schubert aus dem Jahre 1978. Das Bild hatte dadurch für Diskussionen gesorgt, dass es das nahezu gläubig verkündete Zukunftsversprechen jeder Jugendweihefeier mit dem anschließenden Familienbesäufnis kollidieren ließ.

Rolf Schubert, Jugendweihe. 1978

 

Die Normalität solcher Feiern in Ost wie West erfuhr Schirmer bei einer Gastausstellung in Krefeld. Eine Dame sagte ihm im feinsten Rheinländisch: „Ja meinen Sie denn, dat sieht bei unseren Firmungsfeiern völlich anders aus?“ Das war zwar keine Antwort auf die damalige Diskussion im DDR-Kontext, entkleidete diese aber dem heiligen Schauer der Ideologie.

Ein interessantes und kaum erinnertes Bild ist „In der Kaufhalle“ von Harald Metzkes aus dem Jahre 1980. Die tausendfach erlebte Kaufhalle wirkt hier beengend, ja bedrohlich, postmodern erinnernd an den Film „Modern Times“ von Chaplin.

hp photosmart 720

 

Als überzeugten Künstler von Erfüllungsbildern bezeichnete Schirmer den Maler Günther Brendel. Von Brendel sind in Beeskow 31 Werke dokumentiert. Zu ihnen gehört „Soldat mit Frau und zwei Kindern“ aus dem Jahre 1987, das ausdrücklich dem 75. Geburtstag von Erich Honecker gewidmet ist.

hp photosmart 720

 

Günther Brendel war in der Öffentlichkeit als künstlerischer Dokumentarist der Errichtung des neuen Stadtzentrums in der damaligen Hauptstadt der DDR sowie des Stadtbezirks Marzahn bekannt geworden.

Herbert Schirmer verwies ergänzend stolz auf Arbeiten von Fritz Cremer und Gustav Seitz im Bereich der Plastik, im Bereich Grafik nannte er die Namen Carlfriedrich Claus, Herta Günter und Manfred Butzmann, die beispielhaft mit Arbeiten vertreten seien. Diese Substanz, so Schirmer, werde ausreichen für eine Reihe von qualifizierten Ausstellungen im Schloss Biesdorf. Gerade im Bereich der Grafik gelte es noch viele Perlen zu bergen. Er hob die Forschungen einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin zum grafischen Gesamtwerk in Beeskow hervor; wir werden im Herbst in einem Vortrag darüber berichten.

 

Entschlossene Diskussion

Die anschließende intensive Diskussion offenbarte sowohl die großen Erwartungen als auch die Sorgen der künftigen Schlossbesucher. Unverständnis bestand einhellig darüber, dass ein halbes Jahr vor der feierlichen Eröffnung des Schlosses weder ein Konzept noch erkennbare Arbeitsschritte des Betreibers bekannt geworden seien. Da konnte auch die Information nicht besänftigen, dass der künftige Betreiber erst seit Februar dieses Jahres vertraglich verantwortlich ist und intensiv daran arbeitet, sein Konzept im April öffentlich zu machen. Befürchtungen wurden auch dahin gehend geäußert, dass das Konzept Galerie mit Werken aus dem Kunstarchiv Beeskow aufgeweicht werden könnte; trotz Einladung durch unseren Verein war niemand von der Grün Berlin GmbH zu diesem bedeutsamen Termin erschienen. Immerhin ging es darum, den genius loci, den Geist des Ortes einmal tief zu atmen. Viele hätten, so eine Besucherin, für Schloss Biesdorf gekämpft. Jetzt, wo der schwierige Pfad erfolgreich beschritten worden sei, erwarte man eine engagierte Übernahme und Betreibung.

P1040418 (1024x576)

 

Herbert Schirmer schloss mit einem Plädoyer für die Beeskower Kunstwerke. In allen Epochen sei Kunst unter den verschiedensten gesellschaftspolitischen Bedingungen entstanden. Die Kunstwerke aus der DDR hätten im Nenner Substanz. Sie brauchten sich nicht verstecken, für Beeskow bestehe überhaupt kein Grund an Selbstaufgabe zu denken. Die drei Patronatsländer dächten nicht einmal daran, mehrfach vorhandene Grafikblätter zum Verkauf frei zu geben, um Geld einzunehmen oder Platz zu gewinnen. Er freue sich über das schön rekonstruierte Schloss Biesdorf und auf viele intelligent arrangierte Ausstellungen durch den künftigen Betreiber. Dieser Abend, das spürten die Besucher, hatte noch einmal namhaft und nachhaltig ihre Interessen zum Ausdruck gebracht – die Spannung vor der Eröffnung ist deutlich.

 

(Axel Matthies)


Nutzungsvertrag für Schloss Biesdorf unterzeichnet

 

Am Dienstag, dem 2. Februar 2016, unterzeichneten die Bezirksstadträtin für Jugend und Familie, Weiterbildung und Kultur, Juliane Witt, der Geschäftsführer der Grün Berlin GmbH, Christoph Schmidt und der Prokurist der Grün Berlin GmbH Helmut Siering den Nutzungsvertrag für den zukünftigen Betrieb des Schlosses Biesdorf.

SONY DSC

Helmut Siering, Stadträtin Juliane Witt und Christoph Schmidt (v.l., Foto: Kiez-Eule Berlinmarzahn)

 

Mit dem Vertrag wird geregelt, dass die Grün Berlin GmbH das Schloss Biesdorf als Betreiber nach der Vollendung des Wiederaufbaus ab dem 1. August 2016 zunächst für die Dauer von zehn Jahren zum Zwecke der kulturellen Nutzung übernimmt. Die Grün Berlin GmbH wird das Schloss zu einem herausragenden Kultur- und Tourismusstandort und vor allem als Zentrum für Kunst, aber auch als einen lebendigen Veranstaltungsort entwickeln. Entsprechend den Fördervorgaben widmet sich die programmatische Ausrichtung von Schloss Biesdorf dem kulturellen Erbe im Kontext zeitgenössischer Kunst.

Neben der Präsentation von bildender Kunst, insbesondere aus dem Bestand des Kunstarchivs Beeskow, geht es gleichermaßen um die Entwicklung unterschiedlicher Formate der Kunstbegegnung und der Kunstvermittlung – um ein überregional wirksames Konzept, das mit vielfältigen Kooperationen und Netzwerken befördert werden soll.

Der Geschäftsführer der Grün GmbH, Christoph Schmidt, verlieh seiner Freude Ausdruck, dass die Grün Berlin GmbH ein solch hochwertiges Haus mit einer einzigartigen Architektur- und Nutzungsgeschichte und damit eine sehr anspruchsvolle Aufgabe übernehmen wird und bedankte sich ausdrücklich für das Vertrauen. Die Grün Berlin GmbH werde als verantwortungsbewusster und verlässlicher Partner des Bezirksamtes agieren. Er verwies darauf, dass sich Schloss Biesdorf auch im Rahmen der IGA Berlin 2017 als ein wichtiger Kulturort etablieren wird. Nutzungskonzept und personelle Entscheidungen werde die Grün GmbH im April 2016 öffentlich vorstellen.

Bezirksstadträtin Witt nutzte die Gelegenheit, sich im Namen des Bezirksamtes bei allen bislang an der Fertigstellung des Hauses beteiligten Akteuren zu bedanken und hob hier vor allem die Planungsgemeinschaft PMS-Pinardi, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bezirksamtes sowie die engagierten Impulsgeber der Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf e.V. hervor.

Für den Wiederaufbau des Hauses werden insgesamt Fördergelder in Höhe von 10,35 Mio € verwendet, davon 3,5 Mio € aus dem EFRE-Fonds, 3,5 Mio € von der Deutschen Klassenlotterie Berlin und 3,1 Mio € aus dem Haushalt des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf.

 

Die feierliche Eröffnung des Schlosses findet am 9. September 2016 um 14 Uhr in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) statt.