BIESDORFER BEGEGNUNG mit Matthias Platzeck

 

Die BIESDORFER BEGEGNUNG am 23. April 2018 im Schloss Biesdorf  mit dem Vorsitzenden des Deutsch-Russischen Forums e.V. Herrn Matthias Platzeck war ein herausragendes Ereignis. Mehr als 100 Besucherinnen und Besucher  beteiligten sich an dem Gespräch zum Thema

„Deutschland – Russland – Europa: Brauchen wir einander ?“

 

Wir bringen erste Fotos von der Veranstaltung. In wenigen Tagen folgt eine Besprechung.

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IMG_1828    (Fotos: Kristina Niemann)IMG_1838

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Galerieleiterin und Schlossherrin Karin Scheel war mit dieser Biesdorfer Begegnung mehr als zufrieden

 


Erfolgreiche Grabungen auf dem historischen Gutsareal Biesdorf

 

Die Verzögerung des Wohnungsbauvorhabens der STADT UND LAND auf dem historischen Areal des ehemaligen Rittergutes Biesdorf ist durch die Ergebnisse der Grabungen mehr als wettgemacht worden. Wie „Die Hellersdorfer“ in ihrer Ausgabe März 2018, Sonderveröffentlichung der STADT UND LAND, berichtet, war in der zweiten Jahreshälfte 2017 ein Grabungsteam unter Leitung des Archäologen Reinhold Scholz im Einsatz, um den Baugrund auf historische Spuren zu untersuchen. Dabei wurden Relikte entdeckt, die bis zu 3000 Jahre alt sind. So wurden ein Brunnen und Werkzeuge frei gelegt.

Auch aus der Siemens-Zeit gibt es historische Zeugnisse. So wurde ein hölzerner Maischebottich aus der alten Brennerei geborgen.

Lesen Sie hier den spannenden Text, den wir mit Genehmigung der „Hellersdorfer“ publizieren.

 

Ausgrabungen Gut 2017


Schloss Biesdorf im 150. Jahr seines Bestehens. Bilanz und Perspektiven aus bürgerschaftlicher Sicht

 Vortrag von Dr. Heinrich Niemann in der gemeinsamen Reihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf am 11.1.2018

 

Am Beginn des Jahres 2018, in dem das Schloss Biesdorf 150 Jahre alt wird, möchte ich mit meinem Vortrag versuchen, die geschichtliche Bedeutung dieses Denkmalensembles am östlichen Stadtrand  von Berlin herauszuarbeiten oder anders gesagt, der Frage nachgehen, welche guten Gründe gibt es wirklich, diesen Ort auch als interessanten Ort der Geschichte zu besuchen? Was daraus ist wichtig und interessant und verdient wirklich die Beachtung, die wir gerne uns wünschten.

Nach seinem vollendeten Wiederaufbau vor eineinhalb Jahren soll das Schloss Biesdorf ein auch touristisch attraktiver neuer Ort der Kunst mit der Einrichtung einer Galerie werden – so will es nicht nur der Förderbescheid  der Geldgeber für den so erfreulichen Wiederaufbau. Das ist auch eine richtige und angemessene Aufgabe.

Ein Ort der Geschichte ist es zweifellos.

Und ein Ort der Begegnung möglichst vieler Menschen soll es (wieder) werden. Das meint unser Verein jedenfalls auch mit seiner diesjährigen Karte zum Neuen Jahr.

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Eigentums- und Nutzungsverhältnisse

Zwei geschichtliche Besonderheiten gibt es schon auf den ersten Blick:

Es sind die vielschichtigen Eigentums- und Nutzungsverhältnisse in diesen 150 Jahren.

Mehr als 50 Jahre privater (Wohn)Nutzung im Besitz von drei Familien (von Rüxleben, von Bültzingslöwen, Werner und Wilhelm von Siemens) folgen nach einer Zwischenzeit seit 1927 bislang über 90 Jahre öffentliches Eigentum und öffentliche Nutzung im Besitz der Stadt Berlin, des jeweiligen Stadtbezirks (Lichtenberg, dann Marzahn, seit 2001 Marzahn-Hellersdorf).

Das Rittergut Biesdorf  war offenbar Anfang des 19. Jhd. kein besonders ertragreicher Ort. Sechs Mal wechselten allein in den dreißig Jahren von 1823 bis 1853 die Besitzer, ehe dann die Familie von Rüxleben das Rittergut für 31 Jahre übernahm.

Gutshof Biesdorf Ende 19. Jh.

 

Die weiteren Daten sind bekannt:

1862 wird das Rittergut vom Vater Bruno Freiherr von Rüxleben  vererbt an Sohn Hans Herrmann, der im Mai 1868 zur Hochzeit mit Anna Pauline Griebenow die neuerbaute Turmvilla „Schloss“ Biesdorf erhält, die noch 16 Jahre in deren Besitz blieb.

Dem Verkauf 1884 an Baron Günther von Bültzingslöwen folgte schon 1887 der Erwerb durch Werner von Siemens.

1889 übergibt dieser an seinen zweitgeborenen Sohn Wilhelm von Siemens. So waren das Schloss und das Rittergut bis zum Verkauf 1927 formal 40 Jahre im Siemensbesitz. Wenn man den Tod Wilhelm von Siemens als faktisches Ende einer Nutzung durch die Familie betrachtet, waren es immerhin noch etwa 32 Jahre.

Wilhelm Elly Terrasse 1900er

 

Nachdem zum Ende des 1. Weltkrieges schon Einquartierungen erfolgten, das Schloss vom Preußischen Staat gepachtet wurde, erfolgte nach längeren Verhandlungen 1927 der Kauf durch die Stadt Berlin.

Die seitdem vergangenen 90 Jahre öffentlicher Nutzung teilen sich auf in wenige Jahre der Weimarer Republik, die 12 Jahre der NS-Zeit mit dem Ergebnis der Brandzerstörung des Schlosses im April 1945. Nach einer Zwischenzeit als Friedhof der Sowjetarmee folgten etwa 35 Jahre in der DDR und seit der Vereinigung 1990 die 23 Jahre bis zum Beginn des Wiederaufbaus im Jahre 2013.

Das als herrschaftliches Wohngebäude errichtete Schloss Biesdorf wurde also die weitaus längste Zeit für Verwaltungs- und öffentliche Zwecke genutzt.

 

Die historische Bedeutung des Ensembles von Schloss und Park Biesdorf – Eine Annäherung in 12 Punkten und einem Schlussgedanken

 

  1. Das Bauwerk und Denkmalensemble ist eines der in Berlin nicht sehr zahlreichen noch bestehenden herrschaftlichen Häuser und Anlagen.

„Es gibt in Berlin etwa zwei Dutzend Schlösser, Herrenhäuser und Palais.

Das ist nicht viel für eine Stadt, die seit dem Jahr 1701 Hauptstadt von Preußen war…Nur wenige herrschaftliche Häuser überlebten den 2. Weltkrieg….

…Schloss Biesdorf, lange Jahre Wohnsitz der Familie von Siemens, wurde aufwendig restauriert.“ heißt es in einem 2016 erschienenen Buch „Berlins Grüne Orte“

( Berlins Grüne Orte, Verlag Runze&Casper Werbeagentur GmbH, Berlin 2016. S.68 f)

Die in diesem Buch genannten Bauwerke sind: Im Zentrum Berlins das Stadtschloss, Monbijou, Schloss Charlottenburg und Park, Schloss Bellevue, Altes Palais, Ephraimpalais, Kronprinzenpalais, Prinzessinnenpalais Kommandantenhaus, Palais am Festungsgraben, Schloss Schönhausen.

Am Stadtrand: Jagdschloss Grunewald, Schloss auf der Pfaueninsel, Schloss Glienecke, Schloss Köpenick, Schloss Biesdorf

 

  1. Das von Heino Schmieden 1868 errichtete Gebäude nach italienischem Vorbild ist ein schönes und in Berlin seltenes Beispiel einer herrschaftlichen Turmvilla im spätklassizistischen Stil.

 Durch den Wiederaufbau kommt seine harmonische und klar komponierte äußere Gestalt wieder voll zur Geltung. Der aus der Bauzeit erhaltene besonders feste rosafarbene Romanzementputz ist von besonderem Denkmalwert. Es ist am herausgehobenen Standort am südlichen Rande der Barnimhochfläche weit sichtbar gelegen und dominiert das historische Biesdorf mit seiner Dorfkirche.

Im östlichen Raum Berlins sind vergleichbare Gebäude selten.

Das jetzige Gebäude entspricht dem Stand um 1900 nach den baulichen Änderungen durch Wilhelm von Siemens (Architekt Th. Astfalck).

Balkon an der Südfront 1907

 

Das Ensemble steht seit 1979 unter Denkmalschutz.

 

  1. Der Architekt des Schlosses Biesdorf Johann Heino Schmieden (1835-1913) gehört zu den bedeutendsten und produktivsten Berliner Architekten von internationalem Rang in der 2. Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wurde mit dem Wiederaufbau des Schlosses Biesdorf für Berlin wiederentdeckt.

 In der Sozietät mit dem älteren Martin Gropius (1813 -1880) von 1866 bis 1880 wurden bedeutende Bauten realisiert. Nach Gropius frühem Tod setzte Schmieden mit anderen Partnern dieses Werk fort. Das Kunstgewerbemuseum – der heutige Martin-Gropius-Bau-, das alte Gewandhaus in Leipzig, das Krankenhaus Friedrichshain sind nur wenige markante Bauwerke. Mit Krankenhausbauten wurde Schmieden international bekannt.

Schloss Biesdorf ist das älteste Bauwerk von Schmieden im heutigen Berlin.

Schmieden war leitend tätig in Architektenvereinigungen, Mitglied der Preußischen Bauakademie und Akademie der Künste, Mitbegründer der URANIA, an der Seite Virchows maßgeblich  an der Tuberkulosebekämpfung beteiligt.

Durch den Verein „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ und BALL e.V. sowie die wissenschaftliche Arbeit und das Buch von Dr. Oleg Peters „Heino Schmieden, Leben und Werk des Architekten und Baumeisters 1836- 1913“ wurde diese Persönlichkeit gleichsam wiederentdeckt.

Mit den Nachkommen von Heino Schmieden (seine Urenkel) besteht eine – so selten mögliche – lebendige Verbindung zu Biesdorf und unseren Verein. Das Porträt Schmiedens ist ein Geschenk der Familie und ist als Leihgabe im Schloss zu sehen.

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Im Mai 2018 wird der große Saal zur Würdigung des Architekten als Heino-Schmieden-Saal benannt. Diese Ehrung bedeutet für die bauhistorische Berliner Fachwelt auch einen gewissen Akt historischer Gerechtigkeit in Bezug auf den Martin-Gropius-Bau, der nicht nur von Schmieden mit entworfen, sondern von ihm nach Gropius Tod zu Ende geführt wurde.

 

  1. Der von Albert Brodersen in den 90er Jahren des 19. Jhd. gestaltete, auf 14 ha erweiterte Schlosspark folgt dem Lennéschen Modell eines klassischen Landschaftsparks in seltener stilistischer Reinheit.

 Die seit Ende der 1920er Jahre begonnenen und seit den 1950er Jahren hinzugekommenen Elemente und Einbauten im Sinne eines öffentlichen Volksparks wurden seit 1984 mit der Rückbesinnung auf die Brodersensche Planung teilweise rückgebaut bzw. fügen sich wie die Parkbühne sinnvoll und zweckmäßig ein.

 

  1. Albert Brodersen (1857 – 1930 ) war von 1910 bis 1925 der dritte Gartenbaudirektor Berlins und hat in einer Zeit des Übergangs zur reformorientierter Gartenarchitektur die Entwicklung des öffentlichen, für die Bürger zugänglichen Grüns maßgeblich gefördert.

 Die Neugestaltung des Botanischen Gartens, Viktoriapark, Kleistpark, Märchenbrunnen, Volkspark Rehberge, Park an der Liebermannvilla sind Beispiele. Mit der Benennung der Lindenallee im Schlosspark Biesdorf auf Initiative des Vereins in Albert-Brodersen-Allee im Jahre 2007 erhielt er eine angemessene Ehrung.

Parasol

 „Die Zeit … ist reif, sich mit seinem Lebenswerk auseinanderzusetzen, es vertieft zu ergründen, was an Erbe noch da ist, …wie in Biesdorf – durch gezielte Inwertsetzung zu erhalten und neuerlich zu beleben.“

Dr. Klaus Henning von Krosigk,  2007

 

  1. Die privaten Besitzer und Bewohner des Schlosses Biesdorf sind repräsentative Beispiele für die Beziehungen und Verflechtungen und des Wirkens adliger Familien und des Bürgertums in Preußen und Berlin des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

 Hans Hermann von Rüxleben  (1841 – 1895) war nicht nur Rittergutsbesitzer. Er wurde 1872 in den Kreistag Niederbarnim gewählt und war Amtsvorsteher des Amtsbezirks Biesdorf von 1874 bis 1884. Bemerkenswert ist die Rolle des Vaters der Anna Pauline Griebenow, die mit Rüxleben verheiratet wurde.

Christian Wilhelm Griebenow (1784 -1865), aus dessen Vermögen seine Witwe die Finanzierung des Schlosses gespeist hat, hatte sich in den Befreiungskriegen 1812/13 (Ehrenbürger Kolbergs) und bei der urbanen Entwicklung Berlins als Grundstückshändler einen Namen gemacht. Noch heute ist eine Straße im Bezirk Berlin-Mitte nach ihm benannt.

Günther von Bültzingslöwen (1839 – 1889) war nicht nur als Kaufmann (Kaffee, Zuckerrohr) auf Java tätig. Er war dort Konsul des Norddeutschen Bundes bzw. des Deutschen Reiches.

Im  Krieg 1870/71 fällt sein jüngster Bruder. Bültzingslöwen schließt sich dem französischen Roten Kreuz an. An seine humanitäre Rolle im Dienste des holländischen Roten Kreuzes während des 2. Atjehkrieges – ein Kolonialkrieg – zur Jahreswende 1873/74 wird noch heute erinnert.

Die Künstlerin Paula Modersohn-Becker ist eine Nichte.

Ohne von Bültzinglöwen, dem der befreundete Werner Siemens ein Darlehen gewährt hatte, wäre der Erwerb des Schlosses durch Werner von Siemens nicht zu Stande gekommen.

 

  1. Siemens und Biesdorf

Neben den hier als bekannt vorauszusetzenden allgemeinen Daten über die Familie Siemens war ihr Wirken auch für die Gemeinde Biesdorf fruchtbar.

 Wilhelm von Siemens und seine Frau Elly gestalteten seit 1889 nicht nur Schloss und Park neu und brachten es auf ein zeitgemäßes technisches Niveau und bewirtschafteten das Rittergut.

Sie bewohnten viele Jahre das Anwesen und machten es zu einem Treff gesellschaftlichen Lebens (Gesellschaftsabende, Jagden).

Kostümfest 1907

 

Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Biesdorf verlief zum gegenseitigen Vorteil. Siemens förderte öffentliche und Gemeinwohlprojekte für Biesdorf.

Die drehbare Luftschiffhalle in Biesenhorst (Karlshorst/ Biesdorf, 1909) war eine technische Innovation ersten Ranges. Auch haben technische Experimente im Park und vom Schloss(turm) aus stattgefunden, wozu noch weitere Forschungen laufen.

 

  1. In der Zeit der Weimarer Republik wird das Schicksal des Schlossensembles nach dem Tod von Wilhelm von Siemens (1919) und dem nachlassenden Interesse der Siemensfamilie stark vom Interesse der Stadt Berlin am Erwerb von Bauland für die Stadterweiterung und des Parks für die Versorgung mit öffentlichem Grün bestimmt.

Diese Jahre haben dem Schloss baulich kaum gut getan. Das leider nicht bekannte Siemenssche Interieur und Inventar ist mit großer Wahrscheinlichkeit schon in diesen Jahren  verloren gegangen.

Die Umstände des Verkaufs bzw. Erwerbs des Biesdorfer Gutes sind ein auch heute noch interessantes Beispiel für den Umgang der Stadt und privaten Eigentümern bei Grundstücksgeschäften. Der Kauf von 1927 zog auch einen langwierigen Untersuchungsausschuss nach sich.

Nach Ende des 1. Weltkriegs erfolgen im Schloss Einquartierungen mit Wohnungen und der Reichswehr. Später Nutzung als Polizeidienststelle, Ortsamtsstelle, nicht realisierter Plan eines Mütter-und Säuglingsheimes.

Der Schlosspark (nach damaliger Täglicher Rundschau „verwildert“) wird ab 1928 öffentlicher Volkspark und entsprechend ausgestaltet. Er ist die erste städtische Grünanlage im Gebiet des heutigen Bezirks Marzahn-Hellersdorf.

 

  1. Die zwölf Jahre intensiver Nutzung und des Missbrauchs des Schlossensembles in der NS-Zeit und die sinnlose Brandzerstörung einen Tag vor dem Erreichen dieses Teils von Berlin durch die Rote Armee waren eine Zeit der Unkultur. Nicht wenige Menschen sind ihr gefolgt. Die Opfer und die Ursachen dürfen nicht vergessen werden.

 Im Schloss, weiterhin Polizeistelle, wurden durch die Nazis der Ortsgruppensitz, die Meldestelle für HJ und Jungmädelbund und ein Amt für Volkswohlfahrt etabliert. Der Einbau eines Luftschutzkellers und andere bauliche Änderungen folgten.

Die NSDAP machte das bekannte Ensemble zu einem intensiven und propagandistisch wirksamen Ort für Veranstaltungen und Feste.

Im Krieg diente das Schloss als Sammelstelle für den Volkssturm, immer häufiger als Ort für Nothilfe und Notunterkünfte, Winterhilfswerk, Lazarett.

Von den Luftangriffen auf Biesdorf 1943 und 1944 verschont geblieben, wurden am 26. März 1945 bei Tieffliegerangriffen der Roten Armee auch Bereiche des Schlossparks und Gutes bombardiert.

  1. April 1945 Brandzerstörung, vermutlich Brandstiftung,
  2. April 1945 Die Rote Armee erreicht Biesdorf.

 

  1. Die Einrichtung eines Friedhofs der Roten Armee 1945/46 und des dafür provisorisch hergerichteten Schlosses (Trauersaal) sowie eine Ummauerung der Hälfte des Schlossparks haben auch dazu geführt, dass der alte Baumbestand des Parks erhalten blieb und das Schlossgebäude vor weiterer Zerstörung bewahrt wurde.

Von 1945/46 bis zur Umbettung zum Parkfriedhof Marzahn – Sowjetisches Ehrenmal – im Jahre 1958 bestanden in drei Bereichen des Schlossparks 462 Gräber sowjetischer Soldaten und Zivilangehöriger.

2018 sind 60 Jahre seit der Umbettung zum Parkfriedhof Marzahn vergangen

Eine Erinnerungstafel an geeignetem Ort wäre angemessen.

 

  1. Der gemeinsame Nenner der seit 1954 in der DDR, also dreieinhalb Jahrzehnte, ununterbrochenen und teils sehr intensiven Nutzung von Schloss und Park Biesdorf für die Bürgerinnen und Bürger durch den jeweiligen Stadtbezirk ist Kultur und Bildung im weiten Sinne. Für die DDR exemplarische Strukturen wie Jugendklub oder Kreiskulturhaus sowie die Ferienspiele und Arbeitsgemeinschaften für tausende Kinder waren aufgebaut.

In diesem langen Zeitraum entwickelte sich eine enge Beziehung vieler Bürger mit ihren Familien zum Schloss und Park, oft über die Lebensalter und Generationen hinweg.

Diese Besonderheit unterscheidet Biesdorf von anderen vergleichbaren Anlagen und muss bei jeder künftigen Nutzung beachtet und produktiv gemacht werden.

Im Falle des Schlosses und Parks in Biesdorf handelte es sich im  Unterschied zu den vielen anderen 1945 im Privatbesitz befindlichen Herrenhäusern schon um städtisches Eigentum (Stadtbezirk Lichtenberg), woraus sich eine klare Zuständigkeit für die weitere Nutzung  des Parks und  des Schlossgebäudes ergab.

Diese Stichworte erinnern an die Breite dieser Nutzung:

Bildhaueratelier (1954-58, E. Kobbert und Becker), erster Dorfklub,

Jugendklub, Freilichtbühne, Ferienspiele, Rassehundeausstellungen, Tischtennisplatz, Jugendschwimmbecken, Indianerspielplatz, Sandspielplatz, Verkehrsgarten, Bibliothek, Gaststätte, Jugendtanz, Disko, Arbeitsgemeinschaften, Kreiskulturhaus, Fernsehzimmer …

Ferienspiele

Plansche Schlosspark

 

Trotz sehr knapper baulicher Ressourcen wurde das Gebäude der Zeit gemäß bescheiden und sachgerecht instand gesetzt und auch baulich funktionsfähig gehalten. Es gab 1956 (NAW – Nationales Aufbauwerk) und später Pläne des Wiederaufbaus. Die Gefahr der Übernutzung wurde erkannt und das Ensemble 1979 unter Denkmalschutz gestellt.

Mit Blick auf die seit 1990 benötigten 25 Jahre, ehe das Schloss tatsächlich wieder aufgebaut werden konnte, ist ein Respekt vor diesen Leistungen durchaus eher angebracht als ein „Naserümpfen“.

 

  1. Nach der Vereinigung 1990 kam es zeitweilig zu einer Gefährdung des Bestandes als öffentliche Einrichtung. Die Entscheidung des Bezirks Marzahn von 1994, das Schloss Biesdorf einem Freien Träger, dem BALL e.V., zu übertragen, ermöglichte bis zum Beginn des Wiederaufbaus 2013 wiederum eine fast zwei Jahrzehnte währende breite soziokulturelle  Nutzung für die Bürger. Dadurch wurde das Gebäude auch vor dem weiteren baulichen Verfall bewahrt.

Versuche, das Schloss zu veräußern und ähnliche kommerzielle Ideen konnten verhindert werden. Der Betrieb als Stadtteilzentrum erwies sich auch als eine Voraussetzung, die Restaurierung und den späteren Wiederaufbau Schritt für Schritt umzusetzen.

Ball e.V. gehörte zu den Initiatoren der Bürgerinitiative von 1998 „Biesdorf braucht sein Schloss“ und der nachfolgenden Vereinsgründung 2001.

BALL e.V. – Leistungen des Stadtteilzentrums 1994 -2013:

  • 281 klassische Konzerte,
  • 116 historische Vorträge,
  • 155 literarische Lesungen,
  • in 167 Veranstaltungen präsentierten Bürger ihr interessantes Hobby,
  • 175 Puppentheater für unsere Kleinsten,
  • 153 Ausstellungen

 

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Dazu ungezählte private Feiern.

Insgesamt nutzten mehr als 620.000 Bürger die Möglichkeiten des Hauses in Zirkeln und Kursen, ließen sich beraten oder brachten sich und ihre Ideen in die Stadtteilarbeit ein.

 

Resumee:

Der Wiederaufbau des Schlosses Biesdorf ist eine Erfolgsgeschichte von Bürgerengagement, Beharrlichkeit, politischem Willen und professioneller Ausführung.

Ohne den 2001 gegründeten Verein mit Dr. Günter Peters (1928 -2013), der die Rettung und den Wiederaufbau des Schlosses auf die politische Agenda des Bezirks Marzahn-Hellersdorf gesetzt hatte, ist das wiederaufgebaute Schloss nicht denkbar.

Günter-Peters

 

Als Bauherr hat der Verein mit der Sanierung des Erdgeschosses von 2002 bis 2007 die Machbarkeit gezeigt und mit den ersten Förderanträgen ab 2006 den weiteren Weg geebnet.

Eine bürgerschaftliche Initiative „Biesdorf braucht sein Schloss“, getragen vom Heimatverein, dem MHWK, BALL e.V. und engagierten Bürgern und ein Brief der Lehrerin Monika Berndt an den Bundespräsidenten Johannes Rau waren  Wegbereiter der  Vereinsgründung

Das alte neue Schloss Biesdorf jetzt als attraktiven Ort der Kunst zu entwickeln, der auf dieser reichen Geschichte fußt und für viel Bürger wichtig war und ist, ist mindestens eine ebenso große Herausforderung, wie es das Ringen um die bauliche Rettung war.

Meine politische Erfahrung bei der baulichen Rettung des Schlosses Biesdorf:

Ohne eine förderbare Aufgabe und klare Zielstellung keine Fördermittel, ohne Fördermittel keine Sanierung und kein Wiederaufbau, ohne Wiederaufbau Gefahr des nicht mehr heilbaren baulichen Verfalls.

Anders gesagt: Wenn diese umfangreichen Baumaßnahmen nicht hätten durchgeführt werden können, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Bauwerk über kurz oder lang infolge seiner bis dahin auch verborgenen großen Schäden nicht mehr zu erhalten gewesen.

Bürgerschaftliches Engagement muss sich organisieren und mit Sachkunde agieren.

Mitwirkung und Einbeziehung der Bürger ersetzen nicht die Verantwortung des Eigentümers und der fachlich und rechtlich zuständigen Akteure des Bezirks und der Stadt (des Landes) Berlin, aber sie fordern sie heraus und unterstützen sie.

Dr. Günter Peters als Inspirator und Motor des Wiederaufbaus des Schlosses Biesdorf und Gründungsvorsitzender des Vereins „Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.“ würde am 11. August 2018 90 Jahre alt.

Wir sollten ihn angemessen würdigen.

 

Leicht bearbeitete Textfassung des mit Abbildungen ergänzten Vortrags vom 11. Januar 2018 im Schloss Biesdorf im Rahmen der gemeinsamen Vortragsreihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf

Dr. Heinrich Niemann im Gespräch mit dem Tagesspiegel

Vor wenigen Tagen hat der Vorstandsvorsitzende unseres Vereins, Dr. Heinrich Niemann, ein Gespräch mit online-Redakteur Ingo Salmen vom Tagesspiegel zur aktuellen Situation von Schloss Biesdorf geführt. Den Wortlaut können Sie hier lesen.


Presseerklärung unseres Vereins zum Neustart ins Jubiläumsjahr 2018

 

Mutig in das Jubiläumsjahr 2018

Schlossverein unterstützt Neustart für Schloss Biesdorf

 

Nach der beendeten Betreiberschaft durch die Grün Berlin GmbH wird der Verein Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf mit seinen Kräften dazu beitragen, um Schloss Biesdorf im 150. Jahr seines Bestehens schnell in erfolgreiches Fahrwasser zu bringen. Dazu wurde in einem konstruktiven Gespräch mit Kulturstadträtin Juliane Witt (LINKE) bereits wesentliche Übereinstimmung erzielt. Klares Ziel ist es, das Schloss als kulturellen Leuchtturm für unseren Bezirk, als attraktiven Ort der Kunst, Geschichte und Begegnung im Osten der Bundeshauptstadt zu positionieren.

Die sorgfältige Neujustierung des Konzepts für die Kunstgalerie im Schloss und das begleitende Programm an Projekten und Veranstaltungen bis hin zur Raumaufteilung ist dafür entscheidende Aufgabe. Der Förderzweck, die Erfahrungen seit der Eröffnung 2016 und auch die Erwartungen und Kritiken aus der Bürgerschaft müssen dabei berücksichtigt werden. Die Zusage der Stadträtin, unseren Verein und andere Akteure in diese Arbeit einzubeziehen, nehmen wir sehr ernst.

Die Erarbeitung eines Kooperationsvertrages zwischen dem Verein und dem Bezirksamt wurde vereinbart. Allein seit der Eröffnung 2016 hat der Verein mit über 65 Vorträgen, Führungen, anderen Veranstaltungen sowie seinen Publikationen für das Schloss Biesdorf einen beachtlichen ehrenamtlichen Beitrag geleistet.

Die BIESDORFER BEGEGNUNGEN und die Vorträge mit der Volkshochschule werden weitergeführt, ebenfalls die Führungen des Vereins zum Schloss. Den Saal des Schlosses als „Heino-Schmieden-Saal“ zu benennen, begrüßen wir sehr, hat doch der Verein eine solche Namensgebung für diesen wichtigen Berliner Architekten schon vor Jahren vorgeschlagen. Der Maler Otto Nagel soll einen würdigen Platz finden. Ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm aller Akteure soll künftig das Publikum informieren.

„Wir wollen weiter dabei helfen“, so der Vorstandsvorsitzende Dr. Heinrich Niemann, „auch die noch skeptischen und kritischen Bürger zu gewinnen, sich ‚ihr Schloss‘  auch als neuen Ort der Kunst wieder anzueignen, seine vielschichtige Geschichte aufzunehmen und den vielen neuen Besuchern diesen so interessanten Ort im Osten Berlins zu vermitteln.  Bis zum 150. Geburtstag des Schlosses im Mai 2018, während des 19. Biesdorfer Blütenfestes, sollen die Weichen auf eine gedeihliche Zukunft gestellt werden. Dabei ist  unserem Verein auch weiterhin sein Achtpunkteprogramm zum Schlossjubiläum eine gute Grundlage“.

 

Ziele und Vorschläge 150 Jahre Schloss-8 Punkte

Berlin-Biesdorf, 6. Februar 2018


Erinnerung an die BIESDORFER BEGEGNUNG „Historisches und Aktuelles zur Arzneimittelforschung“

 

„Die Handlungen der Menschen leben fort in den Wirkungen.

                                                                                                        G. W.  Leibniz

 

Am 12. Oktober 2017 fanden im Schloss Biesdorf – im Rahmen der „BIESDORFER BEGEGNUNG mit der Wissenschaft“  – zwei Veranstaltungen der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e. V (LS) in Kooperation mit der Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e. V. statt.

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Der Präsident der Leibniz-Sozietät Prof. Dr. Gerhard Banse und der Vorstandsvorsitzende der Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V. Dr. Heinrich Niemann

 

In der Plenarveranstaltung am Vormittag ging es um Wirken und Wirkung Martin Luthers 500 Jahre nach Beginn der Reformation.

Das Nachmittagskolloquium – aus Anlass des 80. Geburtstages des Mitgliedes der Leibniz Sozietät Prof. Peter Oehme – stand unter dem Thema „Historisches und Aktuelles zur Arzneimittelforschung“. Der Präsident der Leibniz-Sozietät eröffnete das Kolloquium und würdigte eingehend die wissenschaftlichen Leistungen des Jubilars. Prof. Banse hob das Peter Oehme stetig leitende und verpflichtende Credo hervor, die pharmakologische Grundlagenforschung mit der Klinikorientierung und der Arzneimittelforschung organisch und bleibend zu verbinden. Diese Triade konturierte auch alle nachfolgenden Vorträge. Der Eingangsvortrag von Prof. Erhard Göres und Prof. Werner Scheler (MLS) zu „Erfahrungen aus dem Akademie-Industrie-Komplex Arzneimittelforschung (AIK)“ berichtete über die Pionierarbeit des 1976 gegründeten ersten Akademie-Industrie-Komplexes der DDR. Neben der historischen Betrachtung wurden mehrfach Analogien zu heutigen Problemen im Translationsprozess erörtert.

 

Der nachfolgende Vortrag des Moskauer Biochemikers Prof. Oleg Gomazkov aus dem Institut für Biomedizinische Chemie der Russischen Akademie der Wissenschaften reflektierte den Weg gemeinsamer Forschungen „Von der Substanz P zu den Reguliden der adulten Neurogenese im Gehirn“. Ein Gebiet, das  bis heute u.a. für die Demenzproblematik, andere kognitive Beeinträchtigungen sowie  verschiedene Mechanismen und ambivalente  Wirkungen von  Peptidregulatoren herausfordernd  und wertvoll bleibt. Peter Oehmes umfangreiche wissenschaftliche Leistungen auf dem Feld der Neuropharmakologie und der Peptidforschung überdauerten nicht nur die Wende, sondern sind konzeptionell, stofflich, methodisch und hinsichtlich ihres therapeutischen  Potentials  hoch aktuell. Mit  seinen „Reminiszenzen aus 2x 25 Jahren“ vermittelte der Jubilar einen Einblick in seine erfolgreiche diesbezügliche pharmakologische Denkweise, die eigenen Strategien, die Bedingungen seines unermüdlichen Wirkens und das beharrliche wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Engagement.

 

Der Grundsatzvortrag von Prof Wolf-Dieter Ludwig, seit 2007 Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, bildete einen Höhepunkt des Kolloquiums. In seinem Vortrag „Entwicklung von Arzneimitteln: Wie definieren wir Innovationen und erkennen den therapeutischen Fortschritt?“ wurde ein Schlüsselproblem der gegenwärtigen Entwicklung tiefgründig kritisch analytisch dargestellt, dabei signifikante Defizite und einige Lösungsansätzen aufgezeigt. Prof. Ludwig begründete überzeugend sein Bekenntnis, dass die   Einschätzung eines neuen Arzneimittels nur auf der Grundlage guter Evidenz aus wissenschaftlich fundierten klinischen Studien  geschehen kann. Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Anzahl „verkürzter“ Zulassungsverfahren, seien nach der Zulassung verstärkt unabhängige Studien unverzichtbar, um  den therapeutischen Wert eines Arzneimittels bestimmen zu können.  Besonders deutlich wurde, dass dabei vielfältige Interessenkonflikte wirken, die nicht selten weitere Entwicklungen behindern. Mit dem hierzu von der Leibniz-Sozietät initiierten Diskussionsbeitrag von Dr. Norbert Gerbsch vom Bundesverband der pharmazeutischen Industrie mit dem Thema „Arzneimittel und Innovationen: Vielfältiger als gedacht“ wurde versucht, den hierzu notwendigen Dialog zu unterstützen. Eine Fortführung dieses Diskurses in der Leibniz Sozietät entspräche unseres Erachtens durchaus ihrem programmatischen Anliegen und den objektiven gesellschaftlichen Erfordernissen.

 

Im – unter ihren persönlichen Aspekten bereits zitierten – Beitrag des Jubilars zu „Reminiszenzen aus 2×25 Jahren“ wurden zudem institutionelle Wege und Ergebnisse des von ihm 1976 gegründeten Institutes für Wirkstoffforschung (IWF) der Akademie der Wissenschaften der DDR bis zum 25-jährigen Jubiläum des daraus hervorgegangenen Leibniz-Forschungsinstitutes  für Molekulare Pharmakologie (FMP) dargestellt. An den vier Postern von jetzigen  Mitarbeitern des FMP und frühere Mitarbeiter des IWF, wurde beim anschließenden get together hierzu ausführlich diskutiert.

 

Die Veranstaltung bestätigt in ermutigender Weise den – beide Veranstaltungen  verbindenden  – Aphorismus unseres Gründers und Namensgebers G.W. Leibniz:

Die Handlungen der Menschen leben fort in den Wirkungen.“

 

Lutz-Günther Fleischer, Sekretar der Klasse Naturwissenschaften und Technikwissenschaften
Heinz- Jürgen Rothe, Sekretar des Plenums.

 

Weitere Informationen können Sie auf der Homepage der Leibniz-Sozietät abrufen.


Hinter der Maske: Wahrnehmungen von der neuesten Schau im Museum Barberini

 

Seit dem 29. Oktober ist die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Potsdamer Museum Barberini zu sehen. Jeweils 1000 Besucher an den ersten beiden Tagen beweisen das überragende Interesse vieler Menschen an der Kunst aus der DDR. Die Museumsleitung hat dabei berücksichtigt, dass die Zeit der Vermessung dieser Kunst aus politischen und soziologischen Blickwinkeln vorbei sei. Nunmehr „fragt Hinter der Maske. Künstler in der DDR, wie die Künstler im kritischen Blick nach innen ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zur vorgeschriebenen Aufgabe reflektierten und wo und wie sie trotz staatlicher Vorgaben Spielräume für die künstlerische Kreativität fanden.“

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Das Buch zur Ausstellung

Museumsgründer Hasso Plattner hat diesen Vorstoß, der auf seinem eigenen Bilderstock gründet, gegenüber der Süddeutschen Zeitung wie folgt kommentiert: „Erstens haben mich die Bilder von Malern wie Mattheuer und Tübke, aber auch vielen anderen Künstlern der ehemaligen DDR sehr interessiert. Ich verstehe nicht, warum sie in den Museen auch heute nach vielen Jahren immer noch kaum vertreten sind. Deshalb wollte ich ihnen ein Forum geben. Zweitens habe ich mit meinem neuen Museum Barberini bewusst einen Schwerpunkt auf der Kunst aus der DDR gesetzt, weil ich finde, dass die Menschen dort während der DDR-Zeit benachteiligt waren und nach der Wende nochmals ungerecht behandelt wurden.“ (SZ vom 28.10.2017)

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Museum Barberini

Neben dem Plattner-Stock besteht die Exposition aus insgesamt rund 120 Werken von über 80 Künstlerinnen und Künstlern von fast 50 Leihgebern, darunter das Kunstarchiv Beeskow (!) und das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst. Die meisten Werke aus staatlichen Einrichtungen durften nach langen Jahren erstmalig die verschlossenen Depots verlassen.

 

Öffentliche Wahrnehmung

 In der Öffentlichkeit ist die Ausstellung, zunächst im regionalen Raum, interessiert zur Kenntnis genommen worden. Auch die Rede des Bundespräsidenten zur Eröffnung hat es verdient, dezidiert angegeben zu werden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Eröffnungsrede: „Wenn Sie mir zwei Bemerkungen zum Schluss gestatten. Der Zufall will es, dass ich vor gerade einmal zwei Wochen in Rom war und auch wieder einmal die Sixtinische Kapelle und Michelangelos Jüngstes Gericht ansehen konnte.

Wenn es je politisch oder ideologisch motivierte Auftragskunst gegeben hat, dann dort, im Palazzo Apostolico. Aber es zeigt sich an diesem unbezweifelbaren Höhepunkt europäischer Kunst eben auch, wie sich selbst in solchem Kontext der individuelle Künstler in seinem Glauben und seinem Zweifel, in seinem Selbstbildnis und seiner Auffassung von der Welt ausdrücken und künstlerisch darstellen kann. Das gilt zu allen Zeiten.

Und eine letzte Beobachtung. Im Mittelpunkt der Ausstellung hier stehen – kein Wunder, wenn es um das Selbstverständnis des Künstlers geht – Selbstporträts. Ein künstlerisches Sujet mit einer sehr langen und sehr vielfältigen Tradition in der europäischen Kunstgeschichte. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt hier aus der DDR-Kunst zusammengetragen wurde. Und es nötigt große Bewunderung ab, mit welcher hohen künstlerischen Meisterschaft und mit welcher tiefen Reflexion hier der einzelne Künstler – wie man mit Recht sagen kann – an sich gearbeitet hat.“

Sabine Schicketanz und Sarah Kugler in Potsdamer Neuesten Nachrichten: „Dafür gibt es ein (freiwilliges) Stelldichein mit den anwesenden ausgestellten Künstlern und Steinmeier, im Museumscafé sollen sie ins Gespräch kommen können miteinander. Ronald Paris ist dort, auch Maler Hartwig Ebersbach. Für Paris ist klar, so hat er es Steinmeier aufgeschrieben: Es drohe wieder eine Abwertung der DDR-Kunst, besonders der Auftragskunst, der Bilder aus dem Palast der Republik. Diese seien keine ‚reinen Propagandabilder‘, wie es nun ‚inkompetente Polemiken‘ erneut behaupteten.

Abwertung, Aufwertung, der Grad bleibt schmal. Die Besucher, die am gestrigen Sonntag das Barberini besuchen, scheinen jedenfalls begeistert. Trotz Sturm und Regen, ist das Museum am Nachmittag gut gefüllt, im Erdgeschoss drängen sich die Menschen dicht. Die 22-jährige Christina Langhorst ist mit ihrer Mutter extra aus Braunschweig angereist. In erster Linie wegen des Hauses selbst, gibt sie zu, aber die Ausstellung gefällt ihr gut. Besonders ‚Tagebuch‘ von Thomas Ziegler habe es ihr angetan – eine Sammlung von 28 Selbstporträts des Malers in einem Bild.“

Harald Kretzschmar im nd: „87 Namen stehen für einen Ausschnitt aus einer Fülle zur Geltung gekommener Begabungen. Ölmalerei dominiert. Fotografisches und Konstruktives abstrahiert. Plastisches akzentuiert. Bronzen füllen den Mittelsaal der ersten Etage. Da können einem schon die Augen übergehen. Schlichtes Menschenmaß herrscht. Anrührendes Menschwerden wird spürbar. Die schon zahlreiche Besucherschar des ersten Öffnungstages war baff. Wie konnte man nur so viel variable Ausdruckskraft in jene Menschendarstellung investieren, die anderswo damals längst als unmodern abgehakt war?

Fragen über Fragen. Das Verwunderlichste: Reihenweise hängen da Bilder, die sowohl Selbstbewusstsein wie auch Zweifel ausdrücken. Dienst an der Kunst nach Vorschrift – so hieß es doch immer. Und nun dies? In welcher Bildecke taucht denn nun der gebietende Staat auf? Ach so, der bestand auf der Erkennbarkeit der Welt. Wieso dann aber diese Ausflüge ins Abstrakte, ins Nackte, ins Vertrackte? Kunstbonzen als Malerfürsten sind wohl doch eine Legende. Sparen wir uns ihre Namen. Es gibt genug andere.“

 

Thomas Ziegler: eine Wiederentdeckung

Schauen wir auf das Bild von Thomas Ziegler, das „Tagebuch“. Thomas Ziegler ist Jahrgang 1947, er starb überraschend vor drei Jahren am Silvestertag 2014. Bevor er sein Kunststudium in Leipzig aufnahm, hatte er in Jena sechs Semester Sozialpsychologie studiert. Man merkt seinen Bildern die psychologische Grundierung an.

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Das Tagebuch von Thomas Ziegler im Barberini (Foto: B.Settnik)

 

Es wird, so erfahren wir in den Potsdamer Neuesten Nachrichten, vom Publikum besonders intensiv betrachtet. Es ist das einzige Bild aus dem Kunstarchiv Beeskow, das es ins Barberini geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt es monoton: 28 Selbstporträts desselben Menschen. Ziegler aber ist Tübke-Schüler, seine Selbstporträts sind an den Arbeiten alter Meister ausgerichtet: feine Detailbeobachtung und Anwendung von Lasur. Er nennt es Mischtechnik auf Hartfaser oder Leinwand. Seinen Stil bis 1990 führt er selbstbewusst als Leipziger Schule an.

Ziegler, an dessen Namen ich mich zunächst nicht mehr erinnern konnte, hat hingegen ein Bild gemalt, das in der Perestroika-Periode in der DDR für einen Paukenschlag sorgte und damals in  aller Augen war: Vier Sowjetsoldaten von 1987.

Sowjetische Soldaten 1987

(Foto: Kunstarchiv Beeskow)

 

Das Bild war parteiseitig höchst umstritten. Thomas Ziegler hatte die vier Porträts in Eigeninitiative ausgeführt und sie dann an die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft verkauft. Prompt bekam er 1988 von der DSF entgegen der Staatsräson noch deren Kunstpreis. Auf der X., der letzten Kunstausstellung der DDR, gehörte das Bild zu den vieldiskutierten Werken. So differenziert hat eben Auftragskunst funktioniert. Die Soldaten gingen 1989/90 gemeinsam mit  anderen Werken auf eine Reise in die USA: „Twelve Artists from the GDR“ – es war die erste und letzte offizielle Kunstausstellung aus der DDR in den Vereinigten Staaten. Herbert Schirmer holte die Tafel dann nach Beeskow, was Ziegler sehr bedauert hat; er wollte seine Protagonisten in Freiheit sehen.

Thomas Ziegler blieb nach der Wende ein hochaktiver Künstler. Inspiriert von einem Nikaragua-Aufenthalt Ende der 1980er Jahre wandte er sich dem Surrealismus zu, beginnt mit Pleinair-Malerei, lässt sich von vielen Dingen anregen. Er malt und zeichnet Landschaftliches, in dem die Gegenständlichkeit aufgelöst wird, ohne in Abstraktion zu verfallen. Zuletzt wird die unmittelbare Wahrnehmung zu malen zur Obsession… Seine Frau Carmen Ziegler hat ein digitales Archiv aufgebaut, in dem Sie weitere Details seines umfangreichen und noch längst nicht abgeschlossenen Werkes nachverfolgen können.


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Thomas Ziegler, 2009

Ein einziges Werk im Barberini, das aus Beeskow stammt, hat für mich ein anspruchsvolles Künstlerleben erhellt. Bei der Eröffnung der 3. ZKR-Ausstellung „Blick Verschiebung“ fragte mich am Ende eines kontroversen Gespräches die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, Frau Kremeier, was ich mir denn für das ZKR Schloss Biesdorf an Ausstellungen wünschte. Ich antwortete, dies sei mit den Fördermittelgebern fest vereinbart: eine Galerie „Bilderstreit“ in einer Ost-West-Begegnungsstätte. Jetzt will ich konkretisieren: ich wünsche mir Ausstellungen mit Bildern von Thomas Ziegler und all den anderen bildenden Künstlerinnen und Künstlern, die in Beeskow, Frankfurt/O. und Cottbus lagern und heraus wollen aus ihren Magazinen, um uns ihre Geschichten zu erzählen – die wir sehen und hören wollen…

 

(Axel Matthies)


Türen türmen sich auf, aber auch Fragen

Zur Eröffnung der 3. Ausstellung im ZKR Schloss Biesdorf „Blick Verschiebung“

Am 20. Oktober wurde im Schloss Biesdorf die dritte Kunstausstellung des Zentrums für Kunst und öffentlichen Raum (ZKR) „Blick Verschiebung“ eröffnet; sie ist bis zum 8. April 2018 zu sehen. Das Thema „Blick Verschiebung“, so heißt es in dem Ausstellungsführer, beziehe sich auf „fotografische und filmische Erkundungen des Wandels von Landschaften und urbanen Strukturen, ebenso wie von Ökonomien und gesellschaftlichen Gefügen seit den späten 1980er-Jahren in Ostdeutschland“. 22 KünstlerInnen zeigen in ihren Arbeiten künstlerische Bildreflexionen von Veränderungen. Dabei würden die jüngeren Arbeiten den Status quo abbilden und den erlebten Wandel, während die älteren die sich andeutenden Umschwünge reflektierten.

Einladung ZKR Blick Verschiebung

Der hoffnungsvolle Besucher freut sich auf die neue Exposition. Ein erster Gang durch die Schau summiert jedoch recht schnell das Vorhersehbare nach den beiden vorangegangen Ausstellungen: es dominieren kollabierende Betriebe, triste Landschaften, verfallene Häuser. Es überwiegen Fotos in den Jahreszeiten Herbst und Winter in schwarz-weiß, viele Bilder sind weitgehend frei von Menschen – so als lägen Orte und Landschaften lange und unwiderruflich wüst. Es verdichtet sich beim Betrachter die Erfahrung, dass die DDR und Ostdeutschland als Folie für „das ökonomische Desaster“, eine „trostlose Dystopie“ oder ein „gescheitertes urbanes Konzept der Spätmoderne“ dienen, wie im Ausstellungsführer formuliert wird.

Neue Installation im Oktagon

Auch die Installation im Oktagon fehlt dieses Mal nicht: das RAUMLABORBERLIN zeigt NALEPASTRASSE –RAUMSTRUKTUR02 2017. Das ist eine Auftürmung von „Plattenbautüren“ aus dem Funkhauskomplex in der Berliner Nalepastrasse. Damit stünde die „Architekturskulptur für die andauernde Transformation Berlins“. Die Türen sind weiß gestrichen und heben sich somit wohltuend von den schwarzen LKW-Reifen Michael Sailstorfers im Herbst vergangenen Jahres ab. Ulrike Kremeier, die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, die gemeinsam mit Katja Aßmann vom ZKR Schloss Biesdorf die Ausstellung aus den Beständen ihres Museums kuratiert hat, bezeichnete die Installation als „skulpturalen Wert“.

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Kuratorin Katja Aßmann zwischen den Türen

 

Berührende Fotos aus der Heimat

Nichtsdestoweniger, ich gebe jetzt persönliche Eindrücke wider, kann man auch sehr berührende Fotos betrachten. Einige KünstlerInnen aus dem Osten, die diese Region als Heimat betrachten, nähern sich ihr nicht von außen, sondern als lange Zeit selbst erfahrene. Joachim Richau präsentiert Fotos von der Insel Kietz bei Küstrin, Alexander Janetzko „Streusand – ich komme aus“, das sind Bilder aus seiner Heimat in der Niederlausitz, Monika Lawrenz dokumentiert das Schicksal der Obstbaumalleen in der Prignitz nach  der Wende und Thomas Wolf hielt Industriegeschichte in Wittenberge fest. Altmeister Arno Fischer ist mit einer Serie über einen ehemaligen Sanatoriumskomplex in Hohenlychen vertreten.

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Fotos von Alexander Janetzko

 

Höhepunkt „Manhattan“

Von ganz besonderem Wert hingegen ist für mich die Fotodokumentation von Stephanie Steinkopf „Manhattan – Straße der Jugend 2012“. „Manhattan“, das sind zwei Neubaublocks am Rande von Letschin, einem durchaus bekannten Ort im Oderbruch nördlich von Küstrin.

Dort leben mehr als 20 Jahre nach der Wende diejenigen Letschiner, die den Systemwechsel nicht bewältigt haben, die übrig geblieben sind und ganz offensichtlich nicht mehr wegkommen. Stephanie Steinkopf, die in Letschin aufwuchs, ist zurückgekehrt und gewinnt das Vertrauen der Mieter. Es entstehen Bilder von Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch von Wärme und Kraft. Die Fotoserie erscheint zuerst 2014 im „Stern“ und macht dann Karriere. Die Fotografin erhält Preise und Anerkennung.

Frank Schirrmeister, ein Fotografenkollege von der Agentur Ostkreuz, beschreibt den Wert dieser Arbeit so: „..erinnert ihre Vorgehensweise, also die Tatsache, dass sie die Bewohner »Manhattans« über mehrere Jahre hinweg immer wieder besucht und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, den Betrachter sehr schnell an die ethnologische Methode der Feldforschung. Ohne die physische Präsenz in dem tristen Plattenbau am Rande Letschins über einen langen Zeitraum und ohne die Interaktion mit der sozialen Gruppe der Bewohner, ja mehr noch, ohne eine eigene Rolle in diesem Gefüge, wären ihr wohl kaum solch intensive Porträts gelungen, die von Nähe und unbedingtem Vertrauen der Porträtierten in die Fotografin zeugen. Der Verantwortung, die sich daraus ergibt, ist sich Steinkopf bewusst. Der große Erfolg von »Manhattan« – Ausstellungen, zahlreiche Preise, (Fernseh-) Interviews, Veröffentlichungen – sei häufig eine Gratwanderung, wie sie betont. Stets müsse man neu aushandeln, wie weit man gehen könne und wolle, um die Bewohner des Plattenbaus nicht bloßzustellen und einen Armutsporno daraus zu machen.

Manhattan–Straße der Jugend

Die Manhattan-Blöcke

 

Bis heute fährt sie regelmäßig nach Letschin, um sich des Einverständnisses der Leute zu versichern und ihnen auch mal abzuraten, Boulevardmedien Interviews zu geben oder bestimmte Fernsehsender und ihre Anfragen zu meiden.“

Stephanie Steinkopf ist der Star dieser Ausstellung. Sie hat die Ostkreuzschule besucht und ist Mitglied der großen Agentur Ostkreuz.

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Stephanie Steinkopf (Foto: Steinkopf)

 

Leider erfährt man diese große Geschichte in der Ausstellung nicht komplett. Man erfährt auch nicht, dass sich die beiden Manhattan-Blöcke in der Hand eines „Berliner Investors“ befinden, der plant, solvente Berliner Rentner in das Oderbruch zu locken.

Insgesamt empfehle ich Ihnen einen Besuch der Exposition. Machen Sie sich selbst ein Bild und entdecken Sie weitere Geschichten hinter den Fotos.

Generell bleibt eine wichtige Frage im Raum stehen: welche Klientel bedient das ZKR mit seinen Expositionen? Zur Vernissage waren nur sehr wenige Menschen aus dem Bezirk  Marzahn-Hellersdorf zu entdecken… Das Haus gehört unserem Bezirk. Und es besitzt einen eigenen genius loci.

 


Blick Verschiebung

21.10.2017 – 8.4.2018

Mittwoch – Montag: 10.00 – 18.00 Uhr

Dienstag geschlossen

Eintritt 5,00 €, erm. 2,50 €. Gruppenpreise erfragen. Montag generell 2,50 €.


P.S.

Im Juli, anläßlich des feierlichen Gedenkens des 50. Todestages von Otto Nagel, hatte Kulturstadträtin Juliane Witt versprochen, das das Gemälde „Wochenmarkt am Wedding“ einen festen Platz im Schloss Biesdorf finden wird. Sie hat Wort gehalten.

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(Axel Matthies)


Goldener Oktober im Schlosspark Biesdorf

 

Herbstsonne im Schlosspark

Herbstsonne im Schlosspark

 

Wiese im Herbstlicht

Wiese im Herbstlicht

 

Parasol

Parasol

 

Eiskeller blätterbefallen

Eiskeller blätterbefallen

 

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Goldgerahmtes Schloss

 

Die Sinnende im Herbstlicht

Die Sinnende im Herbstlicht

 

 

(Fotos: Axel Matthies)

 

 


Kunstarchiv Beeskow macht sich selbständig

 

Trotz des finanziellen Rückzugs der Länder Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bleibt das Archiv zur DDR-Kunst auf Burg Beeskow erhalten. Der Landkreis Oder-Spree und das Land Brandenburg wollen die Sammlung weiterhin unterstützen. „Die Generalinventarisierung der Exponate soll bis April 2019 abgeschlossen sein, danach werden wir weitersehen und auch über Finanzierungen sprechen“, sagte Reiner Walleser, Abteilungsleiter im Potsdamer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur am 3. August 2017. Der Landkreis habe sein Interesse signalisiert, das Kunstarchiv zu übernehmen.

Herbert Schirmer, Vorsitzender des Fördervereins Burg Beeskow e.V. kommentierte: „Mir und dem Kuratorium erscheint wichtig, dass diese Kunst immer im Einklang mit einer Dokumentation gezeigt wird, gerade auch für jüngere Besucher“. Schirmer hatte die Kunstwerke nach dem Ende der DDR in Beeskow zusammengeführt, um sie für die Zukunft zu erhalten. Das Kunstarchiv befindet sich im Speicher an der Burg. Dieser soll in den kommenden Monaten saniert werden. Die Sammlung kommt dann im Gebäude des Kreisarchivs Beeskow unter, das im September nach Fürstenwalde zieht.

Neue Direktorin der Burg Beeskow ist seit dem 2. Januar dieses Jahres Florentine Nadolni. Die 35-Jährige leitet  nicht nur die Burg als Veranstaltungs- und Ausstellungszentrum, sondern auch das Kunstarchiv Beeskow sowie das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt.

Florentine Nadolni

Florentine Nadolni

 

Diese drei Einrichtungen werden gemeinsam als Bildungs-, Kultur- und Ausstellungszentrum in Regie des Landkreises Oder-Spree geführt. Florentine Nadolni hat an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) studiert. In ihrer Master-Arbeit untersuchte sie die „Städtische Identität im ostdeutschen Schrumpfungskontext“ und recherchierte in Eisenhüttenstadt, der ersten Planstadt der DDR, die nach der Wende massiv unter dem Wegzug ihrer Bevölkerung litt. Die gebürtige Berlin-Pankowerin hat ein sachliches und respektvolles Verhältnis zur DDR-Alltagskultur: „Man kann sich auch am Anblick von bestimmten, in typisierter Bauweise errichteten Plattenbauten wie etwa Schwimmhallen oder Schulgebäuden aus der DDR erfreuen“, sagt Nadolni, „und traurig sein, wenn sie abgerissen werden.“


Die Rückkehr Otto Nagels in den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt Berlin

 

Es war ein historischer Abend im Schloss Biesdorf: der 12. Juli 2017 wird als die Rückkehr des großen Malers Otto Nagel, des Berliner Ehrenbürgers, in den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt Berlin gelten. Mehr als 100 Bürgerinnen und Bürger waren zu der festlichen Veranstaltung anlässlich des 50. Todestages des Malers in das Schloss Biesdorf gekommen. Eingeladen hatten dazu das Kulturamt des Bezirkes und der Gastgeber Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum Schloss Biesdorf.

Kulturstadträtin Juliane Witt war bei ihrer Begrüßung sehr angetan von der großen Resonanz. Sie erinnerte an die letzte öffentliche Ausstellung von Werken Otto Nagels im Schloss Biesdorf vor fünf Jahren. Sie hatte damals gemeinsam mit dem Archivleiter der Akademie der Künste Wolfgang Trautwein versprochen, dass Otto Nagel nach Biesdorf zurückkehren werde. Nun hatte sie das Bild „Wochenmarkt am Wedding“ aus dem Jahre 1926, das als Leihgabe in der Mark-Twain-Hauptbibliothek hängt, mitgebracht und erklärt, es werde im Oktober hier einen festen Platz erhalten; weitere Werke sollen folgen.

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Otto Nagels „Wochenmarkt am Wedding“

 

Schlossdirektorin Katja Aßmann war offensichtlich beeindruckt von dem Andrang. Ihr Team hatte es indes geschafft, jedem der gekommenen Besucher eine Sitzgelegenheit bereit zu stellen. Sie freue sich riesig, diesen wichtigen regionalen Künstler hier präsentieren zu können und kündigte Wolfgang Brauer als Redner des festlichen Abends an. Brauer, langjähriges Mitglied des Abgeordnetenhauses und Vorsitzender des Heimatvereins,  konzentrierte sich dabei auf die Biesdorfer Jahre. Wir dokumentieren seinen Vortrag ausführlich.

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Wolfgang Brauer sprach vor vollbesetztem Saal

 

Otto Nagel wäre in der Biesdorfer Zeit weniger Künstler denn Kulturpolitiker gewesen. In einer Übersicht listete Wolfgang Brauer Nagels Werkverzeichnis auf: Insgesamt sind 651 Werke als erhalten dokumentiert. Dabei entstanden nur 65 nach 1945, lediglich 34 größere Arbeiten, darunter vier Ölbilder direkt in der Biesdorfer Zeit. Etwa 1500 Arbeiten sind dem Krieg, insbesondere den Bomben, zum Opfer gefallen; zusätzlich 400 Werke wurden von den Nazis konfisziert oder zerstört.

In der Biesdorfer Zeit mehr Kulturpolitiker als Künstler

Der Redner konzentrierte sich dann auf die ideologischen, insbesondere kulturpolitischen und ästhetischen Debatten in der frühen DDR. Diese wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht mitbestimmt. In der Formalismusdebatte hatte zum Auftakt der sowjetische Kulturoffizier Alexander Dymschitz die Kunst von Pablo Picasso, Marc Chagall, Karl Schmidt-Rottluff und Karl Hofer als „Mummenschanz“ und „Wirklichkeitsfälschung“ diskreditiert. Sogar Arno Mohr wurde als Formalist abgestempelt. Diese sogenannte Debatte hatte einzig ein Ziel, das Otto Grotewohl so formulierte: „Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen.“ Auch Otto Nagel, der eigentlich als Repräsentant der proletarisch-revolutionären Kunst galt, unterlag dem Formalismus-Verdikt, indem er auf den „Klassiker des Wedding“ reduziert wurde. Nagel litt in dieser Zeit, in der er sich in einer Debatte mit Walter Ulbricht den Satz anhören musste: „Es hat auch vor Hitler Entartete gegeben“. Von Nagel waren in der Nazizeit 27 Gemälde im öffentlichen Besitz als „entartet“ beschlagnahmt worden.

Otto Nagel konzentrierte sich ab 1950 auf seine Arbeit für die Akademie der Künste. Er initiierte große Einzelausstellungen von Otto Dix, Frans Masereel, Heinrich Zille, Georg Hendrik Breitner und Otto Pankok. Auch diese Maler passten nicht in die Bildvorstellungen der SED-Kunststrategen. Nagel versuchte stets, „Verstimmungen“, die westdeutsche Künstler bei Ausstellungen in der DDR erlitten, in den Folgejahren immer wieder die Spitze zu nehmen und den künstlerischen (und menschlichen) Austausch über die deutsch-deutsche Grenze nicht abreißen zu lassen. So wurde am 10. März 1956 die viel beachtete Akademie-Ausstellung „Der grafische Zyklus. Von Max Klinger bis zur Gegenwart“ eröffnet.

Otto Nagel wurde am 12. April 1956 zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt. Man setzte dabei auf den „Genossen Professor Otto Nagel“. Er selbst agierte eher als Diplomat. Nachdrücklich förderte er die Aufnahme ausländischer Künstler als „korrespondierende Mitglieder“ (anderes ließ das Statut nicht zu). In seiner Präsidentenzeit wurden 47 neue Mitglieder aufgenommen, dazu kamen 26 „korrespondierende“. Unter den Neuaufgenommenen waren 1956 Otto Pankok und Diego Rivera, 1957 Otto Dix (auf Vermittlung Josef Hegenbarths, der selbst offenbar mit Billigung Nagels Mitglied der Westberliner „Konkurrenzakademie“ wurde), 1958 Frans Masereel, 1960 Paul Robeson und Igor Oistrach.

Intensiv bemühte sich Nagel um seine Meisterschüler. Harald Metzkes, Ronald Paris und Rolf Schubert wurden von ihm betreut. Ganz reibungslos lief dies angesichts des äußerst unterschiedlichen Erfahrungshorizontes von Schülern und Lehrer offenbar nicht ab. Nagel attestierte z. B. Ronald Paris „… ohne Zweifel eine Begabung … Er hat eine Vorliebe, junge Mädchen zu zeichnen, wobei die Gefahr besteht, dass er seine Begabung verschenkt. … wenig, aber dafür ausgeführte Arbeiten wären mehr als die unzähligen inhaltslosen Ölstudien, die er in der letzten Zeit geschaffen hat.“ Paris spricht noch heute voller Hochachtung von seinem Lehrer.

Harald Metzkes, Der glühende Ofen. 1967

Harald Metzkes, Der glühende Ofen. 1967 (Bild: Galerie Leo.Coppi)

Ronald Paris, Regenbogen über dem Marx-Engels-Platz. 1962

Ronald Paris, Regenbogen über dem Marx-Engels-Platz. 1962

 

Enge Kontakte zur West-Berliner Akademie und westdeutschen Künstlern

Ein besonderes Thema waren Nagels Bemühungen um einen engen Kontakt zur 1954 gegründeten Westberliner Akademie der Künste, deren Präsident ab 1955 der Architekt Hans Scharoun war. 1956 stand man in Kontakt, um gemeinsam die Restaurierung der Quadriga Gottfried Schadows für das Brandenburger Tor in die Wege zu leiten. Nagel beförderte die einzige gemeinsame Veröffentlichung beider Akademien, die Schrift Cornelia Schröders „Carl Friedrich Zelter und die Akademie“ (1959). Auf Bitten Max Tauts, der Mitglied der Westberliner Akademie war, wandte sich Nagel im März 1960, bekanntermaßen erfolglos, an den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und den Kulturminister Alexander Abusch, um den Abriss der erst 1956 für drei Millionen DM wiederhergestellten Bauakademie Schinkels in Berlin-Mitte zu verhindern. Nagel kämpfte auch für den Erhalt des Potsdamer Stadtschlosses.

Der kulturpolitische Kurs Otto Nagels – ähnliche Gründe führten fast zeitgleich zum Rauswurf des „Sinn-und-Form“-Chefredakteurs Peter Huchel – dürfte den Hardlinern Alfred Kurella und Alexander Abusch schon länger ein Dorn im Auge gewesen sein. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die 1961er Akademie-Ausstellung „Junge Künstler“. Wie damals üblich wurde von den Kulturfunktionären die Dekadenz-Keule geschwungen. Nagel musste schriftlich Stellung nehmen. Am 8. Februar 1962 wurde Otto Nagel von Abusch zum „Vieraugengespräch“ vorgeladen. Abusch erstattete Kurella über den Verlauf in einem Brief vom 22. Februar 1962 Rapport. Nach allgemeinem Palaver kam Abusch offenbar zügig „zur Sache“. Er legte Nagel „die ideolog. Gründe dafür dar, dass ein neuer Präsident der Akademie gewählt werden muss.“ Offenbar wurden ihm der Rauswurf und ein damit verbundenes Berufsverbot angedroht: „Ich habe ihm gesagt, dass er in Ehren ausscheiden soll, damit er seine Tätigkeit als Künstler … fortsetzen kann. Im Verlaufe des Gespräches überzeugte sich Genosse Nagel, dass dieser Weg der richtige ist und er sein Amt diszipliniert bis zur Neuwahl weiterführen soll.“ Otto Nagel gehorchte, zum Widerstand sah er sich nicht mehr in der Lage.

Letzte Werke

1963 malte Nagel in Biesdorf aber noch einmal ein großes Selbstbildnis, „Der alte Maler“, das heute den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gehört. Das Selbstbildnis zeigt einen müden, in seiner Schaffenskraft fast erloschenen Mann. Voller Trauer beschreibt es sehr genau die psychische Verfassung des Künstlers.

Otto Nagel, Der alte Maler. 1963

Otto Nagel, Der alte Maler

 

Zwei Jahre später entstand im Biesdorfer Atelier noch ein Porträt der inzwischen erwachsenen Tochter Sibylle. Sibylle Nagel war es, die ihrem Vater bei einem letzten künstlerischen Aufbäumen Hilfestellung leistete. Wally Nagel berichtete darüber im Vorwort des Buches „Berliner Bilder“: „Kurz bevor Otto Nagel uns für immer verlassen hat, bat er unsere Tochter Sibylle, ihn nach Alt-Berlin zu bringen, wo er schon lange nicht mehr gewesen war. Sie packte – so wie ich es früher getan hatte – seine Pastellstifte, ein Malstühlchen und Pappen ein und brachte ihn dorthin. Lange ging er, um etwas zu finden, was noch festgehalten zu werden lohnte. Er ahnte ganz sicher, dass er diesmal für immer Abschied nahm von Alt-Berlin. Dann aber, heiter wie früher und nicht ein bisschen müde, schaffte er in sechs Tagen fünf Pastelle – ‚Abschied vom Fischerkietz‘. Noch nie waren seine Pastelle so stark, so farbig, so lebendig schön! … Er war froh, daß er sie noch gemalt hatte, die alte Stadt am Ende …“

Otto Nagel, Abschied vom Fischerkietz IV. Pastell, 1965

Otto Nagel, Abschied vom Fischerkietz IV. Pastell, 1965

 

Ein wahrer Mensch und großartiger Maler

Otto Nagel, so resümierte Wolfgang Brauer, gehöre mit Hans Baluschek, Heinrich Zille und Käthe Kollwitz – für die beiden Letzteren verfasste er am Biesdorfer Schreibtisch lesenswerte Biografien – in die Reihe der großen Berliner Künstler des 20. Jahrhunderts. Dieser wahre Mensch und großartige Maler darf nicht dem Vergessen anheimfallen. So beendete Wolfgang Brauer seinen großen Vortrag, auf den ein langer und warmer Beifall folgte.

Dokumentarfilm über Walli Nagel

Es folgte der Film über Walli Nagel, den der Regisseur  Mathias J. Blochwitz vorstellte. Er dankte zunächst dem Deutschen Rundfunkarchiv für die Digitalisierung des 35mm-Filmes. Mit dem Calauer: „Was ist sozialistischer Realismus? Der ist wie das Leben – nur schöner!“, führte er in den Dokumentarfilm ein.

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Filmstart „… als ob es gestern wär'“

 

… als ob es gestern wär‘. Walli Nagel betrachtet ihr Leben“  von Wolfgang Dietzel ist eine Hommage an die langjährige Ehefrau des Malers. Von 1925 bis 1967 war sie an Nagels Seite. Nagel hatte sie in Leningrad kennen gelernt, wo er die 1. Allgemeine Deutsche Kunstausstellung in Moskau, Saratow und Leningrad (St. Petersburg) im Auftrag der Internationalen Arbeiterhilfe begleitete. Aus der Schauspielerin Walentina Nikitina wurde schnell Walli Nagel. Wallis großes Verdienst bestehe darin, so Mathias J. Blochwitz, dass sie über das sowjetische Außenministerium mit dem deutschen Ribbentrop-(Außen-)Ministerium eine Entlassung Otto Nagels aus dem KZ Sachsenhausen erreichen konnte, wohin er 1937 eingeliefert worden war. Walli wollte eigentlich mit ihrem Mann das nazistische Deutschland verlassen, was Nagel strikt ablehnte. So war diese Hilfe für den Maler überlebenswichtig. Sie lebte bis zu ihrem Tode 1983 in Deutschland, aber ihre russische Seele blieb immer. „Er war mein Mann und ich liebte ihn“. Diese zentrale Botschaft vollendete den Film, der wiederum langen und warmherzigen Beifall erhielt.

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Walli Nagel im Film

 

Wolfgang Brauer erinnerte abschließend daran, dass das Otto-Nagel-Haus auf der Fischerinsel 1994 schließen musste, die kommunale Otto-Nagel-Galerie in der Weddinger Seestraße 49 im Jahre 2007. Der Berliner Alt-Bezirk Wedding hatte 1984 einen Otto-Nagel-Preis gestiftet, der allerdings nur ein Mal vergeben wurde. Nun also, am 50. Todestag, kehrt der große Künstler in die Öffentlichkeit seiner Heimatstadt zurück. Es ist nicht der Wedding, es ist Marzahn-Hellersdorf. Otto Nagel gehört hierher.

4 Akteure

4 wichtige Akteure des Abends: Mathias J. Blochwitz, Juliane Witt, Katja Aßmann, Wolfgang Brauer (v.l.)

 

(Axel Matthies)

 


Otto Nagel – ein Berliner Maler und mehr

von Klaus Hammer

 

Von 1952 bis zu seinem Tod 1967 lebte er im Berliner Stadtteil Biesdorf, in der heutigen Otto-Nagel-Straße. Die Ehrenbürgerschaft, die ihm der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung von Ostberlin posthum verliehen, wurde nach der Vereinigung übernommen. Vor sechs Jahren hat in Zusammenarbeit mit dem Otto Nagel Archiv das Käthe-Kollwitz-Museum Berlin dem mit dessen Namenspatronin befreundeten Malerkollegen eine schöne Werkauswahl seiner Berliner Bilder von den Endzwanziger- bis in die Endvierzigerjahre gewidmet. Die kleine Gemälde-Schau aus dem Bestand der Kunstsammlung der Akademie der Künste wurde 2012 noch im Schloss Biesdorf gezeigt und ist die letzte Personalausstellung des Berliner Künstlers geblieben. Zu seinem 50. Todestag wird es keine geben.

Das alte, heimliche, dem Untergang geweihte Berlin

1934 war dem in den Mietskasernen des Wedding aufgewachsenen Arbeitermaler – er war Autodidakt, ihm wiesen Heinrich Zille und Käthe Kollwitz seine Richtung – von den Nationalsozialisten das Verbot erteilt worden, weiterhin im Atelier zu malen. Daraufhin zog er mit seinem Pastellkasten auf die Straße und erklärte Berlin zu seinem „Freilichtatelier“. Ihn interessierte nicht das repräsentative Berlin, der Kurfürstendamm oder Unter den Linden und das Brandenburger Tor, sondern das alte, heimliche, dem Untergang geweihte Berlin, die stillen Ecken und Winkel, die Hinterhöfe und Grachten, Kneipen, Parkbänke und Buddelkästen. Otto Nagel arbeitete mitunter im Wettlauf mit den Bombenangriffen, denn Tage oder auch nur Stunden später waren nur noch Ruinen übrig. Mitten in der Zeit der Zerstörung diente sein Werk der Erhaltung: Das Bedrohte und Vernichtete durfte nicht gänzlich verloren gehen. Das zerstörte Alt-Berlin sollte in seinen Bildern gerettet, unverlierbar gemacht werden. Mit dem Berlin der Sperlingsgasse, des Mühlendamms, der Friedrichsgracht, der Schornsteinfegergasse, durch den Krieg oder die Abrissbirne dem Erdboden gleich gemacht, hat er einzigartige Dokumente von künstlerischem wie kulturgeschichtlichem Wert geschaffen.

Otto Nagel, Friedrichsgracht. 1942

Otto Nagel, Friedrichsgracht. 1942

 

Trotz protokollarischer Schärfe entdeckte Nagel in seiner „sozialen Topografie“ Berlins verborgene Schönheiten, leise, diskrete Bildelemente. Die Farbe ist weder rauschhaft noch explosiv, sondern unauffällig, auf einen gemischten Grundton abgestimmt – adäquat dem bedrückenden Alltag: ein dumpfes Grau und düsteres Umbra, ein getrübtes Ocker, fahles Englischrot oder verwischtes Grün, ein gedämpftes Pariserblau. Und zugleich mit einem leisen Anflug von Wehmut und Resignation …

Der wohl bedeutendste proletarische Maler im 20. Jahrhundert

Aber Otto Nagel war nicht nur der Maler Berlins – er war viel mehr. Er ist der wohl bedeutendste proletarische Maler im 20. Jahrhundert. Seit den 1920er Jahren stand er für soziales Engagement, und er suchte Gestalt und Psyche des Menschen realistisch vielschichtig zu deuten. Bei ihm trat der Arbeiter nicht als amorphe Masse, sondern als individuell geformte Persönlichkeit hervor, in der sich zugleich ein Massenschicksal spiegelte. Im Arbeiterbildnis gelang es ihm, Elemente neuer geistiger Beziehungen zur sozialen Umwelt erlebbar zu machen. Mit wissenden Augen schaut „Lotte mit Puppe“ (1921) – es ist Nagels Tochter – den Betrachter an. Dieses proletarische Kind hat Spielen nicht gelernt, wie einen Fremdkörper hält es die Puppe in der Hand. „Parkbank am Wedding“ (1927) ist das einzig erhaltene Gemälde aus dem Bilderzyklus „Aus dem Leben eines Großstadtmenschen“: Fast alle Farben sind mit einem stumpfen Grau gebrochen, aus der bedrückenden, bleiernen Umgebung heben sich die bleichen Gesichter der alten Menschen ab, die dasitzen – jeder allein mit seinem Elend, in seiner Verlorenheit und doch durch das gleiche Schicksal miteinander verbunden.

1927 Parkbank vor dem Altersheim - Öl SPK-MG

Otto Nagel, Parkbank vor dem Altenheim

 

Das Sammelbild „Weddingkneipe“ (1927) vereint neun Einzelporträts, acht Gäste einer Budike am Wedding, gruppiert um den Wirt. Es ähnelt einem Altarbild: Die von einem harten Leben geprägten oder zermürbten Menschen sind wie heilige Märtyrer dargestellt. In düsteren erdigen Farben ist dann wieder „Frühschicht“ (1930) gemalt und vermittelt eine Atmosphäre der Bedrückung und Hoffnungslosigkeit. „Jungkommunist“ (1930/31), ein Einzelporträt aus der „Weddinger Familie“, demonstriert kämpferische Entschlossenheit; der Dargestellte ist ein Arbeiter-Typus, psychologisch und soziologisch verortet, und deutet zugleich einen gesellschaftlichen Hintergrund von politischer Aktualität an. 1934 schließlich entstand das würdevolle Bildnis des Waldarbeiters Scharf, in das alle bisher gesammelten Erfahrungen des Nagelschen Porträtschaffens eingeflossen zu sein scheinen. In die feiertägliche Ausnahmesituation des 70. Geburtstages ist das ganze zurückliegende Leben des Waldarbeiters mit einbezogen.

Zille, 1935 Der 70 Geburtstag des Waldarbeiters Scharf - Öl SPK NG

Otto Nagel, Der 70. Geburtstag des Waldarbeiters Scharf

 

Anreger für jüngere Künstler

Nach 1945 gehörte Otto Nagel zu jener alten Realisten-Generation, die, geschult an der Malerei Max Liebermanns, im Osten Deutschlands in der Entdeckung der neuen Wirklichkeit zu Anregern für jüngere Künstler wurden. Er übte schon durch seine Tätigkeit an der Akademie der Künste beträchtlichen Einfluss aus. Seine Meisterschüler waren Horst Bartsch, Dietrich Kaufmann, Harald Metzkes, Ronald Paris, Rolf Schubert, die dann ihre eigenen Wege gehen sollten. Denn Ende der 50er Jahre trat schon eine zweite Generation hervor, die sich kräftig und unübersehbar zu Wort meldete und die zu einer Erneuerung der Kunst beigetragen hat. Mit seinen Porträts, darunter seinen Selbstporträts von 1949 und 1963, den Trümmerfrauen-Blättern von 1947, den Berlin-Arbeiten von 1 954 und den Fischerkiez-Pastellen von 1965 hat aber Nagel selbst Höhepunkte in der realistischen Nachkriegskunst geschaffen. Mit seinen Selbstporträts, in denen er seine Kunst kontinuierlich weiter entwickelte, kann er sich überdies in die Reihe großer Meister des 20. Jahrhunderts wie Max Beckmann, Lovis Corinth, Otto Dix, Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker einordnen. Schon im ersten Selbstbildnis mit Hut (1919), die Proletarierwohnung im Hintergrund, erreicht er mit seiner lapidaren Formensprache eine Tiefe des Ausdrucks. Hier tritt der Arbeiter – mit fragend-forderndem Blick – als Individuum und Künstler erstmals in die Malerei ein.

Otto Nagel, Selbstbildnis

Otto Nagel, Selbstbildnis mit Hut

 

Das Selbstporträt von 1934 ist ein leidenschaftlicher Protest: Der Künstler setzt sich über das von den Nazis verhängte Malverbot hinweg; trotz Haussuchungen und Inhaftierungen erscheint hier das Malen – er hat das Malwerkzeug neben sich – wie ein Akt innerer Befreiung. Sein „Selbstbildnis“ (1949) – mit konzentriertem, kritisch prüfendem Blick sitzt der Maler, die Palette in der einen, den Pinsel in der anderen, erhobenen Hand, vor der unsichtbaren Staffelei – spiegelt eine andere Art von Befreiung wider – die, endlich wieder frei malen zu dürfen. Hingabe, Selbstprüfung, Zweifel, Selbstbestätigung und erneuter Zweifel kommen hier zusammen. „Der alte Maler“ (1963) hat er dann das letzte Selbstporträt genannt, verloren blickt der Maler an seinem noch unfertigen Bild vorbei ins Unbestimmte, weise Gelassenheit und leise Müdigkeit des Alters liegen über seinem Antlitz.

Otto Nagel, Der alte Maler. 1963

Otto Nagel, Der alte Maler

 

Am 12. Juli ist Otto Nagels 50. Todestag. Er verkörpert die ungewöhnliche Symbiose eines engagierten proletarischen Malers und eines Klassikers des Realismus.

 

Publikation mit freundlicher Genehmigung von „Das Blättchen“ – http://das-blaettchen.de/

Zwischenüberschriften und Bilder in der Verantwortung unseres Vereins


Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst gegründet

 

Brandenburg besitzt seit dem 1. Juli 2017 ein Landesmuseum für moderne Kunst. Dazu wurden das bisherige Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und das Museum Junge Kunst in Frankfurt an der Oder mit ihren mehr als 35.000 Werken überwiegend ostdeutscher Kunst, vor allem aus der DDR, zu einer Einrichtung zusammengeschlossen. Die neue Direktorin Ulrike Kremeier erklärte dazu: „Dieser Bestand ist eine einzigartige Ressource, die es uns ermöglicht, stärkere Wahrnehmungen und kunsthistorische Einordnungen für Positionen, Formen und Themen von Kunst aus Ostdeutschland und ihre Traditionslinien seit den 1950er Jahren zu erarbeiten. Indem wir die Sammlung immer wieder in unterschiedliche thematische oder zeitliche Zusammenhänge bringen, haben wir die Möglichkeit ihre Rezeption zu intensivieren.“

Ulrike Kremeier

Ulrike Kremeier

 

Das Museum Junge Kunst in Frankfurt an der Oder wurde 1965, das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus 1977 als Galerie für Gegenwartskunst in der DDR gegründet. Das Cottbuser Museum wurde 1984 Staatliche Kunstsammlungen Cottbus, 1991 in Brandenburgische Kunstsammlungen Cottbus und 2006 mit neuem Standort in Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus umbenannt.

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dkw Cottbus

 

Zugleich erhöht die Landesregierung ihre bisherige Finanzierung der beiden Museumsstandorte ab dem kommenden Jahr um rund 450.000 Euro auf künftig 1,3 Millionen Euro jährlich für die neue gemeinsame Einrichtung. Dies ist auch vor dem Hintergrund der geplanten Kreisgebietsreform ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der beiden Oberzentren.

„Mit der Fusion wird die kunstwissenschaftliche und museumspädagogische Arbeit gestärkt“, betonte Ulrike Kremeier. „Dies ist dringend notwendig, weil auch mehr als 25 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch ein komisches Bild von der ostdeutschen Kunst existiert“, sagte sie. Diese werden immer noch zu sehr mit der westdeutschen Brille unter dem Aspekt der staatlich verordneten sozialistischen Kunst betrachtet. Zum Barberini-Museum des Mäzens Hasso Plattner in Potsdam mit seiner DDR-Sammlung bestünden gute Beziehungen, sagte Kremeier. Die Sammlung könne jedoch mit dem neuen Landesmuseum und seinen umfangreichen Beständen „überhaupt nicht mithalten“.

Museum Junge Kunst   Museum Junge Kunst innen

Museum Junge Kunst Frankfurt/O.

 

Über die Zukunft des Kunstarchivs Beeskow mit seinen rund 23.000 Werken von DDR-Auftragskunst soll erst nach Abschluss der bis April 2019 laufenden Bestandsaufnahme entschieden werden. Träger des Kunstarchivs sind die Länder Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.


„Die Sinnende“ – über Ingeborg Hunzinger und ihre Kunst

 

Der April-Vortrag 2017 war dem Leben und Schaffen der großen deutschen Bildhauerin Ingeborg Hunzinger gewidmet. Vortragende war Claudia Maria Franck, eine Enkelin der Künstlerin. So war, das sollte sich schnell erweisen, auch eine persönliche und vor allem mit vielen lebendigen Dokumenten gespeiste Erzählung verbürgt. Es war übrigens der erste originäre Vortrag über diese Künstlerin, obwohl wir schon einiges über Ingeborg Hunzinger berichtet hatten.

Frau Franck stellte eine erstaunlich facettenreiche Biografie vor, die sich in 4 Blöcke ordnen ließe:

Ausbildung und künstlerische Selbstfindung, erste Lebenserfahrungen in den faschistischen Systemen Italiens und Deutschlands

Entscheidung für die DDR, Kunst im Sozialismus

Zwischenbilanz und Neuorientierung

Das Spätwerk

 

 

Ausbildung und künstlerische Selbstfindung, erste Lebenserfahrungen in den faschistischen Systemen Italiens und Deutschlands

Ingeborg Franck, geboren 1915, wuchs in einem großbürgerlichen und künstlerisch orientierten Hause auf. Ihr Großvater war der Maler Philipp Franck – Impressionist, Sezessionist und Liebermann-Freund; ein Maler auf Augenhöhe mit Walter Leistikow, Lovis Corinth und Max Slevogt, dessen Bedeutung für die Berliner Kunstgeschichte auch erst in den letzten Jahren festgestellt wurde.

Der Wannsee, 1914, Öl auf Leinwand, 125 x 125 cm

Philipp Franck, Der Wannsee. 1914

 

Ihr Vater Hans-Heinrich Franck war Chemiker, die Familie lebte in Westend. Kurz vor dem Abitur vom Gymnasium relegiert, begann Ingeborg eine Ausbildung an der Kunstakademie Berlin-Charlottenburg, die sie nach zwei Jahren wegen ihrer politischen Überzeugung, aber auch wegen der jüdischen Herkunft ihrer Mutter, abbrechen musste. Sie wechselte nach Franken, wo sie ihre Lehre als Steinmetz-Gesellin abschloss. Von 1938 an arbeitete sie ein Jahr im „Atelierhaus in der Klosterstraße“, das der damals wohlbekannte Bildhauer Ludwig Kasper führte. Zu den Künstlern, die sie dort kennen lernte, gehörte unter anderen Käthe Kollwitz. Da sie Jüdin war, siedelte sie 1939, bedrängt von den Nazis, nach Italien um. Dort traf sie auf den Hallenser Maler Helmut Ruhmer, mit dem sie einen gemeinsamen Lebensabschnitt begann. Oberitalien, insbesondere Florenz, brachte für Ingeborg Franck eine künstlerische Erweckung: sie sah viele Arbeiten von Michelangelo und nahm sie für sich als künstlerisches Vorbild an.

'David'_by_Michelangelo

Michelangelo, David

 

Mit Ruhmer geht sie anschließend nach Sizilien, um dort zu arbeiten und zu leben. Sie liebte es, schnelle Aquarelle anzufertigen.

Hunzinger, Sizilien II

Sizilien II

 

Aber 1943 kehren sie zurück nach Berlin: Ruhmer muss in Deutschland für die Wehrmacht bereit stehen, andererseits war die Situation in Sizilien nicht übermäßig ertragreich. Ingeborgs Vater ist über die Rückkehr nicht erfreut: er muss seine jüdische Frau vor den Nazis schützen, nun kommt seine jüdische, inzwischen schwangere Tochter, noch hinzu. Ruhmer und Ingeborg ziehen in den Schwarzwald, konkreter gesagt den Hotzenwald, den südlichsten Zipfel des Schwarzwaldes; eigentlich: an das Ende der Welt. Dort werden 1943 und 1944 die gemeinsamen Kinder Anna-Katharina und Gottlieb geboren. Zum Kriegsende wird Helmut Ruhmer noch in die Wehrmacht eingezogen; er fällt nach zwei Wochen an der Ostfront. Es entsteht eine unfassbare Situation für Ingeborg Franck. Sie hat die Liebe ihres Lebens verloren, konnte wegen der faschistischen Rassegesetze nicht heiraten und lebt nun fernab der Familie mit zwei Kleinkindern.

Entscheidung für die DDR, Kunst im Sozialismus

Dennoch bleibt sie zunächst dort. Sie engagiert sich nun politisch und wiederbelebt die KPD in der Bodensee-Region. Die Partei beauftragt sie, in Baden politisch aktiv zu sein. Geld verdient sie mit Töpfern. In der politischen Arbeit lernt sie Adolf Hunzinger kennen, einen ehemaligen Spanien-Kämpfer. 1949 gehen beide nach Ost-Berlin. Ingeborg, inzwischen 35 Jahre alt, widmet sich wieder der künstlerischen Arbeit. Sie wird Assistentin bei Drake und dann Meisterschülerin bei Cremer und Seitz. Ein Beispiel der Werke aus den 1950er Jahren steht in Friedrichshagen im Müggelpark direkt am Müggelsee: Vater mit Kind auf den Schultern.

Hunzinger, Mann mit Kind auf der Schulter

Vater mit Kind auf den Schultern, 1958

 

Diese und die anderen Plastiken im Müggelpark waren und sind bei der Bevölkerung beliebt: es war völlig unideologische Kunst, die sich dem Zusammenleben junger Familien widmete. Und es war eine Problematik, die Ingeborg Hunzinger (verheiratet seit 1955) aus  eigener Erfahrung kannte.

In den 1960er Jahren verdiente sie den Unterhalt für die Familie durch Werkverträge mit Betrieben und Kommunen. Es entstanden Arbeiten für die Leuna-Werke, das Funkwerk Köpenick, das Fotochemische Werk und andere Einrichtungen in Berlin und Bezirken der DDR. Ein Werk für das Fotochemische Werk trägt den versprechenden Namen „Mensch und Strahlung“.

Mensch und Strahlung. Bronze, 1969

Mensch und Strahlung, 1969

 

Der Spätsommer 1968 beginnt für Ingeborg Hunzinger, das hebt Enkelin Claudia Maria Franck hervor, mit einer einschneidenden Veränderung  in ihrem Leben: die jüngste Tochter beteiligt sich an Protesten gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die CSSR. Gerade in die 12. Klasse versetzt, wird sie von der Erweiterten Oberschule relegiert – die Mutter muss sich dafür verantworten.

Drei Jahre lang wird Ingeborg Hunzinger auf Aufträge und Verträge verzichten, sie muss sich ihren Lebensunterhalt privat verdienen. Dazu kommt eine Parteistrafe. Bald darauf verlässt die jüngste Tochter die DDR. 1968 heiratet sie noch ein Mal (von Adolf Hunzinger hatte sie sich bereits getrennt), aber ihr Mann, der um einige Jahre jüngere Bildhauer Robert Riehl, den sie schon aus Meisterschülerzeiten kannte, stirbt bereits 1976.

Zwischenbilanz und Neuorientierung

Die 1970er Jahre sind also ein Umbruch für Ingeborg Hunzinger. Sie überprüft ihre eigene politische Position und ihr künstlerisches Schaffen. Die Künstlerin geht inzwischen auf die 60 zu – es wird Zeit für das Alterswerk.

Zunächst lässt sie sich jedoch für die künstlerische Ausstattung der Ost-Berliner Großsiedlungen gewinnen. Sie gehört, so die Aussage einer zeitgenössischen Zeitung, „zu den zehn Künstlern des Konzeptionskollektivs für das Neubaugebiet Berlin-Marzahn. Im Auftrag des DFD-Bundesvorstandes werden für die dortigen Wohngebiete Gemälde, Wandbilder und Plastiken geschaffen, die sich vorwiegend mit dem Thema Familie und Kind auseinandersetzen“. Neben der konzeptionellen Arbeit steuert Hunzinger 5 eigene Werke bei:

Paar, Erholungspark Marzahn

Jugend – Älteres Paar, Schragenfeldstraße 21

Frauen, Allee der Kosmonauten/Marchwitzastraße

Die Geschlagene, Die sich Aufrichtende, Der sich Befreiende, Freizeitforum  Marzahn

Und: Die Sinnende.

 

Zur „Sinnenden“ hat uns Claudia Maria Franck Material zur Verfügung gestellt, das wir hier exklusiv vorstellen können.

„Die Sinnende“ – bemerkenswerte Fakten

Diese uns allen so vertraute Figur trägt anfangs den Titel „Die Besinnliche“. Sie entsteht im Mai/Juni 1976 bei einem Bildhauer-Symposium in Reinhardtsdorf. Dieses Dorf in der Sächsischen Schweiz verfügt über einen Steinbruch mit Naturstein, der als Reinhardtsdorfer Sandstein bekannt ist. An diesem Symposium mit Beteiligung polnischer und rumänischer Künstler nahm auch Karl-Günter Möpert teil, einer der beiden Schöpfer des „Denkmals für die Erbauer Marzahns“. In einem Material schreibt er: “Symposien dieser Art tragen dazu bei, dass der Naturstein, der ja ein uraltes Gestaltungsmaterial ist, wieder mehr Beachtung bei der Gestaltung künstlerischer Vorhaben gewinnt. Angst und Befangenheit bei der Bewältigung des Materials werden abgebaut, weil der handwerklich erfahrene Kollege dem unerfahrenen Kollegen seine Erfahrungen uneingeschränkt mitteilt.“ Hier sehen Sie Fotos aus Reinhardtsdorf:

Sinnende_Hunzinger

Ingeborg Hunzinger im Kreis von Kollegen

 

Besinnliche im Steinbruch

„Die Besinnliche“ im Steinbruch

 

„Die Besinnliche“ wird im Spätsommer 1976 in Kaulsdorf Nord aufgestellt, an der damaligen Kaufhalle im Teterower Ring; im heutigen Bereich des Spreecenters.

Sinnende am Standort Kaufhalle Kaulsdorf                Sinnende am Standort Kaufhalle Kaulsdor

„Die Besinnliche“ am Standort Teterower Ring

 

Im Sommer 1978 gelangt die Plastik in die Ausstellung „Plastik und Blumen“ in Berlin-Treptow. Dort muss bei Verantwortlichen die Kenntnis gereift sein, dass die Figur in einem landschaftlichen Umfeld besser aufgehoben ist.

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„Die Besinnliche“ im Sommer 1978 in Berlin-Treptow (Foto: Sonntag, 27.8.1978)

 

Von Treptow ist die Figur ganz offensichtlich nicht nach Kaulsdorf Nord zurückgekehrt. Sie wird unter dem neuen Namen „Die Sinnende“ 1980 am heutigen Standort im Schlosspark Biesdorf aufgestellt.

Sinnende im Park

„Die Sinnende“ im Schlosspark Biesdorf

 

„Die Sinnende“ deutet ganz nachdrücklich einen Wandel des künstlerischen Ausdrucks bei Ingeborg Hunzinger an. Die Figur bleibt im Stein, sie „entblößt“ sich nicht, bleibt verborgen und will zugleich entdeckt werden. Im Gegensatz etwa zu „Vater mit Kind“, wo die Aussage klar und eindeutig ist, kann man mit der „Sinnenden“ in einen Dialog treten – mit ihr reden, sie berühren und sie aus verschiedenen Positionen betrachten. Damit wird Hunzingers Kunst interessanter und vieldeutiger. Sie hat mit der „Unvollendeten“, die im Kleinen Spreewaldpark in Schöneiche steht, eine verwandte Skulptur geschaffen.

Die_Unvollendete_Schöneiche, Kleiner Spreewaldpark

Die Unvollendete, Jahr unbekannt

 

Das Spätwerk

Mit der „Sinnenden“ und der „Unvollendeten“ sieht sich Ingeborg Hunzinger gut gerüstet für das Alterswerk. Was der wesentliche Bestandteil dieses Werkes sein sollte, hat sie ebenfalls in dem erwähnten Zeitungsartikel formuliert: Sie will den Aufrichtigen, denen, die eine Überzeugung haben und denen, die helfen, ein Denkmal setzen. „Das ist für mich seit der Emigration wie ein Lebensfaden.“ Und sie sagt geradezu, dass sie damit den antifaschistischen, kommunistischen Widerstand meine.

Dabei geht sie zweispurig vor: einerseits will sie konkrete Hilfsaktionen an konkreten Orten nachbilden, andererseits ist sie auf der Suche nach dem großen symbolischen Bild für diesen Kampf.

So entstehen in den 1980er Jahren die ersten Plastiken in Berlin und anderen Orten.

 

Schluss folgt.


Das historische Gut Biesdorf wird Wohnanlage

 

Dieses hochinteressante Thema, zu dem der Geschäftsführer der STADT UND LAND, Herr Ingo Malter, den März-Vortrag im Stadtteilzentrum Biesdorf hielt, hatte 40 Zuhörerinnen und Zuhörer angelockt. Im Vordergrund stand die künftige Bebauung, aber auch die Einbindung der Reste des historischen Gutes Biesdorf in die künftige Anlage.

Eingangs gab Herr Axel Matthies (Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.) einen kurzen Einblick in die Geschichte des Gutes. Er bezog sich dabei auf  einen Artikel, den wir im Sommer 2016 auf dieser Homepage veröffentlicht hatten. Herr Malter ergänzte in seinem Vortrag die Abbildung des Lageplanes des Gutes Biesdorf aus dem Jahre 1930. Sie ermöglicht die Rekonstruktion des jetzigen Geländes. Erhalten sind die Gebäude mit den Ziffern 11, 2 und 3.

Lageplan Gut Biesdorf 1930 (2) (800x707)

 

Berlin wächst

Ingo Malter eröffnete seinen Vortrag mit der aktuellen Wohnsituation in Berlin. In den letzten Jahren sei die Bevölkerung stetig gewachsen, 2016 betrug der Zugewinn 60.000 Menschen. Diese müssten mit Wohnraum versorgt werden. Es gebe ausreichend hochpreisigen Wohnraum; dagegen fehlten bezahlbare Wohnungen. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften hätten die Aufgabe, in den kommenden zehn Jahren 100.000 Wohnungen zu errichten. Die STADT UND LAND baut gegenwärtig massiv in Treptow-Köpenick, aber auch in Marzahn und ab Herbst 2017 in Biesdorf. Auf dem Gutshof sollen 512 Wohnungen entstehen. Gegenüber der bisherigen Planung ist dies, so Malter, ein leichter Zugewinn. Denn an der Weißenhöher Straße könnten sich die Häuser denen der Traufhöhe der Bonava-Bauten anpassen. Dort wird viergeschossig gebaut.

Günstige Einstiegsmieten, überschaubare Steigerungen

Alle Einheiten werden als Mietwohnungen mit einer Größe zwischen 35 bis 85 Quadratmetern errichtet. STADT UND LAND rechnet mit einer gemischten Mieterschaft, in der Senioren, die ihre Häuser in der Umgebung aufgeben, einen großen Anteil ausmachen können. Wichtig für künftige Mieter: mindestens 30% der Wohnungen, möglicherweise sogar bis zu 50%, werden als geförderter Wohnraum vermietet. Die Miete beginnt bei 6,50 € und wird, das versichert der Geschäftsführer, alle zwei Jahre um gesetzlich mögliche 0,20 €/qm erhöht. So steigt der Quadratmeter-Preis in zehn Jahren um maximal 1 €. Weitere Wohnungen starten bei 7,50 €/qm und einige Wohnungen werden zu hochwertigen Konditionen angeboten. Das soll, so Malter, eine gute Mischung der Mieterschaft ergeben, aber auch zur Querfinanzierung beitragen.

Zur Frage der Parkgelegenheiten führte Ingo Malter aus, dass mit einem Schlüssel von 70 Parkgelegenheiten je 100 Wohnungen gerechnet wird. Die Hauptlast wird eine Tiefgarage an der Weißenhöher Straße tragen. Aber auch Stellplätze für Fahrräder werden in großer Zahl angeboten.

Dorfanger und eigenes Blockkraftwerk

Die Anlage soll den Duktus eines Dorfangers annehmen. Die Wohnungen werden nicht unterkellert sein, dafür Abstellräume besitzen und barrierefrei sein. Die Außenwände der Gebäude werden stellenweise an den Ziegelcharakter der drei historischen Gebäude angepasst. Um den Lärmschutz der Anlage zu gewährleisten, wird die Kante zur B1/B5 hin abgeschlossen gestaltet. Eine Versorgung mit kleinem Gewerbe, wie etwa einem Bäcker, wird angestrebt. STADT UND LAND wird die Anlage von einem Generalunternehmer, der Kondor Wessels Berlin GmbH, fertigstellen lassen. Baubeginn ist im Herbst 2017, die Übergabe erfolgt in den Jahren 2019 und 2020.

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Angerperspektive mit historischem Kuhstall (Grafik: Kondor Wessels Berlin)

 

Anspruchsvoll aber auch schwierig wird für STADT UND LAND die Einbindung der drei denkmalgeschützten Gebäude. Die Sanierung wird einfach, so Malter, die künftige Nutzung umso verzwickter. Es sei besonders schwierig, Denkmal- und Feuerschutz in einem historischen Gebäude betreibergünstig zu verbinden.

Zum Schluss wartete der Geschäftsführer noch mit einer dicken Überraschung auf: die Wohnanlage wird von einem kleinen Blockkraftwerk versorgt, das Kraft und Wärme koppelt. Damit sollen erhebliche Einsparpotenziale gegenüber den marktüblichen Energie- und Wärmepreisen erschlossen werden.

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Perspektive aus der Luft. Die historischen Gebäude sind gut zu erkennen. (Grafik: Kondor Wessels Berlin)

 

Die anschließende Debatte verlief sehr aufgeschlossen und positiv. Eine Reihe von Gästen bekundete großes Interesse an einem Wohnungswechsel auf das Gut Biesdorf.

 

(Axel Matthies)

 

 

 

 

 

 


Kommende Termine

Wir möchten Sie in diesem Beitrag auf Termine in der Verantwortung unseres Vereins bis zum Sommer 2017 hinweisen. Die Terminliste wird laufend aktualisiert.

 

Sonnabend, 10. Juni 2017, 13:00

Der Schlosspark Biesdorf als besonderer Ort der IGA 2017

Vortragender: Dr. Heinrich Niemann, Bezirksstadtrat i.R. und Vorsitzender des Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.

Vortragsreihe mit der VHS Marzahn-Hellersdorf

Ort: Schlosspark Biesdorf, Teehäuschen

Beitrag: 4,00 €

 

Donnerstag, 15. Juni 2017, 18:30

Kultur für alle – überall Kultur

Vortragender: Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa

In der neuen Reihe „Biesdorfer Begegnung“ gemeinsam mit dem kommunalpolitischen forum e.v. berlin

Ort: Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, 12683 Berlin

 

 


„Heino-Schmieden-Bau“ bleibt im Gespräch (2)

 

Nachdem wir bereits anläßlich einer Podiumsdiskussion am 30. November 2016 im Martin-Gropius-Bau über die Idee eines zusätzlichen Namens für Schloss Biesdorf berichtet hatten, nimmt nun die „Berliner Woche“ in einem redaktionellen Beitrag diesen Gedanken vertieft auf. Am 30. November hatte Prof. Dr. Wolfgang Schäche, renommierter Berliner Architekturhistoriker, dessen Arbeitsschwerpunkte die Bau- und Stadtbaugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sind, erneut den Vorschlag unterbreitet, Schloss Biesdorf den ergänzenden Namen „Heino-Schmieden-Bau“ zu verleihen. Dies würde den Rang des Baumeisters in der Berliner und der Baugeschichte Deutschlands erheblich würdigen. Lesen Sie hier den Beitrag von Harald Ritter komplett.


„Auftrag Landschaft“ – Gedanken zur ersten Ausstellung und zur Konzeption des ZKR

 

Seit nunmehr vier Monaten wird die Ausstellung „Auftrag Landschaft“ im Schloss Biesdorf gezeigt. Sie präsentiert 26 künstlerische Positionen, die von Landschaftsmalerei über multimediale Installationen bis zu botanischen Experimenten reichen. Dabei treffen, wie es in der Pressemeldung heißt, „international renommierte zeitgenössische Positionen auf Kunstwerke aus der ehemaligen DDR“. Und ZKR-Direktorin Katja Aßmann erläutert: „Es sind von Menschenhand geschaffene Landschaften aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen, die unser Bild von Landschaft prägen. Und es sind insbesondere Künstler, die diese Bilder im kollektiven Gedächtnis verankern, indem sie Landschaften in Zeichnungen, Gemälden, Fotografie, Film und Sound festhalten…“ Der Teil „International renommierte zeitgenössische Positionen“ ist von Katja Aßmann kuratiert, die für den künstlerischen Part der IGA 2017 verantwortlich ist. Die international renommierten Positionen präsentieren sich als Objekt- bzw. Installationskunst, sie befinden sich alle in der Vorschau für die am 13. April 2017 startende IGA  – sie werden dann dort zu sehen sein; die Werke aus der DDR präsentieren sich in der Regel als bildende Kunst.

Reizvolle Installationen

Gleich am Eingang begrüßt die Bio-Installation von Janet Laurence (Australien) die Besucher. Die Künstlerin hat Pflanzen aus Marzahn-Hellersdorf in einen „Medicinal Garden“ gebettet, um zu zeigen, dass Pflanzen selbst menschliche Hilfe benötigen. Dabei sind interessante Details zu entdecken.

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Janet Laurence, Waiting – A Medicinal Garden for Ailing Plants II

 

Besonders bei Männern beliebt ist die Installation „Cars to Bicycles“ von Köbberling/Kaltwasser. Über drei Monate hinweg verbauten die Künstler die Bauteile eines Saab Turbo und schufen aus den Autoteilen zwei funktionsfähige Fahrräder.

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Köbberling/Kaltwasser, Cars into Bicycles

 

Angenehm überrascht sind die meisten Besucher von „1868 – Eine Bildgeschichte zu Schloss Biesdorf“ der Künstlerin Laleh Torabi. Gemeinsam mit Christian Hiller und Alexandra Nehmer hat sie sich auf Spurensuche begeben, um die Geschichte anhand von Archivmaterial in Form einer graphic novel aufzubereiten. Doch die bewegte Vergangenheit des Hauses wird nicht als Faktum abgebildet, sondern materialisiert sich als märchenähnliche Vision. Vielfältige Fäden knüpfen die Schlossgeschichte an andere historische Nebenstränge. Selbst Datenasketen alter Art lassen die Ereignisse entspannt an sich vorüber gleiten.

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Eine Wand der Bildgeschichte von Laleh Torabi (Foto ZKR)

 

Unter den international renommierten zeitgenössischen Positionen ragt die Installation „Wolken“ von Michael Sailstorfer heraus. Diese Installation hat er erstmals 2010 gezeigt, auch damals verhängte er einen Lichtschacht.

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Die aufgepumpten schwarzen LKW-Reifen, die den originellen Lichtschacht Heino Schmiedens, das Oktagon, verdunkeln, werden sowohl als positive Provokation wahrgenommen, hingegen auch als postmoderne Arroganz gegenüber der präelektrischen Bürgergesellschaft vor 150 Jahren.

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Michael Sailstorfer, Wolken

 

Das Original, an dem sich Sailstorfer orientiert, die „Silver clouds“ von Andy Warhol, war dagegen bewegt, die Wolken schwebten im Raum, veränderten mit ihren Bewegungen das Gesamtensemble und regten zum Betrachten an.

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Andy Warhol, Silver clouds

 

Sailstorfer wird zu den „100 Köpfen von morgen“ gezählt, das ist eine Listenzusammenstellung von jungen Menschen unter 40 Jahren aus dem Jahre 2006, denen aufgrund ihrer Kreativität und Leistungsbereitschaft eine aussichtsreiche Zukunft vorausgesagt worden war.

Erinnerungen und neue Anregungen

Der Teil mit DDR-Kunst bzw. mit neueren ostdeutschen Arbeiten ist sehr gediegen kuratiert und wartet auch mit ausgesprochenen Überraschungen auf. Diesen Teil organisierten Dr. Angelika Weißbach und Jeannette Brabenetz. Auffällig ist, dass beide Kuratorinnen auch informelle Kunst aus der DDR aufstöberten, die sich Freiräume im offiziellen Kunstbetrieb verschafft hatte. Die Postkarten-Aktion von Josef W. Huber, der 1977 zu einer Mail-Art-Aktion mit dem Titel „Nature is live – safe it“, aufgerufen hatte, war so eine Form. Plötzlich liefen durch den Postverkehr der DDR ungebetene Botschaften und Positionen und unterliefen so die kontrollierten Distributionswege der Kunst.

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Beispiele der Huber-Aktion

 

Huber war der Typ des Aktionskünstlers. Er lebte einige Jahre wie der Autor in Baumschulenweg. Dort war er ein bunter Hund, er sah so aus wie sein Vorname es gebietet und wurde von der Volkspolizei öfters schikaniert. Das war für ihn die Auszeichnung seiner Kunst.

Einen ansprechenden Part hat Manfred Butzmann bekommen. Der überaus bekannte und von staatlicher Seite umstrittene Künstler hat insbesondere in den 1980er Jahre politisch orientierte Kunst gemacht – etwa Postkarten oder Plakate mit umweltorientierten Themen. Er zeigt aber auch neun Aquarelle, die die Schönheit der Natur preisen. Diese hat Jeannette Brabenetz aus dessen Privatbesitz geholt und in die Ausstellung gehängt.

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Manfred Butzmann, Neun Aquarelle

 

Überraschungen und vertiefende Einsichten

Eine weitere Überraschung, auf die wir sehr gerne hinweisen, sind Arbeiten von Charlotte E. Pauly. Die Altmeisterin aus Friedrichshagen ist mit der Mappe „Vier Elemente“ vertreten

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Charlotte E. Pauly, Feuer                         Charlotte E. Pauly, Wasser

 

sowie den Arbeiten „Zigeunerjungen mit Ziegen“ und „Ziegeleidorf am Kaspischen Meer“. Sie entwirft Bilder intakter harmonischer Verhältnisse zwischen Mensch und Natur, zeigt Menschen aber auch selbstverständlich bei der Arbeit.

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Charlotte E. Pauly, Zigeunerjungen mit Ziegen

 

Die 1886 in Schlesien geborene Künstlerin hatte in den Jahren 1925 bis 1933 Spanien und Portugal, Paris, Griechenland und Spanisch-Marokko bereist und dort gezeichnet und gemalt. In den späten 1930er Jahren kehrte sie nach Schlesien zurück und lebte in Agnetendorf, dem letzten Wohnort Gerhart Hauptmanns. Sie schuf Zeichnungen für dessen Werke. Mit dem Sonderzug für den toten Hauptmann verließ sie 1946 das nun polnische Dorf und ließ sich in Friedrichshagen nieder.

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Charlotte E. Pauly, Hof in Friedrichshagen

 

Hier vertiefte sie ihre künstlerischen Fertigkeiten u.a. bei Herbert Tucholski und bereitete ihre Reisearbeiten als Alterswerk grafisch auf. Fünf Jahre nach ihrem Tod, die Künstlerin war 95 Jahre alt geworden, zeigte das Alte Museum 1986/87 eine Personalausstellung anlässlich ihres 100. Geburtstages. Kuratorin war Anita Kühnel, die auch über die Pauly publizierte und sie so einem größeren Publikum näher brachte. Heute gilt Pauly als Ikone der Berliner Grafik neben Arno Mohr und Tucholski.

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Charlotte E. Pauly

 

Auch Altmeisterin Nuria Quevedo ist mit Arbeiten dabei. Die spanische Künstlerin vom Jahrgang 1938 kam 1952 mit ihrer Familie in die DDR wo sie an der Kunsthochschule Weißensee studierte. Sie beschreibt Fremdsein als ihre Identität. Die Aquatinta-Serie „Landschaft zwischen Berlin und Ostsee“ wurde 1978 vom Magistrat von Berlin angekauft.

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Nuria Quevedo, Zwei Bilder dieser Serie

 

Günter Brendel ist mit zwei Arbeiten über die komplexe Bautätigkeit in Marzahn vertreten. Er zeigt sich dabei als profunder Dokumentarist. Diese Arbeiten waren vom FDGB beauftragt, dem einheitlichen Gewerkschaftsbund der DDR. Die einheimischen Besucher verweilen gern vor diesen Bildern.

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Günther Brendel, Baugeschehen in Biesdorf-Marzahn

 

Abschließend möchte ich auf Kurt Buchwald hinweisen. Buchwald ist gelernter Ingenieur, er kam von Wittenberg nach Berlin und orientierte sich künstlerisch hier in informellen Kreisen. Im Rahmen eines FDJ-Pleinairs bot man ihm eine Fotoserie über die damalige Großbaustelle Friedrichstraße an. Er zeigte mit seinen Bildern aber nicht die Arbeit und das Bautempo, wie es erwartet worden war, sondern er hat Stillleben inszeniert und abgelichtet.

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Kurt Buchwald, Im Quartier

 

Die Arbeit wurde dennoch abgenommen. Buchwald war jetzt überrascht, dass es diese Fotos noch gibt. Das Problem hinter diesen Fotos ist allerdings, dass es heute kaum noch Erinnerungen an das Großprojekt Friedrichstraße aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gibt. Ich fand im „Spiegel“ einen langen hochinformativen Bericht über die Friedrichstraße, den ich hier als pdf anbiete. Insofern vermisst man heute die „verweigerten“ Fotos von Kurt Buchwald.

Das Konzept des ZKR

Die erste Ausstellung hat sicherlich die Erwartungen erfüllt. Seitens des ZKR wurde eine pragmatische und auf die IGA 2017 einstimmende Auswahl gefunden. Dr. Angelika Weißbach und Jeanette Brabenetz haben eine diverse, teilweise überraschende Lösung gefunden. Es wird eine Breite an Kunst aus der DDR angeboten, die mich offen gestanden verblüfft und angeregt hat, weiter zu analysieren. Insofern haben die Kuratorinnen bewiesen, dass in Beeskow und anderswo kein toter Stoff lagert sondern durchaus lebendiges Material von lebenden Künstlern, die weiter arbeiten und ausstellen. Die Substanz in Beeskow ist beträchtlicher als vielfach angenommen. Wir zitieren gerne einen Kernsatz aus dem Buch „Bilder außer Plan“ von Marlene Heidel: „Die Frage nach der ästhetischen Qualität wird als Frage nach der ästhetischen Funktion des  einzelnen Werkes gestellt.“ Angelika Weißbach hat diesen Ball aufgenommen.

Im November 2016 gab ZKR-Direktorin Katja Aßmann der „Berliner Woche“ ein Interview zur konzeptionellen Perspektive von Schloss Biesdorf.

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Sie trifft dort zwei wesentliche Aussagen: zum einen werde die „Auseinandersetzung mit DDR-Kunst allein“ nicht reichen, um dem Schloss Biesdorf einen  angemessenen Platz in der reichen Berliner Galerienlandschaft erkämpfen zu können. Zum anderen will die Betreiberin das tun, was sie am besten kann: Kunst im öffentlichen Raum, in Parks, in Grünanlagen präsentieren. Das sei auch der Platz, der in der Berliner Galerienlandschaft noch nicht belegt sei.

Zum einen zeigt die aktuelle Ausstellung die Qualität der DDR-Kunst. Die Mehrheit der Besucher verweilt vor den Werken der bildenden Kunst, weniger vor den Exponaten der Objekt- und Installationskunst. Es wäre ein guter Weg, DDR-Kunst mit anderer bildender Kunst zu spiegeln und so zu mehr Diskursen zu gelangen. Ein Artefakt von Charlotte E. Pauly ist eben nicht mit dem Mückenhaus von Michael Sailstorfer komparabel. Wenn sich die Betreiberin zum anderen auf ihre Stärke, Kunst im öffentlichen Raum, konzentriert, dann könnte Schloss Biesdorf gleich zwei Alleinstellungsmerkmale in der Berliner Galerienlandschaft beanspruchen: DDR-Kunst und Kunst im öffentlichen Raum.

Ein letzter Gedanke. Dem neuen Schloss Biesdorf fehlt der genius loci, der Geist des Ortes. Dieser muss nun neu erfunden werden. Hierzu wollen wir die Bürgerinnen und Bürger von  Marzahn-Hellersdorf aufrufen. Es ist an uns, diesen Diskurs zu beginnen und zu gestalten. Wir stellen unsere Homepage dafür gerne zur Verfügung.

Nun wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein schönes neues Jahr 2017 – eng verbunden mit unserem Schloss Biesdorf.

 

(Axel Matthies)

 


Werner von Siemens zum 200. Geburtstag

 

Werner von Siemens, dessen Geburtstag sich am 13. Dezember 2016 zum 200. Mal jährt, war ein großer deutscher Unternehmer in der Epoche der Reichsgründung, die in der deutschen Geschichte von großer Bedeutung ist – sie steht für maßgebende Leistungen in Technik und Wissenschaft und den Aufstieg Deutschlands zu einer europäischen Großmacht. Werner von Siemens hatte mit seiner Firma bedeutenden Anteil an der globalen Vernetzung durch Fernmeldekabel sowie die wirtschaftliche Nutzung der Elektroenergie, durch die Produktions- und Lebensweisen der Menschheit einen intensiven Schub erfuhren. Der Mantel der Geschichte wehte diesen Mann aber auch nach Biesdorf im Landkreis Niederbarnim.

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Büste im Schlosspark

 

Alles hart erarbeitet

Siemens fiel nichts in den Schoß. Sein Vater war Gutspächter in Lenthe westlich von Hannover. Zehn glückliche Kindheitsjahre verbrachte er hier im Kreise seiner wachsenden Geschwisterschar – es sollten schließlich 14 werden.

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Geburtshaus in Lenthe (Foto: Siemens)

 

Danach zog die Familie in die Umgebung von Lübeck. Wirtschaftlich blieb das Leben bescheiden. Obwohl seine schulischen Leistungen besonders in Mathematik auffielen, blieb Siemens nur ein Weg, um eine wissenschaftlich-technische Ausbildung zu erlangen: das Militär. 1835 nahm er als Offiziersanwärter sein Studium an der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule auf und erhielt dort eine umfassende naturwissenschaftliche Ausbildung. Nach dem Tod seiner Eltern, die 1839 und 1840 kurz nacheinander verstarben, musste Siemens die Vaterrolle für seine jüngeren Geschwister übernehmen.

Erste kleine Firma mit geborgtem Startkapital

Siemens war auf der Suche nach einer geeigneten Geschäftsidee, um den Militärdienst beenden zu können.  Silvester 1846, Werner war gerade 30 Jahre  alt geworden, plagten ihn Depressionen. Er konnte die Verantwortung für die Geschwister nicht einlösen. Da beschloss er, sich ein festes wirtschaftliches Fundament durch die Telegraphie zu schaffen. Der Siemens’sche Zeigertelegraf war den bisherigen Apparaten dieser Art überlegen, weil er nicht mehr ähnlich einem Uhrwerk arbeitete, sondern einen selbsttätig gesteuerten Synchronlauf zwischen Sender und Empfänger hatte – eine völlig neuartige Lösung der elektrischen  Nachrichtenübertragung. Mit dem Bau des Telegrafen beauftragte der 30-jährige Erfinder den Feinmechaniker Johann ­Georg Halske, den er aus der „Physikalischen Gesellschaft“, einer Vereinigung ambitionierter junger Wissenschaftler, kannte. Halske fertigte im Auftrag vieler renommierter Naturwissenschaftler der damaligen Zeit Versuchsanordnungen sowie Prototypen feinmechanischer, physikalischer, optischer und chemischer Erfindungen. Da die einzelnen Telegrafen in Handarbeit produziert wurden, erübrigte sich die Anschaffung größerer Maschinen. Das Startkapital in Höhe von 6.842 Talern stammte von Werners Vetter und Vater des späteren Mitbegründers der Deutschen Bank, dem Justizrat Johann Georg Siemens.

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Erster Briefkopf um 1853 (Foto: Siemens)

 

Ein Jahr später kam die Initialzündung für die Firma. 1848 erhielt das junge Unternehmen einen politisch wichtigen Auftrag: eine Telegraphenleitung von Berlin nach Frankfurt am Main herzustellen, denn dort tagte die deutsche Nationalversammlung. Ziel dieser war die Schaffung einer Verfassung für Deutschland, für das gesamte Reich. Deutschland sollte Eins sein, regiert vom Willen des Volkes, unter der Mitwirkung aller seiner Gliederungen. Geplant war, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am Ende zum deutschen Kaiser gewählt wird. Binnen einer Stunde hatte der preußische König in Berlin alle aktuellen Ergebnisse des Parlamentes auf seinem Schreibtisch. Damit wurde die Firma Siemens & Halske auf einen Schlag bekannt und weitere Aufträge zum Bau von Telegraphenverbindungen in Preußen und anderen deutschen Staaten folgten.

Die Firma errichtete bald Telegrafenleitungen in ganz Europa. Bruder Carl baute das Geschäft in Russland aus, während unter Wilhelms Aufsicht eine Kabelfabrik in England gegründet wurde. „Siemens und seine Brüder haben immer hochriskante Geschäfte gemacht“, urteilt der Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr. „Aber sie waren eben durch und durch Unternehmer.“ 1867 erhielt Siemens & Halske die Konzession zum Bau der indo-europäischen Telegrafenlinie, die von London bis Kalkutta reichen sollte. In drei Jahren Bauzeit wurde die Trasse errichtet, die bis in die 1930er Jahre verwendet wurde. Ein weiteres Beispiel für Siemens‘ Unternehmergeist war die Verlegung der transatlantischen Seekabel. Ein technisch höchst anspruchsvolles Unterfangen, das Siemens löste, indem er ein spezielles Kabellegerschiff bauen ließ. Die „Faraday“, die 2700 km Kabel mit einem Gewicht von 4500 t an Bord nehmen konnte, war eine Erfolgsgeschichte. Mit dem Schiff wurde das erste Kabel von Irland bis Neuschottland in vier Monaten verlegt. Siemens fertigte die Kabel in eigenen Werken. Das Schiff war jahrzehntelang im Einsatz.

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Kabelleger „Faraday“ (Foto: Siemens)

 

Elektrizität revolutioniert Produktions- und Lebensweise der Menschen

In den 1860er Jahren machte Siemens schließlich die Entdeckung, die in ihrer Konsequenz zur Elektrifizierung der Welt führen sollte: das dynamoelektrische Prinzip. Siemens wusste, dass dieses Prinzip Folgen haben würde. „Die Effekte müssen bei richtiger Konstruktion kolossal sein“, schrieb er Ende 1866 an seinen Bruder Wilhelm. Und das waren sie in der Tat. Zwar wurde das dynamoelektrische Prinzip zeitgleich auch von anderen Wissenschaftlern formuliert, doch war es Siemens, der es am konsequentesten vermarkten konnte. Siemens war in der Folgezeit an der Elektrifizierung der Lokomotive, der Straßenbahn und der Straßenbeleuchtung, erste Beleuchtung in der Berliner Kaisergalerie, beteiligt und sein Unternehmen baute auch die ersten elektrischen Aufzüge.

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Erste europäische U-Bahn 1896 in Budapest, erbaut von Siemens (Foto: Siemens)

 

Liberaler Abgeordneter und humaner Unternehmer

Neben seinen technischen und unternehmerischen Tätigkeiten war Siemens auch politisch  aktiv. 1863 bis 1866 saß er für die liberale Deutsche Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus. Sein Unternehmen setzte Maßstäbe bei der Humanisierung der Arbeitswelt und führte bereits 1873 einen Neun-Stunden-Arbeitstag ein. Zugleich sorgte er für eine betriebliche Kranken- und Rentenversicherung. Er war maßgeblich beteiligt an der Vereinheitlichung des Patentwesens in Deutschland und legte die Basis für die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin. 1888 wurde er, und seine Familie, für seine vielfältigen Verdienste in den Erbadelsstand gehoben. Vor seinem Tod am 6. Dezember 1892 in Berlin hatte Siemens die Nachfolge in seinem Unternehmen geregelt. Sein Bruder Carl und die Söhne Arnold und Wilhelm führten es unter dem Namen Siemens weiter. Das Unternehmen – am 12. Oktober 1847 mit drei Mitarbeitern ins Leben getreten – hatte nun bereits 6 500 Arbeiter und Angestellte, die einen Jahresgewinn von 20 Millionen Reichsmark erwirtschafteten.

Zuckerrüben statt Elektrizität

Doch wie verschlug es diesen Global Player nun nach Biesdorf im Landkreis Niederbarnim? Die Welt ist ein Dorf, sagt man oft. Siemens hatte als Schüler in Lübeck Geodäsie-Unterricht genommen. Sein Lehrer hieß Ferdinand von Bültzingslöwen. Dessen Sohn Günther war mit niederländischen Kolonialtruppen nach Indonesien gegangen, hatte dort Geld verdient und musste aus Krankheitsgründen zurück nach Deutschland. Er kam nach Berlin und hörte hier vom Gut Biesdorf, das einem ihm bekannt gewesenen Freiherrn Hans-Hermann von Rüxleben gehörte. Die Güter der beiden Freiherren lagen nur einige dutzend Kilometer entfernt im nördlichen Thüringer Land. Diesem kaufte Bültzingslöwen das Gut Biesdorf ab in der Hoffnung, hier Zuckerrüben im Überfluss anbauen und verkaufen zu können. Damals bestand ein riesiger Zuckerbedarf, weil die industrielle Herstellung von Lebensmitteln begonnen hatte. Der Versuch schlug fehl; da wandte sich Bültzingslöwen in seiner Not an den ehemaligen Schüler seines Vaters – Werner Siemens. Siemens war an dem Deal nicht interessiert, aber die übergroße Dankbarkeit für seinen Lehrer gab den Ausschlag, dem Bittsteller 200.000 Reichsmark zu verleihen. Siemens ließ sich gleichzeitig ins Grundbuch eintragen für den Fall, dass Bültzingslöwen nicht reüssiert. So kam es – und neuer Besitzer von Schloss Biesdorf war im Jahre 1887 Werner Siemens. Siemens suchte zu dieser Zeit einen Alterssitz, doch Biesdorf kam für ihn und seine Frau überhaupt nicht in Frage. Er wählte Bad Harzburg.

Der Geist des Ortes

So übernahm wenig später Sohn Wilhelm Gut und Schloss. Er fühlte sich mit seiner Familie wohl, baute das Haus und den Park aus und rüstete, wie der Siemens-Biograf Johannes Bähr formulierte, das Schloss in den 1890er Jahren zu einem „High-tech-Heim“ auf. 40 Jahre, von 1887 bis 1927, war das Schloss im Besitz der Familie. Man muss die Siemens-Zeit als konstitutives Element der Schlossgeschichte betrachten. Es war die erfolgreichste Zeit für das Schloss und die Gemeinde Biesdorf in der Ära des Privatbesitzes. Die Siemens-Zeit ist aus der Schlossgeschichte nicht abzukoppeln, sie muss auf geeignete Weise in den Geist des Ortes, den genius loci, aufgenommen und bewahrt werden.

Am 8. Dezember veranstaltete unser Verein eine Vorlesung im Schloss zum Thema „Wie Werner von Siemens nach Biesdorf kam und welche Folgen das für die Gemeinde Biesdorf und die Stadt Berlin zeitigte“. Vortragender war Dr. Oleg Peters. Damit würdigten wir den 200. Geburtstag dieses bedeutenden deutschen Technikers und Unternehmers, des berühmtesten Schlossbesitzers.

Buchempfehlung

Zum 200. Geburtstag veröffentlichte der Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Johannes Bähr eine neue Werner-von-Siemens-Biografie. Er war im September 2015 in Schloss Biesdorf mit einem bemerkenswerten Vortrag über die Siemens-Familie aufgetreten.

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C. H. Beck

29,95 Euro


„Heino-Schmieden-Bau“ bleibt im Gespräch

 

Die Podiumsdiskussion am 30. November im Martin-Gropius-Bau, in deren Mittelpunkt die Vorstellung des Bandes „Heino Schmieden“ unseres Vereinsmitgliedes Dr. Oleg Peters stand, geriet schnell zu einer Diskussion über die Bedeutung Heino Schmiedens in der Berliner Baugeschichte. Prof. Dr. Wolfgang Schäche, renommierter Berliner Architekturhistoriker, dessen Arbeitsschwerpunkte die Bau- und Stadtbaugeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sind, unterbreitete dabei erneut den Vorschlag, Schloss Biesdorf den Namen „Heino-Schmieden-Bau“ zu verleihen. Unser Verein steht dieser Idee positiv gegenüber.

Wir verlinken hier den sehr informativen Beitrag im online-Portal LichtenbergMarzahn+.


Die Schlossdirektorin ist da – erste Konzepte auch

 

Nun war der Augenblick gekommen: die Schlossdirektorin stellt sich vor und teilt ihre Konzepte mit – so geschehen am 23. Juni 2016. Sie heißt Katja Aßmann, ist 45 Jahre alt und von der Ausbildung her Architektin und Kunsthistorikerin. Sie hat in Bochum studiert und stammt aus einer Gegend, wo gutes Bier gebraut wird.

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Direktorin Katja Aßmann

 

Das Wetter an diesem Vormittag war ausgezeichnet: die Sonne schien bei blauestem Himmel, alle strahlten und erwarteten Großes. Hatte es doch einige Monate gedauert, bis die Betreiberin Grün Berlin GmbH sich der Öffentlichkeit endlich in einem Pressegespräch stellte.

Schloss Biesdorf ist eng mit den Menschen verbunden

Kulturstadträtin Juliane Witt erinnerte in ihrem Eingangsstatement kurz an die Geschichte des Schlosses, nannte vor allem die Familie Siemens. Aber das Schloss sei durch die Jahrzehnte gemeinnütziger Betreibung auch stark an die Menschen im Ortsteil Biesdorf und des gesamten Bezirkes gebunden. Diese Verbundenheit müsse erhalten bleiben. Frau Witt erinnerte an den Beitrag unseres Vereins zur Wiedererrichtung und nannte die Namen der beiden langjährigen Vorsitzenden Dr. Günter Peters und Dr. Heinrich Niemann.  Sie erwarte ein offenes Kunst- und Kulturzentrum, das über den Bezirk hinaus Zeichen setzen soll. Dies sollte mit der IGA 2017 als Katalysator auch gelingen.

Bilderschloss als Schnittstelle zwischen Kunst und Landschaft

Grün-Geschäftsführer Christoph Schmidt erläuterte kurz, warum der Landesbetrieb Schloss Biesdorf übernommen habe: „Wir tragen Verantwortung für öffentliche Räume. Schloss Biesdorf soll Profil erhalten durch die Schnittstelle Kunst und Landschaft.“

Dann kam der eloquente Auftritt der Direktorin Katja Aßmann. Auch sie richtete eingangs Worte des Dankes an unseren Verein. Für sie sei Auftragskunst nichts Ungewöhnliches. Es habe immer Auftragskunst gegeben und sei so bis in unsere Tage. Sie wolle über Kunstwerke keine politischen Diskurse führen, sondern sie als  Kunstwerke behandeln. Die erste Ausstellung, die zum Start am 9. September bereit steht, werde „Auftrag Landschaft“ heißen. Sie wird von der Kunstwissenschaftlerin Dr. Angelika Weißbach kuratiert, die intensive Kenntnis von Kunst aus der DDR hat und gegenwärtig in Beeskow beschäftigt ist. Wie zu hören war, wird die Startausstellung sehr übersichtlich sein und mit aktuellen Arbeiten von jüngeren Künstlern ergänzt werden. Neben dem aktuellen Kunstbetrieb, Frau Aßmann sprach von zwei Ausstellungen jährlich, solle Schloss Biesdorf als „Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum“ ein Ort der Reflexion sein, in dem Gespräche, Lesungen, Konzerte, Konferenzen stattfinden werden. Dabei werde Grün Berlin mit anderen kooperieren. Unser Verein wird sich mit dem neuen Format „Biesdorfer Begegnungen“ und den bewährten VHS-Vorträgen am Programm beteiligen.

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Kandidat für die Eröffnungsausstellung? Wolfgang Mattheuer, An der Unstrut (1963)

 

Frau Aßmann hat sich bisher insbesondere bei der Gestaltung von Stadtraumlandschaften einen Namen gemacht. So war sie Bereichsleiterin Kunst und Kultur der Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Später wurde sie von der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 zur Projektleiterin berufen, wo sie schwerpunktmäßig die Projekte im Bereich der Architektur, des Städtebaus und der Bildenden Kunst entwickelte und realisierte. Zuletzt entwickelte sie verantwortlich das künstlerische Programm für die IGA 2017 in Marzahn-Hellersdorf. Nun wurde sie von der Grün Berlin zur Schlossdirektorin ernannt.

Großes Interesse für betriebswirtschaftliche Daten

In der abschließenden Fragerunde standen betriebswirtschaftliche Fragen im Mittelpunkt. So erklärte Frau Witt, dass der Bezirk dem Schloss jährlich eine Summe von 400.000 € zur Verfügung stelle. Diese Summe reicht aber nicht aus, um Betriebs- und Personalkosten komplett einzuspielen. Geschäftsführer Schmidt peilt deshalb eine jährliche Besucherzahl von 50.000 bis 60.000 an. Auf Nachfrage machte er deutlich, dass jeder Besuch grundsätzlich frei sei. Man kann das Eingangsfoyer, den Shop und das Café betreten. Der Besuch der Galerieräume allerdings wird zwischen vier und fünf Euro kosten. Nach der IGA soll das Schloss auch Bestandteil der Grün-Jahreskarte werden.

Dann stellten sich die Protagonisten bei einem Rundgang den Fotografen. Frau Prof. Mara Pinardi erklärte den interessierten Journalisten die wichtigsten Details der Sanierung und Wiedererrichtung des Obergeschosses. Die neue Direktorin war enorm beeindruckt von Oktagon und Laterne – der perfekten Beleuchtung des Hauses vor der Erfindung des elektrischen Stromes.

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Frau Witt, Herr Schmidt, Frau Aßmann (v.l.)

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Frau Prof. Pinardi und Frau Aßmann im Oktagon

 

In Einzelgesprächen klang der Vormittag aus. Das Konzept ist verständlich und muss nun lebendige Formen annehmen. Ein Journalistenkollege schrieb in seiner Zeitung über die von ihm erkannten Gefühle der Direktorin Katja Aßmann: „Eine runderneuerte Villa wird Kulturzentrum – mit mir als Boss. Wie geil ist das denn?“ Wir wollen ergänzen: da liegt harte Arbeit vor ihr – viel Erfolg!

Der rbb brachte in der Abendschau einen, leider nicht ganz fehlerfreien, Beitrag (nicht mehr in der Mediathek). Dafür fanden wir einen Beitrag auf tv Berlin sowie  Folge 1 und Folge 2. Weitere Printberichte finden Sie auf unserer Homepage Verein/Wir in den Medien.

 

 

(Axel Matthies)


Neues Leben auf dem Rittergut – mit historischem Respekt

 

Unlängst hatte das Mitglied des Abgeordnetenhauses Frau Regina Kittler in ihrem Wahlkreis zu einem Spaziergang zum ehemaligen Rittergut zwischen B 1 und Weißenhöher Straße geladen, um interessierte Biesdorfer Bürgerinnen und Bürger über die künftigen Bauarbeiten der STADT UND LAND Wohnbauten GmbH zu informieren. Dafür war der Geschäftsführer Herr Ingo Malter persönlich erschienen. Wenige Tage später gab es noch einen Besuch im ehemaligen Kuhstall. 

Malter erinnerte, dass der historische Gutshof Biesdorf im 19. Jahrhundert in Form eines großen Vierseithofes errichtet wurde. Die 3 denkmalgeschützten Gebäude Kuhstall, Speicher und Pferdestall werden saniert, ein Nutzungskonzept ist in Arbeit. Sie werden jedoch aus den Kosten des Projektes herausgenommen, um dieses nicht zu belasten.

Mitte 2016 geht es mit den Wohnbauarbeiten los: die Hochbaumaßnahmen für rund 500 Mietwohnungen mit einer Wohnfläche von 26.800 qm für eine generationenübergreifende Bewohner­schaft auf dem Gut Alt-Biesdorf beginnen. Rund 30 Prozent der Wohnungen werden gefördert errichtet, woraus sich dann eine anfängliche Nettokaltmiete von 6,50 Euro pro Quadratmeter ergibt. Malter rechnet damit, dass die Hälfte der künftigen Mieter Senioren sein werden, die überwiegend altersbedingt ihre Grundstücke in der Umgebung aufgeben. Um Lärmbelastungen durch die B 1 zu reduzieren, wird die Bebauung zur Straße hin eine kompakte sein; dort werden vorwiegend Funktionsräume der Wohnungen eingeordnet. Die Häuser werden überwiegend dreigeschossig gebaut. Die ersten Wohnungen sollen Mitte 2017 fertig werden. Die Baumaßnahmen werden sich allerdings bis zum Jahr 2019 hin erstrecken. Südlich der Weißenhöher Straße schließt sich das NCC-Baufeld „Biesdorfer Stadtgärten“ an. Mit der Schließung dieser Brachen wird Alt-Biesdorf erheblich aufgewertet. Unlängst hat NCC Modellfotos veröffentlicht.

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(Foto: NCC)

 

Die neuen Wohnungen werden gebraucht, denn nach verschiedenen Studien und nach Schätzungen von Wirtschaftsstadtrat Christian Gräff könnte Marzahn-Hellersdorf in den nächsten 15 Jahren um rund 22.000 Einwohner wachsen. Diese Prognose sorgte dafür, dass der lange darnieder liegende Geschosswohnungsbau am Stadtrand aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Wurden noch bis 2014 gerade einmal zehn Prozent der Genehmigungen für mehrgeschossige Wohngebäude erteilt, so liegt dieser Anteil inzwischen bei rund 50 Prozent. Das individuelle Eigenheim steht nicht mehr so unangefochten im Vordergrund.

Für diesen Paradigmenwechsel gibt es vor allem einen Grund: Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben den Stadtrand als Ort für neue Projekte wiederentdeckt. Ein Beispiel dafür ist das Vorhaben der STADT UND LAND am Gut Biesdorf. Wichtig: wertvolle Blickbeziehungen zu Schloss und Park Biesdorf bleiben erhalten. Die geplanten neuen, qualitativ hochwertigen Mietwohnungen sollen einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des steigenden Wohnungsbedarfs leisten, gleichzeitig die Urbanität und Zentralität der Ortslage stärken. Hier eine Planzeichnung des Quartiers.

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Die Sichtachsen sind erkennbar        (Abb.: Holzwarth)

 

Aus der Ausschreibung der STADT UND LAND gehen wichtige Details des aktuellen Zustandes des ehemaligen Rittergutes hervor. Wir zitieren hier Kernsätze:

  • Das Gewerbe-Gelände mit seinen 16 Gebäuden gehört zum Denkmalensemble Alt-Biesdorf, wobei es sich bei den Häusern ehemaliger Pferdestall (Haus 4021), ehemaliger Speicher (Haus 4020) und ehemaliger Kuhstall (Haus 4012) um Baudenkmale handelt. Im Vorfeld einer Neubebauung soll das Grundstück für eine Neubebauung und für Instandsetzungsmaßnahmen an den Baudenkmälern verwendbar gemacht werden. Im Teil 1 sollen 7 Häuser und kleinere bauliche Anlagen im südlichen Grundstücksbereich, an der Weißenhöher Straße, abgebrochen und die anfallenden Baustoffe aus der abzubrechenden Bausubstanz entsorgt werden. Die Gebäude wurden ursprünglich als Büro-, Lager- und Werkstatträume genutzt. Sie sind eingeschossig und nicht unterkellert.
  • Schadstoffbelastete Baustoffe: Abbruch asbesthaltiger Baustoffe gem. TRGS 519 und Entsorgung nach AVV 170605*: Menge 520 t Abbruch FCKW-haltiger Dämmung gem. TRGS 524 und Entsorgung nach AVV 170603*: Menge 25 t Abbruch alte Mineralwolle gem. TRGS 521 und Entsorgung nach AVV 170603*: Menge 150 t Abbruch kohleteerhaltiger Stoffe gem. TRGS 551 und Entsorgung nach AVV 170603*: Menge 12 t 3) Abbruch nicht schadstoffbelasteter Bauteile: Abbruch mineralischer Baustoffe aus Wänden, Decken, Böden, Schornsteinen und Entsorgung nach AVV 17 01 01, 17 01 02, 17 01 07: Menge 3.600 t Abbruch von Bitumenbahnen aus Abdichtungen in Böden und Entsorgung nach AVV 17 03 02: Menge 25 t Abbruch von Gipshaltigen Baustoffen aus Wand- und Deckenbekleidungen und Entsorgung nach AVV 17 08 01*/02: Menge 130 t Abbruch von gemischten Bau- und Abbruchabfällen aus Bauelementen und Entsorgung nach AVV 17 09 04: Menge 150 t.

Diese gewaltige Menge von belasteten und nicht belasteten Baustoffen ist inzwischen entsorgt worden.

 

Der nun freie Blick auf das Gelände des ehemaligen Rittergutes ist uns Anlass, einmal konzentriert auf die Entstehung und auf Details dieses wichtigen historischen Quartiers von Biesdorf zu blicken.

 

Das historische Grundstück bindet sich heute in die Adressen: Weißenhöher Straße 73-89, Stawesdamm, Alt-Biesdorf 21 ein. Das Gut wurde angelegt vom ersten Schlossbesitzer Hans-Hermann von Rüxleben. Sein wichtigster Beitrag zum Gut war wohl der Bau einer Brennerei. Denn die im Jahr 1914 vom Dorfschullehrer Johannes Lehmann vorgelegte Chronik „Rittergut und Schloß Biesdorf“ bezeichnet die Beschaffenheit des Gutes bei der Übernahme durch die Familie Siemens im Jahre 1887 als „zumeist alt und im baufälligen Zustande“. Daher musste modernisiert werden und die drei nun bei der STADT UND LAND zu sanierenden Gebäude gehören zu den Neubauten der Siemens‘.

Speicher und Pferdestall – beide liegen unmittelbar an der B 1 östlich der jetzigen Tierklinik – wurden 1888 vom Maurermeister Wilhelm Liesegang errichtet. Liesegang war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine gefragte Adresse. Er hat beispielsweise auch in Alt-Blankenburg denkmalgeschützte Gebäude gemauert. Chronist Johannes Lehmann beschreibt den Pferdestall aus der Sicht des Jahres 1914 folgendermaßen: „Der Stall ist luftig und praktisch angelegt und folglich sind in 25 Jahren keinerlei epidemische Krankheiten vorgekommen. Der darüber befindliche Schüttboden ist gleichfalls praktisch, trocken und luftig angelegt und mit Holz-Zement-Dach abgedeckt, welches bisher noch nie eine Reparatur erfordert hat. Die Baukosten für dieses Gebäude betrugen in Summa 17.000 M einschließlich Lieferung und Anfuhr sämtlicher Materialien, auch des Holzes.“ Der Verweis auf epidemische Krankheiten hat den Hintergrund, dass im Jahr des Baus die Gutspferde allesamt an Rotz erkrankt waren, einer damals geläufigen Pferdekrankheit, die das Lymphsystem gefährlich angreift. Sie wurden daraufhin gekeult. Der daneben liegende Speicher wurde mit denselben Daten wie der Stall errichtet.

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Speicher und Stall von der Gutseite

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Speicher und Stall von der Straße

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Der Website Ziegelstempel ist zu entnehmen, dass die Ziegel aus Rathenow angeliefert wurden

 

Bauherr für diese Gebäude war noch Werner von Siemens. Bauherr des Kuhstalles von 1902 indes war bereits Sohn Wilhelm von Siemens. Der Name Siemens stand inzwischen weltweit für diverse Anwendungen mit Schwach- bzw. Starkstrom, wie Telefonie und Telegraphie sowie elektrisch betriebene Lokomotiven, Bussen und U-Bahnen und natürlich Glühbirnen. Wilhelm von Siemens sorgte daher auch in Biesdorf für einen Modernisierungsschub. Konstrukteur des Kuhstalles war Karl Janisch.

Kuhstall Gut Biesdorf

 

Karl Janisch ist Jahrgang 1870, ein ehrgeiziger junger Bauingenieur, der 1897 zu Siemens kam. Im Sommer 1899 wurde Janisch zum Bauleiter für sämtliche Neubauvorhaben ernannt. Endgültig zum Hausarchitekten von Siemens & Halske avancierte er, als ihm 1902 das „Dezernat für sämtliche bau- und betriebstechnischen Fragen des gesamten Siemens Conzerns mit all seinen Zweigstellen und Tochtergesellschaften“ übertragen wurde. Unter seiner Leitung entstand in den kommenden Jahren die Siemensstadt, die 1913 sage und schreibe 24.000 Menschen beschäftigte.

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Karl Janisch 1921

Karl Janisch 1921         (Abb.: Siemens)

 

Der Architekt des Biesdorfer Gutskuhstalles ist also schon eine Berliner Berühmtheit. Er baute später auch die Luftschiffhalle in Biesdorf. Auch für den Kuhstall hat Chronist Johannes Lehmann eine knappe und korrekte Beschreibung hinterlassen: „Er enthält Platz für 70 Stück Milchkühe, und den nötigen Boden-Futterraum, alles hell, luftig und gut ventiliert. Es ist ein moderner Stallbau mit freitragender Decke aus Stampfbeton, alle Räume sind richtig und praktisch berechnet. Die Baukosten betrugen 40.000 M.“

Kuhstall Gut Biesdorf3

Die freitragende Decke wird durch diese Konstruktion im Dachgeschoss gehalten. Zur Sanierung gehört, dass der trägerlose Stallbereich wieder hergestellt wird.

 

Auch wenn das ehemalige Gut durch die Wohnbebauung eine neue Zweckbestimmtheit erhält: das historische Grundstück mit den drei zu sanierenden Baudenkmälern wird dann seine Zugehörigkeit zum historischen Biesdorf strukturell besser demonstrieren können. Mit seiner Begehbarkeit wird es wieder sinnlich erfahrbar. Biesdorf war in der Siemens-Zeit nah dran am globalen Rhythmus – Wilhelm von Siemens versorgte Gut und Schloss sehr schnell mit selbst produziertem Strom und experimentierte erfolgreich mit der drahtlosen telegraphischen Datenübertragung. Dennoch blieb Biesdorf die  Idylle vor der Stadt, in die die Berliner zum Entspannen kamen.

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Gaststätte Heese         (Sammlung Karl-Heinz-Gärtner)

 

 

(Axel Matthies)

 

 

 

 

 

 

 


Biesdorfer Blütenfest 2016 – viele positive Dialoge

 

Das diesjährige Biesdorfer Blütenfest hat ein überragendes Interesse gefunden. Unter dem Motto „17. Biesdorfer Blütenfest vom 5. bis 8. Mai: Die bunte Vielfalt im Schlosspark – vom Vatertag zum Muttertag“ organisierte der bewährte Veranstalter Präsenta GmbH Stimmung und Unterhaltung pur. Bei schönstem Frühsommerwetter, einem herrlich gepflegten Park in bester Blütenlaune und einem offenen Schloss herrschte bei den insgesamt 50.000 Besucherinnen und Besuchern gute Laune pur. Am Donnerstag, Sonnabend und Sonntag konnten wir bei angekündigten Führungen durch das Schloss das ungetrübte Interesse der Menschen aus unserem und anderen, auch weiter entfernten, Bezirken Berlins hautnah erleben.

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Der historische Heino Schmieden im Festumzug

Der Festumzug begann mit einer Überraschung. Erstmals spazierte die historische Figur des Schlossbaumeisters Heino Schmieden im Festumzug mit. Diese im Festkomitee des Blütenfestes entwickelte Idee hat sich als voller Erfolg erwiesen. Schon im Verlaufe des Festumzuges war die von Herrn Eberhard Schollmeier dargestellte historische Figur in ausgezeichneter Maske und Kostümierung ein beliebtes neues Fotomotiv.

Heino Schmiedn und Ernst Kraas

Heino Schmieden mit seinem Urenkel Prof. Dr. Kraas im Festumzug

 

Der Dialog des Baumeisters Schmieden mit seinem Urenkel Prof Dr. Kraas und dessen Tochter und Enkelin (der Ur-Ur-Ur-Enkelin) auf der Bühne schufen einen würdigen  Programmpunkt, der in origineller Weise auf Geschichte und fast vollendeten Wiederaufbau des Schlosses hinwies und zugleich Dank an Bauleute und Bauherrn war.

Performance Schmieden Kraas

Hier können Sie den Dialog nachlesen: Begegnung Schmieden mit seinem Urenkel

 

Führungen im Schloss

Natürlich hatte das Interesse am Schloss viele Besucher angelockt. Und so nahmen an den drei Schlossführungen mehr als 1200 Menschen teil. Führungen und einleitende Vorträge teilten sich Kulturstadträtin Juliane Witt und unser Vorstandsvorsitzender Dr. Heinrich Niemann. Etwa  340 Interessierte hörten die vier Kurzvorträge über den Wiederaufbau. Das zahlenmäßig größte Besucherinteresse verzeichneten wir mit etwa fünfhundert am Himmelfahrtstag,  so dass Führungen und Einführungsvortrag wiederholt werden mussten.

Einführungsvortrag Witt   Einführungsvortrag Niemann

 

Es erfolgten weitere Besichtigungen mit kleinen Gruppen, so mit der Delegation des Partnerbezirks aus Budapest oder einer Gruppe von Abendschülern (Abitur) aus Bonn.

Viele positive Dialoge

Die Besucher_Innen zeigten sich sehr interessiert und beeindruckt vom neuen Schloss, besonders die bauliche Qualität wurde gelobt. Oft wollten sie kaum glauben, dass schon in diesem Jahr, am 9. September, das Schloss eröffnet wird.

Die Fragen und Erwartungen konzentrierten sich auf folgende Themen:

Sehr häufig: Wird  der Turm für Besucher zugänglich sein? Das gehört doch jetzt einfach dazu.

Wie wird die künftige Nutzung als Galerie, welche Kunstwerke sollen ausgestellt werden?

Wird man im künftigen Café auch einen Kaffee trinken können ohne Eintritt zu bezahlen?

Wird es neben der Galerie auch andere Veranstaltungen im Schloss geben? Wird überhaupt das Schloss dauerhaft, also im Prinzip täglich geöffnet und zugänglich sein?

Wird es auch im neuen Schloss einmal möglich sein, private Familienfeiern  durchzuführen?

Erneut zeigte sich die große Bindung vieler Besucher zum Biesdorfer Schloss. Sie erzählten über frühere Ereignisse und ihre Erlebnisse im Schloss und im Park. Einzelne schauten sich auch die Räume bis in den Keller genau an und verglichen alles mit dem ihnen erinnerlichen früheren Zustand.

Eindrücke vom Vortrag

Der Vortrag am Sonntag, dem 8. Mai um 13.00 Uhr „Schloss Biesdorf als Ort der Kunst. Ein Ausblick“  im Rahmen der Vortragsreihe unseres Vereins mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf, moderiert von Prof. Dr. Zellmer, wurde dankenswerter Weise von Kulturstadträtin Juliane Witt übernommen, da kurzfristig eine Absage von Frau Aßmann – Grün Berlin GmbH – erfolgt war. Zugegen waren hundert erwartungsvolle Besucher_Innen. Dabei griff Frau Witt auf die Power-Point-Präsentation der Grün Berlin zurück, aus der wir Ihnen ein paar Schlüsselsätze zitieren können.

Schloss Biesdorf hat das Potenzial für einen hervorragenden Kultur- und Tourismusstandort durch die Verbindung von Kunst und Architektur mit dem Park.

Das Schloss soll ein Schaufenster sein, Plattform für regionale Kunst und Kunst im öffentlichen Raum.

In Kooperation mit der Stadt und Land GmbH könnten „Artists in Residence“ im Schloss und Park arbeiten.

DDR-Kunst soll in die Gesamtdebatte historischer und zeitgenössischer Perspektiven eingebunden werden.

In Planung befinden sich folgende Themen:

Im ersten Halbjahr September 2016 bis April 2017 – „Auftragskunst – über Künstler und ihre Auftraggeber“

Kunst aus der DDR

Zeitgenössische Kunstproduktion

Grenzbereiche der Kunst zu anderen Disziplinen

„IGA Berlin 2017 und die Kunst“, Symposium

Schloss Biesdorf als Reflexionsort für „Erbe“

Im Juni sollen dann in einem Pressegespräch das künftige Konzept und auch die künftige Schlossleitung vorgestellt werden.

Insofern war es schade, dass Grün Berlin dieser Präsentation, die durchaus Substanz für eine Zuhörerdebatte hatte, fern blieb. An einem wunderschönen Sonntag mit allerbester Besucherlaune hätte der künftige Betreiber als ein Teil der Schlosscommunity dem Geist des Ortes lauschen und ihn wahrer verstehen können.

Das Blütenfest 2016 wird den Besucherinnen und Besuchern in bester Erinnerung bleiben. Es ist das Jahr der feierlichen Eröffnung des wieder hergestellten Schlosses Biesdorf in seiner historischen Gestalt, das nun modern für vielfältige Zwecke ausgestattet und für anregende und spannende Veranstaltungen bereit ist. Wir als Förderverein werden das Schloss weiterhin bürgerschaftlich begleiten.

 

Hier weitere Bilder vom Blütenfest

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Bühne

Flüchtlingskinder

Auch viele Flüchtlingsfamilien aus der Einrichtung Brebacher Weg waren zum Blütenfest gekommen

 

Dr. Nikutta Dr. Niemann

Die Biesdorferin ist oft und gern mit ihrer Familie in Schloss und Park: Frau Dr. Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der BVG; hier mit Herrn Dr. Niemann vor unserem Stand

 

 

 


Herbert Schirmer über das Kunstarchiv Beeskow

 

Der Vortrag von Herbert Schirmer am Montag, dem 14. März, im Biesdorfer Schloss zum Thema „Das Kunstarchiv in Beeskow – Potential, Projekte, Perspektiven“ war ein großes Symbol vor der Eröffnung des Schlosses am 9. September. Herbert Schirmer, der Begründer des Kunstarchivs Beeskow, offenbarte den 70 gekommenen Besucherinnen und Besuchern den Entwicklungsweg des Kunstarchivs seit Mitte 1990. Bevor wir ins Detail gehen wollen wir hervorheben, dass der Vorstandsvorsitzende unseres Verein, Dr. Heinrich Niemann, Herbert Schirmer auch als „Retter von Schloss Biesdorf“ vorstellte und begrüßte. Denn ohne den aufreibenden deutsch-deutschen Bilderstreit, in dessen Zentrum auch die Beeskower Kunstwerke und dabei der aktive Anteil Schirmers im Diskurs standen, hätte Schloss Biesdorf nicht den Förderzweck Galerie mit Kunstwerken aus Beeskow erhalten.

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Historische Zeit 1990

In seinem kurzweiligen Vortrag ließ Herbert Schirmer noch einmal die historische Zeit aufscheinen. Die am 18. März 1990 gewählte letzte DDR-Regierung hatte den Auftrag, das staatssozialistische Land abzuwickeln. Zu dieser Regierung gehörte Herbert Schirmer als Kulturminister. Schirmer war in der DDR im Kulturbereich tätig gewesen, seit 1985 Mitglied der CDU (ausgetreten 1992) und in der Endzeit der DDR politisch aktiv geworden. So gelangte er in die Regierung von Ministerpräsident Lothar de Maizière und wurde zum Retter der sogenannten Auftragskunst. Während andere Ministerialbereiche sich willig der Abwicklung unterwarfen (zur Erinnerung: Einigungsvertrag – Unterhändler DDR Dr. G. Krause), sah es Schirmer von Anfang an als seine Aufgabe, die Kunstwerke ordentlich zu sammeln, unterzustellen und zu konservieren.

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Burg Beeskow

 

Er erinnerte an den Kulturfonds der DDR, der über Jahrzehnte Künstler gefördert, privilegiert aber auch in vielen Notsituationen gestützt hatte. Er berichtete, wie nach den vorhandenen Listen die Kunstwerke in den Einrichtungen der Parteien und Massenorganisationen der DDR gesucht und gefunden wurden, aber nicht selten nur noch der helle Fleck auf der Tapete vom Schicksal der Bilder kündete. In dieser chaotischen Zeit, in der die meisten Menschen mit der Rettung ihrer eigenen Existenz beschäftigt waren und andererseits einige wenige das unbeachtete Kulturgut privatisierten (sicher oft in gut gemeinter Obhutsverantwortung), wollte Schirmer Pflichtbewusstsein zeigen.

Nach Sicherstellung eines Großteils der Kunstwerke war sein Plan, die staatlichen Museen zum Zielort dieser Artefakte zu machen. Vor allem aber Dresden und Berlin sperrten sich. So musste eine Länderlösung nach Vorbild der bundesdeutschen Strukturen gefunden werden.

Das „Sondervermögen“ geht nach dem Fundortprinzip in das Eigentum der jeweiligen neuen Bundesländer über. Die Länder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin entscheiden sich für einen Länderverbund. Der Kunstbestand kommt nach Beeskow. Auf der Festung Königstein entsteht eine vom Kunstfonds des Freistaates Sachsen betriebene Forschungs- und Erfassungsstelle, in Halle/Saale eine Dokumentationsstelle zur Erfassung von Kulturvermögen des Landes Sachsen-Anhalt und in den Meininger Museen lagert der Kunstbestand der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, der in das Eigentum des Freistaates Thüringen überging. Ein von der Treuhand finanziertes dreijähriges Programm sieht eine gemeinsame Bearbeitung des Bestandes vor. Leiteinrichtung ist die Burg Beeskow.

(Zitiert nach: www.kunstarchiv-beeskow.de)

 

Vielfältige anregende Ausstellungstätigkeit

Herbert Schirmer wird die Leiteinrichtung Burg Beeskow bis 1999 führen. Von der Leiteinrichtung geht nun eine rege Ausstellungstätigkeit aus. Durch Beeskow wird mehr als ein Dutzend Ausstellungen kuratiert, die auch außerhalb der Burg gezeigt werden. Einige Beispiele sollen zeigen wie vielfältig und differenziert sich diese Auftragskunst präsentieren und interpretieren lässt.

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Erste öffentliche Präsentation des Sammlungs- und Dokumentationszentrums Kunst der DDR. Lothar de Maiziere und der brandenburgische Kulturminister Steffen Reiche sprechen zur Eröffnung. Die Ausstellung zählt 66.000 Besucher.

 

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„… ein stetiges Wechselbad der Gefühle! Erfreuliche Neuentdeckungen, mitunter nur eine Enttäuschung gegenüber alten Bekannten, die man gezielt und erwartungsvoll gesucht hatte und sie nun wie durch eine andere Brille sehen konnte.“
(Otto Kummert, Zur Ausstellung)

 

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Das Stillleben wurde in der Kunst der DDR nicht durch Aufträge geförderte, es diente in der Mehrheit individuellen Studienzwecken, wobei heute noch das Handwerkliche überzeugt. Die Ausstellung mit 49 Gemälden und 10 Grafiken zeigt, dass die Grenzen vom Stillleben zu anderen Kunstgattungen immer fließend waren. Neu sind Gegenstände aus der Arbeitswelt: Zentralheizung statt Biedermeiermöbel, Glühlampe statt Kerze, Thermoskanne statt Weinkrug, Büchsenwurst statt ganzer Fisch.

 

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Im Werkbestand des Kunstarchivs Beeskow befinden sich rund 300 Porträts, darunter Gemälde und Kleinplastiken, auf denen Politiker, Künstler und Geistesgrößen dargestellt wurden, aber auch einfache Menschen aus Betrieben und aus dem Alltag, aus der Nachbarschaft und den Nachbarländern, ebenso wie Kinder und Alte. Die Ausstellung „Helden auf Zeit“ fragt nach dem Stellenwert dieser Porträts in der Kunst der DDR, und sie befragt die Künstler, die das Porträt als wichtige Ausdrucksform in ihrem künstlerischen Schaffen betrachteten.

 

Nach dieser Übersicht legte Herbert Schirmer einen „Werbeblock“ ein und lud zu dieser brandneuen Ausstellung:

Junge Kunst im Auftrag 2016

Wir hatten über dieses Projekt, das Bernd Ludewig innerhalb unserer Vortragsreihe im Januar 2015 vorstellte, berichtet.

Bevor der Referent im abschließenden Teil einige persönliche Wertungen der Beeskower Kunst vornahm, berührte er das Thema des Neubaus für die sachgerechte Unterbringung der Kunstwerke. Während der Architektenwettbewerb längst abgeschlossen ist, konnte bisher keine Finanzierung erschlossen werden. Im Gegenteil: das Brandenburgische Kultusministerium hat mit einem Gutachten zur Zukunft des Archivs eher Unruhe geschürt. Das Gutachten will nicht ausschließen, dass ohne einen Neubau Beeskow in einen Dreiverbund mit den Museen Junge Kunst in Frankfurt/O. und Dieselkraftwerk Cottbus überführt wird. Damit bliebe Beeskow unqualifizierter Ort der Aufbewahrung oder lediglich „Bilderstau“, wie die Kunstwissenschaftlerin Marlene Heidel in ihrem Buch „Bilder außer Plan“ formuliert hatte. Das Kunstarchiv verlöre damit seinen besonderen Auftrag, das gesamte hinterlassene Auftragswerk wissenschaftlich zu erschließen. Es bestehe allerdings die Hoffnung, so Schirmer, dass das jetzige Kreisarchiv, 150 Meter entfernt von der Burg gelegen, in den nächsten Jahren diese Funktion übernehmen könnte. Der Baukörper sei für die Aufgabe hervorragend geeignet.

 

Persönliche Bildbewertungen

Seine bemerkenswerte Betrachtung ausgewählter Kunstwerke stellte Schirmer in den Spannungsbogen Erfüllungsbilder – Problembilder. Eins seiner Lieblingsbilder, das hatte er vor kurzem bereits in einer Fernseh-Kultursendung betont, ist die „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ von Hans Jüchser aus dem Jahre 1952.

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Es hing bis zum Schluss im Arbeitszimmer des langjährigen Vorsitzenden der CDU der DDR Gerald Götting. Wer solch ein Bild besitzt, so Schirmer, hat Kunstverstand.

 

Ein bei vielen älteren Ostdeutschen gut erinnertes Bild ist „Jugendweihe“ von Rolf Schubert aus dem Jahre 1978. Das Bild hatte dadurch für Diskussionen gesorgt, dass es das nahezu gläubig verkündete Zukunftsversprechen jeder Jugendweihefeier mit dem anschließenden Familienbesäufnis kollidieren ließ.

Rolf Schubert, Jugendweihe. 1978

 

Die Normalität solcher Feiern in Ost wie West erfuhr Schirmer bei einer Gastausstellung in Krefeld. Eine Dame sagte ihm im feinsten Rheinländisch: „Ja meinen Sie denn, dat sieht bei unseren Firmungsfeiern völlich anders aus?“ Das war zwar keine Antwort auf die damalige Diskussion im DDR-Kontext, entkleidete diese aber dem heiligen Schauer der Ideologie.

Ein interessantes und kaum erinnertes Bild ist „In der Kaufhalle“ von Harald Metzkes aus dem Jahre 1980. Die tausendfach erlebte Kaufhalle wirkt hier beengend, ja bedrohlich, postmodern erinnernd an den Film „Modern Times“ von Chaplin.

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Als überzeugten Künstler von Erfüllungsbildern bezeichnete Schirmer den Maler Günther Brendel. Von Brendel sind in Beeskow 31 Werke dokumentiert. Zu ihnen gehört „Soldat mit Frau und zwei Kindern“ aus dem Jahre 1987, das ausdrücklich dem 75. Geburtstag von Erich Honecker gewidmet ist.

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Günther Brendel war in der Öffentlichkeit als künstlerischer Dokumentarist der Errichtung des neuen Stadtzentrums in der damaligen Hauptstadt der DDR sowie des Stadtbezirks Marzahn bekannt geworden.

Herbert Schirmer verwies ergänzend stolz auf Arbeiten von Fritz Cremer und Gustav Seitz im Bereich der Plastik, im Bereich Grafik nannte er die Namen Carlfriedrich Claus, Herta Günter und Manfred Butzmann, die beispielhaft mit Arbeiten vertreten seien. Diese Substanz, so Schirmer, werde ausreichen für eine Reihe von qualifizierten Ausstellungen im Schloss Biesdorf. Gerade im Bereich der Grafik gelte es noch viele Perlen zu bergen. Er hob die Forschungen einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin zum grafischen Gesamtwerk in Beeskow hervor; wir werden im Herbst in einem Vortrag darüber berichten.

 

Entschlossene Diskussion

Die anschließende intensive Diskussion offenbarte sowohl die großen Erwartungen als auch die Sorgen der künftigen Schlossbesucher. Unverständnis bestand einhellig darüber, dass ein halbes Jahr vor der feierlichen Eröffnung des Schlosses weder ein Konzept noch erkennbare Arbeitsschritte des Betreibers bekannt geworden seien. Da konnte auch die Information nicht besänftigen, dass der künftige Betreiber erst seit Februar dieses Jahres vertraglich verantwortlich ist und intensiv daran arbeitet, sein Konzept im April öffentlich zu machen. Befürchtungen wurden auch dahin gehend geäußert, dass das Konzept Galerie mit Werken aus dem Kunstarchiv Beeskow aufgeweicht werden könnte; trotz Einladung durch unseren Verein war niemand von der Grün Berlin GmbH zu diesem bedeutsamen Termin erschienen. Immerhin ging es darum, den genius loci, den Geist des Ortes einmal tief zu atmen. Viele hätten, so eine Besucherin, für Schloss Biesdorf gekämpft. Jetzt, wo der schwierige Pfad erfolgreich beschritten worden sei, erwarte man eine engagierte Übernahme und Betreibung.

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Herbert Schirmer schloss mit einem Plädoyer für die Beeskower Kunstwerke. In allen Epochen sei Kunst unter den verschiedensten gesellschaftspolitischen Bedingungen entstanden. Die Kunstwerke aus der DDR hätten im Nenner Substanz. Sie brauchten sich nicht verstecken, für Beeskow bestehe überhaupt kein Grund an Selbstaufgabe zu denken. Die drei Patronatsländer dächten nicht einmal daran, mehrfach vorhandene Grafikblätter zum Verkauf frei zu geben, um Geld einzunehmen oder Platz zu gewinnen. Er freue sich über das schön rekonstruierte Schloss Biesdorf und auf viele intelligent arrangierte Ausstellungen durch den künftigen Betreiber. Dieser Abend, das spürten die Besucher, hatte noch einmal namhaft und nachhaltig ihre Interessen zum Ausdruck gebracht – die Spannung vor der Eröffnung ist deutlich.

 

(Axel Matthies)


Nutzungsvertrag für Schloss Biesdorf unterzeichnet

 

Am Dienstag, dem 2. Februar 2016, unterzeichneten die Bezirksstadträtin für Jugend und Familie, Weiterbildung und Kultur, Juliane Witt, der Geschäftsführer der Grün Berlin GmbH, Christoph Schmidt und der Prokurist der Grün Berlin GmbH Helmut Siering den Nutzungsvertrag für den zukünftigen Betrieb des Schlosses Biesdorf.

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Helmut Siering, Stadträtin Juliane Witt und Christoph Schmidt (v.l., Foto: Kiez-Eule Berlinmarzahn)

 

Mit dem Vertrag wird geregelt, dass die Grün Berlin GmbH das Schloss Biesdorf als Betreiber nach der Vollendung des Wiederaufbaus ab dem 1. August 2016 zunächst für die Dauer von zehn Jahren zum Zwecke der kulturellen Nutzung übernimmt. Die Grün Berlin GmbH wird das Schloss zu einem herausragenden Kultur- und Tourismusstandort und vor allem als Zentrum für Kunst, aber auch als einen lebendigen Veranstaltungsort entwickeln. Entsprechend den Fördervorgaben widmet sich die programmatische Ausrichtung von Schloss Biesdorf dem kulturellen Erbe im Kontext zeitgenössischer Kunst.

Neben der Präsentation von bildender Kunst, insbesondere aus dem Bestand des Kunstarchivs Beeskow, geht es gleichermaßen um die Entwicklung unterschiedlicher Formate der Kunstbegegnung und der Kunstvermittlung – um ein überregional wirksames Konzept, das mit vielfältigen Kooperationen und Netzwerken befördert werden soll.

Der Geschäftsführer der Grün GmbH, Christoph Schmidt, verlieh seiner Freude Ausdruck, dass die Grün Berlin GmbH ein solch hochwertiges Haus mit einer einzigartigen Architektur- und Nutzungsgeschichte und damit eine sehr anspruchsvolle Aufgabe übernehmen wird und bedankte sich ausdrücklich für das Vertrauen. Die Grün Berlin GmbH werde als verantwortungsbewusster und verlässlicher Partner des Bezirksamtes agieren. Er verwies darauf, dass sich Schloss Biesdorf auch im Rahmen der IGA Berlin 2017 als ein wichtiger Kulturort etablieren wird. Nutzungskonzept und personelle Entscheidungen werde die Grün GmbH im April 2016 öffentlich vorstellen.

Bezirksstadträtin Witt nutzte die Gelegenheit, sich im Namen des Bezirksamtes bei allen bislang an der Fertigstellung des Hauses beteiligten Akteuren zu bedanken und hob hier vor allem die Planungsgemeinschaft PMS-Pinardi, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bezirksamtes sowie die engagierten Impulsgeber der Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf e.V. hervor.

Für den Wiederaufbau des Hauses werden insgesamt Fördergelder in Höhe von 10,35 Mio € verwendet, davon 3,5 Mio € aus dem EFRE-Fonds, 3,5 Mio € von der Deutschen Klassenlotterie Berlin und 3,1 Mio € aus dem Haushalt des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf.

 

Die feierliche Eröffnung des Schlosses findet am 9. September 2016 um 14 Uhr in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) statt.


Enormer Besuch bei Besichtigungstermin im Schloss

 

Die zunächst letzte öffentliche Führung durch das wiederaufgebaute Schloss Biesdorf fand am 14. Dezember statt. Ab 2016 beginnt dann eine Reihe von Veranstaltungen, ehe das Schloss am 9. September feierlich eröffnet wird.

Über 40 Bürgerinnen und Bürger überwiegend aus unserem Bezirk waren der Einladung unseres Vereins und der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf erwartungsvoll gefolgt. Alle waren schon bei Betreten der Schlosstreppe beeindruckt vom Licht und der Weite des Gebäudes. In der Einführung im großen Saal durch unseren Vorstandsvorsitzenden Dr. Heinrich Niemann liefen noch einmal die großen zeitlichen Linien der jüngeren Schlossgeschichte durch: Er zeigte die miserable Bausubstanz am Ende der 1980er Jahre, die ersten Bemühungen, dass Schloss vor weiterem Verfall zu schützen und zu sanieren und sodann die verantwortungsbewusste Arbeit des Stadtteilzentrums Biesdorf, Träger BALL e.V., das Schloss mit sozialer Arbeit zu schützen und für hilfsbedürftige Menschen einerseits und kulturell interessierte Bürger andererseits zu erfüllen. Auf dieser Basis waren dann die Erneuerung der Außenhaut unter Regie unseres Vereins und der Abschluss endgültiger Verträge mit Fördermittelgebern für ein künftiges Bilderschloss mit Kunstwerken aus der DDR aus dem Kunstarchiv Beeskow sowie der Wiederaufbau des Obergeschosses in Regie des Bezirksamtes durch die Architektenteams Pinardi und PMS und viele Bauleute der krönende Abschluss einer umfassenden Rettungsaktion. Natürlich vergaß Dr. Niemann nicht darauf hinzuweisen, dass der Traum vom Wiederaufbau des Schlosses ohne den langjährigen Vereinsvorsitzenden Dr. Günter Peters womöglich ein Traum geblieben wäre.

Beim anschließenden Rundgang durch das Schloss wurden interessante Fragen vorgetragen. So ging es noch einmal um die Bausubstanz zu Beginn der Sanierung und die daraus resultierende Verteuerung der Sanierung. Es gab Fragen zur künftigen Nutzung und zu der weiteren Verantwortungswahrnehmung im Schloss durch unseren Verein. Zu letzterer Frage wurde ausgeführt, dass Schloss und Park weiterhin dem Bezirk gehören, die Betreibung aber künftig durch die Grün Berlin GmbH erfolgen wird. Unser Verein möchte gerne fürderhin Verantwortung übernehmen und führt dazu Gespräche mit Grün Berlin. Schloss Biesdorf soll ein Kulturleuchtturm in unserem Bezirk mit Ausstrahlung auf Berlin und Deutschland sein. Daher muss ein ausgewogener Mix zwischen etablierter Kultur und lokalen Erwartungen gefunden werden. Aber Marzahn-Hellersdorf hat da einiges zu bieten.

Alle Besucherinnen und Besucher zeigten sich angetan von dem edlen Ambiente und der hochwertigen Verarbeitung. Auch die Ausleuchtung fand Anerkennung. Es war eine große Vorfreude bei allen festzustellen.

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Erleuchtetes Schloss im Dezembernebel

 

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Der Porticus

 

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„Bilder außer Plan“ – eine Buchvorstellung

 

Der deutsch-deutsche Bilderstreit, der vor 25 Jahren hysterisch startete, beginnt sich mittlerweile in mildem Abendlicht zu präsentieren. Es bedurfte einiger Anstrengungen.

Bereits 1990 hatte der aus Ostdeutschland stammende Maler Baselitz behauptet, die Maler aus der DDR seien „keine Künstler“ oder „einfach nur Arschlöcher“ gewesen. Darauf steigerte sich der Streit im Jahrestakt zum ideologisch überformten kreischenden Krawallgesang, der in der Skandalausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“ 1999 in Weimar gipfelte. Noch während der Ausstellung entbrannte ein erbitterter Streit über die Kunstwerke, die wie „Geschichtsmüll“ dargestellt worden waren. Mehrere Künstler forderten die sofortige Rückgabe ihrer Werke oder entfernten diese selbst. Nun trat in den westdeutschen Feuilletons eine Atempause, mittelfristig Bedacht ein. Vor fünf Jahren, im Oktober 2010, konnte der Kulturwissenschaftler Eduard Beaucamp, Kunstkritiker und langjähriger Leiter des F.A.Z.-Feuilletons, bei einem Vortrag in Frankfurt/M. vorläufige Bilanz ziehen:

 „Trotz aller Attacken und Ausgrenzungsmanöver hat die qualifizierte Ostkunst den Vitalitätstest glänzend bestanden… Das eindrucksvollste, anspruchsvollste und schönste Kunstwerk aus der Zeit der DDR, Tübkes monumentales Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen, das wenige Wochen vor dem Mauerfall 1989 eröffnet worden war, ist mit noch immer fast hunderttausend Besuchern im Jahr zu einer Publikumsattraktion in Thüringen und Deutschland geworden.“

„Trotz allem Auf und Ab in den letzten zwanzig Jahren, trotz allem Hin und Her, trotz der vielen Intrigen und Konflikte möchte ich mit einer optimistischen Prognose enden. Was am meisten ermutigt, ist das Publikum, zumal das Westpublikum, das sich nicht von den Kartellen und Seilschaften des Kunstbetriebs beeindrucken lässt. In den kunstliebenden, kunstkennerischen Kreisen ist die qualifizierte Ostkunst längst angekommen und eingebürgert.“

Eduard Beaucamp (Foto FAZ)

Eduard Beaucamp (Foto F.A.Z.)

 

Entwicklung eines jungakademischen Diskurses

Parallel zu den Entwicklungen in den Feuilletons und „Kunstkartellen“ hatte sich, eher von der Öffentlichkeit unbemerkt, ein akademischer Diskurs aufgebaut, der insbesondere von jungen Kunst- und Kulturwissenschaftler_innen angeführt wird. An der Leuphana Universität Lüneburg etablierte sich ein jungakademischer Kreis unter Leitung von Elize Bisanz, der Kultursemiotik, zeitgenössische Kunst und europäische Integration als verknüpftes Forschungsfeld sich auserkoren hatte. Unter den teilhabenden Studierenden sowie Graduierten nahm Marlene Heidel eine auffällige Stellung ein, sie war Projektkoordinatorin und Mitherausgeberin. Sie ist die Autorin des jetzt vorzustellenden Bandes „Bilder außer Plan“, der sich vielschichtig mit dem Kunstarchiv Beeskow befaßt; zugleich ihre Dissertationsschrift, die mit „summa cum laude“ bewertet wurde. Diese trägt den Titel „Die Un­vor­her­sag­bar­keit der Kunst. Me­cha­nis­men des kul­tu­rel­len Wan­dels am Bei­spiel der DDR-Kunst“ und wurde 2015 mit dem Nachwuchspreis Forschung der Leuphana Universität Lüneburg bedacht. Von 2009 bis 2012 belegte sie eine Forschungsstelle in Beeskow.

Bilder außer Plan

 

Hochkomplex und materialreich

Die Arbeit ist mit mehr als 240 Seiten äußerst voluminös. In der Einleitung erklärt die Autorin ihre wissenschaftlichen Ambitionen. Ihr Ansatz sei selbstverständlich nicht, die Kunst aus der DDR lediglich als Artefakte einer abgeschlossenen Vergangenheit bzw. einer längst untergegangenen Gesellschaftsordnung festzuschreiben. Ihre Methode ist „die einer kulturwissenschaftlichen Denk- und Wahrnehmungsraumschaffung, die mittels kunst- und bildwissenschaftlicher, kulturtheoretischer und kultursoziologischer Ansätze die Aufmerksamkeit gegenüber der ästhetischen Funktion der Werke in den Diskurs setzt Zudem ermöglicht die Mehrperspektivität eine aufschlussreiche Kopplung zweier untrennbar miteinander verbundener Zugänge zur ästhetischen Funktion eines Werkes: zum einen der Zugang über die künstlerische Struktur und zum anderen über die Verortung des Werkes innerhalb der Kultur.“ (S. 10) Auf einen einfachen Nenner gebracht: vom Bilderstreit zum Bild vorrücken.

Mit diesem methodischen Grundansatz arbeitet sich Marlene Heidel durch die 6 Kapitel ihres Buches, die sie in der Einleitung so beschreibt (es handelt sich um eine Zitatmontage, die wegen der Textübersichtlichkeit aber nicht gekennzeichnet wird):

Im Kapitel I wird der Bilderstau als Begriff eingeführt, der einen Zugang zum überfüllten Archiv und den damit verbundenen kulturellen Vorgängen ermöglicht. An dieser Stelle wird nach Ursachen für die Verdrängung der Bilder, für ihre Randstellung im kollektiven Gedächtnis gefragt und für eine kontinuierliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Beeskower Kunstbestand – die bis jetzt noch aussteht – argumentiert.

Das Kapitel II wendet sich der Genese und dem Korpus des Kunstarchivs Beeskow zu, da über diese die Fixierung der Werke auf die Vergangenheit und die Aberkennung ihres Kunstcharakters, ihre Verdrängung konkret nachvollzogen werden können. Gleichzeitig wird damit erstmals die komplexe Geschichte dieses Archivs rekonstruiert. Erinnert werden in diesem Zusammenhang vergessene, abgespaltene Teile. Damit zeigt sich, dass das Kunstarchiv weitaus mehr Dimensionen umfasst als den Fokus auf die DDR-Auftragskunst.

Im Kunstarchiv Beeskow

Die gestauten Bilder

 

Dem Forschungsstand zur Kunst aus der DDR von 1989 bis heute wendet sich das Kapitel III zu. Es zeichnet nach, wie sich arrivierte Forschung und der Ausstellungsbetrieb über zwei Dekaden vor allem auf das Kulturfördersystem, die politische Ikonographie sowie die Provenienz hinsichtlich der Kunst aus der DDR konzentrierten. Aus diesen Interessenfeldern gingen wichtige Erkenntnisse und Publikationen hervor. Zu selten tauchte in Forschungspraxis und -plänen jedoch der Blick auf das Bild, seine Sprache, seine Form und die damit verbundene ästhetische und symbolische Funktion der künstlerischen Arbeiten auf.

Vertieft wird der Zugang zur ästhetischen Funktion und der kulturellen Verortung der Werke im »Kulturwissenschaftlichen An- und Einsatz« mit Lotmans Kulturtheorie sowie mit dem Begriff der Bildsphäre von Elize Bisanz im Kapitel IV. Kultur ist abhängig von ihrer Beobachtung. Eine besondere Bedeutung kommt daher der Wahl des wissenschaftlichen Modells zu, denn sie entscheidet über das Wissen, das in der Beobachtung entsteht und bezogen auf das Kunstarchiv Beeskow zur Grundlage für weitere kulturpolitische Entscheidungen werden kann. Aus diesem Grund kommt in dieser Arbeit der Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Beobachtungsinstrumentarium eine besondere Relevanz zu. Betrachtet werden dabei z.B. gewisse Ähnlichkeiten im heutigen Umgang mit künstlerischen und wissenschaftlichen Artefakten aus dem Raum des ehemaligen Staatssozialismus bzw. Staatskommunismus: Neben ihrer Exklusion aus dem kulturellen Gedächtnis besteht die Tendenz ihrer nachträglichen Politisierung.

Ein Vergleich zwischen dem Denken Lotmans und Luhmanns soll jedoch auf die Gemeinsamkeiten und Austausche jenseits der politischen Spaltung hinweisen. Dieses Kapitel ist dem Archiv der Wissenschaft gewidmet, als einem Ort, der für die Kommunikation über Kunst und somit für das Kunstarchiv von essentieller Bedeutung ist. Ohne eine entsprechende wissenschaftliche Praxis vor Ort hat das Kunstarchiv Beeskow kaum eine Zukunft.

Als Schlüsselbegriff zur ästhetischen Funktion diskutiert das Kapitel V den Begriff der Unvorhersagbarkeit innerhalb der Natur- und Kulturwissenschaft. Reagiert wird damit auf die These, dass Lotmans Kultursemiotik – wie auch die Kunst innerhalb des Staatssozialismus – vor allem ein Ausdruck des politischen Systems sei. Dem entgegen wird seine Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Unvorhersagbarkeit innerhalb der Wissenschaft verankert und auf seine Bedeutung für die Semio- und Biosphäre verwiesen. Als das Wesen der Kunst wird in dieser Arbeit das Hervorbringen des Außerplanmäßigen in Relation zu einem System verstanden. Dieser Überwindungscharakter der Kunst muss nicht auf das System bzw. die Sprache der Kunst beschränkt sein. Für Pierangelo Maset ist es »entscheidende Aufgabe der Kunst, Momente hervorzubringen, die stark genug sein können, jede Systemlogik zu überwinden«.

Nicht etwa das Abbild einer Systemlogik, sondern ein eigenes Bildprogramm sowie die Dominanz der ästhetischen Funktion zeigen sich in den vier Gemälden aus dem Kunstarchiv Beeskow, denen das Kapitel VI begegnet. »Junge Frau« von Christine Braun, »Im Turm« von Roland Borchers, »Sitzender« von Hans Aichinger und »Die Kreuzung« von Neo Rauch werden an die ästhetische Bildsphäre der Gegenwart und die Kunstgeschichte angebunden. Der ästhetischen Präsenz der Werke wird Raum gegeben und die Präsenz dieser vier Bilder – dieser Werke aus dem Ort der Verdrängung und der gestauten Kultur – innerhalb gegenwärtiger Bildsphären sichtbar gemacht.

 Bereits in dieser kurzen Anmoderation ist der hochkomplexe Charakter der Arbeit erkennbar. Er wird ergänzt durch einen enormen Materialreichtum. Marlene Heidel hat eine Arbeit vorgelegt, die gegenwärtig einzigartig ist. Das heißt aber auch, dass dieses Buch auf keinem Nachttisch liegen wird – es lässt einen nicht ruhen, sondern immer wieder nachdenken und anderswo nachblättern. Wenn man die Methode der Autorin und ihr wissenschaftliches Instrumentarium annimmt, kann man es mit großem Gewinn lesen. Auf vielen Seiten finden sich kleinere und größere Exkurse, die den Leser für einen Augenblick vom Hauptstrang weglocken, aber gleichzeitig enorm mit Wissen und kognitiver Empathie bereichern. Wir wollen das noch an der Besprechung des Bildes »Junge Frau« von Christine Braun zeigen.

 

Oszillation zwischen Malerin und Modell

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Christine Braun, Junge Frau. 1985

Seit der Autor dieser Zeilen, also ein subjektives Ich, die Titelseite dieses Buches betrachtete, fiel ihm nicht mehr zum Bild ein als: fahl, farblos, flach… Höchstens ein Vergleich mit einem anderen Bild drängte sich auf: dies könnte die Tochter der „Ausgezeichneten“ von Wolfgang Mattheuer sein. Marlene Heidel hat sich intensiv mit dem Bild beschäftigt und ausführlichst mit der Malerin Christine Braun telefoniert. Herausgekommen ist dieses.

Die Stunde null dieses Porträts ist das Verlassenwordensein. So sucht die Malerin diese immer existenzielle Erfahrung künstlerisch zu verarbeiten. Kunstgeschichtlich ist Christine Braun Edvard Munch eng verbunden. Ihr Bild nimmt Munchs „Der Künstler und sein Modell“ auf, ohne dabei epigonal zu arbeiten. In ihrem Selbstporträt „inszeniert sich Braun in verschiedenen kunsthistorisch tradierten Weiblichkeitsrollen: die Madonnenhafte; die Schöne; die Heldin Judith; die todbringende, dämonische Salome sowie das passive Modell“ (S. 215). Aber sie adaptiert nicht linear sondern lässt ihre junge Frau zwischen Malerin und Modell oszillieren. Marlene Heidel fasst zusammen: „Mit dem reflektierten Einsetzen und Ansetzen an Traditionen der Kunstgeschichte wirkt ‚Junge Frau‘ keineswegs als statisches Abbild. Die ikonischen Elemente entfalten ihre Bedeutung im Prinzip des Nicht-Identischen bzw. im Prinzip der Differenz. Damit gelingt Christine Braun… eine eigene ästhetische Bildfindung. Dies spricht nicht nur für eine gewisse Autonomie des Gemäldes, sondern auch für eine gewisse Autonomie der Malerin Christine Braun.“ (S. 216)

(Die Argumentation der Autorin musste hier stark verkürzt werden.)

An dieser Stelle sei auf die Homepage der Malerin Christine Braun verwiesen, auf der ihr weiterer künstlerischer Weg gut sichtbar und auch die Stellung dieses Selbstporträts im Vergleich zu anderen noch transparenter wird.

 

Fazit

Mit ihrem Buch will Marlene Heidel, wie sie schreibt, kein marktkonformes Großkonzept für das Kunstarchiv Beeskow entwerfen. Vielmehr sei diese Arbeit eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem besonderen Archiv und einzelnen Werken. Letztendlich soll die Verbindung zwischen den aus dem kulturellen Gedächtnis exkludierten Werken und der historischen sowie gegenwärtigen Bild- und Wissensproduktion aufgezeigt werden. „Die Zukunft des Kunstarchivs Beeskow wird im Wesentlichen davon abhängen, ob es gelingen wird, diese Verbindung zu reanimieren, herzustellen sowie aufrechtzuerhalten und das Depot im Sinne eines Archivs zu gestalten.“ (S. 135)

Für unseren Verein ist das Kunstarchiv Beeskow und seine Arbeitsfähigkeit eine Voraussetzung für das Bilderschloss Biesdorf. Wir haben in den zurückliegenden 14 Jahren alles getan, um Schloss Biesdorf zu retten und in eine zukunftsfähige Position zu befördern. Diese wurde mit den Fördermittelgebern als Bilderschloss („Bilderstreit“) definiert. Insofern sehen wir mit großem Respekt auf die eindrucksvolle Arbeit von Marlene Heidel und betrachten sie als Baustein für unsere weitere Argumentation für das Biesdorfer Schloss und dessen künftiges Konzept.

Ganz am Anfang dieses Beitrages hatten wir behauptet, dass der deutsch-deutsche Bilderstreit gegenwärtig in mildem Abendlicht erscheine. Zur Entkrampfung des Streites und zum aufrichtigen wissenschaftlichen Diskurs tragen diese Arbeit von Marlene Heidel und andere Arbeiten jüngerer Kunst- und Kulturwissenschaftler_innen wesentlich bei. Wir wünschen diesen Arbeiten eine weite Verbreitung.

 

Wenn Sie sich einen Eindruck vom Buch verschaffen wollen, klicken Sie hier.

 

Der rbb brachte am 3. Dezember 2015 in seiner Reihe „Stilbruch“ einen Beitrag über das Kunstarchiv Beeskow; mit Dr. Marlene Heidel. Sie können diesen bis auf weiteres hier nachbetrachten.


Marlene Heidel

Bilder außer Plan

Kunst aus der DDR und das kollektive Gedächtnis

Lukas Verlag Berlin 2015

271 Seiten, 43 teils farbige Abbildungen

ISBN 978-3-86732-218-8

30,00 Euro

E-Book 24,00 Euro

Marlene Heidel, Claudia Jansen

Marlene Heidel (v.) mit ihrer damaligen Kollegin Claudia Jansen im Kunstarchiv Beeskow (Foto MOZ)

 

 

(Axel Matthies)


Die Freude brach sich Bahn – mehr als 2000 Gäste besichtigten Schloss Biesdorf

 

Die Vorfreude war groß, die Erwartungen beträchtlich: schon ab 11.30 Uhr statt 12.00 Uhr stürmten die ersten Gäste zum Tag des offenen Denkmals am 13. September 2015 das neue, edle Schloss Biesdorf. Die ersten Blicke bestätigten die Hoffnungen: das ist ein Schloss, auf das man stolz sein kann und muss.

Erste Besucher

 

Den ganzen Tag brach der Ansturm der Gäste aus Marzahn-Hellersdorf und vielen anderen Stadtteilen Berlins nicht ab. Die sonst stille Albert-Brodersen-Allee im Schlosspark wurde zu einem Boulevard der Schlossfreunde.

Nun ist die Vision unseres Vereins Realität geworden. Die Mühen und die Beharrlichkeit haben sich gelohnt. Was vor 15 Jahren mit einer Bürgerinitiative und mit der Gründung unseres Vereins begann, um Schloss Biesdorf vor dem Verfall zu retten und seinen Wiederaufbau in seiner historischen Gestalt anzustreben, ist nun verwirklicht.

Der Tag des offenen Denkmals startete mit einer ordentlichen Eröffnung. Schlossherrin bis zum 30.6.2016 ist nun Kulturstadträtin Juliane Witt (LINKE). In ihrem Eröffnungsstatement dankte sie den Bauleuten sowie den Architekten und Bauüberwachern für ihre ausgezeichnete Arbeit. Alle Eckparameter der Sanierung seien eingehalten worden. Der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Andreas Geisel (SPD) erinnerte sich daran, dass er als Lichtenberger öfter Gast im alten Schloss war. Er sprach die Erwartung aus, dass hier Kunst vor Ort präsentiert werde, die den Menschen im Bezirk eine neue städtische Qualität verschaffe. Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD), der auch Finanzstadtrat ist, erwähnte natürlich, dass der Kostenrahmen leicht überzogen wurde. Ihm war wichtig zu sagen, dass die Initiatoren der Schlossrettung seinem Büro beinahe wöchentlich, wie er es ausdrückte, „auf den Keks gingen“. Aber das habe sich nun gelohnt.

Eröffnung

 

Der so Angesprochene – Dr. Heinrich Niemann, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V., – ließ die freundlich gemeinte Erinnerung abperlen: „Aus eigener langjähriger Verwaltungserfahrung weiß ich, was Bürger leisten können, wenn man sie ernst nimmt.“ Und mit einem Blick nach oben erklärte er, dass Dr. Günter Peters, der große Antreiber des Projektes, jetzt freundlich lächelnd bei der Eröffnung dabei sein wird. Dann schlüpfte Dr. Niemann wieder in die Rolle des Dichters und trug seine Zueignung zum Bau-Ende vor.

Zueignung        Gedicht Schloss Biesdorf zeigt als Schönheit sich

 

Daran schloss sich über Stunden ein intensives Kulturprogramm an, das vom Jugendsinfonieorchester Marzahn-Hellersdorf unter Leitung von Jobst Liebrecht eröffnet wurde. Eine große Tanzperformance „Schlossbilder“ der Deutschen Tanzkompanie aus Neustrelitz durch das ganze Haus schloss sich an. Am Nachmittag spielte das Swing-Trio unter Leitung von Hartmut Behrsing und danach hatte der Biesdorfer Kammerchor seinen ersten großen Auftritt im Schloss.

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Tanz

 

Parallel wurden mehrere Ausstellungen präsentiert. „Metamorphosen“ war die Ausstellung des Fotografen Werner Huthmacher aus dem Baugeschehen benannt. Dr. Oleg Peters und Waldemar Seifert präsentierten die Ausstellung „Schloss Biesdorf – Geschichte einer spätklassizistischen Turmvilla in Berlin“. Kinder und Jugendliche beteiligten sich ebenfalls mit künstlerischen Beiträgen; darunter Flüchtlingskinder aus der Unterkunft Blumberger Damm mit Zeichnungen, die sie mit Unterstützung des Ateliers Uffrecht angefertigt hatten – Titel: „Mit einem Koffer nach Berlin“.

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Im Fokus unseres Vereins standen die Vorträge im großen Saal im Obergeschoss. Um 14.00 Uhr eröffnete Prof. Johannes Bähr von der Goethe-Universität Frankfurt/M. in dem neuen Format „Biesdorfer Begegnungen“ den Vortragsnachmittag mit seinem Beitrag „Die Schlossherren Werner und Wilhelm von Siemens: Erfinder und Pioniere der Elektrotechnik und des Verkehrswesens“. In einem munteren Stundenvortrag, dem etwa 150 Gäste im völlig ausgelasteten Saal beiwohnten, erzählte der Wissenschaftler manche launige Anekdote.

Prof. Bähr

 

So begann Werner Siemens seine Weltkarriere in Berlin 1847 als Erfinder und Unternehmer in einer Kreuzberger Remise – sozusagen als „Startup-Unternehmer“. Nur 20 Jahre später verlegte die Firma die Indoeuropäische Telegrafenlinie und das Transatlantikkabel und schuf somit völlig neue Vernetzungen zwischen den Kontinenten. Die Dynamo-Maschine, also die Speichermöglichkeit von elektrischem Strom, schuf die Voraussetzungen für die Entwicklung der U-Bahn und Straßenbahn sowie elektrischer Schnelltriebwagen. Schloss Biesdorf wurde in der Siemenszeit (1887 bis 1927) von der technischen Ausrüstung her ein „High-Tech-Zentrum“, so Prof. Bähr. Die Entwicklung und der Bau von Luftschiffen in Biesdorf Süd, nahe des ehemaligen Fuchsberges, war dagegen weniger erfolgreich. Als im 1. Weltkrieg das deutsche Heer diese einsetzte, sie aber mit Phosphorbomben abgeschossen wurden, war das Kapitel Luftschiff bereits beendet. Prof. Bähr erinnerte abschließend daran, dass die Gemeinde Biesdorf ohne das engagierte Handeln der Siemens-Familie niemals eine so erfolgreiche Entwicklung hätte nehmen können.

Um 17.00 Uhr begann dann ein Doppelvortrag, den Prof. Arnold Körte und unser Vereinsmitglied Dr. Oleg Peters hielten. Prof. Körte referierte zu Martin Gropius, Dr. Peters über Heino Schmieden, den Architekt von Schloss Biesdorf. Gropius und Schmieden waren von 1865 bis 1880 in einer Architektensozietät verbunden. Sie prägten mit anderen Architekten wie Friedrich Hitzig, Ernst von Ihne, Paul Wallot, Alfred Messel, Ludwig Hoffmann und Peter Behrens die wohl wichtigste Bauperiode Berlins nach 1871, wie Dr. Peters hervorhob. Er stellte damit seine Schmieden-Biografie vor, die überhaupt die erste ist. Heino Schmieden war zu seiner Zeit ein äußerst produktiver Architekt und einer der berühmtesten. Er prägte zwischen 1866 und 1913 maßgeblich das Baugeschehen in Preußen bzw. im Deutschen Reich und natürlich unmittelbar in Berlin. Dr. Peters konnte den wiederum hochinteressierten Zuhörern eine Leseprobe gratis überreichen. Das voluminöse und reich illustrierte Werk wird im Herbst im Lukas Verlag Berlin erscheinen.

Leseprobe Cover 001-1

Dr. Peters

 

So verging der kompakt aggregierte Nachmittag wie im Flug. Bis zum Schluss guckten neugierige Köpfe in alle Räume. Unter den Gästen wurden u.a. die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau (LINKE), die Vorstandsvorsitzende der BVG, Sigrid Evelyn Nikutta, die Biesdorferin ist, sowie der ehemalige Gartenbaudirektor von Berlin, Klaus von Krosigk, der großen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung von Schloss und Schlosspark hat, gesehen. Mit Freude anwesend war der langjährige Bürgermeister von Hellersdorf bzw. Marzahn-Hellersdorf Dr. Uwe Klett. Dabei waren viele Mitglieder des Abgeordnetenhauses von Berlin und der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf. Altbürgermeister Dr. Harald Buttler und Stadträtin Dagmar Pohle (LINKE), die an diesem Tag verhindert waren, übermittelten herzliche Grüße.

Im Verlauf des Nachmittags konnten wir weitere aktive Weggefährten zum restaurierten Schloss Biesdorf begrüßen, denen wir an diesem Tag mit besonderem Dank verbunden waren: Christoph Schmidt, Geschäftsführer Grün Berlin GmbH; Prof. Dr. Ernst Kraas, Urenkel von Heino Schmieden und weitere Familienangehörige; Josef Batzhuber, Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes i.R.;  Peter Bielig, langjähriger Leiter des STZ Schloss Biesdorf; Raphael Abrell, Bauleiter der denkmalgerechten Sanierung des Schlosses 2002/2007; Jens Rieser, Verantwortlicher Mitarbeiter der Unteren Denkmalbehörde Marzahn-Hellersdorf bis 2011; Ernst Mahlo, Bauunternehmer in Mahlsdorf mit Bauleistungen und Sponsoring bei der Fassadensanierung des Schlosses 2002/2007; Monika Berndt, Biesdorfer Lehrerin i.R., die mit ihrem Brief im Jahre 2000 an den Bundespräsidenten Johannes Rau wichtige Unterstützungsschritte auslöste; Christel Peters, die Witwe von Dr. Günter Peters und Uwe Heß, den Vorstandsvorsitzenden des Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreises.

Auch Mitglieder unseres Vereins waren zahlreich erschienen. Die herausragende Stimmung animierte viele Besucherinnen und Besucher, Publikationen unseres Vereins zu erwerben. Unser Bestseller unter den 52 verkauften Exemplaren war wiederum „Rittergut und Schloss Biesdorf. Eine historische Aufzeichnung des Dorfschullehrers Johannes Lehmann aus dem Jahre 1914“.

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Für Schloss Biesdorf ist nun eine Zwischennutzung geplant, um auch die technische Infrastruktur des Gebäudes weiter zu ertüchtigen. Immer donnerstags, so plant es die Kulturstadträtin, soll das Schloss zu Veranstaltungen öffnen. Unser Verein Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf wird sich daran mit dem Format „Biesdorfer Begegnungen“ beteiligen. Am 1.7.2016 übernimmt dann der Betreiber Grün Berlin GmbH die Geschäfte. Und am 9.9.2016 wird Schloss Biesdorf als Bilderschloss feierlich eröffnet. Bis dahin werden die Fassade am Obergeschoss und die historischen Ornamente wieder hergestellt.

 

 


Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder spiegelt sich im Städel Museum Frankfurt/Main

Eine nahezu sensationelle Doppelausstellung zur figürlichen Malerei in der DDR und in der Bundesrepublik in der 1980er Jahren gibt es gegenwärtig im kleinen und großen Frankfurt zu sehen:

DDR EXPRESSIV – die 80er Jahre               

Frankfurt/Oder         31.5. – 27.9.2015

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Die 80er – Figurative Malerei in der BRD

Frankfurt/Main         22.7. – 18.10.2015

Wir machen Sie unverzüglich mit den begleitenden Texten zu den Ausstellungen bekannt und hoffen, später einen kunstkritischen Vergleich nachreichen zu können. Die spiegelbildlich veranlagten Expositionen zeigen schon beim ersten Augenschein Nähe und Ähnlichkeit der Bildkunstwerke. Ohne den Kritiken der Feuilletons der überregionalen Zeitungen vorweg zu greifen: in der figürlichen Kunst ist der Bilderstreit beendet oder wie der Kunstwissenschaftler Martin Schönfeld unlängst auf dieser Website titelte: „Vom Ende der Ideologie zum Triumph der Kunst“.

 

Johannes Heisig Rocker 1986

Johannes Heisig, Rocker. 1986

 

Helmut Middendorf, Sänger. 1981

Helmut Middendorf, Sänger. 1981

 

Welches Bild gehört in welche Ausstellung?

 

Aus dem Pressetext zur Ausstellung „DDR EXPRESSIV – die 80er Jahre“

Das Museum Junge Kunst in Frankfurt/O. feiert 2015 das 50jährige Bestehen. Die Vielschichtigkeit der Sammlung stellt der Beitrag von Sven Behrisch im „DIE ZEIT Museumsführer“ mit den Worten heraus: “Nicht in Berlin oder in München, sondern in Frankfurt (Oder) findet sich die wertvollste Kunstsammlung der Republik. Wertvoll nicht in materieller Hinsicht und auch nicht auf der Polke-, Rauch- und Richter-Skala. Die Sammlung des Museums Junge Kunst ist wertvoll, weil sie ausschließlich und lückenlos ostdeutsche Kunst zusammenträgt. Ein Schatz, den kaum jemand kennt.“ (Hrsg.: Hanno Rauterberg, DIE ZEIT Museumsführer – Die schönsten Kunstsammlungen – noch mehr Entdeckungen, Hamburg 2012, S. 97)

Zum Jubiläum widmet sich eine Ausstellung der Ausstellungsgeschichte, die andere konzentriert sich auf das letzte Jahrzehnt der DDR. Werke, stilistisch umschrieben mit dem Begriff des Neoexpressiven, stehen im Mittelpunkt. Aus den über 11.000 Arbeiten umfassenden Bestand wurden von 39 Künstlern bzw. Künstlerinnen rund 50 Malereien, 5 Plastiken, 20 Zeichnungen und 60 Druckgrafiken ausgewählt.

Das scheinbar Spontane, im letztendlich wohlproportioniert ausgewogenen Bild, das Dynamische und Instabile, das Übersteigerte und Deformierte, das Strahlende und das Glimmende überwiegen – kurz: das Dionysische siegt auf der Leinwand im politischen und wirtschaftlichen System der Stagnation, Agonie und der latenten Gewalt. Es ist ein ästhetischer Vortrag, der nicht darüber hinweg täuscht, der Mensch ist bedrängt und befangen: in seiner Aktion erstarrt… In den Bildern von Maja Nagel und Karla Woisnitza blinkt ein Humor auf, der sich aus diesem Korsett zu befreien versucht. Doch dieser bleibt die Ausnahme.

Weitere Themen wären die Ambivalenz des Eros (Klaus Süß, Elke Riemer, Werner Liebmann, Günter Hein) und der feministische Freigang im Land des Patriarchalen (Angela Hampel, Maja Nagel). Hinzu kommen die ikonografisch traditionellen Gruppenbilder und Porträts im funkelnden Hell-Dunkel-Sound urbaner seelischer Vereinsamung (Ellen Fuhr, Johannes Heisig). Wenige entfliehen dieser „Sinnsuche“ und hinterlassen „nur“ informelle Spuren ihrer momentanen Anwesenheit (Klaus Hähner-Springmühl, Jörg Sonntag) oder es tauchen Lineares und Fleckiges auf, trunken taumelnd zwischen Figur und Zeichen.

 

Bilder der Ausstellung

 

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Die Halle des Rathauses als Ausstellungsort

Ausstellungseröffnung31_5_2015 Armin Hauer

Ausstellungseröffnung mit Kurator Armin Hauer am 31.5.2015

Gerd Sonnag, Der rote Junge mit dem Hund. 1987

Gerd Sonntag, Der rote Junge mit dem Hund. 1987

Klaus Killisch Raucher 1987

Klaus Killisch, Raucher. 1987

Karla Woisnitza Sängerin IV 1986

Karla Woisnitza, Sängerin IV. 1986

Hans Scheib, Paar. 1986

Hans Scheib, Paar. 1986

Wolfgang Smy, Protest I - VII. 1988

Wolfgang Smy, Protest I – VII. 1986

Lutz Fleischer, Lackiererei. 1982

Lutz Fleischer, Lackiererei. 1982

Angela Hampel, Angela und Angelus. 1987

Angela Hampel, Angela und Angelus. 1987

Hans Scheuerecker, Akt. 1989

Hans Scheuerecker, Akt. 1989

Ellen Fuhr Nächtliches Café 1987

Ellen Fuhr, Nächtliches Café. 1987

 

Aus dem Pressetext zur Ausstellung „Die 80er – figurative Malerei in der BRD““

90 Bilder von 27 Künstlern zeigt das Städel Museum in einer umfassenden Ausstellung zur figurativen Malerei in der BRD, die um 1980 in der Berliner „Galerie am Moritzplatz“, in der Kölner Ateliergemeinschaft „Mülheimer Freiheit“, in Düsseldorf und Hamburg aufkam und innerhalb kürzester Zeit international rezipiert wurde. Aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus entstanden Bilder, die die Auseinandersetzung mit der Malereitradition, den Nachkriegsavantgarden und ihrer unmittelbaren Zeitgenossenschaft gleichermaßen suchten: Virtuoses „Bad Painting“ traf auf klassische Genremalerei oder inszenierten Dilettantismus. Offene, gebrochene, bewusst irritierende Kompositionen und Sinnstrukturen wurden zum gemeinsamen Nenner der heterogenen Bildproduktion.

Mehr als dreißig Jahre später wird mit der Frankfurter Schau eine kritische Revision dieser Malerei unternommen, die neben der Vielheit der Stile und Themen vor allem auch die kunsthistorische Bedeutung eines komplexen Phänomens sichtbar macht, das lange durch die Brille überkommener Diskurse und Klischees gesehen wurde.

 

Bilder der Ausstellung

 

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Das Städel begeht in  diesem Jahr sein 200jähriges Jubiläum

Martin Kippenberger, Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress. 1984

Martin Kippenberger, Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress. 1984

Werner Büttner, Mutwillig zerstörte Telefonzellen. 1986

Werner Büttner, Mutwillig zerstörte Telefonzellen. 1986

Walter Dahn, Der Höhepunkt des 20. Jahrhunderts. 1986

Walter Dahn, Der Höhepunkt des 20. Jahrhunderts. 1986

Rainer Fetting, Erstes Mauerbild. 1977

Rainer Fetting, Erstes Mauerbild. 1977

 

Kurator Armin Hauer (Frankfurt/Oder) über Gemeinsamkeiten und Grenzen der Bildproduktionen in Ost und West

In den Siebzigern brach in der „Westkunst“ eine Welle emotionsgeladener Malerei in den Kunstmarkt und -betrieb ein. Es tauchten Begriffe wie „Neue Wilde“ oder „Heftige Malerei“ in der Bundesrepublik, in Italien „Transavanguardia“, in Frankreich „Figuration libre“ und in den USA „Bad painting“ und „New Image Painting“ auf. Dieser Trend zur subjektiven und emotionsgeladenen Malerei ist fast zeitgleich in der DDR zu finden – jedoch als ein Reflex des bloßen Nachahmens nicht zu fassen. Dafür sind die Arbeiten und ihre Entstehungsbedingungen bei genauerem Betrachten zu spezifisch von unterschiedlichen Grundhaltungen geprägt und im gesellschaftlich Situativen verankert. Es geht um die existenzielle und emotionale Auslotung der Malerei oder der Figur im Verständnis einer klassischen Traditionslinie. Diese lässt sich namentlich in etwa so konturieren: Oskar Kokoschka (1886-1980), Max Beckmann (1884-1950), „Die Brücke“-Künstler und Chaim Soutine (1893-1943). Als künstlerische Fixpunkte nach 1945 kommen unter anderem Francis Bacon (1909-1992), Willem de Kooning (1904-1997), die COBRA-Künstler, der späte Picasso (1881-1973) und Vertreter des Action Painting hinzu.

Zudem gab es zum Beispiel mit Professor Bernhard Heisig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig einen Lehrenden, der diese expressive Formensprache förderte ohne sie selbst bis in ihrer Schlusskonsequenz zu verfolgen. Weiterhin wirkten bereits Maler der älteren Generation, bei denen der Ausdruck des Subjektiven und des Emotionalen überwog, wie zum Beispiel Heinz Tetzner (1920-2007), Horst Bachmann (1927-2007), Hartwig Ebersbach, Erika Stürmer-Alex oder Stefan Plenkers. Doch die Generation der in den Fünfzigern Geborenen war es, die eine bisher so noch nicht dagewesen ästhetische Intensität und qualitative Breite erreichte, trotz der stilistischen Verschiedenheiten und des unterschiedlichen Wollens. Ihre Wirkungszentren lagen vorrangig in Dresden, Leipzig, Berlin und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Bei einigen zog ihr Tun alternative Lebensweisen, Performances, Gruppenbildung, Ausstellungen in Alternativgalerien, die Mitarbeit an Künstlerbüchern oder an Undergroundpublikationen mit ein.

 

Die Rechte zu den Abbildungen liegen bei den Museen und dem Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.

 

(Axel Matthies)

 

 

 


Bronzetafel für Ingeborg Hunzinger

 

An ihrem sechsten Todestag ehrte der Bezirk Marzahn-Hellersdorf die große deutsche Bildhauerin Ingeborg Hunzinger (1915 – 2009) mit einer Bronzetafel am Freizeitforum Marzahn; dort wo ihre drei Skulpturen „Die Geschlagene“, “Die sich Aufrichtende“ und „Der sich Befreiende“ stehen. Die Tafel wurde von Ulrike Böhm geschaffen.

Text Bronzeplatte Ingeborg Hunzinger

 

Kulturstadträtin Juliane Witt begrüßte die Teilnehmer_innen der Platteneinweihung sehr herzlich und erinnerte an den 100. Geburtstag der Künstlerin im Februar 2015, als bei einer Ehrung an gleicher Stelle das Versprechen abgegeben wurde, diese drei Skulpturen mit einer Bronzeplatte zu kennzeichnen und so der Anonymität zu entreißen.

Kulturstadträtin Witt Bronzeplatte Hunzinger

 

Der Vorsitzende unseres Vereins Dr. Heinrich Niemann zeigte sich angetan von der nun gekennzeichneten Gruppe. Ingeborg Hunzinger habe neben ihren herausragenden großen Skulpturen gerade für die künstlerische Ausgestaltung der Großsiedlung Marzahn konzeptionell Großartiges geleistet. Der Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V. kann mit der Skulptur „Die Sinnende“ von 1980 im Schlosspark Biesdorf auf das erste Kunstwerk Ingeborg Hunzingers in unserem Bezirk verweisen. Dr. Niemann würdigte abschließend die politische Überzeugung der Künstlerin, die sie nie weggeworfen habe.

Neben der Kulturverwaltung und unserem Verein hatte der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf als dritter Aktivist die Bronzetafel auf den Weg gebracht. Die Vizevorsitzende Dr. Christa Hübner und als Gast der Vorsitzende des Köpenicker Heimatvereins Stefan Förster ergriffen gemeinsam das Wort. Dabei hob Stefan Förster hervor, dass seit dem gestrigen 19. Juli 2015 die bisherige Straße nach Fichtenau (zwischen Fürstenwalder Damm und S-Bahnhof Rahnsdorf) nun den Namen Ingeborg-Hunzinger-Straße trage. Das Wohn- und Arbeitshaus der Künstlerin habe nur 50 Meter von dieser Straße entfernt gelegen, wo sie auch ihren Hund ausführte. Förster erinnerte bei dieser Gelegenheit daran, dass eine Reihe von Kunstwerken aus den 1970er und 1980er Jahren nun besonderer Pflege bedürften, insbesondere die Arbeiten aus Sandstein. Sie dürften dem kollektiven Gedächtnis nicht entfallen.

Kulturamtsleiterin Christina Dreger und die Kulturstadträtin Juliane Witt griffen diesen Gedanken zum Schluss auf und verwiesen auf Anstrengungen und laufende Projekte. Gemeinsam legten die drei Bronzeplatten-Aktivisten dann Blumensträuße nieder und stellten sich einem Pressefoto. Die Anwesenden applaudierten herzlich.

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Einweihung Bronzeplatte Ingeborg Hunzinger

Dr. Heinrich Niemann, Kulturstadträtin Juliane Witt, Stefan Förster und Dr. Christa Hübner (v.l.)